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Noch einmal, weil's so schön war

Ein wichtiges Motiv, Unternehmer zu werden, ist finanzielle Unabhängigkeit. Was aber treibt diejenigen, bei denen Geld keine Rolle mehr spielt? Drei späte Gründer berichten.




Gregor Rosenbauer - Feinundfein

"Eigentlich habe ich mich mein ganzes Berufsleben darüber geärgert, wie schlecht die Kekse bei Konferenzen schmecken. Wenn man es hart formulieren möchte: Schlechte Kekse im Meetingraum sind ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung von Kunden und Geschäftspartnern. Die Idee zu einem Online-Shop mit frischen Premium-Keksen für Geschäftskunden kam mir schon 2004. Damals hatte ich allerdings keine Zeit, sie umzusetzen.

Ich bin von Haus aus Werber. 38 Jahre lang war ich geschäftsführender Gesellschafter einer Hamburger Agentur, die sich auf das B2B-Geschäft konzentriert und rund 20 Mitarbeiter hat. In den knapp vier Jahrzehnten sind wir durch alle Höhen und Tiefen der Branche gegangen. Als Geschäftsführer ist die Verantwortung für die Mitarbeiter natürlich immer präsent. Ein bisschen Tretmühle gehört dazu, das ist normal. Aber offen gesagt: Ich bin froh, dass ich diese Verantwortung heute nicht mehr habe. Zudem wurde der Altersunterschied zu den Kunden immer größer - und auch ein bisschen zum Problem. Auf der anderen Seite des Tisches, in den Marketingabteilungen der Kunden, sitzen immer 30-Jährige. Und ich war am Schluss 60. Es fällt verdammt schwer, nicht in die Rolle des allwissenden Daddys zu fallen.

2008 habe ich meine Anteile an meinen Nachfolger verkauft. Ich bin nach meinem Ausscheiden zwar nicht in ein tiefes Loch gefallen, aber ein wenig orientierungslos war ich schon. Ich wusste: Ich will noch etwas mit der vielen Zeit anfangen. Aber was?

40 Jahre lang habe ich Menschen in Marketingfragen beraten.Das ist gut und wichtig und war auch profitabel. Aber ich habe nie selbst ein Produkt zum Erfolg geführt. Ich wollte mir beweisen, dass ich das kann. Ich möchte eine Pflanze säen, gießen und großziehen. Da kam die Idee mit den Keksen wieder hoch.

Ich hatte eine klare Vorstellung davon, wie gute Kekse aussehen und schmecken. Ich habe mich mit einem Designer zusammengesetzt und Entwürfe für Produkt, Verpackung und Online-Shop kreiert. Das ging rasend schnell, viel schneller, als ich es je bei einem Kunden erlebt habe. Den richtigen Bäcker für die Produktion zu finden war nicht ganz so einfach, aber schließlich haben wir einen Glückstreffer gelandet. Dann haben wir uns Feedback von Musterkunden eingeholt, das Produkt verfeinert, den Web-Shop aufgesetzt und sind in den Vertrieb gegangen. Heute liefern wir auf Knopfdruck hochwertige Kekse, die nie älter als zehn Tage sind. Nach unserem Selbstverständnis verkaufen wir Wertschätzung. Ich hatte in den vergangenen drei Jahren nie Zweifel daran, dass sich die Grundidee von Feinundfein durchsetzen kann. Heute verkaufen wir zwischen 300 und 400 Kilogramm Kekse und Pralinen im Monat und kommen langsam in die Gewinnzone. Mein Ziel ist es, den Warenumsatz in ein oder zwei Jahren auf mehr als eine Tonne zu erhöhen.

Was mir besonders gefällt: Idee und Produkt sind sehr simpel. Bis auf die Produktion machen wir alles selbst, können alle Stellschrauben selbst justieren. Ich habe in den vergangenen beiden Jahren seit Gründung auch viel gearbeitet. Aber ich bin nie mit der gleichen Hektik wie in der Agentur zu Werke gegangen. Ich habe immer Lust, ins Büro zu fahren. Das war früher nicht jeden Tag der Fall. Und jetzt, wo die Prozesse alle stehen und die Web-Seite und die Warenwirtschaft dahinter einwandfrei funktionieren, zeichnen sich schon wieder neue Freiräume ab.

Der Wert des Seniors in der deutschen Arbeitswelt wurde abgeschafft. Zumindest empfinde ich es so. Es gibt auch kein wirklich funktionierendes Modell, wie Senioren sinnvoll integriert bleiben, indem sie weniger oder langsamer arbeiten und dabei auch weniger verdienen. Ich möchte mir dieses Modell selbst schaffen. Ich habe bereits heute einen jüngeren Partner im Boot. Wenn das Geschäft fliegt, werde ich es etwas ruhiger angehen lassen. Vielleicht komme ich nur noch gegen Mittag ins Büro und bleibe für ein paar Stunden. Vielleicht gehe ich dann auch noch eine neue Geschäftsidee an. Das würde ich allerdings nur machen, wenn ich wirklich von der Idee überzeugt bin und mich mit meiner Erfahrung mit Gewinn einbringen kann. Ich muss ja nicht noch ein Unternehmen gründen. Ich kann, wenn ich will."

Thomas Moser - Loxone

"Technik war schon immer meine große Leidenschaft. Mit sieben Jahren habe ich einen Föhn repariert, wenig später Transistoren gebaut. Der Lötkolben war mir wichtiger als jedes Spielzeug. Nach der Schule habe ich beim Stahlkonzern Voestalpine eine Lehre als Mess-, Steuer und Regelungstechniker gemacht und gleich im Anschluss am Abendgymnasium mein technisches Abitur nachgeholt. In der Firma kam ich gut voran.

Bald war ich für die Brandschutz- und Sicherheitstechnik verantwortlich und rutschte dann in ein Innovationsprojekt, das alternative Geschäftsfelder zum Stahlbereich ausloten sollte. Heraus kam der E-Key - eine sogenannte Fingerprint-Anwendung, mit der man im Internet per Fingerabdruck bezahlen konnte. Ich hatte bei Voestalpine extrem viele Freiheiten, aber dennoch war ich davon überzeugt: Die Idee wird nur in einer unabhängigen Firma zu einem erfolgreichen Produkt werden. Mit einem Partner und einem Investor konnten wir die technische Lösung im damaligen Entwicklungsstadium dem Konzern abkaufen und ein Start-up gründen. Das war 2002.

Sechs Jahre später habe ich meine Anteile an der Ekey Biometric Systems verkauft. In der Zwischenzeit hatten wir die Firma zum europäischen Marktführer für Fingerprint-Zugangslösungen zu Gebäuden gemacht. Den Finger auf einen Scanner am Haus: Tür auf - so einfach funktioniert das. Nach dem Verkauf fuhr ich mit meiner Familie erst einmal in den Urlaub. Finanziell waren wir unabhängig. Ich informierte mich zunächst über eine gute Anlagestrategie. Im Urlaub sondierte ich zudem ein paar neue Geschäftsideen: Eine hochwertige Fastfood-Kette mit Toasts, ein Highend-Autoreinigungs-Franchise an Flughäfen und großen Einkaufszentren, eine chemische Verdunkelung von Doppelglasscheiben, all das konnte ich mir vorstellen.

Als wir zurückkamen, kümmerte ich mich dann doch erst einmal um die Vermögensverwaltung, wenn auch anders als ursprünglich gedacht. Ich kaufte mir Programme für Realtime-Daytrading an der Börse und legte zu Hause am Rechner los. Ich war selbst überrascht, wie gut das lief. Aber mir war nach einem Monat klar, dass ich das nicht auf Dauer machen möchte, weil mich Geld einfach nicht motiviert. Mich interessiert intelligente Technik und wie wir mit ihr das Leben einfacher und besser machen können. Deshalb habe ich mich auch gegen die Franchise-Modelle mit Toasts oder Autoreinigung entschieden, obwohl ich überzeugt bin, dass es dafür einen Markt gibt.

Die Entscheidung zu unserem neuen Unternehmen Loxone fiel im Herbst 2008 in einem Whirlpool. Mit einem alten Freund hatte ich mich für zwei Tage in ein Wellnesshotel zurückgezogen. Dort wurde uns klar: Wir können Hausautomatisierung einfacher und günstiger machen. 80 Prozent der Haustechnik wird in Zeiten von Smartphones und Internet immer noch gesteuert wie vor 50 Jahren. Es gibt zwar Lösungen, wie ich die Heizung aus der Ferne anstelle oder Licht intelligenter aktiviere als über einen Lichtschalter - aber die sind teuer und kompliziert. Seit zwei Jahren folgen wir einer Vision, die lautet: Hausautomatisierung endlich einfach und bezahlbar zu machen. Wir haben diesmal keinen Investor ins Boot geholt, sondern zahlen die Entwicklung unseres Systems selbst. Wenn ich ehrlich bin: Ich riskiere alles, was ich habe. Und ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ich habe keine Angst davor, wenig oder nichts zu besitzen. Ich bin in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen und weiß, dass ein materiell einfaches Leben kein schlechtes Leben sein muss.

Ein typischer Arbeitstag von mir beginnt um acht Uhr morgens. Abends nehme ich mir Zeit für meine Jungs. Wenn die im Bett sind, setzte ich mich wieder bis zwölf oder ein Uhr nachts an den Rechner. Ich genieße es, für die Entwicklung verantwortlich zu sein. Ich stelle mir vor, wie eine Funktion im Haus gesteuert werden sollte, um mir das Leben einfacher zu machen. Dann versuchen wir, dies mit den Mitteln der Technik zu erreichen. Oft stoßen wir an Grenzen. Diese mit dem Entwicklerteam zu überwinden: Das motiviert mich. Ich bin sicher, dass ich schon heute Ideen für zehn oder fünfzehn weitere Jahre Entwicklungsarbeit habe. Finanziell haben wir gerade den Break Even erreicht. Nächstes Jahr werden wir zum ersten Mal Gewinn machen. Was sollte mich aufhalten, meine Vision weiterzuverfolgen?"

Hubert Köster - Caprotec

"Wir haben 2000 ein Haus am Luganersee gekauft. Eigentlich wollte ich nur noch Musik machen, Bücher schreiben und reisen. Eigentlich wäre das der ideale Zeitpunkt gewesen, sich zur Ruhe zu setzen. Ich war gerade 60 geworden. Aus meiner Forschung waren viele Patente und drei Biotech-Firmen hervorgegangen. Die dritte, Sequenom, war gerade in den USA sehr erfolgreich an die Börse gebracht worden. Wir waren finanziell unabhängig.

Um nach sehr stressreichen Jahren etwas Abstand zu gewinnen, überredete mich meine Frau zu einer Ayurveda-Kur. Wir flogen nach Sri Lanka, und da lag ich dann am Strand und langweilte mich. In meinem Hinterkopf arbeiteten weiter die Fragen, die mich mein ganzes Forscherleben beschäftigt haben. Wie können wir Medikamente schneller und mit geringerem Aufwand entwickeln? Und gravierende Nebenwirkungen verhindern?

Im Liegestuhl hatte ich plötzlich die Antwort. Vereinfacht ausgedrückt, geht es um ein Verfahren, das die Interaktion von Wirkstoffen in Medikamenten mit Proteinen im Körper identifiziert und feststellt, welche Proteine für die therapeutische Wirkung und welche für die Nebenwirkungen verantwortlich sind. Denn diese Interaktionen mit unerwünschten Eiweißmolekülen sind hauptverantwortlich für die Nebenwirkungen, an denen in Deutschland vermutlich 25 000 Menschen pro Jahr sterben. Das war wirklich so ein Heureka-Moment: Jetzt weiß ich, wie es geht!

Es folgten unruhige Tage für mich in dem Ayurveda-Hotel. Die Idee war so klar und einfach - ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie noch niemand vor mir hatte. Es gab keinen Zugang zum Internet, was auch der Sinn einer Entspannungskur ist. Ich konnte kaum schlafen. Wieder zu Hause, stellte ich dann fest: Es gibt keine Patente und auch keine Publikationen. Meine Idee war tatsächlich neu. Meine Frau war zwar nicht begeistert, aber sie hat die Größe der Idee sofort verstanden und gesagt: Wenn du das jetzt nicht machst, wirst du es eines Tages bereuen.

Vieles wird leichter, wenn man in einer späteren Lebensphase ein Unternehmen gründet. Man hat Erfahrung, wie man eine schlagkräftige Truppe zusammenstellt. Man kann mit der Kapitalseite besser umgehen. In meinem Fall kam hinzu, dass ich die ersten Schritte, den proof of concept, selbst finanzieren konnte. In den Jahr 2001 und 2002 wäre es vermutlich unmöglich gewesen, das Startkapital bei Risiko-Investoren einzuwerben. Vielleicht ist auch der innere Druck im vorgerückten Alter nicht so hoch. Eine Gründung ist immer ein Sprung ins kalte Wasser. Mit dieser Ungewissheit lässt es sich unter Umständen besser umgehen, wenn man schon etwas erreicht hat.

Es erscheint mir wichtig, sich eine gewisse Naivität zu erhalten. Naivität schafft inneren Freiraum. Wenn ich 2001 alles zu Tode analysiert, alle Stolpersteine genau angeschaut hätte, säße ich heute vermutlich in Lugano und nicht in meinem Büro in Berlin-Adlershof. Ich bin dieses Jahr 70 Jahre alt geworden. Ich arbeite immer noch 50 bis 60 Stunden pro Woche. Ich habe das Gefühl: Ich muss das jetzt machen, weil ich Medikamente und Medikamentenentwicklung signifikant verbessern kann. Dieser Vision folgen zu dürfen ist ein Glücksfall.

Ich bemerke nicht, dass meine Energiereserven in den vergangenen Jahrzehnten gesunken wären. Meine jüngeren Mitarbeiter sind oft verwundert, dass ich auf einem Kongress auch noch im achten Meeting eine Präsentation konzentriert halten kann. Zu den Kehrseiten gehört, dass ich kaum abschalten kann. Wenn ich aus dem Büro nach Hause komme, bin ich sofort wieder online und arbeite weiter. Ich muss zugeben: Wenn wir in den wenigen Urlaubstagen im Jahr im Haus in Lugano sind, fällt es mir nicht immer leicht, wieder nach Berlin zurückzufahren.

Ursprünglich hatte ich vor, mein Unternehmen in zwei oder drei Jahren auf Strecke zu bringen und mich dann sukzessive zurückzuziehen. Wir verschieben den Plan mit der Musik und dem Bücherschreiben einfach ein bisschen, dachten wir. So ist es nicht gekommen. Seit fast zehn Jahren bin ich nun dabei, die Vision umzusetzen. Wir haben gerade eine zweite große Finanzierungsrunde abgeschlossen. Irgendwann in den nächsten Jahren will ich dann doch kürzertreten. Ein neues Unternehmen gründen?

Nein, das wohl doch nicht. Obwohl: Mehrere Spin-offs wären mit unserer Technologie schon möglich." -