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Mit dem Strom schwimmen

Viele Gemeinden nehmen ihre Energieversorgung wieder selbst in die Hand. Es geht um Selbstbestimmung, Image - und um neue Einnahmequellen.




- Der Stromverteiler, zwei Straßen hinter dem Rathaus, gehört eigentlich ins Museum. Zwei Stockwerke hoch ist das Ungetüm, es hat sogar einen Balkon. "So ein altes Ding sehen Sie heute nur noch selten", sagt Markus Speck und lacht.

Bis vor Kurzem schloss dieses antiquierte Bauwerk den Ort Umkirch im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald an die Überlandleitungen an. So überaltert der Stromturm, so marode waren auch die überirdischen Leitungen, die bei jedem Lüftchen im Wind schaukelten. Wenn mal ein Auto gegen einen Mast fuhr oder das Wetter nicht stimmte, fiel der Strom gleich für Stunden aus.

Als es 2008 zwei Tage vor Weihnachten wieder einmal schlagartig dunkel wurde, hatten Bürgermeister Walter Laub und sein Kämmerer genug. Sie fanden, es sei höchste Zeit, die Energieversorgung in die eigenen Hände zu nehmen. Markus Speck erinnert sich noch genau an die Worte seines Chefs: "Wenn wir die Chance nicht nutzen, sind wir energiepolitisch wieder für zehn Jahre tot." Dann ging es los.

Seit Anfang des Jahres kann nun jeder Bürger Strom von den frisch gegründeten Gemeindewerken Umkirch GmbH beziehen. Unten im Rathaus, zwischen Einwohnermeldeamt und Sozialbehörde, hat Speck eine Stellwand mit dem selbst gestalteten Logo aufgebaut. Dort sitzt nun vormittags eine Energieberaterin und beantwortet den Bürgern alle Fragen zu den neuen Stromtarifen des Gemeindewerks.

Der Finanzmann Speck sitzt vier Stockwerke höher, im engen, aber gemütlich ausgebauten Dachstuhl des nagelneuen Rathauses und erzählt aufgekratzt davon, dass durch Umkirch ein Ruck gehe. Seit vor drei Jahren die Umgehungsstraße fertiggestellt wurde, zerteilt der tägliche Pendlerstrom nicht mehr den Ortskern. Der alte Gutshof an der Hauptstraße wurde kernsaniert. Umkirch hat endlich wieder eine Gaststube und einen Bürgersaal dazu. Es scheint, als hätte der Ort nahe Freiburg seine Mitte gefunden. Der eigene Strom stiftet zusätzlich Identität.

Die Bürger waren sofort dafür, sagt Speck. "Ich hätte mir für manch anderes Projekt der vergangenen Jahre so große Unterstützung der Bevölkerung erhofft." Sie seien zornig gewesen über die Stromausfälle und das arrogante Auftreten der Energie Baden-Württemberg (EnBW) AG. Jahrelang hatte der Konzern die Beschwerden ignoriert. Erst als es an die Verlängerung der Konzession ging, sei das Karlsruher Unternehmen plötzlich zu Investitionen bereit gewesen.

Die entscheidende Anhörung im Gemeinderat lief dann gar nicht gut für den bisherigen Versorger. Der war mit dem Angebot in die Verhandlungen gegangen, das marode Netz zu sanieren - falls die Gemeinde dafür den Konzessionsvertrag vorzeitig verlängerte. Im Rat sei das als Erpressung verstanden worden, erinnert sich Speck.

Die Investitionen hat Umkirch dann selbst gestemmt. Eine Million Euro hat die Gemeinde in die Entflechtung vom Netz der EnBW gesteckt, eine dreiviertel Million in eine neue unterirdische Stromleitung, und zwar eine Doppelleitung, damit die Versorgung selbst bei Störungen gesichert ist. Die Investition war größer als der aktuelle Wert des Umkircher Stromnetzes. Viel Geld für eine Gemeinde mit gerade mal 5000 Einwohnern und einem klammen Haushalt. "Stimmt", sagt Speck und haut im Überschwang auf die Tischplatte, dass die Tassen scheppern, "aber beim Strom geht es ums Existenzielle." Daseinsvorsorge sei nun mal Aufgabe einer Gemeinde.

Immer mehr Kommunen besinnen sich auf diese Aufgabe. Die Gelegenheit ist so günstig wie selten. In fünf Jahren laufen nach Schätzungen des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) bundesweit die meisten Konzessionsverträge mit den Energieversorgern aus. Allein in Nordhessen müssen sich in den nächsten anderthalb Jahren 150 Gemeinden entscheiden, ob sie die Stromversorgung künftig in eigene Hände nehmen wollen.

Zudem scheint Kommunalisierung plötzlich in die Zeit zu passen: Nach Jahren der Privatisierung, in denen selbst Großstädte wie Hamburg versucht haben, mit dem Verkauf ihrer kommunalen Betriebe ihre Kassen zu füllen, kann man heute mit Hinwendung zu kleineren Einheiten beim Bürger, der ohnehin den Konzernen misstraut, punkten.

Doch wenn es um die Energieversorgung geht, wird mit harten Bandagen gekämpft. Städte und Gemeinden müssen sich gegen das aggressive Marketing der Stromkonzerne und manche juristische Finte behaupten. Beispielsweise das Regionalwerk Bodensee, das von der EnBW - schließlich erfolglos - wegen Wettbewerbsverzerrung verklagt wurde, weil im Rathaus Informationsbroschüren auslagen. Den Energie-Riesen geht es um Marktanteile, um die Verhinderung teurer Lücken im Stromnetz und am Ende um die regionale Vorherrschaft.

Und so berichten Bürgermeister einander von immer gleichen Erlebnissen: Zunächst versucht der Versorger durch einen astronomischen Preis zu verhindern, dass Gemeinden ihr Stromnetz zurückkaufen. Später startet der Konzern eine Werbeoffensive vor Ort, um die Bevölkerung vom Wechsel abzuhalten. Meist mit wenig Erfolg. "Wir punkten bei den Bürgern als David, der sich gegen den Goliath auflehnt", sagt Markus Speck.

"Ach, die Rekommunalisierung ist eine laute Kapelle, aber sie füllt nicht so recht die Plätze", sagt Ulrich Kleine und lächelt hintergründig. Kleine, ein freundlicher Herr, der bei der EnBW für die kommunale Versorgung zuständig ist, will Gelassenheit demonstrieren. Er arbeitet in Stuttgart-Möhringen im fünften Stock der nagelneuen EnBW-Vertretung, die mit ihren weißen Böden, Wänden und Büromöbeln ein wenig wie eine luxuriöse Privatklinik aussieht. Von seinem Büro aus kann man über die Baumwipfel hinweg die ehemalige Daimler-Zentrale sehen.

Kleine steht vor einer Landkarte, über die das Stromnetz in bunten Farben gelegt ist. "Warum soll eine Stadt, die viel weniger Investitionsspielraum hat, die Stromversorgung zuverlässiger erledigen als wir?", fragt er. Mit den neu gegründeten Stadtwerken wollten sich ein paar Regionalfürsten, unterstützt von den Vorurteilen mancher Bürger, ein Denkmal setzen. Er glaube, dass sich viele Kommunen damit finanziell übernähmen. "Wir werden in den nächsten Jahren damit beschäftigt sein, die ganzen Stadtwerke wieder einzusammeln."

Während Kleine schon den Gegentrend am Horizont ausmachen will, sind in allen Verbreitungsgebieten der vier großen Energiekonzerne die Sezessionstendenzen unübersehbar. Wie in Hamburg, das erst 1999 seine "Electricitäts-Werke" HEW an Vattenfall verkauft und sich zehn Jahre später eines Besseren besonnen hatte (brand eins 05/2010, "Keine Kohle"). Die kommunale Konkurrenz heißt Hamburg Energie.

Inzwischen haben selbst kleinere Städte wie das nordhessische Wolfhagen ihr Stromnetz zurückgekauft. Die vier großen Kirchen in Baden-Württemberg wollen ihre Gemeinden ökumenisch mit Strom versorgen und so Millionen einsparen. Am Bodensee haben sich im Jahr 2008 sieben Kommunen zusammengeschlossen, um eine sinnvolle wirtschaftliche Größe für den erfolgreichen Betrieb ihres Regionalwerks zu erreichen. Seit zwei Jahren liefert das Regionalwerk Bodensee mitten im Stammland der EnBW Strom und Gas für die Bürger.

Doch Energie ist ein eigenartiges Produkt. Es gibt keinen guten oder schlechten Strom. Jeder Anbieter liefert die gleiche Qualität. Die einzige sinnvolle Unterscheidung, die ein Verbraucher bei der Wahl seines Versorgers neben dem Preis treffen kann, ist die zwischen konventionell oder ökologisch erzeugtem Strom. Darüber hinaus lässt sich das Produkt allenfalls mit Emotionen aufladen - und mit Service.

Mit den Rebellen von Schönau fing alles an

Die billigsten Anbieter sind die Stadtwerke meist nicht. Sie müssen den Strom genauso wie andere Energieversorger an der Leipziger Strombörse einkaufen. Gern werben die Kommunen deshalb damit, dass sie eher dazu bereit seien, den Solarstrom auch vom hintersten Bauernhof ins Netz einzuspeisen. Selbst dort, wo die Konzerne keine Leitung mehr hinlegen wollen, weil sich das in ihrer Ökonomie der großen Zahlen nicht mehr rechnet. Und dann investieren viele Kommunen in ökologische Energieerzeugung. Das bestätigt eine Studie von Greenpeace: Vor allem unabhängige Stadtwerke, Mittelständler und Privathaushalte haben demnach in Bioheizkraftwerke und Fotovoltaik-Anlagen investiert. Die Konzerne dagegen kauften ihren grünen Strom oft aus längst abgeschriebenen Wasserkraftwerken.

"Stadtwerke sind ein politisches Projekt", sagt Wolfgang Zander. Er ist schon lange im Geschäft mit der Rekommunalisierung. In den achtziger Jahren hat er sich mit ein paar Kommilitonen im Fach Elektrotechnik Gedanken darüber gemacht, wie man die ökologische Wende technisch umsetzen könne. Die Ergebnisse kann man heute noch in einem auf Umweltpapier zusammenkopierten Traktat mit dem Titel "Ökologie, der Traum vom besseren Leben" nachlesen.

Aus dem Traum entwickelte sich zunächst ein Zwei-Mann-Büro und eine Kooperation mit dem Freiburger Öko-Institut. 1991 halfen Zander und sein Team den Stromrebellen im Schwarzwaldort Schönau beim Rückkauf ihres Netzes, das seither ausschließlich mit ökologisch erzeugtem Strom gespeist wird. Die Schönauer wurden bundesweit zu Vorreitern einer möglichen Energiewende, und für Zander war ein Geschäftsmodell geboren. Heute berät er Kommunen, wie sie ihr Stromnetz am besten zurückkaufen und rentabel betreiben können.

Sein Büro für Energiewirtschaft und technische Planung (BET) residiert mit 45 Beratern in einem großzügig ausgebauten alten Kloster in der Innenstadt von Aachen. In Hamm und Leipzig gibt es Außenstellen. Die langen Haare aus der Protestzeit hat der promovierte Diplom-Ingenieur inzwischen etwas gestutzt, aber noch immer trägt er Birkenstocksandalen zum Business-Anzug.

Zander hat seinen Frieden mit den Verhältnissen gemacht. Erst die Liberalisierung des Strommarktes habe den Gemeinden wieder genug Spielräume gegeben, um mit eigenen Stadtwerken Gewinne zu erwirtschaften, sagt er. Die Frage sei, wie tief die Kommune in die Wertschöpfung einsteigen wolle. Zander zeigt eine Grafik. Die Bandbreite reicht vom eigenen Netz, das man aber an einen Versorger verpachtet, bis hin zum eigenen Netzbetrieb und Energievertrieb, so wie es jetzt die sieben Gemeinden am Bodensee versuchen, oder gar zur eigenen Stromproduktion, wie sie Hamburg Energie mit eigenen Windrädern in der Hansestadt plant.

"Das kann ein gutes Geschäft für die Kommune sein", sagt Zander: Bei geschicktem Management seien sieben bis neun Prozent Rendite drin. Doch der Aufwand sei beträchtlich. "In der Aufbauphase kann der Finanzverantwortliche ein ganzes Jahr wenig anderes tun. Und ganz wichtig: Der Bürgermeister muss sich auf den Marktplatz stellen und dafür werben."

Einer der ersten Kunden von BET war ein Städtchen im Südschwarzwald, nicht weit von Umkirch: Waldkirch, 20 000 Einwohner, eine prächtige Barockkirche und hoch über der Stadt eine von den Bürgern liebevoll renovierte Burgruine. Im Rathaus sitzt mit Richard Leibinger seit mehr als einem Vierteljahrhundert ein cleverer Oberbürgermeister, der in den neunziger Jahren nach Wegen suchte, die globalen Klimaziele auf kommunaler Ebene zu erreichen (brand eins 08/2007).

Der SPD-Mann erzählt noch heute mit Begeisterung, wie er den CDU-beherrschten Gemeinderat von seinem Vorhaben überzeugte. Der Hebel dafür sei Paragraf 107 der baden-württembergischen Gemeindeordnung gewesen. Dort verlange der Gesetzgeber, dass Konzessionen an Energieversorger nur dann an Dritte vergeben werden, wenn sie dem Interesse der Bürger nicht widersprechen. Aus dieser wachsweichen Formulierung knetete Leibinger ein Stadtwerk.

Endlich nicht mehr im Dunkeln sitzen

Die Diskussion über die Daseinsvorsorge und ein Gutachten von Zanders BET sorgte für die notwendige Mehrheit im Stadtrat. Leibingers Bilanz ist heute durchweg positiv. In zehn Jahren haben die Stadtwerke zwölf Millionen Euro Gewinn abgeführt. Geld, das die Kommune gut gebrauchen kann. Gerade in Zeiten, in denen Steuereinnahmen unsicher geworden sind.

"Waldkirch hatte auch Glück", sagt Zander in seinem Aachener Kloster. Das Badenwerk und die Energie-Versorgung Schwaben (EVS) waren 1996 so sehr mit der Fusion zur EnBW beschäftigt, dass die Stadt das Netz zu einem günstigen Preis kaufen konnte. "Wir haben jedes Mal mit einem anderen Vertreter auf der Gegenseite verhandelt", erinnert sich Leibinger.

Doch die Zeiten für solch glückliche Neugründungen sind vorbei. Heute könne man solche kleinen Unternehmen kaum mehr profitabel führen, sagt Zander: zu komplex die Verwaltung des Stromnetzes, zu anspruchsvoll der Einkauf an den Strombörsen. Außerdem verlangt die Bundesnetzagentur mit der Anreizregulierung von den Netzbetreibern, in jedem Jahr effektiver zu werden, was auf die Gewinne beim Durchleitungsgeschäft drücke. "Künftig haben Kooperationen wie das Regionalwerk Bodensee die größten Erfolgschancen", sagt Zander und zählt die Erfolgsfaktoren auf: gutes Personalmanagement und ein schlankes Unternehmen. "Nur bei hundertprozentiger Effektivität gibt es auch die volle Rendite."

Deshalb besteht das Gemeindewerk Umkirch aus einer halben Stelle, Finanzmann Speck ist in Personalunion der Geschäftsführer. Das Tagesgeschäft erledigen die Mitarbeiter seines Büros nebenbei, das Callcenter ist an einen Dienstleister in Berlin ausgelagert. Für die Betriebsführung sorgt bis auf Weiteres der Partner Badenova. Er erledigt Stromeinkauf und den Betrieb.

Was bleibt da vom eigenen Strom, wenn man alle wichtigen Aufgaben abgibt? Speck sagt lächelnd: "Die Einnahmen." 60 Prozent entfallen auf die Gemeinde. Natürlich wolle man eigene Leute anstellen, "aber wir machen das langfristig und solide".

Das Wichtigste, Speck hätte es fast vergessen, haben die Umkircher mit ihrem Stadtwerk ohnehin längst erreicht: Sie sitzen bei Wind und Wetter nicht mehr im Dunkeln. -