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Krabbelkundschaft

Ein Paar, beide arbeitslos, sie schwanger. Ausweglos? Im Gegenteil: eine Chance zum Neuanfang - mit Babyschuhen und Unternehmergeist.




- Ursula Meier (47) war zwölf Jahre lang Sachbearbeiterin bei der Allianz. Thomas Peters (46) arbeitete als kaufmännischer Leiter im Einzelhandel. Im Januar 2003 werden beide arbeitslos. Am selben Tag.

Das Paar überlegt, was es tun kann. "Thomas wollte immer einen Laden aufmachen. Aber das war nun gar nicht mein Ding", erzählt Ursula Meier. "Und woher auch das Geld nehmen?"

Thomas Peters bewirbt sich mehrfach. Vergeblich. Ursula Meier wird schwanger. "Ein Kind kann vieles verändern", sagt sie. Und behält recht. Ihr Sohn Dennis, heute sechseinhalb Jahre alt, bekommt kurz nach seiner Geburt ein Paar Lederschühchen geschenkt. Da hat sie eine Idee: So etwas könnte sie auch selber machen. Schließlich hatte sie Schneiderin gelernt.

Sie sucht nach einem zweiten Paar Schuhe und merkt schnell, dass die Verarbeitung der Ware eher minderwertig ist und die Herkunft des Leders ungewiss. "Da hab' ich dann gedacht, okay, das packe ich selbst." Meier baut erst Schablonen für die Schuhe. Eine Größe nach der anderen. Dann kauft sie Leder.

"Im Prinzip hatten wir jetzt ein Produkt", sagt ihr Partner. "Aber wie bringt man es unter die Leute?" Peters hatte vorher an einem Open-Source-Projekt gearbeitet, im Bereich Online-Shopping, und dazu auch ein Handbuch geschrieben. "Witzigerweise. So konnten wir das dann direkt für uns nutzen."

Rund ein Vierteljahr dauert es von der Idee bis zur Umsetzung. Im Oktober 2005 geht es los. Produziert wird in der eigenen Küche und im Wohnzimmer. Einen Monat später stellen Peters und Meier bereits zwei Näherinnen auf 400-Euro-Basis ein.

Sie bewerben ihre Schuhe über Google-Anzeigen und zu Anfang auch über Ebay. "Damals war Ebay noch okay. Wenn man den Begriff Krabbelschuhe eingab, fand man fünf bis sechs Artikelseiten. Heute sind es fast hundert, weil jede Hausfrau meint, sie müsse diese Art von Schuhen machen." Parallel zum Online-Geschäft tingelt das Paar über Baby-Flohmärkte: Neumünster, Kaltenkirchen, Cuxhaven, zweimal im Jahr. Das läuft gut.

Eine mächtige Motivation: endlich weg zu sein vom Arbeitsamt

"Uns war von vornherein klar: Wir müssen versuchen, uns eine Marke aufzubauen. Ein Bild, das den Leuten im Kopf bleibt." Und da kam die Idee mit dem grünen Fuß - Greenfoot.

Was ist so grün an Greenfoot? "Grün im Sinne von gesund", sagt Peters. "Orthopäden raten, Kinder solange wie möglich barfuß gehen zu lassen. Diese Schuhe sind wie Barfuß-Laufen, aber mit geschützten Füßen. Das Leder schadstofffrei - im Gegensatz zu den Schuhen der großen Hersteller, die meist in China produzieren." Greenfoot kauft das Leder in Süddeutschland ein.

Unterstützung gibt es vom Arbeitsamt: sechs Monate lang volle Bezüge. Dafür müssen ein Businessplan her, Fürsprecher aus der Wirtschaft und eine monatliche Gewinn-und-Verlust-Rechnung. "Das haben wir drei Monate lang in Anspruch genommen", erzählt Peters. "Dann sind wir zum Amt gegangen und haben gesagt: ,So sieht es aus. Lass uns mal abrechnen. Wir brauchen das Geld nicht mehr.'" Greenfoot macht von Anfang an Gewinn. Das Paar ist froh, vom Arbeitsamt endlich weg zu sein. "Die wollten uns damals ja schon unsere Wohnung wegnehmen", erinnert sich Ursula Meier.

Seit Mai 2010 sitzt Greenfoot nun in der Hamburger Wendenstraße auf 200 Quadratmetern Gewerbefläche. Ein Riesensprung. Möglich macht dies auch ein großer Sponsor: Nestlé.

"Eigentlich wollten wir nur Werbepartner für unseren Katalog suchen. Zwei bis drei Anzeigen, um das Heft zu finanzieren", sagt Peters. "Dazu haben wir diverse Firmen angeschrieben." Nestlé ruft zurück, man trifft sich. Nun arbeiten das Hamburger Paar und der Schweizer Weltkonzern seit drei Jahren zusammen.

Der zweite Kooperationspartner ist der FC St. Pauli. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 entwirft Greenfoot Krabbelschuhe im Sport-Look, mit Länderflaggen verziert. Das könnte doch auch mit Bundesliga-Vereinen funktionieren? Die Unternehmer schreiben diverse Vereine an. Doch alle Clubs der Ersten Liga wollen vorab 25 000 Euro Lizenzgebühr plus fünf Euro pro verkauftem Paar Schuhe. Nur der FC St. Pauli nicht. Die Kicker vom Hamburger Kiez bieten bereits einige Babyartikel in ihrem Fan-Shop an. Die Krabbelschuhe passen wunderbar dazu.

So ordert der Verein bei Greenfoot nun mehr als 500 Paar pro Jahr - zum Festpreis und ganz ohne Lizenzgebühr.

Das Hauptgeschäft läuft aber immer noch über das Internet. Gut 90 Prozent der 700 bis 800 Paar Schuhe pro Monat verkauft Greenfoot über die eigene Web-Seite. Dazu kommen Kindergarten- und Umhängetaschen, Wärme- und Kuschelkissen. In kleinen Schritten wird das Sortiment erweitert.

Große Sprünge haben Peters und Meier nie gemacht. "Wir haben ja ohne Geld angefangen. Und alles, was Sie hier sehen, ist bezahlt", sagt er mit Stolz. "Ganz ohne Fremdkapital. Wir haben nicht mal unser Konto überzogen." Eine Ausnahme gibt es: die neue Stanze. Die ist aus den siebziger Jahren und geleast.

Zwei Teilzeitstellen haben die beiden geschaffen. Den Rest machen sie selbst. "Werbung, Grafik, Internet - ich mach' jetzt all das, was ich schon immer machen wollte", sagt Peters. Zur Not auch den Postversand. Einmal im Jahr muss der Steuerberater ran.

Peters Fazit: "Wir haben jetzt etwas, wovon wir leben können. Und es macht Spaß. Nur krank werden dürfen wir nicht. Dann müssten wir drei Leute einstellen." -