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Ich will kein Roboter sein

Ballett bedeutet in China: Disziplin und Perfektion. Die Tänzerin Li Ling Xi beherrscht beides. Aber das reicht ihr nicht.




- Früher war alles sehr einfach. Früher musste Li Ling Xi einfach nur lächeln, sich anmutig bewegen und keine unnötigen Fragen stellen. Es genügte, zu funktionieren und all das perfekt abzuspulen, was sie in einer harten Ausbildung gelernt hatte: der Beruf als einzige Wiederholungsschleife und Disziplinübung.

Li Ling Xi, 35 Jahre alt, lebt in Schanghai und ist Tänzerin. Früher in einer großen staatlichen Compagnie für klassischen chinesischen Tanz. Seit neun Jahren in zeitgenössischen Stücken, produziert von wechselnden chinesischen und europäischen Choreografen. Ihre Arbeit wurde anspruchsvoller und ihr Leben zugleich komplizierter. Der Wechsel der Stilrichtungen war keine Geschmacksfrage, sondern eine Lebensentscheidung: ein Tausch von Disziplin gegen Freiheit, künstlerisch, biografisch und ökonomisch.

"Damals war ich ein Tanzroboter", sagt Li Ling Xi über ihr früheres Leben. "Heute kann ich auf der Bühne ausdrücken, was mich bewegt. Ich will meine Erfahrungen und meinen Körper verwenden, um zu zeigen, was ich fühle. Auch was ich über die politische Situation denke und wie sich unsere Gesellschaft verändert, will ich ausdrücken." Der Preis der Freiheit: weniger Sicherheit. Manchmal beneidet Li Ling Xi die Angestellten bei den staatlichen Ensembles um deren finanzielles Polster. Doch letztlich sei das "zwar gut für das Leben, aber schlecht für die Kunst".

In einem Land, in dem es neben der offiziellen, gängigen Tanz-Konfektionsware nur zwei moderne, nicht staatlich getragene Compagnien gibt, eine in Peking, eine in Schanghai, müssen sich Freiberufler wie Li Ling Xi zwischen den Engagements mit Jobs in der Werbung oder mit Unterricht durchschlagen. In ganz China, schätzt die deutsche Choreografin Jutta Hell, die seit 15 Jahren regelmäßig in dem Land inszeniert, "gibt es sehr viel weniger Tanz-Freelancer als zum Beispiel in Berlin". Fragen nach der Zukunft beantwortet Li Ling Xi daher auch pragmatisch: "Das Leben ändert sich so schnell. Niemand weiß, was in zehn oder in fünf Jahren sein wird."

Als sie ihre Ausbildung in Peking begann, war Li Ling Xi elf Jahre alt. Es folgten harter Drill, endlose Verfeinerung der immer gleichen Bewegungen - ein strenges Regime. Was sie selbst wollte, war nicht einmal unwichtig, es war egal. Frei von Qual ist die Ballettausbildung nirgends. Auch das Moskauer Bolschoi-Theater, immer noch eine der führenden Kaderschmieden, ist für seine gnadenlose Ausbildung berüchtigt. Mit lässiger Selbstverwirklichung hat Ballett auch im Westen nichts zu tun. Aber der durchtrainierte Körper mit den Idealmaßen ist in Berlin, London oder Paris die hart erarbeitete Voraussetzung der Kunst und des emotionalen Ausdrucks - nicht der letzte und einzige Zweck wie in China.

Ein weiterer Unterschied zwischen Ost und West: In der Volksrepublik China gehören die meisten staatlichen Compagnien samt den Ausbildungsstätten zum Militär. Auch Li Ling Xi studierte bei der Volksbefreiungsarmee. Dort wurde sie auch an der Waffe ausgebildet. Die Lehrer hatten Offiziersrang, der Umgangston klang nach Kaserne. "Tänzer sind Soldaten", sagt sie über ihr früheres Leben. Und genau so werden sie auch behandelt.

Dabei war das Problem von Li Ling Xi nicht die Disziplin. Es war, dass die Stücke, in denen sie auftrat, aus nichts anderem als Disziplin bestanden. Die Techniken, die sie während ihrer Ausbildung gelernt hat, schätzt sie noch immer. Und wer sie heute in einer zeitgenössischen Choreografie sieht, etwa in "Look at me, I'm Chinese" von Jutta Hell und Dieter Baumann, den beeindrucken die Perfektion, das Tempo und die scheinbare Leichtigkeit, mit der sie ihren Körper in die kompliziertesten Bewegungsabläufe treibt.

Für die Propaganda-Shows, in denen sie früher aufgetreten ist, für die Körpermechanik, die den Tanz zum Dekor machen, hat Li Ling Xi heute nur noch Verachtung übrig: "Das ist nicht schön. Das ist langweilig. Man tanzt wie eine Maschine, die immer lächelt. Die Tänzer sind austauschbar. Sie müssen möglichst jung, groß und feingliedrig sein und ein schönes Gesicht haben. Das reicht. Es geht nicht um künstlerische Entwicklung."

Li Ling Xi hat einen langen, komplizierten Weg hinter sich, und sie ist bereit, einen Preis für die neue, mühsam erkämpfte Freiheit zu bezahlen. Nur einmal wird sie auf eine leise, höfliche Weise energisch. Auf die Frage, was der Unterschied zwischen ihrer früheren und ihrer heutigen Arbeit sei, antwortet sie knapp: "Das war keine Kunst damals. Wirklich keine Kunst. Das war höchstens Entertainment." Und so, wie sie das sagt, klingt Entertainment nicht besonders unterhaltsam, eher wie ein Vergehen an der Kunst und an den Menschen, die ihre Körper dafür hergeben.

Ganz anders ihre heutige Arbeit, bei der sie keine namenlose Maschine mehr ist, sondern ein gestaltendes Individuum. "Kreativ zu sein ist im zeitgenössischen Tanz sehr wichtig. Wir brauchen die Entwicklung neuer Techniken. In meiner Ausbildung lernte ich nur klassische chinesische Figuren. Doch das ist lediglich ein kleiner Bereich der Möglichkeiten", sagt sie. Der Weg in die Freiheit war hart und schwierig. Und vielleicht sagt sie auch deshalb, dass diese neue Art, sich zu bewegen, für sie "Denken lernen" bedeutet. Denn sie glaubt, dass die Menschen in China nur daran gewöhnt seien zu gehorchen. "Sie haben verinnerlicht, dass sie nicht wichtig sind, dass sich niemand für ihre Ideen interessiert." Die Kunst ist für Li Ling Xi eine Möglichkeit, aus diesem Käfig zu entkommen.

Wie bricht man die Front des Gehorsams auf?

Seit neun Jahren tanzt sie immer wieder in Stücken der Berliner Choreografen Jutta Hell und Dieter Baumann. Die beiden arbeiten als Tanzcompagnie Rubato bereits seit 1995 zusammen und inszenieren regelmäßig in China. Dort haben sie in Workshops gearbeitet, sie haben Studenten unterrichtet und insgesamt sechs Stücke entwickelt, zuletzt: "Look at me, I'm Chinese". Diese Arbeiten sind immer ein Zusammenprall zweier Kulturen. Allein der Moment in dem neuesten Stück, in dem jeder der sieben Tänzer für ein kurzes Statement die Aufführung unterbricht und auf der Bühne sagt, wer er ist, muss in China ziemlich ungewöhnlich wirken. "Es ist nicht üblich, sich selbst so in den Vordergrund zu stellen", sagt die Tänzerin.

Was Li Ling Xi über ihre Entwicklung zur Freiheit berichtet, haben Hell und Baumann bei ihrer Arbeit in China ebenfalls beobachtet. Eine besonders frappierende Erfahrung machten sie beim Unterricht an der staatlichen Tanzhochschule in Peking einer Ausbildungsfabrik mit mehr als 1000 Studenten, an der die zukünftige Elite gedrillt wird: "1995 haben sich die Studenten in einer Reihe und der Größe nach militärisch aufgestellt. Und dann schrien sie zur Begrüßung ,Good morning, teacher'. Da fragt man sich als Europäer, wie aus diesen Leuten Künstler werden sollen", sagt Baumann.

Also machten sich die beiden zunächst daran, die Front des Gehorsams aufzubrechen. "Wir haben sie im Prinzip provoziert, indem wir immer wieder Fragen gestellt haben: Warum machst du das so? Was für eine Idee hättest du noch? Was könnte man anders machen?", sagt Baumann. "Das hat sie natürlich irritiert, aber man hat gemerkt, wie es ihnen mit der Zeit gefallen hat. Sie waren neugierig, manchmal auch hilflos. Aber wir wollten, dass sie mit ihren technischen Möglichkeiten etwas anderes machen als das, was sie gewohnt waren." Und als die Tänzer verstanden hatten, dass sie neben Körperbeherrschung noch etwas anderes, schwer zu Greifendes brauchen, verblüfften sie ihre Lehrer mit einer Bitte: "Now teach me to be creative." -