Partner von
Partner von

Grenzbereiche

Der Freiraum ist das natürliche Biotop neuer Ideen. Doch es gibt ihn nicht umsonst.




Eine wirksame Verteidigung der Freiheit muss (...) notwendig unbeugsam, dogmatisch und doktrinär sein und darf keine Zugeständnisse an die Zweckmäßigkeitserwägungen machen. Friedrich August von Hayek, Ökonom 1. Anleitung zur Aufrechterhaltung der Grenzen des Machbaren in der Organisation unter Wahrung der betrieblichen Ethikregeln (Übung)

So, Sportsfreunde, jetzt mal aufgepasst: Wir leben in zivilisierten Zeiten. Wir gehen partnerschaftlich und konstruktiv miteinander um. Wir respektieren einander und versuchen, andere bei der Verwirklichung ihrer Vorhaben zu unterstützen. Wir wertschätzen die Meinung unserer Kollegen und Mitarbeiter. Wir bemühen uns, ein hilfreiches Feedback zur Arbeit unserer Kollegen und Geschäftspartner abzugeben.

Alles klar?

Bei uns wird niemand Idiot genannt. Das geht schließlich auch anders. Um jemanden in der Organisation kaltzustellen, benutzen wir ausgewählte Begriffe, bei denen wir nicht mit unseren Ethikregeln in Konflikt geraten. Keine verbale Gewalt! Also nichts, was unserem Image schaden könnte. Wenn also so eine Aufsteigerin mit einem Konzeptpapier kommt, in dem steht, dass unser Laden nicht optimal läuft, und dabei grundsätzlich wird, sagen wir: "Das ist interessant, aber ein wenig philosophisch."

"Interessant" und "philosophisch" bedeuten in unserer Sprache so viel wie: esoterisch und sinnlos. Theoretisch nett, praktisch geht es gar nicht.

Nächste Übung: Was machen wir, wenn ein Kollege bei einem Vortrag in der Teamsitzung nicht nur sagt, was grundsätzlich schlecht läuft, sondern auch, wie man es besser machen könnte? Genau! Die richtige Antwort lautet: "Sie sind aber sehr kreativ."

Bei "kreativ" weiß jeder Bescheid, das heißt so viel wie: komplett durchgeknallt, gaga, irre, ein Querschläger, eine Gefahr für das ganze Unternehmen.

Geht da noch was? Aber sicher. Wenn nämlich jemand immer wieder philosophische oder kreative Vorschläge macht und damit bei uns - komisch auch - nicht weiterkommt, sich vielleicht sogar beschwert oder so, dann haben wir noch etwas: die soziale Dauerarschkarte. Und die geht so: "Sie sollten Ihre Freiräume besser nutzen, lieber Kollege."

Dead Man Walking.

Verstanden?

2. Freiheitsberaubung

Ja, was denn, tut doch nicht so! So was habt ihr noch nie gehört? Dann seht mal bei Google nach - dort finden sich rund 2,5 Millionen Einträge zum Thema "Freiraum", und fast alle drehen sich um solche Sachen wie: der Mensch im Mittelpunkt und wie man seine Talente fördert. Das ist keine Beleidigung, das habt ihr jetzt ganz falsch verstanden. Freiräume passen total gut ins Management von heute, sie sind ein echtes Muss in der modernen Organisation. Lest ein paar Managementlehrbücher, guckt in Seminare - da fordert jeder mehr kreative Freiräume. Schließlich geht es doch allen um Selbstverwirklichung, oder?

Der Wirtschaftsethiker Rupert Lay, der seine Erfahrungen als Berater und Vortragender in vielen Konzernen machte, hat gleich zu Beginn seines Buches "Kommunikation für Manager" folgenden Satz geschrieben: "Wir leben in einer Zeit unverantworteten Geschwätzes." An anderer Stelle notiert er, dass "das Reden von Freiheit anstelle des Gebens von Freiräumen (...) ein beliebiges Manipulationsinstrument pseudodemokratischer Diktaturen" sei.

Man könnte auch sagen: Das Geschwätz von der Freiheit lässt sich biegen wie alles, was im Neusprech der immer enger werdenden Organisation heute unter der Rubrik Ethik so dahergeplappert wird.

Heuchelei und Wortverdrehung sind so normal geworden, dass sich mit den richtigen Begriffen regelmäßig das Falsche machen lässt. Die alte Organisation geht mit Werten und ihren Begriffen um wie seit jeher mit Menschen: Was nicht passt, wird passend gemacht. Doch das ist auch ein gutes Zeichen. Denn die alte Organisation, eng, hierarchisch und letztlich nur an Bestandswahrung interessiert, ist so mit ihrem Latein am Ende, dass sie sich nun an allem vergreifen muss, was für Aufbruch und Veränderung steht. Da weiß man, was eine Notlüge ist.

Es sind einfach zu viele im Betrieb, die nicht mehr so weitermachen wollen wie bisher, die nach Neuem suchen, die Fehler von heute genau benennen können und Vorschläge machen, wie es anders ginge. Es sind Leute, die ihr Ding machen - das ist der echte Freiraum. Und der ist keine Schimäre und kein Spruch, sondern das ganz praktische Resultat von Freiheit im wirklichen Leben.

Das ist im Grunde alles, was zählt, und deshalb sollten wir uns das Gerede vom "kreativen Freiraum" ganz genau ansehen, und wir sollten uns mit seiner Vorbedingung beschäftigen: der Freiheit. Alles andere ist nicht bloß beleidigend, sondern eine Grenzüberschreitung - unverantwortliches Geschwätz mit dem Ziel fortgesetzter Freiheitsberaubung.

3. Hafterleichterung

Obwohl - vielleicht stimmt das mit der Beraubung gar nicht? Denn nicht wenige, die Sehnsucht nach mehr selbstständigem Handeln und Entscheiden haben, lassen sich aus freien Stücken festsetzen. Viele, die von kreativen Freiräumen reden, haben sich längst in immer kleiner werdenden Nischen eingerichtet. Sie sind zufrieden damit, in einigen Reservaten gelegentlich herumspinnen zu dürfen, vorausgesetzt, sie bleiben sonst im Kistchen. Wann immer sie mehr kreativen Freiraum fordern, verweisen sie automatisch auf die Grenzen, die den Freiraum umschließen. Denn Freiraum ist dort, wo noch nichts verbaut, verplant, geregelt ist. Aber wo genau soll das sein?

Wer aufbricht - und das heißt heute immer auch: ausbricht -, der weiß, wovon die Rede ist. Freiraum, das ist der einzige Ort, an dem wir uns noch bewegen können. Dort, wo wir etwas Neues schaffen können, etwas Besseres. Wer Freiraum nur fordert und ihn nicht schafft, hat die engen Grenzen längst akzeptiert. Der verdient es auch nicht anders, als den Typen in die Hände zu fallen, die an dem, was ist, nichts ändern wollen -und für die Freiheit und ihr Resultat, der Freiraum, nichts weiter sind als eine Ruhestörung.

Der Knast ist kein schöner Ort. Aber ordentlich ist es dort auf alle Fälle. Und: Man ist dort nicht so allein.

Denn es gibt kaum einen Politiker, Manager, Mitarbeiter und Bürger, der nicht plausibel, pragmatisch und nüchtern darlegen kann, weshalb er nur so - und auf gar keinen Fall anders - kann. Die Grenzen sind so eng gesteckt, dass der Sachzwang geradezu logisch erscheint. Ich kann nicht anders, das klingt traurig und resigniert. Tatsächlich ist es eine exakte Zustandsbeschreibung. Es gibt kein Entrinnen.

Wer Freiräume fordert, ist in kollektivistischen Systemen immer auch Egoist, Ellenbogentyp, Außenseiter. Wo kämen wir hin, wenn sich jeder jenseits des "stahlharten Gehäuses der Hörigkeit", wie Max Weber die Bürokratie nennt, ein wenig die Beine verträte? Man muss eben zusammenrücken, um nicht unterzugehen. Ausbruch - das heißt: Strafverlängerung.

Und so kommt es, dass so viele lieber in Hörigkeit, also in Abhängigkeit leben, und nicht dort, wo uns die Aufklärung nach Erledigung der dringendsten materiellen Nöte gern gehabt hätte: in Freiheit. In Selbstverantwortung.

Nobody's Fool.

Unter diesen Umständen klingt die Forderung nach mehr kreativen Freiräumen in Systemen, die von Freiheit nichts wissen wollen, wie die Bitte von Strafgefangenen, doch die Haftbedingungen ein wenig zu erleichtern.

Das ist nun aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts schlicht zu wenig.

4. Cowboys & Gutsherren

Wie aber schafft man sich Freiräume? Ist das nicht unendlich schwer? Nein. Es ist ein Kinderspiel.

Genauer: Cowboys und Indianer. Jeder Pädagoge weiß, dass es nichts bringt, Kindern dieses althergebrachte Spiel zu verbieten, trotzdem wird es gern getan. Denn viele Erwachsene verlieren im Laufe der Zeit ihr Interesse am sogenannten Wilden Westen. Sie finden die Spiele, die sie als Kinder mit großem Enthusiasmus gespielt haben, inzwischen albern und unpassend. Für den, der im Gehäuse sitzt, ist das logisch. Doch was machen die Kinder da eigentlich? Sie spielen ja nicht Kolonialismus, Völkermord und Jagd auf Eingeborene. Sie spielen Freiraum.

Was fasziniert die Menschen am Wilden Westen? Wohl kaum die Risiken, denen sich Menschen aus Europa aussetzten, als sie die Fahrt über den Atlantik in die "Neue Welt" wagten, jenen Weltteil also, den Christoph Kolumbus, bis er darauf traf, für einen Freiraum zwischen Europa und Indien hielt. Es war die Aussicht auf Freiheit, auf Bewegungsräume, auf das, was das alte Europa nicht zu bieten hatte.

Die meisten der Menschen, die sich damals auf den Weg machten, haben keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Das macht es nicht leicht, die wirklichen Motive ihres Weggehens zu verstehen. Einige davon sind nahe liegend: Die schlechten materiellen Lebensbedingungen, die in der ständischen Ordnung herrschten, forderten dazu auf, zum Wirtschaftsflüchtling zu werden. Doch die materielle Not ist nur ein Grund dafür, die durch und durch geordneten Verhältnisse der Heimat hinter sich zu lassen.

Eine Vorstellung davon, was diese Auswanderer bewegt haben könnte, bietet die 2004 gedrehte Fernsehserie "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus" des Regisseurs Volker Heise. Darin werden die Lebensbedingungen auf einem mecklenburgischen Gutshof des Jahres 1906 simuliert, und zwar sehr realistisch. Jeder Teilnehmer muss sich genau an die Regeln halten, die damals herrschten. Das bedeutet, dass alle, die zum Gesinde gehören, von morgens früh um fünf bis gut Mitternacht arbeiten, und zwar praktisch ohne Pausen. Was man isst, reicht gerade aus, um die Arbeitskraft zu erhalten. In der Hierarchie gibt es keinen Widerspruch. Man lernt schnell, einfach Ja zu sagen. "Das ist am einfachsten", sagt einer der Teilnehmer im Experiment nach einigen Tagen. "Du musst einfach immer nur Ja, Ja, Ja sagen, dann geht es am leichtesten."

Die Protagonisten aus dem 21. Jahrhundert fügen sich sehr schnell in ihr "Schicksal". Die Hörigkeit wird zur Normalität. Nur gelegentlich wird das klar. Wenn an diesem Leben gezweifelt wird, dann nicht an der starren Ordnung, am unverrückbaren Oben und Unten im Gutshof, sondern an sich selbst. Warum lasse ich mir das gefallen? Warum mache ich mit? Nicht die "Herrschaften" verursachen den Kummer, sondern das eigene Verhalten, das Mitmachen, die vielen Ausreden, warum man es so und nicht anders machen muss. Das quält die Leute - sie wissen, dass sie für ihre Scheinsicherheiten die ganze Freiheit aufgegeben haben. Sie wissen, dass die Ordnung ihres Lebens, angefüllt mit schwerer, harter, schlechter Arbeit, keine Freiräume zulässt. Und sie kennen ihren Teil der Verantwortung an diesen Verhältnissen.

Das hat nichts, gar nichts mit dem bis heute vorherrschenden Gut-Böse-Bild einer Klassengesellschaft zu tun, in dem "die da unten" zu hilflosen Subjekten degradiert werden, die nur durch das energische Einschreiten einer beherzten Gruppe von Revolutionären gerettet werden können. Diese Robin-Hood-Geschichten erfüllen zwar das Kindchenschema aller Freiheitsideen, erwachsen aber werden sie nie. Und nur mal zur Erinnerung: Schon Robin, das Original der Waldguerilla aus Sherwood Forest, setzte sein Schwert dem Sheriff von Nottingham an die Brust, einem leitenden Angestellten der englischen Bürokratie. Der war kein Krösus. Der war Beamter.

Es ist der Verzicht auf Freiheit und Freiraum, der die Unterprivilegierten am meisten schmerzt, die Einsicht, dass sie nicht alles dazu getan haben, ihre Lage zu ändern - und das Wissen darum, dass sie ihre Selbstbestimmung anderen zu Füßen gelegt haben. Befreit von allem Klassenkitsch zeigt sich hier die unauflösliche Verbindung von Freiheit und Eigenverantwortung. Freiheit ist die Möglichkeit, etwas versuchen zu können. Handeln zu können, aber nicht zu müssen. Freiräume bestehen aus Wollen und Können, sie sind keine Garantie auf Glück und Wohlstand, sind keine sichere Bank. Freiraum ist, wenn man es trotzdem versucht.

Man muss diese Motive kennen, um dem alten Klischee zu entrinnen, das in Europa eine so lange Tradition hat und das immer nach Schuldigen für ein Verhalten verlangt, für das man selbst die Verantwortung trägt. In Zeiten des Gutshofs und heute erst recht. Freiraum und Freiheit sind mehr als Begriffe, die die Grenzen zwischen Gemeinwohl und Egoismus markieren. Sie sind ergebnisoffen. Nicht sicher. Aber das heißt eben noch lange nicht: gefährlich und böse, so wie man uns das beigebracht hat, damit alles seine Ordnung hat.

Wenn Kinder Cowboy und Indianer spielen, dann wissen sie nicht, wie das Spiel ausgeht. In den amerikanischen Pioniertagen, in den Zeiten des realen Freiraumspiels, nannte man diese Vorstellung "no frontiers". Das kann man nur schwer ins Deutsche übersetzen. Wer das fürchterliche neudeutsche Wort von den "Möglichkeitsräumen" vermeiden will, landet wohl bei "offene Grenzen" mit Betonung auf offen.

Das ist etwas grundlegend anderes als die Bittstellerei um Hafterleichterung. Hier sprechen wir auch nicht mehr von Nischen und Schrebergärten, deren (enge) Grenzen von vornherein feststehen und die stets nur den Raum freilassen, den das System eben nicht benötigt. Es handelt sich hier nicht um eine der heute üblichen Freiraumzwischennutzungen. Offene Grenzen sind Freiräume ohne vorgefasstes Limit. No frontiers ist ein Prinzip, bei dem sich jeder selbst seine Grenzen setzt und niemand bei diesen Grenzsetzungen bleiben muss. Das ist etwas ganz anderes als unser Bild von der Freiheit und ihrem Ergebnis, dem Freiraum, bei dem so oft unsicher gefragt wird: Wie weit darf ich denn gehen?

5. Kleiner Freiraum, der Hort des Guten

Stellen wir die Frage einmal richtig: Wie weit muss ich gehen, um dorthin zu kommen, wo ich hin will? Diese Frage stellt sich jeder, der bereit ist, sich zu bewegen, und der sein Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit nicht beim nächsten Amt, im Management oder beim Gutsherrn abgibt. Wer sich so Freiräume schafft, ist im Wortsinn selbstständig - oder, wie die alten Griechen das nannten: autonom. Das ist keine Kleinigkeit, keine nette Zusatzausstattung für den Charakter, sondern eine unabdingbare Voraussetzung dafür, überhaupt Verantwortung zu tragen, an und für sich und in der Gesellschaft.

Wer nicht selbstständig, also autonom zu handeln gelernt hat, bleibt im Leben einfach sitzen - auf dem Gutshof zum Beispiel, am ungeliebten Arbeitsplatz oder sonstwo. Das Dumme an der Autonomie ist, dass sie Arbeit macht. Viele haben gelernt, sie zu vermeiden.

Sozialwissenschaftler bemerken seit vielen Jahren das Phänomen, dass vorwiegend junge Männer das Elternhaus - "Hotel Mama" - nicht mehr verlassen, weil die Abhängigkeit von den Alten immer noch einfacher ist als die Selbstständigkeit mit all ihren Risiken und Mühen. Das Hotel Mama ist überall. Die Nachfolger des Gutshofgesindes in Arbeitnehmergestalt haben vor allen Dingen die Kunst der Ausrede perfektioniert, mit der sie sich davor drücken, Freiräume zu erobern. Es gibt so viele Gründe, "dass man nicht kann" - die Kinder, die Wohnlage, die Umstände. Das ist nicht bloß das Resultat einer in allen Bereichen zur Entmündigung erziehenden Politik und eines nach wie vor paternalistischen Mitarbeiterbildes: Grenzen auf gar keinen Fall als offen anzusehen, das ist schon deutsche Leitkultur.

Das Wort Revolution ist eng mit dem Begriff des Freiraums verbunden. Die Revolution tritt ein, wenn der Wunsch nach Freiräumen so groß wird, dass die Verhandlung über Hafterleichterungen nicht mehr reicht. Das Ergebnis ist bei Revolutionen offen, auch wenn viele vor dem Aufstand meinen, sie hätten klare Ziele vor Augen. Jeder einzelne Revolutionär trägt ein hohes persönliches Risiko - und das ist bei politischen Veränderungen nicht anders als bei der Transformation von Unternehmenskulturen und -zielen. Freiraum verlangt persönlichen Einsatz und die Einsicht, dass der Ausgang des Prozesses offen ist. Doch das ist schon wieder sehr unsicher, sehr unordentlich, etwas, das unserer Kultur nicht entspricht. Offene Grenzen, offene Ergebnisse? Da macht man statt Revolution doch lieber Schrebergärten.

Eines der aussagekräftigsten Dokumente dazu findet sich auf der Website des Dresdner Autonomen-Vereins "AK Freiraum". Dort wird zu einer Veranstaltung mit dem schönen Titel "Freiräume/Freiträume - Zur Problematik von Freiräumen" eingeladen. Wir lesen: " Jeder von uns kennt das: diese Sehnsucht nach radikaler Umwerfung der Gesellschaft, nach sofortiger Revolution. Da die Revolution jedoch so schnell nicht kommt, wird sie im kleinen Freiraum vollzogen. Dieser Raum hat die Revolution hinter sich und bildet den 'Hort des Guten gegen das Böse da draußen'."

So deutlich wird das selten gesagt: Bis uns jemand - endlich - zur Revolution abholt, machen wir es uns mal so richtig gemütlich. Die böse Welt muss draußen bleiben.

6. Flüchtige Stimmungen

Der österreichische Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat gegen den Aberglauben, man könne Freiheit durch Sicherheit ersetzen - und dabei langfristig in Ruhe gelassen werden -, ein Leben lang angekämpft. Und er wusste um die große Schwäche der Freiheit, ihre Ergebnisoffenheit, sehr genau Bescheid. Genau das schreckt die Ängstlichen, all jene also, die den Gutshof in Wahrheit nie verlassen haben, so ab: Nichts an der Freiheit ist sicher.

Von Hayek schreibt: "Dass der Zweck der Freiheit ist, die Möglichkeit von Entwicklungen zu schaffen, die wir nicht voraussagen können, bedeutet, dass wir nie wissen werden, was wir durch eine Beschränkung der Freiheit verlieren ..." Das kann man verstehen, wenn man nach offenen Grenzen sucht - oder es auch so interpretieren: Die Freiheit ist unberechenbar, es gibt keine Garantien, und man muss auch noch alles selber machen. Ein mieser Service.

Selber machen? Das wäre natürlich, empfiehlt von Hayek, das Mittel der Wahl: "Die Freiheit wird etwas Positives nur durch den Gebrauch, den wir von ihr machen. Sie sichert uns keinerlei bestimmte Möglichkeiten, sondern überlässt es uns zu entscheiden, was wir aus den Umständen machen, in denen wir uns befinden."

Da bliebe jetzt noch die Sache mit der Willkür. Eines der meistgenutzten Gegenargumente gegen die Freiheit ist der Einwand, dass Regeln und Beschränkungen, feste Grenzen und Vorgaben ja nur zum Besten der Menschen seien. In der Natur, die man mit Freiheit gleichsetzt, ist der Schwächere dem Stärkeren ausgeliefert. Persönliche Freiheit geht also immer nur auf Kosten der anderen. Diese Weisheit, die vom Kindergarten an dem künftigen Schrebergärtner eingetrichtert wird, macht also die Gleichung auf, dass Freiheit im Gegensatz zum gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt steht. Freiraum, der auf echter autonomer Entscheidung basiert, ist etwas für Wilde.

Ist das so? Ist die Freiheit unkultiviert? Von Hayek hielt energisch dagegen: "Der Mensch hat sich nicht in Freiheit entwickelt. Das Mitglied der kleinen Horde, das sich an sie zu halten hatte, um zu überleben, war alles andere als frei. Freiheit ist ein Artefakt der Zivilisation, das den Menschen aus den Fesseln der kleinen Gruppe befreite, deren flüchtigen Stimmungen sich sogar der Anführer unterwerfen musste."

Jetzt müsste eigentlich jeder Bescheid wissen - oder wollen wir zur Sicherheit noch mal die nächste Teamsitzung abwarten?

7. Streit

Es gibt in Deutschland unzählige Experten und Organisationen, die mit nichts anderem beschäftigt sind als mit der Erstellung von Regeln, Beschränkungen und Grenzen. Es wird normiert, abgesteckt und gesichert, was das Zeug hält.

Dagegen steht ein Lehrstuhl für Freiheitsforschung. Er ist an der SRH Hochschule in Heidelberg eingerichtet, Ulrike Ackermann leitet ihn seit 2008. Die Politikwissenschaftlerin und Autorin hat zur Freiheit ein Verhältnis, das man nicht "philosophisch" nennen kann. In den siebziger Jahren arbeitete sie mit den osteuropäischen Bürgerrechtsorganisationen Charta 77 und Solidarnosc zusammen. Als sie 1978 versuchte, für den Bürgerrechtler und späteren tschechischen Präsidenten Václav Havel Büromaschinen und Infomaterial durch den Eisernen Vorhang zu schmuggeln, wurde sie von der tschechoslowakischen Staatssicherheit verhaftet und landete im Gefängnis.

Ulrike Ackermann ist eine Verteidigerin der Freiheit, eine "notwendig Unbeugsame", wie von Hayek das nannte. Die Freiheit muss verteidigt werden. In Deutschland gilt das als verhaltensauffällig, und solchen Leuten begegnet man insbesondere im akademischen Milieu zumindest mit Erstaunen, das die Professorin "in den Gesichtern von Menschen in intellektuellen Kreisen" erkennt, wenn sie über die Freiheit redet. "Der Tenor ist: Wir haben doch alles, was gibt es da zu verteidigen?"

Man applaudiert da schon lieber Autoren wie Jonathan Franzen, dessen Buch "Freiheit" - ganz im Sinne des Publikums - den Schluss zieht, dass zu viele Freiräume nur zu Depressionen führten. "Den finden natürlich alle großartig", sagt Ackermann und lacht, "weil der eine perfekte Ausrede dafür liefert, warum man nicht für Freiräume kämpfen soll. Es ist einfach viel Arbeit und kompliziert. Und keiner weiß, was dabei rauskommt."

Es ist merkwürdig: Die wohlhabenden, gut situierten, abgesicherten Nachfolger der Gutshofbewohner verhalten sich nicht anders als der Teil ihrer Vorfahren, der es vorzog, in geordneten, aber engen Verhältnissen zu bleiben, statt nach offenen Grenzen zu suchen. Sie wollen noch nicht mal wissen, dass es, wie Ackermann sagt, "eben der freiheitlich-demokratische westliche Lebensstil ist, der ihnen das Räsonnieren über die Zustände erst möglich macht. Ohne Freiheit gibt es keinen Freiraum."

Das ist die Botschaft eines der wichtigsten Ökonomen und Freiheitsverteidiger, des britischen Autors John Stuart Mill. Ulrike Ackermann hat auch ein Forschungsinstitut gegründet, das den Namen des 1873 verstorbenen Vordenkers der Emanzipation trägt. Mills Buch "Über die Freiheit" ist ein bis heute einmaliges Werk. Es erklärt, warum die Freiheit des Einzelnen eben nicht zwangsläufig die Unfreiheit der anderen bedeuten muss. Mill entwirft einen Liberalismus, der alle Schichten und Milieus integriert, ohne sie gleichmachen zu wollen. Freiheit und Freiraum, das ist bei Mill das, was sein Vorgänger Jeremy Bentham "Glück der größten Zahl" genannt hat. Freiheit ist bei Mill das Glück all jener, die ihre Freiräume "auf das Glück der anderen, auf die Verbesserung der Menschheit" richten.

Der "Apostel der Freiheit", wie Mill genannt wurde, unterschied sich deutlich von seinen Kollegen, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts die neue Gesellschaft zu fassen versuchten. Er glaubte nicht daran, dass Mehrheitsentscheidungen gleichsam mehr Glück und Freiräume für alle brächten.

Die Mehrheit ist schlicht die Mehrheit, aber eben kein Garant für richtige Entscheidungen. Für Mill sind die neuen Volksregierungen keine kleinere Bedrohung als die alten Tyranneien des Adels, weil sie abweichende Meinungen mit sozialer Ausgrenzung und Gruppendruck verfolgen. Die Mehrheit hat eben nicht das Recht, einem Individuum ihre Meinung aufzudrücken, so wenig wie Einzelne das Recht haben, die Gesellschaft nach ihrem Willen zu gestalten.

Es gibt keinen Anlass und keine Begründung dafür, Meinungen zu unterdrücken oder zu verbieten. Denn jede Meinungsäußerung kann dazu führen, dass die Gemeinschaft dazulernt, sich durch den Diskurs stärkt, der dabei entsteht. Selbst wenn sich individuelle Positionen und Meinungen als falsch herausstellen, hat man noch etwas gelernt. Die Voraussetzung dafür aber sind Bürger, die, so Mill, gelernt haben, das, was ist, ständig zu hinterfragen und zu diskutieren. Mills Vorstellungen sind undogmatisch, praktisch und haben den Fortschritt der Gemeinschaft durch die Entwicklungsfähigkeit des Einzelnen vor Augen. Da sind keine Bürger, die sich vom Staat "retten" lassen, keine ängstlichen, unsicheren Insassen, die sich auf jeden Kuhhandel einlassen, bei dem ihre Freiheit gegen Sicherheit getauscht wird.

Doch dieser Kuhhandel durchzieht die deutsche Geschichte. Reichskanzler Otto von Bismarck sediert die Arbeiterbewegung durch seine bis heute geltenden Sozialgesetze. "Freiraum gegen Rente", sagt Ulrike Ackermann, "das ist der Deal. Im Zweiten Weltkrieg erhöht Hitler die Renten um 15 Prozent - dann herrscht, mitten im Krieg, wieder Ruhe im Land."

Nichts verändert sich von selbst, zur Revolution wird man nicht abgeholt, und Freiräume fallen nicht vom Himmel. Man müsse Freiheit lernen, sagt Ackermann. Ihren Studenten, darunter viele der Betriebswirtschaftslehre, versucht sie zu zeigen, dass Freiheit und Freiräume keine abstrakten Ideale, sondern "mit dem eigenen Leben verbunden sind". Es sind einfache, alltägliche Fragen, die zu Zweifeln an vermeintlich unumstößlichen "Wahrheiten" führen: "Chancen und Grenzen der Freiheit im Internet" heißt eines der Projekte Ackermanns, bei denen Begriffe wie "Schwarmintelligenz" und die "Weisheit der Massen" kritisch hinterfragt werden sollen. "Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was eigentlich passiert, wenn man sich - wie viele derzeit - an einem Social Network beteiligt, sagen wir mal: Facebook." Warum halten es die Studenten zunächst noch für normal, wenn nach dem Anmelden bei einer Gruppe die Botschaft auftaucht: "Du dienst jetzt der Gemeinschaft"? Das ist die alte Geschichte, die man nur einmal klarmachen muss, sagt Ackermann: "Mitlaufen ist einfacher, als sich Freiräume zu schaffen. Da braucht man eigene Ideen und den Willen, sie auch zu verteidigen, mit Konsequenz und Leidenschaft."

Doch wie sieht es mit dem Widerstand gegen das Mitmachen aus, bei denen beispielsweise, die man nicht auf den ersten Blick zu den "Kollektivisten" und "Gemeinmachern" rechnete, bei den Managern zum Beispiel?

"Ach", sagt Ackermann, "es gibt doch so viele Manager, die gar nicht daran denken, die Freiheit der Märkte und der gesellschaftlichen Ordnung zu verteidigen. Die können das nicht, oder sie wollen es nicht." Wo waren sie denn, die Manager und Superiors, die sich im allgemeinen Wirtschafts-Bashing während der Finanzkrise mal differenziert, mutig und öffentlich für freie Märkte statt mehr Regeln ausgesprochen hätten? Da ging es nicht um Leben und Tod. Da ging es nur um etwas "Image". Und ein bisschen Mut. Wie viel Freiraum darf man von diesen Leuten erwarten? Frau Ackermann macht Inventur: "Kein Freiraum ohne Freiheit, keine Freiheit ohne Streit. Die Leute müssen streiten lernen, sich logischer Argumente bedienen, sich um ihre Interessen kümmern und sich nicht der Herde anpassen. Vorher ist weder Freiheit noch Freiraum noch wirkliche Demokratie." Aber ist denn Harmonie nicht sehr, sehr wichtig? Klar, sagt Ackermann: "In Diktaturen gibt es keinen Streit. Da reicht Gewalt völlig aus."

8. Das Versprechen

Freiräume brauchen Auseinandersetzung, denn wo sie nur "gewährt" werden, sind sie meist nichts wert.

Der Freiheitsphilosoph Mill hat das vor mehr als 150 Jahren klar festgehalten: "So wie es nützlich ist, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt, solange die Menschen unvollkommen sind, so ist es ebenso vorteilhaft, dass man den verschiedenen Charaktereigenschaften Spielraum lässt ohne Schaden für andere und dass man den Wert verschiedener Lebensarten praktisch ausprobiert, wenn irgendjemand es für richtig hält, sie zu versuchen. Kurz, es ist zu wünschen, dass man in Dingen, die nicht von vornherein andere mit betreffen, der Individualität eine Chance gibt."

Das klingt sehr fortschrittlich, Sportsfreunde, und wir wissen, warum. Raus aus dem engen Gehäuse, mehr Freiräume, mehr Demokratie wagen. Das hat Willy Brandt im Kopf gehabt, als er am 26. Oktober 1969 in seiner Regierungserklärung sagte: "Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert. (...) Wir haben so wenig Bedarf an blinder Zustimmung, wie unser Volk Bedarf hat an gespreizter Würde und hoheitsvoller Distanz. Wir suchen keine Bewunderer, wir brauchen Menschen, die kritisch mitdenken, mitentscheiden und mitverantworten. Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an."

Das ist kein unverantwortliches Geschwätz. Das ist ein Versprechen, das immer noch nicht eingelöst ist. -