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Er will nur spielen

Warum verkauft einer eine erfolgreiche Firma - und lässt sich anschließend dort anstellen? Albrecht Werstein hatte einen guten Grund: seine Leidenschaft.




- Kann ein Zocker zugleich ein erfolgreicher Unternehmer sein? Albrecht Werstein könnte auf diese Frage zwei Antworten geben. Die erste lautet " Ja". Er hat Zeit seines Lebens leidenschaftlich gespielt, nicht nur als kleiner Junge. Als Erwachsener wurde es eher noch schlimmer. "Spielen ist mein Lebensinhalt", bekennt er. Und fügt hinzu: "Dieser Luxus ist für mich zum Beruf geworden." Werstein ist professioneller Spieleerfinder. Ein so erfolgreicher, dass er tatsächlich zumindest zeitweilig Unternehmer wurde. Der Münchner Spieleverlag Zoch ist sein Werk.

Aber es gibt noch eine zweite Antwort. Sie lautet "Nein", und auch sie ist wahr. Denn Werstein hat Zoch vor knapp einem Jahr verkauft - nicht nur, aber auch, um sich endlich wieder vor allem dem widmen zu können, was er eben doch lieber tut, als sich um den Vertrieb und die Verwaltung eines Unternehmens zu kümmern: zu spielen und Spiele zu entwickeln. Genau den Freiraum hat er nun endlich wieder. Und das sogar ohne Zoch ganz aufgeben zu müssen.

Es ist ein maßgeschneiderter Deal, den er mit der Simba Dickie Group in Fürth gemacht hat. Mit einem Jahresumsatz von rund 500 Millionen Euro gehört sie gemeinsam mit Playmobil und Ravensburger zu den drei Marktführern hierzulande. Nach der Übernahme von Zoch behielten die Fürther Albrecht Werstein als Geschäftsführer. "Die letzte Entscheidung über ein neues Spiel fällt in München", bestätigt Oswald Hertlein, Geschäftsführer der Simba-Dickie-Tochter Noris-Spiele und seit dem Verkauf Mitgeschäftsführer des Zoch Verlages. Allerdings mit glasklarer Aufgabentrennung: "Fürth übernimmt den Einkauf, Logistik, Vertrieb und das restliche Backoffice, das Sortiment kommt von Werstein aus München."

Unter anderen Bedingungen hätte sich Werstein nicht auf Simba Dickie eingelassen. Denn für den gebürtigen Südbadener war es weder ein Notverkauf noch der Einstieg in ein Leben als Privatier. Sondern ein Befreiungsschlag, der dem früheren Rechtsanwalt unter anderem die Möglichkeit gab, den Vertrieb seiner Spiele komplett aus der Hand zu geben - eine Aufgabe, die nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte. Er konnte zwar die Einkäufer großer Warenhäuser oftmals mit seiner eigenen Begeisterung gewinnen; er lockte sie zum Testspiel und gewann so Aufträge. Die später nötige Kontrolle der Spielepräsentation in Schaufenster und Warenregal indes konnte Werstein nicht stemmen - und wollte es wohl auch nicht.

Der Verkauf löste zudem auf einen Schlag ein anderes Problem, in das sich Werstein verstrickt hatte. Sechs Jahre zuvor hatten er und der Verlagsmitbegründer Klaus Zoch als dritten Mitgesellschafter Hermann Hutter aufgenommen. Im Gegenzug wurde ein weiterer Verlag für Gesellschaftsspiele, Huch! & Friends, sowie die Vertriebsgesellschaft Hutter Trade aus der Taufe gehoben.

Neben einer zweiten Marke am Markt sollten vor allem Vertrieb und Logistik ausgelagert und gebündelt werden. Obwohl die neue Gruppe schnell auf sieben Millionen Euro Umsatz kam, konnte man sich allerdings nicht auf einen gemeinsamen Kurs einigen. Hinter den Kulissen knirschte es zwischen Werstein und Hutter - eine große Belastung für Werstein, der als Unternehmer immer auch eine freundschaftliche Basis zu seinen Geschäftspartnern sucht. Mit der Übernahme durch Simba Dickie schieden alle drei Gesellschafter aus. "Wir haben alles entzerrt", berichtet der Simba-Dickie-Mann Hertlein und fügt nicht ohne Verwunderung hinzu: "Die haben sich mit verschiedenen Vertriebspartnern untereinander Konkurrenz gemacht."

Geduld führt zum Erfolg - im Geschäft und auch sonst im Leben

Schon drei Jahre zuvor hatte Werstein vorsichtig in einem Interview zum 20. Verlagsjubiläum angedeutet, dass er lieber "ein, zwei Firmen weniger" gegründet hätte. Für den bedächtigen Tüftler zeichnete sich lange keine Lösung ab. Aber er ist einer, der warten kann, weitertüfteln und die Fakten im Kopf neu mischen, bis er weiß, wo es hingehen soll.

Diese Engelsgeduld ist auch Teil seines Erfolgsrezeptes im Tagesgeschäft als Spieleredakteur. Werstein nimmt eine Idee, arbeitet daran und macht dann erst einmal Pause. Später nimmt er das Konzept wieder auf, arbeitet weiter, lässt es oft eine Zeit lang erneut ruhen. Das Spiel mit den Möglichkeiten geht weiter, bis der Entwurf aus seiner Sicht stimmig ist. Wenn eine Idee so weit gekommen ist, dann hat sie, da ist Werstein selbstbewusst und unbescheiden, das Zeug zum künftigen Klassiker.

Das Bau- und Geschicklichkeitsspiel Villa Paletti, das 2002 als Spiel des Jahres ausgezeichnet wurde, ist so ein Fall. Die unausgereifte Idee eines Autors hatte Werstein sich Jahre zuvor gesichert. Immer wieder beschäftigte er sich mit der Spiellogik, bis ein völlig neuer Ablauf entstand. Als Villa Paletti auf den Markt kam, waren die Kunden begeistert.

Es ging im ersten Jahr 330 000-mal über die Ladentheke. Das ist stattlich, denn Gesellschaftsspiele verkaufen sich üblicherweise mit einer Auflage von 3000 bis 5000 Stück. Nur wer einen Publikumstreffer landet und medienwirksame Auszeichnungen bekommt, stößt in andere Dimensionen vor. Den Rekord hält bei Zoch bis heute das Kleinkinder-Spiel Zicke Zacke Hühnerkacke mit einer verkauften Auflage von mehr als einer Million Stück ein sensationeller Erfolg für das kleine Verlagshaus, das vor dem Verkauf an Simba Dickie gerade sechs Mitarbeiter zählte. Die Firma war klein, aber fein und genoss in der Branche den Ruf eines kreativen Impulsgebers.

Dass er einmal so erfolgreich werden würde, hätte dem kleinen Albrecht kaum einer zugetraut. Daheim, im südbadischen Hausach, wurde bei der Zahnarztfamilie Werstein nur Skat gespielt, und Albrecht, der "umerzogene Linkshänder", galt als wenig kreativ. Eine Fehleinschätzung: Schon als Gymnasiast gab er sich gemeinsam mit seinem Schulfreund Klaus Zoch nicht mehr mit vorgefertigten Regeln zufrieden. Die Jungs kombinierten die Spielbretter von Monopoly und Karriere, erfanden einen neuen Spielablauf und waren Monate damit beschäftigt.

Mitte der achtziger Jahre, Werstein bearbeitete als Rechtsanwalt in einer Münchner Kanzlei Familien- und Verkehrsstreitigkeiten, begeisterte ihn sein Jugendfreund Zoch, eigentlich Physiker, für sein erstes Kreativspiel, den Bausack mit 70 Steinen. Die folgenden Dezember verbrachten beide Jahr für Jahr auf dem Straubinger Weihnachtsmarkt, um den heutigen Klassiker unter den taktischen Geschicklichkeitsspielen zwischen Glühwein und gebrannten Mandeln an den Mann zu bringen. Der Durchbruch kam mit einer Großorder aus den USA. Werstein hängte nach fünf Anwaltsjahren seine Robe an den Nagel und widmete sich nun erstmals ganz seiner Leidenschaft.

Während der findige Zoch lieber auf seinem Bauernhof in den französischen Vogesen beim Hühnerfüttern oder Motorradfahren nach Geistesblitzen suchte, arbeitete sich Werstein - "unternehmerisch völlig unbelastet", wie er sich erinnert - in das Verlagsgeschäft ein. Zunächst mit Startschwierigkeiten: Mitte der neunziger Jahre waren die Schulden erdrückend hoch. Doch Rettung nahte. Bamboleo, ein Geschicklichkeitsspiel mit der Schwerkraft, brachte frisches Geld in die Kasse. Der Verlag etablierte sich, wurde immer dynamischer. Brachten Zoch und Werstein bis zum Jahr 2000 maximal ein oder zwei Spiele jährlich auf den Markt, wurden es später schon mal fünf. Entwickelt wurden immer aufwendigere Produkte mit charaktervollen Spielfiguren. Am kreativen Spielwitz duldete Werstein keine Abstriche: "Profit stand für mich nie an erster Stelle."

Seinen Riecher als "Trüffelschwein" kann er jetzt nach dem Verkauf an Simba Dickie noch besser einsetzen. Gut tausend Ideen bekommt er Jahr für Jahr zugeschickt. Viel Schrott darunter. Dennoch: Elf neue Spiele sind im vergangenen Jahr herausgekommen, hausinterner Rekord. Nicht, dass Werstein mehr arbeiten würde als während seines Unternehmerdaseins. Im Gegenteil: Er genießt seine neue Freiheit, verschiebt für ein gutes Konzert schon mal geschäftliche Termine. Aber wenn eine Idee ihn richtig packt, ist der Spieltrieb stärker als alles andere. Dann geht er erst heim, wenn die Ersten schon wieder ins Büro kommen. -