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Die Wolfs-Ökonomie

In der Mongolei gibt es viel Platz, wenige Menschen - und eine boomende Wirtschaft. Wie das zusammenhängt, erklärt der Banker Ganhuyag Chuluun Hutagt.




brand eins: Herr Hutagt, Sie leben in dem am dünnsten besiedelten Land der Erde. Die Mongolei ist fast fünfmal so groß wie Deutschland, hat aber nur in etwa so viele Einwohner wie Berlin. Fühlen Sie sich manchmal einsam?

Ganhuyag Chuluun Hutagt: In meinem alltäglichen Leben kaum. Ich wohne und arbeite in der Hauptstadt Ulan Bator, wie fast die Hälfte aller Mongolen. Ich kann Ihnen versichern: Mit unseren Monster-Staus unterscheiden wir uns leider nicht mehr von anderen asiatischen Metropolen. Aber natürlich gehört Weite zum Lebensgefühl aller Mongolen. Dieses Gefühl ist Teil unseres nomadischen Erbes. Mein Büro liegt im Stadtzentrum, aber egal in welche Richtung ich fahre: Nach zehn Kilometern sehe ich nur noch freie Fläche, Landschaft, Tiere. Da beginnen das Nichts und die Stille. Sie können dann auch von den Straßen runter und querfeldein fahren, wenn Sie Lust haben. Das Land gehört niemandem.

Wirklich niemandem? Nicht einmal dem Staat?

Doch. Formaljuristisch gehört es dem Staat, aber das ist eigentlich nicht relevant. Wir haben Platz im Überfluss. Jeder Bürger der Mongolei hat das Anrecht auf eigenen Grundbesitz. Nach der Abschaffung des Kommunismus hat der Staat viel Land an die Bürger überschrieben.

Was machen die Menschen damit? Ackerbau ist unter den extremen klimatischen Bedingungen ja kaum möglich. Und die nomadische Viehzucht ist mit vielen Mühen und Entbehrungen verbunden.

Vorab: Der Bevölkerungsanteil, der nomadisch oder semi-nomadisch lebt, nimmt kontinuierlich ab. Wir erleben zurzeit eine Extremform der Urbanisierung, und die Staus in Ulan Bator sind davon nur ein besonders sichtbares Zeichen. Das führt zu noch mehr freier, ungenutzter Fläche in den ländlichen Regionen. Die Regierung arbeitet gerade an einer Strategie, die Regionen zu stärken und die Landflucht zumindest zu verlangsamen.

Brauchen Sie nicht mehr Menschen für so viel Land?

Das ist die traditionelle Antwort der Machthaber gewesen. Im Kommunismus wurden Frauen mit vielen Kindern geehrt. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Bevölkerung auch in der Tat verdoppelt. Es gibt nach wie vor viele Anreize, Kinder zu bekommen. Zur Geburt von jedem Baby überweist die Regierung Eltern seit einigen Jahren eine Art Kopfprämie. Oder sie zahlt das Geld bar aus. Das hat 2007, 2008 und 2009 zu einem kleinen Babyboom geführt. Wir sind heute ein extrem junges Land, und das bringt viele Chancen mit sich. Gleichzeitig sehen wir in den Städten eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums, und ich denke, das ist gut so. Wenn Frauen zu viele Kinder haben, können sie nicht arbeiten und zur Entwicklung des Landes beitragen. Ich glaube nicht an die Theorie, dass Bevölkerungswachstum der wichtigste Faktor für ökonomisches Wachstum ist. Ja, wir haben dieses große Land, aber das heißt ja nicht, dass wir jeden Quadratkilometer besiedeln müssen. Die ökonomisch relevante Größe ist bei uns nicht Fläche, sondern was sich unter dem Land befindet.

Sie meinen die Bodenschätze?

Die Mongolei gehört zu den rohstoffreichsten Ländern der Erde. Dieser Reichtum eröffnet uns eine riesige Chance. Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren stets ein jährliches Wachstum von fünf bis zehn Prozent. Unsere Einnahmen aus den Minen erlauben uns, klug in Wachstum und Infrastruktur zu investieren und gleichzeitig große Entwicklungssprünge zu machen. In der Kommunikationstechnik haben wir das schon geschafft. Wir haben 3,8 Millionen Einwohner und 2,5 Millionen Mobiltelefone im Umlauf.

Diese einzigartige Mischung aus Reichtum an Raum, Bodenschätzen und junger, ambitionierter Bevölkerung gibt uns die Möglichkeit, eine neue Ökonomie zu schaffen. Diese Ökonomie nenne ich die Wolfs-Ökonomie.

Das müssen Sie uns bitte erklären.

Es gibt Tigerstaaten, Chinas Ökonomie ist ein Drachen, die russische Wirtschaft ist ein Bär. In der mongolischen Mythologie hat unser Volk eine Gazelle zur Mutter und einen Wolf zum Vater. Zehn Wölfe können 1000 Schafe töten. Wenige Mongolen haben einst das größte Reich in der Geschichte des eurasischen Kontinents geschaffen und Völker beherrscht, die ein Vielfaches an Menschen zählten. Mit zehn Prozent gehören wir heute zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Asiens. In fünf bis zehn Jahren werden wir Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent haben - wenn wir unseren natürlichen Reichtum intelligent in Bildung und in das Gesundheitssystem investieren.

Wir haben die Mittel dazu. Wir müssen weiter daran arbeiten, unternehmerischen Erfolg zu ermöglichen. Damit meine ich nicht Subventionen, davon gab es in der Vergangenheit mehr als genug. Ich meine günstige Rahmenbedingungen. Schon heute sind wir eines der Länder mit den niedrigsten Einkommens- und Unternehmenssteuern auf der Welt. Die Einkommenssteuer beträgt für niemanden mehr als zehn Prozent. Das erkennen übrigens auch immer mehr Europäer. Hier in der Bank habe ich einen jungen deutschen Kollegen, einen Ökonomiestudenten aus Frankfurt. Der kam als Tourist, hat sich in unser Land verliebt und zudem erkannt: Hier kann ich mit 35 reich sein - da ist er geblieben.

Das klingt, als sei die Mongolei das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Es ist zumindest ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir erleben hier gerade eine moderne Neuauflage des amerikanischen Mythos. Unser Raum eröffnet uns unendlich viele Chancen. Nehmen wir zum Beispiel den Tourismus: Immer mehr Menschen suchen Stille. Die Möglichkeit, in sich selbst hineinzuhören, über sich selbst zu reflektieren. Ich kann Ihnen versichern: Es dürfte auf der Welt wenige Orte geben, an denen das besser möglich ist als hier. Wir haben begonnen, riesige Naturschutzgebiete auszuweisen, und werden diesen Weg konsequent weitergehen. Ein neues Land der unbegrenzten Möglichkeiten braucht eine starke, hoch gebildete Mittelklasse. Diese entsteht gerade. Und sie ist frei. Wir sind neben Indien und Japan die einzige echte parlamentarische Demokratie in Asien. Der Wolf hat eine Vision.

Was sieht der Wolf?

Wir können so reich wie Saudi-Arabien werden und gleichzeitig eine freie, gerechte Gesellschaft aufbauen, die eben nicht nur im finanziellen Sinn reich ist. Der Wolf sieht, dass uns die Bodenschätze gerade einen kräftigen Schub geben. Und er sieht, dass wir die historische Chance haben, eine diversifizierte Volkswirtschaft aufzubauen. Wir können ein regionales Zentrum für Banken werden. Wir können exzellente Krankenhäuser aufbauen, die besten Ärzte der Region anziehen und mit ihnen wohlhabende Patienten aus China oder Indien, die sich in unserer frischen Luft und in der Ruhe erholen. Wir können den kreativen Motor anwerfen. Wir haben die Mittel, die besten Universitäten der Region aufzubauen und Professoren aus aller Welt anzuwerben, um unsere vielen jungen Talente zu bilden. Dazu gehört auch eine exzellente Managementausbildung. Zwei Drittel unserer Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Die Lebenserwartung liegt aber schon heute bei fast 70 Jahren. Der Wolf kennt diese Zahlen. Die politische Führung muss die Vision nur verinnerlichen. Die Investoren sind bereits da.

Ich habe gelesen, dass ein großer Teil der Waren im Land noch mit Kamelen transportiert wird.

"Ein großer Teil" ist eine etwas irreführende Formulierung. Kamele gehören auf dem Land noch zum Alltag. Nomadische Familien transportieren ihre Zelte mit ihnen. Aber natürlich wird der Großteil der Güter mit Lastwagen transportiert. Es stimmt allerdings, dass wir in vielen Regionen keine befestigten Straßen haben. Die Lastwagen fahren einfach über die Steppe. Infrastruktur ist eine riesige Herausforderung für uns. Wir erhöhen jedes Jahr die Budgets für Straßen, Eisenbahnstrecken und Flughäfen, aber natürlich ist es schwierig, in einem so großen Land mit so wenigen Einwohnern ein perfektes Straßennetz zu finanzieren.

Gibt es Pläne, mehr Land zu besiedeln?

Nein, zumindest keine konkreten. Wir sind auch sehr vorsichtig bei Einwanderungsfragen. Man kann die mongolische Staatsbürgerschaft nicht erwerben, sondern nur eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Sonst stünden die Leute Schlange, denn die Staatsbürgerschaft ist mit vielen Privilegien verbunden, zum Beispiel mit dem Recht auf Land. Alle Bürger sind auch automatisch Anteilseigner von einigen staatlichen Bergwerken.

Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Wenn in 50 oder 100 Jahren Japaner oder Singapurer Land brauchen, weil der steigende Meeresspiegel sie bedroht, werden alle auf dieser Erde umdenken müssen. Vielleicht werden wir Land verkaufen oder vermieten. Auf dem mongolischen Hochplateau ist das Wetter zwar extrem. Aber zumindest dürften wir keine nassen Füße bekommen. -

Ganhuyag Chuluun Hutagt, Jahrgang 1973, gehört in der mongolischen Finanzwirtschaft zu den Schlüsselspielern. Er war Börsenmakler, Mitglied im Aufsichtsrat der Zentralbank, Mitgründer des Mikrokreditinstituts Xac-Bank und Vorstandsvorsitzender von deren Muttergesellschaft TenGer Financial Group. Hutagt ist Berater des mongolischen Staatspräsidenten und zudem in verschiedenen internationalen Mikrokreditorganisationen aktiv. 2009 wurde er vom World Economic Forum zum "Young Global Leader" nominiert. Der charismatische Mann wird, so kündigte er an, demnächst seinen Arbeitgeber wechseln und einen "vollkommen neuen Karrierepfad" einschlagen. Was er genau machen wird, wollte er zu Redaktionsschluss noch nicht verraten. Nur so viel: "In der Mongolei haben wir viel Raum für Veränderung." Foto: © Irmuun