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Der Schachspieler

Wang Keqin ist Chinas berühmtester Enthüllungs-Reporter. Ein gefährlicher Job, bei dem es darauf ankommt, die Züge der Gegner so gut wie möglich zu berechnen. Porträt eines Mannes, der die Grenzen der Meinungsfreiheit in einer Diktatur testet.




- "Wenn wir diesen Artikel nicht drucken, finde ich keinen Frieden mehr." An diesen Satz seines Chefredakteurs aus dem vergangenen Januar erinnert sich Wang Keqin gern. Sie saßen sich damals gegenüber, in wattierte Mäntel gehüllt, denn die Heizung kam gegen den Pekinger Winter nicht an. Bao Yueyang, der Chefredakteur, hatte gerade den Entwurf einer Reportage gelesen, für die Wang sechs Monate lang recherchiert hatte. Sie enthielt Enthüllungen, von denen Leben und Gesundheit Hunderttausender Menschen abhingen. Enthüllungen, mit denen Bao und Wang nicht nur ihre eigenen Karrieren, sondern auch die Existenz ihrer Zeitung aufs Spiel setzen würden. Enthüllungen, wie sie in China noch kein Medium zu veröffentlichen gewagt hatte.

Im Visier hatte Wang das Pekinger Gesundheitsministerium und die Regierung der zentralchinesischen Provinz Shaanxi. Dort hatten Behörden und Pharmafirmen bei einer nationalen Impfkampagne gegen Kinderkrankheiten erst geschlampt und ihre Fehler dann vertuscht. Serum, das kalt gelagert werden muss, war bei hohen Temperaturen aufbewahrt und in Lastwagen mit defekten Kühlsystemen transportiert worden.

So waren aus Impfstoffen tödliche Gifte geworden, die nach Wangs Recherchen zu mindestens vier Todesfällen und 74 schweren Erkrankungen geführt hatten. Zwar hatten gewissenhafte Ärzte die Probleme gemeldet, doch die verantwortlichen Beamten blieben untätig - sie standen längst auf den schwarzen Gehaltslisten, mit denen die Pharmakonzerne ihre Lizenzen und regionalen Monopole sicherten. "Wir können doch nicht schweigend zusehen, wie das Gesundheitsministerium Unternehmen deckt, die giftige Impfstoffe in Umlauf bringen", fand Wang.

Es war nicht das erste Mal, dass Chinas bekanntester Enthüllungsjournalist und sein Chef sich fragten, ob sie tun konnten, was sie tun mussten: die Wahrheit berichten - selbst wenn sie damit Mächtige in Politik und Wirtschaft gegen sich aufbrächten. Immer wieder hatten sie es gewagt: Wangs Berichte über Korruption, Umweltverschmutzung, Wirtschaftskriminalität und Gesundheitsskandale hatten die "China Economic Times" in der Volksrepublik zu einem Pionier des seriösen Journalismus gemacht. In der Branche bewunderte man ihre Bereitschaft zu Konflikten mit den Zensurbehörden und spekulierte darüber, welches politische Schwergewicht wohl seine schützende Hand über das Blatt halte.

Doch an ein ungeschriebenes Gesetz des chinesischen Journalismus hatten auch Wang und Bao sich zuvor gehalten: Ihre Enthüllungen trafen stets nur die unteren Ränge des Parteiapparats, nie die höheren. Genau dorthin zielte Wang nun erstmals. "Dieser Fall verletzt das Recht der Menschen, ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder zu schützen", sagte er. "Solche Zustände stellen die Kompetenz unserer Regierung grundsätzlich infrage."

Die Kompetenz der Regierung grundsätzlich infrage stellen nichts könnte weiter von der Rolle entfernt sein, die Chinas Kommunistische Partei den Medien ihres Landes zugedacht hat. Sie sollen als Diener des Staates die Positionen der Regierung vermitteln - beifällig werbend, nicht kritisch hinterfragend. In allen wichtigen Fragen will die Partei entscheiden, was die Chinesen wissen sollen und was nicht.

Doch Fakten können stärker sein als alle Kontrollen, vor allem wenn von ihnen das Glück und Unglück von Menschen abhängt - und solche Fakten gibt es in China viele. Immer mehr chinesische Journalisten wollen mehr sein als Keilriemen der offiziellen Medienmaschine, die zentral vorgestanzte Wahrheiten bis in die hintersten Winkel des Landes übermittelt. Sie recherchieren selbst - und stoßen damit oft unvermittelt ins Herz der gewaltigen Widersprüche, die das heutige China ausmachen. So wie Wang und Bao, die im vergangenen Frühjahr die aufsehenerregendste Machtprobe wagten, die das chinesische Mediensystem seit Jahren erlebt hatte.

Seine Methode: Spielräume erkennen und nutzen

Auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation Reporter ohne Grenzen belegt China aktuell Platz 171. Nur sieben Länder werden noch schlechter eingeschätzt, darunter Iran und Nordkorea. Doch das verheerende Urteil verrät wenig darüber, wie leidenschaftlich der Kampf um die Wahrheit in China tatsächlich geführt wird. Die Ära der totalen Gleichschaltung, in der nur die Meldungen der Nachrichtenagentur Xinhua verbreitet werden durften, ist lange vorbei. Im Internetzeitalter lassen sich Informationen nicht mehr so einfach kontrollieren wie noch unter Mao Zedong. Zwar scannt Zensur-Software die Datenströme im Netz auf kritische Begriffe, Suchmaschinen filtern ihre Ergebnisse, Cyberpolizisten patrouillieren in Chat-Foren, und soziale Medien wie Twitter oder Facebook sind gesperrt. Doch dieses System gleicht eher einer ideologischen Müllabfuhr, die notdürftig beseitigt, was massenhaft kursiert.

Die Medien setzt das unter Druck. Um glaubwürdig zu bleiben, können sie die Probleme des Landes nicht mehr verschweigen, sondern nur noch ins rechte Licht zu rücken versuchen. Mit den Worten von Chinas oberstem Medienwächter Li Changchun, der Nummer fünf in der Parteihierarchie, besteht die Hauptaufgabe von Journalisten in der "Aufrechterhaltung der korrekten Steuerung der öffentlichen Meinung" sowie der "aktiven Verbreitung der Ideologie, Linie, Prinzipien und Politik der Partei".

Was das in der Praxis bedeutet, erfahren die Journalisten in den regelmäßigen Schulungen von Lis "Ministerium für Aufklärungsarbeit", dessen Name im Westen nicht zu Unrecht meist mit "Propagandaministerium" übersetzt wird: Aufwühlende Ereignisse wie das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sind tabu. Texte über heikle Themen wie Militär, Religion oder ethnische Minderheiten müssen mit den zuständigen Ministerien abgesprochen werden. Bei kritischen aktuellen Nachrichten gelten die Direktiven der offiziellen Agentur Xinhua. Darüber hinaus setzt das Propagandaministerium auf die Selbstzensur von Journalisten und Chefredakteuren, deren Karriere von ihrer Willfährigkeit gegenüber den Mächtigen abhängt. Doch eine zentrale Zensur, die alle Beiträge vor der Veröffentlichung überprüft, gibt es nicht mehr - bei rund 2000 Zeitungen, 9000 Magazinen, 1000 Radiosendern und 700 Fernsehkanälen wäre auch die größte Behörde überfordert.

"Das System schafft Spielräume, die es früher nicht gab", sagt Wang Keqin bei einem Treffen in seinem Büro. "In der Vergangenheit war das Arbeitsfeld der Journalisten auf allen Seiten mit klaren roten Linien abgesteckt, die man nicht überschreiten durfte, aber heute sind viele Linien orange oder gelb - da kann man sich mal etwas trauen." Der Mann, den seine Kollegen den "Vater des chinesischen Investigativjournalismus" nennen, ist 46 und die Unauffälligkeit in Person: nicht groß und nicht klein, weder dünn noch dick, mit einem Gesicht, das ebenso gut einem Bauern oder Fabrikarbeiter gehören könnte wie einem Manager oder Politiker. Eine gute Tarnung.

"Von Natur aus interessiert es Menschen immer, hinter die Grenzen zu schauen", so Wang. "Deshalb sind investigative Recherchen in China ein Trend, vor dem die Zensoren große Angst haben, und der Impf-Skandal ist ein Paradebeispiel dafür, mit welchen Mitteln beide Seiten dabei kämpfen."

Nach der Vier-Augen-Konferenz in der winterkalten Redaktion, bei der Chefredakteur Bao Yueyang die Impf-Skandal-Reportage erstmals gelesen hatte, blieb das Manuskript zunächst mehrere Wochen liegen. Wang drängte auf eine Publikation Anfang März, zum Auftakt des Nationalen Volkskongresses, Chinas Quasi-Parlament, das einmal im Jahr in Pekings Großer Halle des Volkes tagt. Die Aufmerksamkeit der 3000 Abgeordneten würde das Gesundheitsministerium unter Zugzwang setzen, argumentierte er und erinnerte Bao an seinen Satz: "Wenn wir diesen Artikel nicht drucken, finde ich keinen Frieden mehr." Als Antwort erhielt er ein besorgtes Kopfschütteln. "Sie werden uns dichtmachen", erwiderte der Chefredakteur "Wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarten." Um mit einer Veröffentlichung dieser Tragweite durchzukommen, brauche die "China Economic Times" politischen Rückenwind von höchster Stelle.

Den spürten sie, als Premier Wen Jiabao beim Nationalen Volkskongress über die Notwendigkeit sprach, die Regierungsarbeit besser zu kontrollieren, weil das chinesische Volk nur so in Würde leben könne. "Überwachung der Regierungsarbeit und Sicherung eines würdevollen Lebens - genau darum geht es in unserem Artikel", drängte Wang. Bao stimmte zu - die Zeitung musste versuchen, den Regierungschef beim Wort zu nehmen und darauf hoffen, dass er den Text als beispielhafte Umsetzung seiner Forderung sah. In der Nacht des 16. März planten sie kurz vor Druckbeginn das Blatt um und räumten drei Seiten für Wangs Text frei. Außer dem Produktionschef war kein anderes Redaktionsmitglied eingeweiht.

Am folgenden Morgen erschien die "China Economic Times" mit der Überschrift: "Eine Recherche über Impfungen, bei denen etwas schrecklich falsch lief". Die Brisanz der Enthüllungen war der Branche augenblicklich klar. Ab neun Uhr war der Impf-Skandal die Hauptnachricht auf Chinas größten Internetportalen, den wichtigsten Informationsquellen vieler junger Chinesen. Zeitungsredaktionen bereiteten eigene Beiträge vor. Die zuständigen Behörden traf die Story völlig unvorbereitet. Sie brauchten bis zum Nachmittag, um zurückzuschlagen. Dann versandte Xinhua eine Meldung, in der Shaanxis Gesundheitsministerium, Provinzregierung und Parteikomitee erklärten, Wangs Bericht sei "grundsätzlich unwahr". Auch das nationale Gesundheitsministerium in Peking ließ vermelden, die Geschichte sei frei erfunden. Das Propagandaministerium wies alle Zeitungen und Internetseiten an, am folgenden Tag mit dem Dementi aufzumachen.

Es war die Reaktion, mit der Wang und Bao gerechnet hatten. Einen Skandal dieses Ausmaßes würden die Behörden nicht ohne Weiteres zugeben. Am Abend des 18. März veröffentlichte die "China Economic Times" eine Stellungnahme, in der sie an ihrer Geschichte festhielt - ein klarer Verstoß gegen die Vorgaben des Propagandaministeriums. Gleichzeitig lief bei Wang das Telefon heiß. Kollegen anderer Medien wollten ihn interviewen und sich Recherchehinweise holen - viele durchschauten das Spiel der Behörden und hofften, in Wangs Windschatten selbst einen kleinen Scoop zu landen. "Vier Tage nach der ersten Veröffentlichung haben bereits mehr als 200 Medien ihre Reporter nach Shaanxi geschickt, um selbst zu recherchieren", erzählt Wang. "Es wurde ein Fall, der die ganze chinesische Öffentlichkeit beschäftigte."

Obwohl nur wenige Medien große Risiken eingingen, ließen sich ihre Zweifel an der offiziellen Version der Provinzregierung zwischen den Zeilen herauslesen. Chefredakteure schrieben Leitartikel, in denen sie eine vollständige Aufklärung verlangten. In der Öffentlichkeit machte sich Unruhe breit. Eltern fragten sich, ob sie ihre Kinder noch impfen lassen sollten.

"Allen, die mich das fragten, habe ich gesagt, dass es Belege dafür gibt, dass Chinas hohe Beamte für ihre eigenen Kinder nur importierte Impfstoffe benutzen", erzählt Wang. Fünf Tage nach der Veröffentlichung versuchte Shaanxis Provinzregierung, mit einer Pressekonferenz in die Offensive zu kommen, doch die Veranstaltung geriet für die Behörden zum Desaster, als die Journalisten begannen, kritische Fragen zu stellen. Nach zehn Minuten brachen die Beamten die Veranstaltung hastig ab. Kaum einer in der Branche hatte jetzt noch Zweifel, dass Wangs Geschichte zutraf.

Der achtet tatsächlich besonders auf gründliche Dokumentation, denn: "Wer in China investigativ arbeitet, kann sich keinen einzigen faktischen Fehler erlauben", sagt er und öffnet den Metallschrank seines Büros, in dem fein säuberlich aufgereiht Hunderte Notizbücher stehen mit sorgfältig eingetragenen Daten. "Über jedes Gespräch mache ich Notizen, über jedes Telefonat und auch über das Interview, das wir gerade führen." Trifft er wichtige Informanten, lässt er sich die Richtigkeit der notierten Aussagen hinterher mit Namen, Unterschrift und einem roten Daumenabdruck bestätigen. "Ich nenne das ' Journalismus nach deutschen Produktionsstandards'", sagt Wang und lacht.

Zu seinem Beruf kam er nicht aus Idealismus, sondern, wie er bekennt, "weil ich gerne esse, vor allem Lanzhou Feuertopf". Das scharfe Fondue ist das Lokalgericht seiner nordchinesischen Heimatstadt, die vor allem für ihre Kohlebergwerke und die damit verbundene Verschmutzung bekannt ist. Wang war Mitte 20, als er anfing, für die Provinzzeitung "Gansu Economic Daily" zu schreiben. Nebenher verfasste er auch Artikel für andere Blätter. Wie die meisten Journalisten war er Mitglied in der Kommunistischen Partei. "Ich war ein Propagandajournalist", gibt Wang unumwunden zu. Doch bald merkte er, dass die "Gansu Economic Daily" nur einen kleinen Teil der Realität abbildete. "Viele Menschen erzählten mir ihre Geschichten und schauten mich erwartungsvoll an, weil sie hofften, dass meine Texte etwas für sie bewirken würden", erinnert er sich. Wang begann darüber nachzudenken, wo die Grenzen seiner Berichterstattung lagen: Je größer die Probleme, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass darüber berichtet wurde.

Dabei war es keineswegs so, dass in den Zeitungen nur Positives stehen durfte. Auch im Zeitungswesen hatte die Marktwirtschaft Einzug erhalten. Verschiedene Medien, im Besitz diverser Regierungsorgane, konkurrierten um Anzeigen. Wer Leser gewinnen wollte, musste relevant sein und über die Themen berichten, die in ihrem Leben eine Rolle spielten.

Lebenswichtig: erst absichern, dann enthüllen

Wang erkannte darin eine Chance. 2001 überzeugte er seine Chefs, über einen Skandal zu berichten, der viele Leser bewegte: Betrügerische Firmen hatten Kleinanleger um Hunderte Millionen Yuan geprellt. Wang deckte auf, wie das kriminelle System funktionierte und wer daran beteiligt war. Obwohl die Abzocker über beste Kontakte verfügten, konnte die Justiz die Fakten nicht ignorieren. Es kam zum Verfahren, mehr als 150 Beteiligte wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Doch die Zeitung hatte ihren Einfluss überschätzt. Viele der Hintermänner, ranghohe lokale Kader und Drahtzieher des organisierten Verbrechens, hatten sich den Ermittlungen entziehen können. Sie wollten Lanzhous Journalisten eine Lektion erteilen und erwirkten, dass die "Gansu Economic Daily" wegen politischer Disziplinlosigkeit vorübergehend geschlossen wurde. Wang verlor seinen Job und erhielt Drohungen, dass man seine Familie "in Blut baden" werde. Er wusste, dass dies keine leeren Worte waren.

Doch so wie ihm einige Politiker ihren Schutz entzogen hatten, kam ihm ein anderer zu Hilfe. In Peking landete ein Dossier über den Fall auf dem Schreibtisch von Premierminister Zhu Rongji, der sich zu dieser Zeit um einen harten Anti-Korruptionskurs bemühte und die Medien ermutigte, lokalen Kadern genauer auf die Finger zu schauen. Mit einer Intervention zugunsten Wangs konnte er Chinas Journalisten demonstrieren, dass er es ernst meinte und kritische Berichterstatter sich seiner Unterstützung sicher sein konnten. Zhu Rongji stellte vier Polizisten zu Wangs Schutz ab und wies ihm einen Job bei Baos "China Economic Times" zu, die dem Staatsrat und damit unmittelbar der Autorität des Regierungschefs unterstand.

Die prominente Jobvermittlung hatte landesweit Symbolcharakter. "Die Regierung ist kein monolithischer Block", sagt Wang. "In der Zentralregierung gibt es solche, die investigativen Journalismus unterstützen und der Meinung sind, dass dies für die Gesellschaft etwas sehr Wertvolles ist." Aus dem Fall leitete die Branche ab, was seitdem als goldene Regel des investigativen Journalismus gilt: Wer mit einem Bericht einer politischen Interessengruppe schadet, kann sich das nur erlauben, wenn eine noch mächtigere Fraktion von der Veröffentlichung profitiert und den Journalisten beschützt. Wang vergleicht das mit einem Schachspiel. "Man muss alle Züge der betroffenen Parteien vorausplanen", sagt er. "Wer das nicht tut, ist am Ende selbst schachmatt."

Auch vor der Veröffentlichung der Impf-Skandal-Reportage hatten Wang und Bao sich die möglichen Reaktionen ausgemalt. Sie wussten, dass sie dem Druck des Gesundheitsministeriums und Shaanxis Provinzregierung nur gewachsen sein würden, wenn der Premier Wen Jiabao - seit 2003 Zhus Nachfolger - persönlich die Aufklärung des Falles in die Hand nehmen würde.

Grund dazu hatte er nicht nur, weil er als liberal galt und Zhus informelle Patenschaft für die "China Economic Times" und ihre offensive Berichterstattung übernommen hatte. Nachdem 2008 an gepanschter Babymilch mindestens sechs Kleinkinder gestorben und rund 300 000 erkrankt waren, hatte die Regierung eine Verbesserung des Verbraucherschutzes versprochen. Die nationale, staatlich finanzierte Impfkampagne galt auch als Versuch, den Vertrauensverlust bei Chinas Eltern wettzumachen.

Konnte Wen es sich da leisten, noch einmal den Verdacht aufkommen zu lassen, seine Regierung schütze Qualitätssünder, die Kinderleben gefährden?

Ihre Gegner hatten sie nicht weniger sorgfältig analysiert. Sie wussten, dass es in der Partei starke Kräfte gibt, Presse und Internet schärfer zu kontrollieren als bisher. "Sie wollen Enthüllungsjournalismus grundsätzlich unterdrücken, weil sie ihn als Gefahr für den Machterhalt der Partei sehen", sagt Wang. Nicht nur der Propaganda-Chef Li Changchun wird dieser Fraktion zugerechnet; auch der Staats- und Parteichef Hu Jintao gilt als Befürworter einer schärferen Zensur. Außerdem hatte Hu in dem Fall persönliche Interessen: Shaanxis Parteichef Zhang Baoshun, für den die Aufarbeitung ein herber Gesichtsverlust sein würde, gilt als ein alter Gefolgsmann des Präsidenten. Andererseits gehören die Korruptionsbekämpfung und die Verbesserung des Images der Partei zu den Projekten, mit denen Hu in die Geschichtsbücher eingehen will. "Die Propagandabehörden wissen, dass es an der Spitze Konflikte gibt, und wissen nicht, wessen Order Vorrang hat: Hus harte Linie oder Wens weiche", sagt Wang. "Diese Verunsicherung gibt uns Freiräume, die wir nutzen können."

Würde sich der Parteichef offen gegen den Premierminister stellen, um die Presse zu disziplinieren und einen Freund zu schützen? Wang und Bao konnten es sich nicht vorstellen.

Dass sie sich verrechnet hatten, begann ihnen zu dämmern, als das Propagandaministerium eine Woche nach der Veröffentlichung des Artikels die Notbremse zog. Alle Redaktionen wurden schriftlich angewiesen, jegliche Berichterstattung über das Thema künftig direkt von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua zu übernehmen. Die berichtete, das Gesundheitsministerium untersuche den Fall, doch über Ergebnisse wurde nichts bekannt.

Wang telefonierte seine Informanten ab und erfuhr, dass sie Besuch von Beamten bekommen hatten, die sich nicht ausweisen wollten und vor Konsequenzen warnten, sollten die Leute noch einmal mit der Presse sprechen. Eine seiner wichtigsten Quellen in einem örtlichen Zentrum für Seuchenbekämpfung bekam anonyme Anrufe mit der Drohung, ihr "die Beine abzuschneiden", falls sie nicht den Mund halte.

Der Kampf "Macht gegen Wahrheit" geht weiter

Zwei Monate später wurde der Chefredakteur der "China Economic Times" auf einen einflusslosen Posten in einem Thinktank des Staatsrates abgeschoben und durch einen linientreuen Mann ersetzt. Wang Keqin erhielt ein Veröffentlichungsverbot und darf bis auf Weiteres nur noch Texte redigieren.

"Was wir jetzt erleben, ist, dass die Macht stärker ist als die Wahrheit", sagt er kühl. "Die Regierung befiehlt den Medien, ihre Augen vor dem Problem zu verschließen, weil das ihrem Ansehen schadet." Er sitzt in seinem Büro und trommelt mit den Fingern auf den Ausdruck eines neuen Artikels über den Impf-Skandal, den er nicht veröffentlichen darf. Er hat inzwischen Beweise, dass es auch in anderen Provinzen Probleme mit den Impfstoffen gibt. Wangs Name hat sich herumgesprochen, immer wieder klingelt das Telefon. "Vorerst bleibt mir nichts anderes übrig, als die ganze Geschichte weiter zu dokumentieren und auf den Moment zu warten, an dem die Öffentlichkeit die ganze Wahrheit erfahren kann." Bis dahin hält er sich mit schwarzem Humor bei Laune. "Es könnte schlimmer sein: In Russland werden jedes Jahr immer wieder Reporter ermordet - so etwas passiert in China nicht. Wir werden nur geschlagen. Davon stirbt man nicht so schnell."-