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Der Grenzgänger

Fuad Abu Hamed brach gleich zweimal aus: aus den ärmlichen Verhältnissen seiner Kindheit und aus dem Korsett von Vorurteilen und Traditionen seines palästinensischen Dorfes. Dabei hat er seinem Geburtsort nie den Rücken gekehrt. Er nimmt seine Gemeinde einfach mit.




- Hier würde sich jeder ohne Zögern am Blinddarm operieren lassen: gestandene Ärzte; Schwestern mit sorgfältigem Make-up unter dem Kopftuch; die Geräte modern, die Klinik blitzsauber, die Kittel makellos weiß, die Böden gewischt. So würde er wohl aussehen, der Set für eine arabische Ärzte-Soap. Doch das hier ist nicht die Kulisse einer Fernsehserie. Es ist die Klinik von Fuad Abu Hamed in Ostjerusalem.

Auch der Chef ginge als perfekte Besetzung vor der Kamera durch. Ein Mann, der es geschafft hat und gern vorführt. Schon zwei Kliniken betreibt Abu Hamed. Alles an ihm zeigt den Erfolg. Sein schwarzer Honda Accord mit Ledersitzen dürfte zu den größten Privatwagen der Gegend gehören. Zur dunklen Hose trägt er ein modisch gewagtes, violett kariertes Hemd mit lilafarbenen Manschetten und weißem Kragen, einen auffälligen goldenen Ring und am Handgelenk eine große Uhr. Alle paar Minuten klingelt das Smartphone in der kleinen Gürteltasche. Lächelnd bittet Abu Hamed dann um Nachsicht, wenn er das Gespräch annimmt. Selbst in seiner arabischen Muttersprache, die schnell sehr hart und aufgeregt klingt, wirkt er ruhig und überlegt.

Alter Geldadel? Genau das Gegenteil. Fuad Abu Hamed stammt aus ärmlichen Verhältnissen. In seiner Familie fehlte es an vielem. Geboren wurde er hier im Ort Sur Bahir, einem Stadtteil von Ostjerusalem. Sein Vater, ein Bauarbeiter, hatte eine Frau und fünf Kinder durchzubringen - bis er im Alter von 30 Jahren auf einer Baustelle abstürzte, schwer verletzt wurde und monatelang ausfiel. "Damals konnten wir oft nicht einmal Brot kaufen", erinnert sich Abu Hamed. Er war 13, als er beschloss, sein Leben in die Hand zu nehmen und es nicht einfach zu erdulden.

Eine gute Chance: die Besatzer kennenlernen

Tritt man aus der Klinik, so scheint es, als hätte sich draußen seither wenig verändert. Die enge Hauptstraße, staubig und voller Schlaglöcher, windet sich durch Sur Bahir. Schmucklos die Häuser, klein die Läden. Der Ort liegt mitten im wohl umstrittensten Fleckchen Erde der Welt. Dies ist heiliges Land für Juden und Muslime. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel das Land. Bis heute ist dessen völkerrechtlicher Status offen. Anders als das übrige besetzte Territorium wurde Ostjerusalem nicht dem palästinensischen Autonomiegebiet zugeschlagen, doch zu Israel gehört es auch nicht. Wie viele andere hier hat Abu Hamed zwar einen israelischen Personalausweis, aber einen jordanischen Pass.

Die Lebensbedingungen der 30 000 Einwohner sind miserabel. Die Kleinstadt Sur Bahir hat die Infrastruktur eines Dorfes. Sobald einer sein Auto am Straßenrand parkt, ist die Hauptstraße nur noch in eine Richtung befahrbar. " Jeden Abend bricht der Verkehr zusammen", sagt Abu Hamed. Am schlimmsten aber ist die Enge. Israel hat große Teile des Ortes als Grünfläche ausgewiesen, vor allem jene Bereiche, die nah an der Grenze liegen. Die Bevölkerung wächst rasch. Es fehlt an Baugrundstücken und an Geld sowieso. "Viele Familien haben als Wohnraum nur ein einziges Zimmer."

Immerhin könnten die Menschen alles Nötige einkaufen. "Sur Bahir ist heute eines der drei funktionierenden Viertel von Ostjerusalem", sagt Abu Hamed. Spielzeug, Haushaltswaren und Stoffe hängen vor den Läden gegenüber der Klinik. Das ist noch nicht lange so. Bis 1990 war der Ort eng mit dem rund vier Kilometer entfernten Bethlehem verbunden, "die Leute haben dort eingekauft und gearbeitet". Doch seither wurden die Sicherheitsbestimmungen verschärft und Kontrollposten errichtet, wodurch der Kontakt ins Westjordanland erschwert wurde.

2003 begann schließlich der Bau der Mauer um weite Teile des Autonomiegebietes. Seither ist Sur Bahir eingeklemmt: An zwei Seiten von israelischem Staatsgebiet, an der dritten von einer der umstrittenen jüdischen Siedlungen in Ostjerusalem, die vierte wird durch den Sicherheitszaun gezogen. Immerhin gelang es den Einwohnern, per Gerichtsbeschluss durchzusetzen, dass die Sperranlagen nun ein Stückchen weiter südlich verlaufen als geplant, sonst wären die Dorfbewohner von ihren Äckern und Olivenhainen abgeschnitten gewesen.

Nur das einst benachbarte Bethlehem ist plötzlich fern: Mehr als eine Stunde dauert der Umweg quer durch Westjerusalem bis zum Checkpoint Bethlehem und dann weiter mit dem Bus in die Geburtsstadt Jesu. Der Weg zurück dauert noch länger, denn die Kontrollen bei der Einreise in israelisches Gebiet sind streng, die Wartezeiten oft lang.

Als Fuad Abu Hamed beschloss, dass er anders leben wollte, ging er noch zur Highschool in Ostjerusalem, wo er durch gute Leistungen auffiel. Doch an ein Studium an der Hebräischen Universität war danach nicht zu denken: kein Geld. Stattdessen lernte er Landvermessung an einer Schule der Vereinten Nationen. "Ein paar Jahre habe ich als Vermesser gearbeitet. Ich habe das nicht gemocht, aber ich hatte keine Wahl."

1994 gab es eine freie Stelle bei B'Tselem, einer Organisation, die sich um die Einhaltung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten kümmert. Abu Hamed bewarb sich und wurde angenommen. Jahrelang dokumentierte er Übergriffe auf Palästinenser und die Ausbreitung der jüdischen Siedlungen. "B'Tselem war eine riesige Chance für mich", sagt er - weil er sein Hebräisch verbessern und Englisch lernen konnte und zum ersten Mal direkt mit Israelis zu tun hatte.

"Viele Palästinenser", sagt er, "empfinden Israels Gesellschaft als verschlossen und feindselig. Dabei kennen sie sie aus eigenem Erleben gar nicht. Erst B'Tselem hat mir Beziehungen zu dieser Welt ermöglicht." Er lernte Menschen in schwierigen Situationen kennen und reagierte: "Wenn ich ein Problem sehe, denke ich über eine Lösung nach. Damals habe ich angefangen, systematisch zu überlegen, wie ich helfen kann."

1994 wurde in Israel ein neues Gesundheitsgesetz verabschiedet, das die Registrierung aller Bürger in einem medizinischen Zentrum des Ministeriums, der Gemeinden oder einer Versicherung vorschrieb. Das Gesetz gilt auch für die Jordanier mit israelischem Personalausweis in Ostjerusalem: für Versicherungen ein lohnendes Revier, weil die Bevölkerung dort überdurchschnittlich jung ist. Doch die Unternehmen scheuten das Investment in eigene Kliniken - mit dem Ende der israelischen Besatzung in den Palästinensergebieten wären auch die Zentren aufzugeben. "Da haben die Versicherungen das Provider-Modell erfunden: jemanden, der für sie eine Klinik betreibt, die Geräte anschafft und das Personal bezahlt. Dafür bekommt der Provider für jeden Patienten jeden Monat eine Prämie." Ein Erfolgsmodell, denn die Zentren hängen finanziell von den Patienten ab und engagieren sich entsprechend. Was als Notlösung für Ostjerusalem entdeckt worden war, soll nun Vorbild für ganz Israel werden.

1998 kündigte Abu Hamed den Job bei B'Tselem, um bei seinem Onkel einzusteigen, der als Provider eine Klinik in Ostjerusalem aufgebaut hatte. "Weil mein Hebräisch und meine Kontakte gut waren, wurde ich so etwas wie der Marketingmanager." Fünf Jahre später suchte die Versicherungsgesellschaft einen Provider für Beit Safafa, den Nachbarort von Sur Bahir. "Ich hatte zwar Erfahrung, aber kein Startkapital. Also habe ich mit dem Vertreter der Versicherung ausgemacht, dass sie mir jeden Monat so viel bezahlen, als hätte ich 1000 Kunden. Und dass sie diese Leistungen nicht zurückforderten, wenn ich in einem bestimmten Zeitraum tatsächlich 1000 Verträge abschließen würde." Noch im gleichen Jahr hatte Abu Hamed das Ziel übertroffen: 1321 Patienten. Doch die Krankenversicherung wollte die Vereinbarung nicht erfüllen. "Nun stand ich mit Schulden von rund 800 000 Schekel da, also mehr als 150 000 Euro."

Das war der Moment, in dem Abu Hamed beschloss, von nun an "wie einer der Großen zu spielen". Er kontaktierte eine andere Versicherung und bot ihr, falls sie die Schulden übernähme, seine Kunden an. "Sie haben das Angebot angenommen, einen neuen Vertrag mit meiner Klinik abgeschlossen und mir noch 1000 ihrer eigenen Kunden gegeben." Es hat sich für beide Seiten gelohnt: Schon bald hatte Abu Hameds Ärztezentrum in Beit Safafa rund 6000 Kunden. 2006 eröffnete er eine weitere Klinik in seinem Heimatort Sur Bahir. Und wieder spielte er "wie einer der Großen". Das Zentrum, ausgelegt für 10 000 Versicherte in einem Ort mit 30 000 Einwohnern: Das war gewagt, denn es gab bereits andere Kliniken. Doch die Wette ging auf: "In nur drei Jahren haben wir rund 8000 Mitglieder gewonnen. Ich denke darüber nach, hier noch ein Hospital zu bauen."

Sein Erfolgsrezept: Qualität und Extraleistungen. Nur die besten Ärzte, die neuesten Geräte, perfekten Service. Im Erdgeschoss gibt es eine Notaufnahme, ausgestattet mit einem Defibrillator, Sauerstoffgerät und einem kleinen Labor. In Ostjerusalem sind Notarzteinsätze nämlich ein Problem. Eine israelische Ambulanz darf nur in Begleitung von Sicherheitskräften in das Gebiet kommen - und bis das gelingt, ist es häufig zu spät. "Einige Menschen, die einen Unfall oder Herzanfall hatten, sind gestorben, weil die Ambulanz ausblieb. Hier bieten wir nun eine gute Erstversorgung, bis die Verlegung in ein Krankenhaus in Westjerusalem möglich ist."

Ins Kellergeschoss fährt man im silbrig glänzenden Aufzug dem ersten überhaupt in Sur Bahir. Dort gibt es ein modernes Röntgengerät, eine Frauenarztpraxis sowie einen Augenoptiker und eine Kosmetikerin - Letztere zwar nicht von der Versicherung bezahlt, aber gut für die Auslastung und das Geschäft. "Die Menschen gehen in die Klinik mit dem besten Service", sagt Abu Hamed. "Ich will Geld verdienen. Aber ich will auch eine gute Versorgung für meine Leute."

Um die Politik macht er dabei einen großen Bogen. Lieber kümmert er sich pragmatisch darum, Missstände abzustellen. "Von meiner Zeit bei B'Tselem kenne ich die Behörden in Israel gut. Diese Kentnisse habe ich einfach genutzt."

Am liebsten zeigt Abu Hamed seinen Ort von der grünen Linie aus, jenem Weg, der an der offiziellen Staatsgrenze Israels entlangführt. Der Blick von dort ist atemberaubend: sanfte Hügel bis zum Horizont. Biblisches Land. Hinter ihm beginnt Westjerusalem. Bis zum Kibbuz Ramat Rachel sind es nur ein paar Schritte. Dort sind die Straßen breit, die Gebäude klimatisiert, und Touristen machen Fotos vor dem Kaktus am Eingang des Kibbuz-Hotels. Doch keiner von ihnen überquert die Grenzlinie, so wie kaum jemand aus dem Osten in den jüdischen Westteil wechselt. "Wir haben einmal die Besichtigung einer Würstchenfabrik organisiert", sagt Shai Abramson von der Asper Foundation, die in Sur Bahir Hilfe leistet. "Die Teilnehmer waren komplett aus dem Häuschen. Nicht wegen der Fabrik, sondern weil sie zum ersten Mal aus Sur Bahir herausgekommen sind."

Sur Bahir ist eine kleine Welt, nur einen Katzensprung vom Industrieland Israel entfernt, eine zutiefst islamische Welt. Hier gibt es keine Frau ohne Kopftuch. Die palästinensische Gesellschaft ist politisch gespalten zwischen Hamas und Fatah. "Selbst in Ostjerusalem gibt es Dörfer, die radikaler sind als andere." Für Abu Hamed liegt das an Traditionen und der wirtschaftlichen Lage. "Die radikalen sind die armen Gemeinden". Sur Bahir gehört dazu.

Abu Hamed wird mittlerweile dennoch geachtet. "Ganz am Anfang gab es ein paar Stimmen", erinnert er sich, "dass wir auf gar keinen Fall mit Juden und Israels Behörden zusammenarbeiten dürften." Probleme meidet er, indem er die Regeln beachtet. "Ich respektiere unsere Gesellschaft. Ich habe gute Beziehungen zu allen Führern der Gemeinde. Und sie wissen genau, was ich tue." Mit jedem Projekt wachse die Zustimmung: "Die Menschen sehen die neuen Schulen und andere Verbesserungen."

Die Wahl zum Chef des Erziehungskomitees gewann er mühelos und nutzt seither seine Beziehungen in den Westteil der Stadt. "Wir haben viele offene Kanäle in Israel und zu internationalen Organisationen. Nur in der Stadtverwaltung habe ich noch keinen Partner gefunden", sagt er. Um das Recht seiner Tochter auf Bildung durchzusetzen, zog er sogar vor Gericht und gewann. "Der oberste Gerichtshof hat die Verwaltung aufgefordert, eine Schule für Mädchen zu bauen. Und jetzt planen sie schon die zweite." Die neue weiterführende Schule für Jungen steht auf einem ehemaligen Minenfeld. Dort verlief 1967 die Front zwischen Israel und Jordanien. Grünfläche eigentlich. Demnächst wird auch ein Gemeindezentrum entstehen.

In der Grundschule gegenüber ist Pause. Vom Hof dringt Kindergeschrei. Die Schule hat seit einigen Monaten einen neuen Direktor - eine Frau mit weißem Kopftuch. Abu Hamed hat als Chef des örtlichen Erziehungskomitees die junge Shereen Jabaly gegen den Widerstand aus dem Ort engagiert. "Natürlich war es nicht einfach. Auch weil sie nicht von hier stammt." Die größten Probleme gab es im Kollegium. Einige Lehrer fühlten sich durch eine Frau als Vorgesetzte gedemütigt. Doch Shereen Jabaly ist qualifiziert, und Abu Hamed will die Schulen in Sur Bahir unbedingt reformieren. "Wir haben große Probleme mit der Erziehung, vor allem in den Gemeindeschulen. Dass sie hier als Direktorin arbeitet, zeigt, was wir schon erreicht haben. Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen."

Auf die Bildung von Mädchen und Frauen kommt es Abu Hamed besonders an. Im Sommer 2010 erhielt er einen Preis der Asper Foundation für seine Businesskurse. Jeweils 20 Frauen ohne weiterführende Bildung bringt er darin die Grundkenntnisse bei, die sie für ein kleines Gewerbe brauchen. "Ein paar Frauen bei uns haben einen Universitätsabschluss - und gute Chancen auf Arbeit. Die ohne Studium haben dagegen oft keine andere Wahl, als zu Hause zu bleiben. Sie sind aber wichtig für ihre Familien. Sie können wirklich etwas verändern." Ursprünglich waren die Kurse ein Projekt der Asper Business School in Kanada. Die schickte regelmäßig Trainer. Doch der Hauptfinanzier zog sich zurück, nachdem er sein Vermögen beim Milliardenbetrüger Bernard Madoff verloren hatte.

Also sprang Abu Hamed als Trainer ein. Vier Kurse hat er bisher gegeben. Knapp 15 seiner Schülerinnen betreiben mittlerweile ein eigenes Geschäft. Ein schöner Erfolg, aber nicht mehr als ein Anfang: "Mehr als 80 Prozent haben einen Businessplan und sind startklar. Was ihnen fehlt, ist Kapital." Daher entwickelte er das Projekt weiter, versah es mithilfe der Asper Foundation und der Hebräischen Universität mit einer Mikrofinanzierung und einem Coaching-Programm für die Frauen. "Man mag es für naiv halten, wenn jemand auf ein Problem wie den Nahost-Konflikt mit der Förderung von Kleingewerbe antwortet", sagt Shai Abramson von der Asper Foundation. "Aber es ist einer der besten Wege, Frieden zu schließen, wenn man die Menschen in die Lage versetzt, dass sie ihre Familien versorgen können."

"Wirtschaftliche Entwicklung ist ein wichtiger Hebel", sagt auch Abu Hamed, die anderen sind Bildung und Dialog. Zum Beispiel mit dem hoch aufgeschossenen Mann mit bestickter Kippa, den Abu Hamed zwei Tage später in der Hebräischen Universität freudig begrüßt. Juda German ist Siedler nahe Ramallah, mitten im Autonomiegebiet. "Eigentlich mein geborener Feind", stellt Abu Hamed ihn lachend vor, "den ich nicht berühren sollte." Und dann umarmen sie einander.

"Am Ende will ich mich gleichwertig fühlen"

An der Hebräischen Universität in Westjerusalem geht Abu Hamed derzeit jeden Dienstag und Freitag einem großen Traum nach. Er ist wieder Student. Das weiße Hemd hängt locker über der Hose, der große Ring ist gegen einen kleinen silbernen ausgetauscht, nur die große Uhr und das Smartphone sind noch da. Abu Hamed besucht ein Doktorandenseminar für Wirtschaft und Politik, zusammen mit 28 Israelis und einem Beduinen. Dass der Kurs auch freitags stattfindet, ist ein Problem. Für Muslime ist das der heilige Tag. "Ich trinke keinen Alkohol und esse kein Schweinefleisch. Ab und zu gehe ich in die Moschee", sagt Abu Hamed. "Aber ich bin nicht streng gläubig." Doch er hat eine Frau und drei Kinder, da ist der Freitag der Familientag. Für das Studium macht er eine Ausnahme. "Wenn Sie mir vor 20 Jahren gesagt hätten, ich würde an der Hebräischen Universität promovieren: unvorstellbar. Aber jetzt glaube ich, dass ich es schaffen kann."

Viele Studenten kommen aus israelischen Behörden oder der Stadtverwaltung von Jerusalem. "Das ist gut für mich und meine Arbeit in Sur Bahir", sagt Abu Hamed. Etwa Natan Kandler, der Direktor des Jerusalem-Centers für junge Erwachsene, zuständig für die Weiterbildung von 20- bis 40-Jährigen. Abu Hamed arbeitet an einem Projekt "Führungsqualitäten" mit und verschafft seinen Leuten damit Zugang zu den Programmen von Kandlers Organisation. "Fuad kennt die Bevölkerungsgruppe, mit der er arbeitet, sehr gut", sagt Kandler. "Und wir wollen gemeinsam erreichen, dass sich die jungen Erwachsenen in Ostjerusalem als gleichberechtigte Einwohner erleben können."

In der Universität hat Abu Hamed auch an " Jerusalem 2048" mitgearbeitet, einer Vision, wie die Stadt hundert Jahre nach Gründung des Staates Israel aussehen soll. Integration, so das Ergebnis, hänge von drei Faktoren ab: Erziehung, nationale Identität und - Transport. Nur wo eine gemeinsame Infrastruktur für Busse und Bahnen bestehe, wachse eine Bevölkerung zusammen. Anzunehmen, dass er dabei an die Anbindung von Sur Bahir denkt. Es ist nicht leicht, den Überblick über Abu Hameds zahlreiche Aktivitäten zu behalten. Er sitzt im Vorstand von Jerusalems interkulturellem Zentrum, wo orthodoxe und säkulare Juden mit Palästinensern zusammentreffen. In Sur Bahir betreibt er ein Ökoprojekt an den Schulen, um das traditionell eher schwache Umweltbewusstsein der arabischen Bevölkerung zu verbessern. Und er hat mit ein paar Freunden eine Gesprächsgruppe gegründet, das Al-Kuds-Dialog-Center, um Palästinenser unterschiedlicher Herkunft an einen Tisch zu bringen. "Mir ist klar geworden", sagt er, "wie gegensätzlich die Positionen selbst in der jüdischen oder palästinensischen Gesellschaft sind. Daher will ich erst einmal einen gemeinsamen Weg mit meinen Leuten suchen."

Doch Abu Hamed kann offensichtlich viele unterschiedliche Aufgaben parallel bewältigen. So hat er sich ständig weitergebildet und neben der Arbeit etliche Kurse absolviert. An der Open University erwarb er einen Abschluss in Business Administration. "Ich habe dem offenen israelischen Bildungssystem viel zu verdanken", sagt der Geschäftsmann. "Niemand kann aus mir einen Juden machen. Aber wenn sie mir eine gute Ausbildung geben, werde ich ein guter Partner."

Ob der 39-Jährige, wenn er den Doktortitel erlangt hat, auch am Ziel seiner Träume angekommen sein wird? Erst bejaht Abu Hamed, dann zögert er. "Ich stehe vor einer großen Entscheidung. Ich wäre so gern Rechtsanwalt. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber einen ersten Abschluss in Jura könnte ich schaffen." Die Macht der Gesetze kennt Abu Hamed inzwischen gut: Selbst den Namen seines Dorfes hat er vor Gericht schützen lassen. Israels Verwaltung hatte den Ort nämlich Sur Baher genannt. Danach mussten alle Ortsschilder ausgewechselt und neue amtliche Karten gedruckt werden.

Am liebsten wäre ihm, wenn auch die politischen Karten erneuert würden und Ostjerusalem zu einem selbstständigen Palästina gehörte. "Für mich als Unternehmer wäre das eine Katastrophe, weil ich dann die Verträge mit den israelischen Versicherungen verlieren würde und vermutlich auch meine Kliniken." Aber Geld sei nicht alles. "Es gibt in Israel wirklich viele gute Menschen. Ich habe dort eine Menge Freunde. Aber am Ende will ich mich gleichwertig fühlen." Zum Beispiel, wenn er aus dem Ausland kommt, am Flughafen Tel Aviv in einem vergitterten Extrabereich die Hosen ausziehen muss und gründlich untersucht wird. "Dabei verstehe ich die Sicherheitsbedürfnisse der Israelis. Ich verstehe sie wirklich."

Er glaubt fest daran, dass Frieden möglich ist, später sogar eine Konföderation zwischen Israel und dem palästinensischen Hoheitsgebiet. Mit offenen Grenzen.

"Man braucht eine optimistische Vision", sagt Fuad Abu Hamed. Vor gut einem Jahr sei er im Kosovo gewesen und habe an einem der Massengräber gestanden. "Seither", sagt er, "empfinde ich unseren Konflikt als lachhaft. Trotz aller Probleme: Solchen Hass hatten wir hier nie." -