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Bye-bye, Dipl.-Ing.!

Das Markenbewusstsein deutscher Bildungspolitiker ist unterbelichtet – sonst hätten sie den Diplom-Ingenieur nicht abgeschafft. Einigen dämmert nun, dass das wohl keine so gute Idee war.




• Was ein anständiger Titel ist, der hat auch Prestige. Deshalb ist es wahrscheinlich ein Ausdruck von Bescheidenheit, dass die meisten der rund 650 000 Ingenieure hierzulande die Abschaffung des Dipl.-Ing. durch die Politik stoisch hingenommen haben. Umso vehementer kämpft Ernst Schmachtenberg, Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, für die mehr als hundert Jahre alte Berufsbezeichnung. "Diese international strahlende Marke abzuschaffen ist in etwa so sinnvoll, als wenn sich Mercedes von seinem Stern trennen würde", sagt der 58-Jährige. Gemeinsam mit den Chefs acht weiterer führender Technischer Universitäten hat er sich zu einer Gruppe namens TU9 zusammengeschlossen, die für die Wiedereinführung des "Qualitäts-Labels" trommelt und es unbedingt weiter vergeben will. Denn der Dipl.-Ing., so Schmachtenberg, "steht weltweit für deutsche Wertarbeit – dafür, dass das Auto fährt, die Brücke hält und das Kraftwerk funktioniert".

Der Titel ist ein Opfer der 1999 begonnenen Bologna-Reform zur Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens. Demnach wird der Diplom-Ingenieur mit der Umstellung der Studiengänge durch den "Master of Engineering" beziehungsweise "Science" ersetzt. Allerdings sind nationale Ausnahmen zulässig. So hält Frankreich an dem traditionellen akademischen Grad fest. Und Österreich – ein Land, in dem man Titel seit je zu schätzen weiß – hat eine einfache Lösung für das Problem gefunden: Dort ist der Dipl.-Ing. ein Mastergrad. Die Absolventen können sich also für die alte oder die neue Berufsbezeichnung entscheiden.

So viel Flexibilität ließen die deutschen Bildungspolitiker nicht zu und versprachen: "Der deutsche Master in den Ingenieurswissenschaften wird sich bald zu einem internationalen Markenzeichen entwickeln." Mit dieser Logik, ätzt der Publizist Wolf Schneider in einer Broschüre der TU9, könne man auch Coca-Cola raten: "Tauft euch um! Der neue Name wird sich bald ..."

In der Wirtschaft, wo starke Marken mehr als nur die halbe Miete sind, sehen das viele ähnlich. So setzen sich Top-Manager wie der Daimler-Chef Dieter Zetsche und der Linde-Vormann Wolfgang Reitzle, beide promovierte Dipl.-Ing., dafür ein, den Titel beizubehalten. Und auch einige Politiker sind offenbar in sich gegangen. So sprach sich die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) für das österreichische Modell aus. Ihr Parteifreund Peter Frankenberg, Wissenschaftsminister im Tüftler-Ländle Baden-Württemberg, will sich in der Kultusministerkonferenz (KMK) für die Wiedereinführung des Diplom-Ingenieurs starkmachen; die Hochschulen sind Ländersache.

Allerdings gibt es beim Projekt Markenrettung ein Problem: Die Zunft ist sich nicht einig. So will die TU9-Gruppe, dass der Dipl.-Ing. nur an Technischen Universitäten verliehen wird. Dagegen wird von Fachhochschulen – Stichwort Prestige – vehement opponiert. Deshalb, so ist aus der KMK zu hören, wird der gute alte Titel entweder an allen deutschen Hochschulen wiedereingeführt - oder aber es heißt endgültig: bye-bye, Dipl.-Ing.! •

Der Dipl.-Ing. ist ein Geschenk Kaiser Wilhelms II. Er gewährt 1899 in seiner Doppelrolle als preußischer König den drei technischen Landeshochschulen das Promotionsrecht. Außerdem dürfen sie fortan den Grad eines Diplom-Ingenieurs verleihen. "Sie sind zu großen Aufgaben berufen!", spornt er die Techniker an. Und meint damit unter anderem die Aufrüstung des Deutschen Reiches. Was die so Geadelten freut, ärgert die traditionelle akademische Elite der Geistes- und Naturwissenschaftler an den Universitäten. Doch auch ihr erbitterter Widerstand kann den Aufstieg der technischen Intelligenz im Zeitalter der Industrialisierung nicht aufhalten. Die Ingenieure bauen ihre Hochschulen nach dem Vorbild der Universitäten aus. Um den wachsenden Bedarf an Nachwuchs zu decken, werden für aufstiegswillige und besonders qualifizierte Facharbeiter zudem technische Mittelschulen gegründet, die Vorläufer der heutigen Fachhochschulen. Seither streiten Theoretiker und Praktiker unter den Ingenieuren darüber, wer den Dipl.-Ing. zu Recht führen soll. Ein Punktsieg für die Theoretiker: Ab 1987 müssen die Absolventen von Fachhochschulen den Titel mit dem von vielen als herabsetzend empfundenen Zusatz (FH) tragen. Was erklärt, warum man an den Fachhochschulen über die Abschaffung des Dipl.-Ing. und die Einführung der Bachelor-/ Masterabschlüsse nicht so unglücklich ist.