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Wir sind die Bank

Arme werfen Geld in einen Topf, leihen es sich gegenseitig und verdienen an den Zinsen. Das klingt abenteuerlich, funktioniert aber. Zum Beispiel in Spanien.




- Sergio Quinteros überschlägt den Gewinn für das vergangene Jahr: 53 Euro bei einer Einlage von 340 Euro. Mehr als 15 Prozent Rendite - freut sich der 27-jährige Aushilfskellner mit der Baseball-Kappe. Vor rund fünf Jahren kam er auf der Suche nach einer besseren Zukunft aus Chile nach Barcelona. Jetzt sitzt er in den Räumen der Organisation Desarrollo Comunitario im Stadtteil Gracia. Neben sich Jean-Claude Rodríguez-Ferrera, dem Gründer der Initiative. Vor sich einen Computer. Seit Kurzem ist Quinteros Chef einer zehnköpfigen Comunidad Autofinanciada (CAF), eines selbst organisierten Finanznetzes, dessen Anteilseigner er zugleich ist. 340 Euro hat er in den vergangenen vier Jahren jeweils eingezahlt, dafür gehören ihm heute 17 Prozent des Netzes. Und weil sein Geld in dieser Zeit immer wieder von anderen Mitgliedern geliehen und mit Zinsen zurückgezahlt wurde, konnte er Jahr für Jahr eine beachtliche Rendite einstreichen.

An diesem Vormittag soll er lernen, wie er die Einzahlungen, Kredite und Zinsen der einzelnen Mitglieder seiner Gruppe digital verwalten kann. Denn seit Quinteros die ehrenamtliche Aufgabe des Vorstands übernommen hat, ist er nicht nur dafür verantwortlich, regelmäßige Treffen der Mitglieder zu veranstalten. Er muss auch deren Gelder verwalten, Kredite ausgeben und die Rückzahlungen überwachen. Sein Vorgänger machte das noch mit Stift und Papier. Doch weil es mittlerweile in Spanien 26 CAFs gibt, hat Rodríguez eine digitale Buchführung entwickeln lassen. Sie soll die Arbeit erleichtern - und einen Überblick über die Entwicklung der Netze schaffen, deren Zahl von Monat zu Monat steigt. So kann Rodríguez beweisen, dass sich seine anfangs belächelte Idee - "sozial schwächer gestellte Menschen fungieren als ihre eigene Bank" - zu einer beeindruckenden Erfolgsgeschichte entwickelt hat.

Das war 1996 noch nicht abzusehen, als Rodríguez seine Doktorarbeit in Ökonomie über das Thema Mikrokredite schrieb. Noch interessierte sich in Europa kaum jemand für das Thema. Erst zehn Jahre später sollte der Bangladescher Muhammad Yunus dafür den Friedensnobelpreis erhalten. Rodríguez war einer von nur vier Europäern, die einer Einladung zum ersten Mikro-kredit-Kongress der Weltbank in Washington folgten. Dort erlebte er eine Überraschung: Er traf nicht nur auf Hunderte Menschen aus Lateinamerika, Asien und Afrika, die über jahrelange, praktische Erfahrungen mit Mikrokrediten verfüg ten. Er erfuhr auch, dass sich in vielen Ländern Arme in Gruppen zusammengeschlossen hatten, um sich unabhängig von Banken zu machen, deren Aufgaben sie weitestgehend selbst übernommen hatten. Mehr als vier Jahre verbrachte der Katalane dann vor allem in Guatemala, um die Funktion dieser Netze zu studieren.

Hohe Zinsen und kaum Ausfälle - davon können traditionelle Banker nur träumen

Als er 2002 endgültig nach Barcelona zurückkehrte, um für die Caixa Catalunya, eine Art Sparkasse, das Mikrofinanzgeschäft aufzubauen, erkannte er: Auch in Spanien gab es Bedarf für unabhängige Finanznetze. Denn Mikrokredite wurden nur als Starthilfe an Mittellose vergeben, die sich selbstständig machen wollten. Wer kurzfristig Geld für einen anderen Zweck brauchte - etwa für Zahnersatz oder um in einem kalten Winter die gestie genen Heizkosten zu finanzieren - war auf Kredithaie angewiesen. Hinzu kam: Die Zinsen - egal, ob für Mikro- oder Wucherkredite - kassierten in der Regel die Banken. In Lateinamerika hatte Rodríguez gesehen, wie sie den Armen selbst zugute kommen können.

Für den Beweis, dass dies auch in der Alten Welt funktioniert, wurde Rodríguez, der Mitglied der Vereinigung Sozialer Unternehmer Ashoka ist, 2007 mit dem Creative Young Entrepreneur Award ausgezeichnet. Er sagt: "Die Idee der finanziellen Netzwerke ist ein Exportschlager aus der Dritten Welt." Dies auch deshalb, weil in Europa der Anteil derjenigen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, von Jahr zu Jahr steigt. Vor allem für Einwanderer ist es schwer, an Geld zu kommen.

Das Prinzip der finanziellen Selbsthilfe funktioniert so: Jede Gruppe besteht aus mindestens zehn und maximal 30 Personen, die sich idealerweise alle untereinander kennen. Gemeinsam wird festgelegt, welche Summe jeder in den Kapitalstock einzahlen muss, oft sind es nur um die 20 Euro. Je mehr man einzahlt, umso höher der eigene Anteil: Verfügt das Netz insgesamt über 1000 Euro, hält derjenige, der 100 Euro eingezahlt hat, zehn Prozent. Allerdings darf niemand mehr als die Hälfte der Anteile eines CAFs besitzen. Ist das Kapital zusammen, darf sich jedes Mitglied ohne Angabe von Gründen Geld leihen. Die Zinsen legen die Mitglieder gemeinsam flexibel fest, meist liegen sie der Einfachheit halber bei einem Prozent pro Monat. Die erwirtschafteten Gewinne werden gemäß den Anteilen untereinander verteilt. Einige CAFs zahlen zusätzlich in einen Notfallfonds ein. Auf den wird dann zurückgegriffen, wenn Mitglieder beispielsweise schwer erkranken.

Um sicherzugehen, dass niemand mit dem Ersparten durchbrennt, kann Geld nur dann vom Konto des Vorstands abgehoben werden, wenn mindestens drei Mitglieder einen Scheck unterschreiben. Um die Verluste bei einem Kreditausfall gering zu halten, darf ein Mitglied sich höchstens das Vierfache der Summe ausleihen, die es selbst eingezahlt hat. Zusätzlich muss jeder einen Partner in der Gruppe benennen, der im Notfall für ein weiteres Viertel haftet. Hat jemand 100 Euro in den Kapitalstock eingezahlt, kann er sich also maximal 400 Euro leihen. Kann er diese 400 Euro nicht mehr zurückzahlen, liegt der Ausfall für die Gruppe bei maximal 200 Euro.

Dazu ist es seit Gründung des ersten Netzes vor fünf Jahren erst einmal gekommen, als ein Mitglied über Nacht mit seinem geliehenen Geld verschwand. Die Rendite für die Anteile an den Finanzgruppen liegt zwischen 11,7 und 17 Prozent. Es gelingt also, ein Mehrfaches der Summe zu erwirtschaften, die eine normale Bank ihnen an Zinsen für Kleinstbeträge zahlen würde.

Tuta Dienaba, 40, eine Senegalesin, die 1993 nach Spanien kam, ist Mitglied der CAF El Intento, deren Mitglieder in der Mehrheit in Girona leben, einer Stadt rund hundert Kilometer nördlich von Barcelona. Ihre Gruppe besteht aus 42 Mitgliedern, in der Mehrheit Männer und Frauen aus dem Senegal. Eigentlich sind sie schon zu viele, konnten sich aber noch nicht zur Teilung der Gruppe durchringen. Mehr als 20 000 Euro haben sie derzeit in der Kasse. Zuletzt hat sich Dienaba im September 2008 etwas geliehen, rund 500 Euro, als das neue Schuljahr begann und sie ihren Kindern neue Bücher und neue Kleidung kaufen wollte. Einige Monate davor brauchte sie kurzfristig Geld für Verwandte in der alten Heimat.

Die Möglichkeiten, unbürokratisch an Geld zu kommen, Gebühren zu sparen und Erspartes profitabel für sich arbeiten zu lassen, haben Dienaba überzeugt, 2004 der Gruppe beizutreten. Außerdem erlebt sie dort Gemeinschaftsgefühl und Rückhalt. Das wiederum hat ganz praktische Vorteile: Die Mitgliedschaft in einem Finanznetz gilt mittlerweile als Zeichen für Vertrauenswürdigkeit. Rodríguez hat darauf reagiert und ein Verzeichnis all der Dienstleistungen angelegt, die CAF-Mitglieder anbieten. Wer etwa Hilfe bei der Wohnungsrenovierung oder Kinderbetreuung sucht, kann dort nachschlagen. Umgekehrt machen Firmen und andere Institutionen spezielle Angebote. So helfen Anwälte bei Fragen zum Sozialrecht oder bei Abschiebeverfahren. Immer mehr Vermieter akzeptieren die Mitgliedschaft in einer CAF als Sicherheit - auch, weil im Notfall eines der anderen Gruppenmitglieder haftet.

Manche Versicherungen und Banken wie die Caixa Catalunya haben die neue Klientel ebenfalls entdeckt. So denkt man bei Letzterer darüber nach, die Mitgliedschaft in einer CAF als Garantie für Kleinkredite zwischen 3000 und 15 000 Euro zu akzeptieren. So könnte die Bank Erfahrungen auf einem neuen Geschäftsfeld sammeln - und etwas fürs Image tun. Sobald es mehr als 200 CAFs gebe, wolle man verstärkt in sie investieren, hat man Rodrí guez signalisiert. Dies sei eine Größenordnung, ab der die Finanznetze aus Sicht des Geldinstituts interessant würden.

Sie werden es dann mit kundigen Kunden zu tun haben. So haben die Mitglieder von Dienabas Gruppe bereits dreimal per Beschluss die monatlichen Zinsraten verändert. Und in der derzeitigen Krise zudem einen Kreditvergabe-Stopp verhängt, der so lange gilt, bis die Kasse wieder voll ist. Rodríguez, der auch Professor für Wirtschaft an der Universität Ramon Llull in Barcelona und der Politechnischen Universität Katalonien ist, nimmt gern Studenten mit zu den Gruppentreffen. Die staunen, wie firm manche der Mitglieder in Geldangelegenheiten sind. Auch das ist ein positiver Effekt der Selbstorganisation: In den Finanzringen lernt man, unternehmerisch zu denken und mit Geld umzugehen.

Bedarf für solche Initiativen gebe es auch in Deutschland. Jürgen Weber, Vorsitzender des Potsdamer Vereins Hartz IV Betroffene e. V., berichtet, dass es für viele Arbeitslosengeld-Empfänger schwierig sei, ein Konto zu eröffnen, obwohl die Geldinstitute dazu verpflichtet seien. Gelingt es, fallen hohe Kontogebühren an. Zwar gebe es die Möglichkeit, zinslose Darlehen von den Arbeitsagenturen zu bekommen, aber dazu müsste ein Antrag gestellt werden, dessen Prüfung häufig Wochen dauere.

Die meisten Banken scheinen an Kunden mit geringem Einkommen nicht interessiert. Auch bei Internetforen wie Smava, das Kredite zwischen den Mitgliedern vermittelt, sind Arbeitslose "aufgrund ihrer Bonität" nicht zugelassen. Ein regelmäßiges Einkommen und ein unbefristeter Arbeitsvertrag sind Voraussetzung, um dort ein Darlehen zu erhalten. Besonders schwierig ist die Lage für Ausländer, die nur geduldet sind: Sie dürfen seit dem im August 2008 erlassenen Geldwäschegesetz derzeit kein Konto eröffnen. Arme gelten als Risikogruppe. Umso wichtiger wäre es, ihnen die Möglichkeit zu geben, die bestehenden Vorurteile zu widerlegen.

Rund 3000 Euro kostet die Gründung einer neuen CAF, der größte Teil davon ist für die Anleitung der Mitglieder, rechnet Rodríguez vor. Bisher wurden diese Kosten zu einem großen Teil von einer Stiftung der Caixa Catalunya getragen. Diese hat jedoch angekündigt, "aufgrund der Finanzkrise" ihr Engagement zu beenden, weshalb andere Förderer nachrücken, zum Beispiel die Levi Strauss Foundation, vor allem aber der Staat.

In Spanien ist die Zahl der Privatinsolvenzen ebenso wie in anderen Ländern enorm gestiegen - auch wegen wirtschaftlicher Unkenntnis vieler Armer. Politiker möchten daher finanzielle Selbsthilfegruppen in allen Regionen fördern, um die Menschen ökonomisch zu schulen. Und nebenbei den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern, denn in vielen CAFs arbeiten Einheimische und Einwanderer zusammen. Manche der Spanier sind mittellos, andere machen mit, weil sie die Idee gut finden oder schlicht Geld verdienen wollen.

Doch immer geht es in den Netzen um zwei Prinzipien: Vertrauen und Kontrolle. "Die Zahlungsmoral", sagt Rodríguez, "ist deshalb so gut, weil die Gruppe für den Einzelnen wichtig, das Zusammengehörigkeitsgefühl stark und der soziale Druck beim Brechen von Gruppenregeln dementsprechend hoch ist." -