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Rent a Soz.-Päd.

Raus aus der Wohlfahrtsbürokratie, rein in die Selbstständigkeit als Sozialdienstleister. Ein Münchener Paar macht das seit 15 Jahren mit großer Lust.




- Michael Walter kann sich noch gut an den Titel der Skizze für eine Geschäftsidee erinnern - "Rent a Soz.-Päd." hieß er. Gut 25 Jahre ist das her, Walter studierte damals Sozialpädagogik an der Fachhochschule in Esslingen und sammelte in einem Ordner "verrückte Sachen, Spinnereien". Inzwischen leitet er das Kinderhaus Regenbogen in Stuttgart und hat ein Projekt mit auf die Beine gestellt, das der Rent a Soz.-Päd.-Idee ziemlich nahekommt und vielen auch ein Vierteljahrhundert später immer noch als Spinnerei erscheinen dürfte.

Jedenfalls gibt es bundesweit nur einige wenige Dutzend ähnlicher Initiativen und wahrscheinlich keine zweite, bei der ein kirchlicher Kindergartenträger und ein auf Gewinn ausgerichteter privater Dienstleister so zusammenarbeiten: Für Kinder, die bis zum regulären Ende um 17.30 Uhr im Kinderhaus Regenbogen betreut werden, schließen die Eltern einen Vertrag mit der Katho lischen Kirchengemeinde St. Elisabeth ab, wobei der vor Ort übliche, subventionierte Gebührensatz von 63 Cent pro Stunde gilt. Für eine Verlängerung bis 20 Uhr und für die Betreuung an Samstagen ist das Institut für Sozialpädagogische Arbeit, kurz Isar, eine gemeinnützige GmbH mit Sitz in München, zuständig, die den Eltern dafür fünf Euro pro Stunde berechnet. Diese Firma zeigt - nicht nur bei Kinderbetreuung -, was möglich ist, wenn Sozialarbeit unternehmerisch verstanden wird.

"Der Charme der Kooperation besteht darin, dass wir für das zusätzliche Betreuungsangebot des Privaten das bestehende Haus des öffentlichen Trägers nutzen", sagt Walter über das Projekt in Stuttgart. Für Kinder, Eltern und Erzieher scheint das Modell ideal: Noch während des Mittagessens in der Kita können Eltern ihr Kind kurzfristig für die Betreuung am Abend anmelden; den Kindern werden kein Ortswechsel und keine neuen Gesichter zugemutet; die Erzieherinnen können sich durch das Honorar des privaten Dienstleisters Isar ein Zubrot verdienen.

Jahrelang hatte Regenbogen-Chef Walter zunächst erfolglos mit der Stadt Stuttgart verhandelt, um Eltern die längere Betreuung ihrer Kinder zu ermöglichen und musste sich so "absurde" (Walter) Einwände anhören wie den, "so würde Müttern mit Steuermitteln das abendliche Golfspielen finanziert". Reserviert reagierten auch große Teile der Kirchen gemeinde. Die einen, weil in ihr christliches Familienbild keine allzu lange Betreuung außer Haus passt; die anderen, weil sie keinen Sonderfall unter den insgesamt sechs Kitas der Kirchengemeinde schaffen wollten. Dass es die verlängerten Betreuungszeiten dennoch gibt, hat mit Jürgen Staiger zu tun, einem ehemaligen Kommilitonen, mit dem Michael Walter damals an der Fachhochschule gemeinsam den "Ideen"-Ordner füllte. Walter: "Ich rief ihn an, weil ich wusste, dass Staiger noch viel konsequenter war beim Verwirklichen ungewöhnlicher Vorhaben."

Staiger, 55, ist Gesellschafter des Münchener Sozialdienstleis ters Isar, den er gemeinsam mit Andrea Schneider, 50, führt, der die andere Hälfte der GmbH gehört. Dabei ist die Kooperation mit dem Kinderhaus Regenbogen nur eine von mehreren ungewöhnlichen Initiativen; wahrscheinlich gibt es bundesweit keinen anderen privaten Sozialdienstleister, der so unkonventionell ist und sich in so vielen Nischen bewegt wie dieser. Wie überhaupt das Duo Schneider / Staiger kein alltägliches ist.

Das fängt damit an, dass sich die beiden, obwohl seit vielen Jahren auch privat ein Paar, mit dem Nachnamen ansprechen. "Frau Schneider" ist eine Bäckers tochter aus München, die einmal Zahntechnikerin lernte, aber dann feststellte, "dass das nix war für mein Temperament". Ihr Temperament erahnt man, wenn sie über sich selbst sagt: "Ich kann bestialisch arbeiten." Dagegen ist "Herr Staiger" mehr der ruhige Typ, ein schmaler, kleiner Mann mit grauem Bart, der manchmal so umständlich redet, dass man in ihr das Temperament brodeln sieht. Der Stuttgarter Staiger hat viele Jahre als Versicherungskaufmann gearbeitet, bevor er Soziale Arbeit und Philosophie studierte und dann bei einem Wohlfahrtsverband in München landete, wo er auf die Kollegin Schneider traf.

Dort gärte in ihnen langsam, aber immer stärker der Ärger, und es reifte der Wunsch, anders zu arbeiten. Selbstständig. Ohne Verwaltungsapparat, Etat-Denken und Formulare. Und ohne Verbandsapparatschiks, die vor allem wissen, warum etwas auf keinen Fall geht und so wie vorgeschlagen schon gleich zweimal nicht. Schneider und Staiger einte außerdem die Überzeugung, dass sie gemeinsam vieles besser machen könnten, menschlicher, aber auch schneller und effektiver.

"Wirtschaftliches Denken und soziale Arbeit zusammenzubrin gen hat doch für viele einen Hautgout", sagt Staiger "Es herrscht immer noch die Meinung, soziale Arbeit gäbe es umsonst, und die Wohlfahrtsverbände tun ja auch teilweise so, als sei ihre Motivation rein karitativ."

Schneider macht dieses "falsche Getue stocknarrisch", wie sie sagt. Sie glaubt, "dass die Welt ganz gut funktionieren könnte, wenn jeder, der etwas für einen anderen tut, ob Arzt, Gärtner oder Sozialarbeiter, als Anerkennung für seinen Dienst eine ordentliche Bezahlung bekommt". Dem Hautgout zum Trotz sagt Staiger: "Fast jeder kann uns buchen, Unternehmen, Privatleute, Kommunen, Verbände. Wenn ein Sohn, der in den USA Karriere macht, eine Hilfe für seine alte einsame Mutter in Deutschland braucht, kann er sich ebenso an uns wenden wie ein Sportverein, der feststellt, dass der Jugendtrainer ohne professionelle Anleitung nicht mehr mit seinen Jugendlichen klarkommt." Und dann erzählt Schneider von einer alten, kranken Frau, die sie betreute und die noch einmal nach Teneriffa fliegen und den Strand sehen wollte: "Das haben wir gemacht, obwohl uns viele davon abrieten. Mir ging das Herz auf, wie die alte Dame glücklich am Meer stand. Sechs Wochen später ist sie gestorben. Wenn man so etwas erleben darf und dann noch Geld dafür bekommt - das ist doch super! "

Viele Projekte, viele Einnnahmequellen

Das Institut für Sozialpädagogische Arbeit gibt es seit 15 Jahren. Es setzt heute etwa 1,1 Millionen Euro pro Jahr um und beschäf tigt in München und einer kleinen Außenstelle in Stuttgart zehn festangestellte Mitarbeiter - Sozialpädagogen, Psychologen, Soziologen und je nach Auftrag freiberufliche Mitarbeiter, darunter Juristen, Heilpraktiker, Ärzte, Erzieher, Musiker und Tanzpädagogen. Gesteuert werden sie von einem Büro aus, das man zunächst für eine normale Vier-Zimmer-Wohnung hält und in dem die Chefin täglich mit einem Gong zum selbst gekochten vegetarischen Mittagessen in die Küche ruft. "Wir leben von unserer Flexibilität", sagt Staiger, und Schneider ergänzt: "Unser Angebot ist kein Konzept für eine bestimmte Nische der Sozialarbeit, mit dem wir dann überall hausieren gehen." Die Geschäftsfelder von Isar sind das Ergebnis von Nachfrage und eigenem Interesse: "Wenn ein Mitarbeiter sich für etwas Neues berufen fühlt, ja mei, dann soll er's machen, wenn er's packt", findet Schneider.

Am Anfang stand die Betreuungsarbeit. Vom Amtsgericht beauftragt, kümmert sich Andrea Schneider um alte, behinderte, psychisch kranke Menschen, die ihr Leben allein nicht mehr organisieren können. Die Sozialpädagogin begleitet sie zum Notar, zum Vermieter, unter die Leute und oft auch bis zu ihrem Tod, wie jene alte Frau, die noch einmal das Meer sehen wollte. "Es gibt Berechnungen, wonach ein Betreuer etwa 70 Kun den braucht, um von der gesetzlich vorgeschriebenen Vergütung leben zu können. Mit meinem Verständnis von dieser Arbeit passt das nicht zusammen, weil man den Menschen nicht mehr gerecht wird", sagt Schneider, die nur 20 Bedürftige betreut. Sie mache diese Arbeit leidenschaftlich gern und könne sich die geringe Zahl von Kunden nur "leisten", weil das Institut auch andere Einnahmequellen hat.

Eine davon ist betriebliche Sozialarbeit für kleine und auch für ganz große Firmen, deren Personalabteilungen an ihre Grenzen stoßen und die ihren Mitarbeitern im Unternehmen feste Sprechstunden bei Soz.-Päds. einrichten. Andere Firmen arrangieren für ihre Mitarbeiter Termine bei Isar oder - noch diskreter - in deren Privatwohnungen, um über Mobbing und Selbstmord absichten, die Sorge um den Arbeitsplatz, über Schulden, Alkohol- oder Eheprobleme zu sprechen.

Eine andere Einnahmequelle sind Wohnungsbaugesellschaften. Vor allem mit der Münchener Igewo, einem Unternehmen mit rund 2000 Wohnungen, das seinen Ursprung in der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft und im sozialen Wohnungsbau hat, arbeitet das Institut seit vielen Jahren zusammen. Rent a Soz.-Päd. auf Stundenbasis oder per Monatspauschale: Auf Kosten der Immobilienfirma schlichten Isar-Mitarbeiter Streit zwischen Nachbarn, kümmern sich um "schwieriges Mieterpotenzial", das zuvor in Frauenhäusern und Männerwohnheimen lebte, um ehemalige Obdachlose und psychisch Kranke, die keinem mehr die Tür öffnen. Sie sitzen als Concierges im Hauseingang, beraten Mieter und organisieren im Sommer Ferienprogramme für Kinder und Jugendliche - woraus nun die neue Idee entstand, ihnen (und nicht den Eltern! ) eine feste Sprechstunde anzubieten, in der sie sich aussprechen können.

"In erster Linie haben wir die soziale Motivation, Menschen ihren Wohnraum zu erhalten", sagt Igewo-Prokuristin Elfi Netzker. "Aber wir sind auch überzeugt, dass wir selber wirtschaftlich davon profitieren, weil solche sozialen Dienste Stabilität in ein Haus bringen." Die ist Geld wert: geringere Fluktuation, weniger Vandalismus, weniger Mietausfälle und seltener teure Räumungs klagen. "Diese Leute sind sehr flexibel", lobt Netzker. "Die klingeln auch mal am Sonntag oder abends um neun und bekommen Türen geöffnet, die bei anderen verschlossen bleiben."

Mit der Igewo haben die Sozialdienstleister auch ihr bislang größtes Einzelprojekt realisiert - eine ambulant begleitete Senio-ren-WG. Die Initialzündung dazu ergab sich, als Schneider für einen Klienten eine Wohnung suchte und im Erdgeschoss eines ehemaligen Postwohnheims in München-Pasing geeignete Räume entdeckte. Es dauerte Jahre, bis alles passte: der Umbau der Wohnung zu Ein-Zimmer-Apartments und deren Belegung mit den richtigen Leuten. "Zuerst hieß es, wir würden Plätze genehmigt bekommen, entweder für Behinderte oder gerontopsychiatrische Fälle", erzählt Schneider. "Zum Donnerwetter, ich will aber die Gesellschaft nicht ständig sortieren müssen, damit sie in irgendein Raster passen. Wenn einer hierher will, weil er die Gegend und das Konzept schön findet, dann soll der einziehen dürfen."

Inzwischen leben neun mehr oder weniger hilfsbedürftige alte Menschen in zwei WGs. Um ihre Pflege kümmert sich ein Pflegedienst, alles andere leisten zwei Isar-Mitarbeiter, die täglich für mehrere Stunden da sind. Das Konzept ihrer Arbeit hängt an einer Tür: "Bitte nicht helfen." "Wir machen kein Animationsprogramm, sondern lassen die Herrschaften unter unserer Anleitung so viel wie möglich selber machen", sagt Staiger. Schuhe binden. Wäsche bügeln. Socken stopfen. Kartoffeln schälen. Kochen. Tisch decken und abtragen. Abspülen. Einkaufen. Zum Frisör gehen. Am Telefon einen Termin mit dem Arzt ausmachen und seine Telefonnummer im Telefonbuch suchen. "Unsere Herrschaf ten sind abends müde von dem, was sie tagsüber geleistet haben. Die brauchen kein Schlafmittel wie anderswo", sagt Staiger.

Auch für Sozialarbeit gilt: Kleine sind innovativer

Im Haus wohnen außerdem drei junge, psychisch angeschlagene Menschen, um die sich die Sozialpädagogen ebenfalls kümmern. Und im Hausgang zwischen den beiden WGs sitzt dreimal in der Woche mittags eine Isar-Mitarbeiterin als Concierge im ehemaligen Empfangszimmer des Wohnheims und versucht, der gute Geist fürs ganze Haus zu sein.

So weit zu kommen als kleiner Betrieb in Konkurrenz zu Wohlfahrtsgiganten wie Caritas, Diakonie oder Awo war ein Kampf, und es ist ein Kampf, die WGs am Laufen zu halten. Die sozialpädagogische Begleitung wird nämlich aus verschiedenen Quellen bezahlt - von den Betreuten, ihren Angehörigen, von der Kommune oder diversen Sozialhilfeträgern. Manchmal stockt der Geldfluss, und dann schießen Staiger & Schneider schon mal die Miete der Bewohner vor. "Die Kollegen vom Pflegedienst haben schon halb im Spaß gefragt, ob wir eigentlich eine Bank sind", sagt Schneider.

Wer sich etwas traut, kann dabei auch scheitern. Schneider und

Staiger haben das bei ihrem Tante-Emma-Projekt erlebt. Die Idee war, in einem sogenannten Problemviertel ein kleines Geschäft -Name: "So nah" - zu eröffnen. "Aus dem Laden heraus hätte man das ganze Quartier betreuen können, Alte, Alkoholiker, Ausländer, Kinder, Jugendliche", sagt Staiger. Gleichzeitig wollten die beiden auch noch einem Arbeitslosen mit Branchenerfahrung eine neue Chance als eine Art Geschäftsführer geben. Es gab Bio-Kost zu kaufen und frisch gebrühten Kaffee, morgens kamen Jugendliche auf ihrem Schulweg zum Frühstück vorbei, und am Mittagstisch saßen ältere Bewohner aus der Nachbarschaft, die sich das "Essen auf Rädern" sparten.

Aber zweimal erwiesen sich die Ladenführer als überfordert.

Ein paar Wochen lang stand Andrea Schneider morgens um fünf Uhr auf, nahm um halb sieben die Ware des Lieferanten entgegen, machte Frühstück, kochte Mittagessen und versuchte "wie ein Marktschreier", gesunde Bio-Kost an den Mann zu bringen. "Während dieser Zeit lief es auch ganz gut, aber ich konnte ja nicht auf Dauer den Laden selber führen." Der Laden steht heute leer, "wir sind da granatenmäßig baden gegangen".

Was für Schneider und Staiger nicht bedeutet, dass die Idee auf ewig begraben ist. Auf ihrer Website werden für das Laden-Konzept noch immer "aktuelle Betreiber" gesucht. Andrea Schneider: "Und wenn jetzt ein Mitarbeiter sagt, ja mei, die Arbeit im Büro ist mir zu eng, ich brauch' Tapetenwechsel, dann kann er das Türchen auch wieder aufmachen."-