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Rache bringt nichts

Wer mit seinem Unternehmen scheitert, kommt nicht mehr hoch - das galt bisher. Jetzt verspricht die Bundesregierung allen Betroffenen eine zweite Chance. Die Insolvenzexpertin Anne Koark hat da aber noch einige Fragen.




brand eins: Frau Koark, in der Koalitionsvereinbarung von CDU, CSU und FDP steht auf Seite 25 der Satz: "Wir wollen Gründern nach einem Fehlstart eine zweite Chance eröffnen." Das müsste Sie doch freuen, oder?

Anne Koark: Es ist grundsätzlich natürlich gut, wenn die Regierung jetzt sagt: Deutschland muss das Land der zweiten Chance werden. Es hat überhaupt keinen Sinn, einen Schuldner nicht so schnell wie möglich wieder ins Wirtschaftsleben einzugliedern. Je einfacher und schneller das geschieht, desto weniger Schaden wird angerichtet. Die Gläubiger haben einen Nutzen davon, und der Schuldner selbst kann für sich und seine Familie sorgen, statt dem Staat auf der Tasche zu liegen.

Das klingt logisch - aber da werden einige sagen: Da macht man es den Schuldnern zu leicht. Denken zu viele nach dem Motto "Strafe muss sein, ganz gleich, was das kostet"?

Ja - und von dieser unlogischen Haltung müssen wir endlich wegkommen. Es geht nicht darum, dass wir Schuldnern etwas "schenken" oder sagen: Es kann dir nichts geschehen. Doch gerade gescheiterte Unternehmer wollen oft den Beweis antreten, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben. Dazu muss man den Leuten aber auch eine Chance geben. Der amerikanische Managementberater Laurence J. Peter hat das einmal so gesagt: "Fehler vermeidet man, indem man Erfahrungen sammelt. Erfahrungen sammelt man, indem man Fehler macht." Das wird durch Studien klar bestätigt: Neugründer sind nach einer Insolvenz nicht weniger erfolgreich als Erstgründer.

Nochmals: Ist die Aussage in der Koalitionsvereinbarung eine Trendwende?

Einiges ist gut gemeint. So soll die Zeit der Restschuldbefreiung auf drei Jahre halbiert werden - das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings: Wir haben die groteske Situation, dass selbst nach Ablauf der derzeitigen, auf sechs Jahre festgelegten "Wohlverhaltensperiode" manche Insolvenzverfahren noch immer laufen. Das bedeutet, dass man auch nach all den Jahren noch nicht neu starten kann. Wenn die Frist auf drei Jahre hal biert wird, aber die Verfahren ewig dauern, bringt das nichts.

Sie fordern mehr Verbindlichkeit?

Ja. Sechs Jahre müssen sechs Jahre sein - und noch besser natürlich: Drei Jahre müssen drei Jahre sein. Wenn man ein Gesetz ändert, das scheinbar Verbesserungen verspricht, aber gleichzeitig die Bürokratie nicht nachkommt, dann könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass die Sache mit der zweiten Chance nicht ganz ernst gemeint ist.

Von der Bürokratie abgesehen: Was sind denn die größten Hindernisse, um Schuldner möglichst schnell wieder ins Leben und zum Geldverdienen zu bekommen?

Da gibt es einiges. Nehmen wir zum Beispiel die Einträge in den Kreditauskunfteien. Sobald ein Insolvenzverfahren eröffnet ist, gibt es einen Eintrag bei der Schufa. Damit ist es fast unmöglich, ein Geschäftskonto für eine selbstständige Tätigkeit zu eröffnen. Mit einem solchen Eintrag bekommt man keine EC-Karte oder Kreditkarte. Versuchen Sie einmal, ohne Plastikgeld ein Unternehmen zu führen. Da kriegen Sie oft nicht mal ein Hotelzimmer für eine Geschäftsreise.

Aber selbst wenn das Insolvenzverfahren beendet oder aufgehoben ist, wenn eine Restschuldbefreiung erteilt wurde, werden gerade diese Daten, die das positive Verhalten des Schuldners während des Verfahrens zeigen, als neue Negativ-Einträge von der Schufa geführt - und erst nach drei Jahren gelöscht. Man ist also nach heutigem Stand neun Jahre aus dem geschäftlichen Verkehr gezogen.

Aber ein Girokonto bekommt man doch, oder?

Nein, nicht immer. Es gibt zwar eine freiwillige Selbstverpflichtung der deutschen Bankenverbände aus dem Jahr 1995, in der es heißt: "Alle Kreditinstitute, die Girokonten für alle Bevölkerungsgruppen führen, halten für jeden Bürger (...) auf Wunsch ein Girokonto bereit." In der Praxis verweigern manche Banken aber die Eröffnung eines Guthaben-Kontos nach einer Insolvenz. Damit ist man geschäftlich tot. Ein weiteres Problem ist, dass hoch qualifizierte Schuldner fachlich aus dem Verkehr gezogen werden.

Was meinen Sie damit?

Berufsverbände können Freiberuflern, also etwa Architekten, Anwälten oder Steuerberatern, die in die Insolvenz geraten, die Zulassung entziehen.

Mit welcher Begründung?

Wegen "Vermögensverfalls" - das ist die offizielle Variante. Dahinter steckt aber, glaube ich, etwas anderes. Man will verhindern, dass der Berufsstand durch zahlungsunfähige schwarze Schafe in seinem Ruf beschädigt wird. Das mag verständlich sein, aber für die Betroffenen sind die Folgen dramatisch. Sie können nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten, der natürlich in jedem Fall allen Beteiligten mehr einbringen würde als eine andere Notexistenz, beispielsweise als Taxifahrer oder Kellner. Es wäre wichtig, dass die Berufsverbände da ein Zeichen setzen und die Leute in ihrem erlernten Fachberuf weiter arbeiten lassen. Dazu können ja durchaus bestimmte Regeln aufgestellt werden, an die sich der Schuldner halten muss. Es geht um das Bewusstsein und um ein wenig guten Willen zur Problemlösung.

Sind die Deutschen gefallenen Unternehmern gegenüber besonders unnachsichtig?

Ich würde das lieber anders formulieren, nämlich so: Es gibt Länder mit einem vernünftigeren Insolvenzrecht in Europa, beispiels weise Großbritannien. Dort beträgt die Restschuldbefreiungszeit rund ein Jahr.

Warum gehen die Briten mit Schuldnern so freundlich um?

Weil es einen nachweisbaren Nutzen stiftet. Ein Schuldner, der lange Zeit durch viele Hindernisse vom Arbeiten abgehalten wird, verdient jahrelang weniger oder nichts - davon hat niemand etwas. Vor allem aber ist es langfristig fatal, denn Fähigkeiten und Kenntnisse sind heute sehr kurzlebig. Sie müssen in der Praxis immer wieder erneuert werden. Wenn jemand jahrelang nicht in seinem Beruf unter normalen Bedingungen arbeiten darf oder kann, ist er weg vom Fenster. Wer Menschen nach einer Insolvenz in Ketten legt, hat sich die teuerste der möglichen Strafen ausgesucht. Da werden Sozialfälle produziert.

Aber kann man es Schuldnern so einfach machen? Eine Insolvenz schädigt doch auch immer andere, wie etwa Lieferanten und Mitarbeiter.

Ja, aber da sind wir wieder bei der Vernunft. Ein Gründer, der eine zweite Chance kriegt, baut etwas auf - und wenn er es im eigenen Land nicht kann, dann eben in einem anderen. Ein Land, das das nicht begreift, verliert Arbeitsplätze, Steuern und die Innovationskraft von Unternehmern. Es bestraft sich selbst.

Es stimmt auch faktisch nicht, dass Leute, die in die Insolvenz geraten, schlechte Kaufleute sind, die nicht wirtschaften können. Die "Statistik zur Überschuldung privater Haushalte" sagt uns ganz klar: Nur 8,6 Prozent der Insolvenzen sind einer schlechten Haushaltsführung geschuldet. Die Leute haben also das Geld nicht zum Fenster hinausgeworfen. Sie haben Fehler gemacht oder sind selbst das Opfer von Leuten geworden, die unternehmerische Fehler machten. Das eigentliche Problem aber ist: Wenn wir das Scheitern derart bestrafen, werden es nur wenige Menschen wagen, ein Unternehmen zu gründen. Das merken wir als Volkswirtschaft. Wir zahlen für das Vorurteil, wer scheitert, sei selbst schuld und müsse nun büßen.

Wollen Sie sagen, die Angst vorm Scheitern nährt die Krise?

Der Global Entrepreneurship Monitor weist eindeutig nach, dass fast 50 Prozent der Deutschen Angst haben, ein Unternehmen zu gründen, weil sie die möglichen Folgen des Scheiterns vor Augen haben. Das ist ein sehr hoher Wert, den wir uns gerade in einer Krise nicht leisten können. Solche Zeiten sind gute Zeiten für Gründungen. Aber man muss realistisch sein und vernünftig. Gründungen bergen eben das Risiko des Scheiterns, und niemand hat etwas davon, wenn wir die Leute, die etwas gewagt haben, davon abhalten, es nochmals zu versuchen und besser zu machen. Wir müssen zwei Dinge lernen: Angst ist immer falsch. Und Rache bringt nichts. -

Im Jahr 2003 musste Anne Koark mit ihrer Firma und privat Insolvenz anmelden. Seither kämpft die in England geborene und in München lebende Unternehmerin für ein neues Verständnis von Scheitern und Pleite in Deutschland. In ihrem Buch "Insolvent und trotzdem erfolgreich" beschreibt sie die zuweilen bizarren Einstellungen gegenüber Schuldnern.

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