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Nicht mit mir!

Dass sich Ärzte von der Pharmaindustrie korrumpieren lassen, ist kein Geheimnis mehr. Nun aber reden auch Mediziner wie Thomas Lindner offen darüber. Seine Losung lautet: Mein Essen zahl' ich selbst.




- Hennigsdorf ist kein Ort, an dem mit Unerwartetem, gar Revolutionärem zu rechnen wäre. In dem idyllisch gelegenen brandenburgischen Städtchen herrscht gepflegte Langeweile, auf der Straße sind kaum Leute zu sehen; die Plattenbauten aus DDR-Zeiten stehen säuberlich in Reih und Glied. Und doch ist hier etwas passiert, das noch immer für Gesprächsstoff sorgt, vor allem unter den Patienten im Wartezimmer des Nierenarztes Thomas Lindner.

Der 60-Jährige betreibt seit mehr als zehn Jahren eine gut gehende Facharztpraxis auf dem Gelände des alten Hennigs dorfer Klinikums. Früher, in den fünfziger Jahren, war das eine bedeu tende Institution, der erste Krankenhausneubau der jungen DDR. Und hier sorgte der Nephrologe Lindner im April für eine weitere Premiere: Er sprach offen darüber, wie die Pharmaindustrie versucht, ihn und andere Ärzte dazu zu bringen, bestimmte Medikamente zu verschreiben. Mit kleinen und großen Geschenken, guten Worten oder - ganz klassisch - durch penetrante Vertreterbesuche. So beeinflusst, verordnen Mediziner dann nicht unbedingt die besten und günstigsten Arzneien für ihre Patienten, sondern die profitabelsten für den jeweiligen Hersteller. Ein gigan tisches Geschäft zulasten der Allgemeinheit, die das intransparente Gesundheitssytem finanziert.

Lindner schilderte all dies ganz sachlich und vor laufender Kamera. Seine Statements liefen zur besten Sendezeit im ZDF. "Meine Patienten haben mich später häufig darauf angesprochen. Für viele von ihnen war es das Ereignis - der Doktor im Fern sehen", sagt er schmunzelnd. Für sie ist ihr Doktor ein Held - für viele Standeskollegen eher ein Verräter. Manche bezeichnen ihn nach seinem Auftritt als Selbstdarsteller, andere schneiden ihn. Lindner sagt, er könne das verstehen - offenkundig habe er mit seiner Kritik an der Manipulierbarkeit vieler seiner Kollegen ins Schwarze getroffen. Fakt sei: "Ärzte lassen sich von der Pharma industrie korrumpieren." Und oft sei ihnen das nicht einmal bewusst. Hier in Brandenburg seien es nicht viele, die sich gegen die Verführungskünste der Pharmakonzerne zur Wehr setzten.

Der Mann, der ein bisschen aussieht wie der Humorist Herbert Feuerstein, sagt das ganz nüchtern. Lindner weiß aus eigener Erfahrung, dass die vielen Werbegeschenke, Einladungen in Restaurants und zu Kongressen letztlich die gewünschte Wirkung zeigten. Es waren oft genug Pharmareferenten in seiner Praxis, um ihm zu schmeicheln und ihn zu umgarnen. "Es braucht da oft nicht viel", sagt er. Manchmal reiche schon etwas Aufmerksamkeit. Lindner zitiert aus einer amerikanischen Studie, die das belegt: " Je häufiger ein Arzt Pharmareferenten empfängt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er die beworbenen Medikamente später bei seinen Patienten anwendet."

Auch die an sich sinnvolle Fortbildung von Ärzten nutzen die Arzneimittelhersteller für ihre Zwecke. In Brandenburg, schätzt Lindner, seien mindestens 90 Prozent solcher Veranstaltungen von der Industrie gesponsert. Die Mediziner werden in schönen Hotels "informiert", vor allem aber mit gutem Essen und Getränken bespaßt. Mit unabhängiger Wissenschaft habe das in aller Regel nichts zu tun. Trotzdem würden viele dieser Pseudo-Kongresse von den Ärztekammern als Weiterbildungen anerkannt.

Über all dies hat sich Thomas Lindner lange nur geärgert. Er fühlte sich nicht selten veralbert, wenn ihm ein blutjunger Pharma referent mit ein paar Werbemätzchen ein angeblich bahnbrechendes Medikament aufschwatzen wollte.

Hatte er Medizin studiert und jahrelang Erfahrungen gesammelt, um sich auf so durchsichtige Weise "einwickeln zu lassen"?

Irgendwann wurde es dem Arzt zu bunt, und er fing an, mit den Vertretern zu diskutieren. Fühlte ihnen fachlich auf den Zahn und wies ihnen nach, dass ihre Hochglanzbroschüren nicht das Papier wert waren, auf dem sie gedruckt wurden. Heute weiß er, dass das vergebliche Mühe war. "Mit solchen Menschen kann man nicht diskutieren. Die hätten ja kündigen müssen, wenn sie erkannt hätten, dass ihre Aussagen unredlich waren."

Über seine einstige Naivität scheint er heute selbst amüsiert zu sein. In jedem Fall wäre Überzeugungsarbeit sehr aufwendig. Geschätzte 15 000 Pharmareferenten sind derzeit in Deutschland täglich unterwegs - mit tonnenweise Gratismedikamenten und kleinen Aufmerksamkeiten für Ärzte im Gepäck. Ihr Ziel: den Umsatz ihrer Arbeitgeber zu steigern. 125 000 bis 200 000 Euro soll jeder dieser Vertreter die Industrie jährlich kosten. Ein Aufwand, der sich zu lohnen scheint. Big Pharma ist ein gigantisches Geschäft: Allein die drei weltweit größten Konzerne - Pfizer, GlaxoSmithKline und Novartis - haben im vergangenen Jahr etwa 116 Milliarden Dollar mit Medikamenten umgesetzt.

Ärzte bilden sich auf Kosten der Industrie fort zum Beispiel bei den Karl-May-Festspielen

Was sind dagegen die Skrupel eines Arztes aus der Provinz? Lindner sagt: "Ich weiß, dass das sehr dicke Bretter sind, die es hier zu bohren gibt. Aber einer muss es schließlich machen." Er wirkt dabei nicht verkniffen, sondern optimistisch. Was vielleicht auch daran liegt, dass er sich seit zwei Jahren nicht mehr über Pharmavertreter ärgern muss: Er empfängt prinzipiell keine mehr.

Außerdem hat Lindner Kollegen mit der gleichen Berufsauffassung gefunden. Sie haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen, den sie in Anspielung auf die Einladungen, mit denen Pharmakonzerne Ärzte ködern, "Mein Essen zahl' ich selbst" (Mezis) genannt haben.

Bei der Initiative - die sich eigentlich eine Selbstverständlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat - ist Eckhard Schreiber-Weber, Allgemeinmediziner in Bad Salzuflen, von Anfang an mit dabei. Auch der 56-Jährige, der sich als "kritischer Geist" bezeichnet, gibt heute offen zu, dass die kleinen und großen Geschenke aus der Pharmaindustrie nicht ohne Wirkung auf ihn blieben. Als seinen größten Sündenfall bezeichnet er die Einladung eines Arznei mittelherstellers zu einer "Fortbildungsveranstaltung" nach Elspe bei Dortmund, die er annahm - der Ort ist wegen seiner Karl-May-Festspiele bekannt. Schreiber-Weber fuhr mit seinen Kindern hin. Und stellte fest: "Da war gar keine Fortbildung. Da waren nur Karl-May-Festspiele." Die Kinder hätten den Ausflug toll gefunden.

Und er? Erschreckt habe er später festgestellt, dass es ihm schwerfiel, die Medikamente des großzügigen Unternehmens noch neutral zu betrachten.

Dass der Arzt so offen über eigene Schwächen spricht, macht ihn sympathisch. Er ist weder ein Held noch ein Don Quijote im weißen Kittel. Ihm ist klar, dass er Medikamente für seine Arbeit braucht. "Für bestimmte Krankheiten", sagt er, "haben wir sogar zu wenige Medikamente, weil sie nicht erforscht werden." Was ihn wohl von vielen seiner Kollegen unterscheidet, ist, dass ihn die Zweifel an manchem, was im Gesundheitssystem üblich ist, nie losgelassen haben. So fragte er sich schon als junger Arzt, warum Pharmavertreter nie über die Preise der von ihnen beworbenen Präparate redeten. Oder über Nebenwirkungen. Dieses Unwohlsein blieb, ebenso wie die entscheidende Frage: Was tun?

Die Antwort fand er im September 2006 bei einem Treffen politisch engagierter Ärzte in Bielefeld. Dort entstand die Idee, nach amerikanischem Vorbild ein Zeichen gegen die alltägliche Korruption zu setzen. In den USA gibt es einen solchen Zusam menschluss von Ärzten, die sich gegen unredliche Einflüsse aus der Pharmaindustrie wehren, schon seit Längerem.

Mit der Gründung von Mezis veränderte sich das Verhalten von Schreiber-Weber. Er nahm keine Geschenke und Werbe mittel von Pharmaherstellern mehr an - und räumte gründlich Behand lungsräume, Wartezimmer und auch seine Privatwohnung auf. All die Werbe-Kugelschreiber, -Kaffeetassen, -Notizbücher, -Uhren und -T-Shirts flogen raus. "Ich war überrascht", sagt er im Nachhinein, "welche Dimensionen das über die Jahre angenommen hatte. Selbst das Spielzeug meiner Kinder trug die Aufschrift der pharmazeutischen Industrie."

Ebenfalls von Anfang an bei denjenigen, die ihr Essen nun selbst bezahlen wollen, ist die Ärztin Christiane Fischer, die sich auch in der Entwicklungshilfe engagiert. Sie hat über Armut und Krankheit promoviert und deshalb wohl ein besonderes Gespür für die in den reichen Ländern übliche Geldverschwendung im Gesundheitssystem. Lediglich elf Kollegen seien sie bei der Gründung der Organisation gewesen, erinnert sie sich. Zum ersten Mezis-Kongress seien schon 20 gekommen. Und heute zählt der Verein rund 200 Mitglieder, darunter sind namhafte Mediziner wie Bruno Müller-Oerlinghausen, ehemaliger Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Das stimmt Fischer optimistisch. " Ja", sagt sie, "man kann etwas erreichen. Die Pharmaindustrie hat mittlerweile ein Imageproblem. Und das hat sie nicht zuletzt auch dank Mezis." Sich selbst und ihre Mitstreiter bezeichnet sie als "pragmatische Idealisten. Aber naiv, das sind wir deshalb sicher nicht."

Fischer und ihre Mitstreiter sind in keiner schlechten Position. Ihre Argumente sind schwer zu widerlegen. Und dass sich hier wenige öffentlichkeitswirksam zu etwas bekennen, das für alle ganz selbstverständlich sein sollte, wirft ein grelles Licht auf das Verhältnis des Berufsstandes zur Pharmabranche. Der Diskussion darüber werden sich beide Seiten nur schwer entziehen können. Der Industrie dürfte ihr Ruf ebenso wenig egal sein wie der Ärzteschaft. Für das Häuflein Mediziner, das selbst aktiv geworden ist, zahlt sich das Engagement ganz unmittelbar aus. Seit Eckhard Schreiber-Weber eine Antwort auf die Fragen gefunden hat, die ihn jahrelang umtrieben, macht ihm seine Arbeit noch viel mehr Spaß.-