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"Jüdische Neger in Alabama"

Für viele Behinderte ist Selbstständigkeit die einzige Chance auf einen Job. Dummerweise traut ihnen das kaum jemand zu. Zu Unrecht, wie eine Berliner Initiative zeigt.




- Am Anfang ist da dieses Wort, steht im Raum wie ein Elefant, den alle sehen und jeder ignoriert, muss ausgesprochen werden, aber geht nicht über die Zunge: "Behinderung". Man schämt sich, das Wort zu sagen, und weiß doch kein besseres. Klingt nach Aktion Sorgenkind, und die heißt ja auch nicht mehr so. Welche Behinderung haben Sie, Frau Mühlich? Müsste man jetzt fragen, aber das braucht ein dickes Fell und jedenfalls erst mal eine halbe Stunde Small Talk vorweg. Da sitzt diese junge Frau, etwas zu gebräunt für den Spätherbst, Nadelstreifen-Kostüm, einnehmend auf diese geschult wirkende Außendienstlerart. Und man sieht es ihr einfach nicht an. Was hat sie wohl? Fragt sich natürlich nur, wer überhaupt weiß, dass sie eine der wenigen behinder ten Gründerinnen in Deutschland ist.

Viktoria Luise Mühlich, Phoenix Handelsberatung - das steht auf ihrer Visitenkarte. Ihr Büro ist neu, gerade erst bezogen. Blumen auf dem Schreibtisch, daneben ein moderner Laptop, in dem sie Zahlen immer gleich nachschaut. Sie berät kleine und mittlere Firmen bei Selbstdarstellung und Marketing. Eine Website für das Kosmetikstudio, ein Kommunikationstraining für den Projektmanager, solche Sachen. Im März 2008 machte sich Mühlich selbstständig. Inzwischen hat sie 18 Kunden, einen Dienstwagen und einen durchschnittlichen Monatsumsatz von 3600 Euro.

Der Elefant ist immer noch im Raum. Vielleicht fragt man erst mal nach ihrer Krankheit. Sapho-Syndrom, schlimme Gelenkschmerzen, seit sie 14 ist. Eine seltene rheumatische Erkrankung, gegen die es noch keine Medikamente gibt. Vor zehn Uhr morgens kann sie nicht an den Schreibtisch, weil die Muskeln erst warm werden müssen. Wenn es ganz schlimm ist, lässt sie sich vom Arzt Schmerzspritzen geben, gleich vier oder fünf. Mühlich lächelt, als sie das sagt. Nicht tapfer, sondern eher, um die Sache etwas herunterzuspielen. Geht ja alles, solange sie sich die Zeit einteilen kann.

Sie ist 25 Jahre alt und löst den ganzen Tag lang Probleme anderer Menschen. Würde sie sich "behindert" nennen? Oder schnell zurückgerudert - braucht es ein anderes Wort? Nein, sagt sie, behindert sei schon okay. Schwarze bezeichneten sich ja auch gegenseitig als schwarz, nur Weiße schämten sich für den Ausdruck. "Behinderten wollen alle über die Straße helfen, obwohl die meisten das gut selbst können und sonst schon fragen", sagt Mühlich. "Das nervt."

Manfred Radermacher hatte vorher gewarnt. Hoffentlich will sie sich nicht zu leistungsfähig darstellen, hatte er gesagt. Erst wenn man Mühlich öfter erlebe, werde einem klar, unter welchen grässlichen Schmerzen die junge Frau regelmäßig leide. Erst dann spüre man ihren eisernen Willen. Radermacher kennt sie gut, er hat ihr beim Gründen geholfen. Der 50-Jährige arbeitet für das Berliner Projekt Enterability, eine bundesweit einmalige Einrichtung, die arbeitslose Behinderte dabei unterstützt, sich selbstständig zu machen. Für viele ist das die einzige Chance, am Berufsleben teilzunehmen. Erstens, weil sie nur als Selbstständige die Regeln ihres Arbeitstages bestimmen und auf ihre Beschwerden abstimmen können. Zweitens, weil die meisten keine Anstellung finden.

Viktoria Mühlich, die Nüchterne, erklärt, warum: Entweder stellen Firmen Behinderte ein, um Zuschüsse zu kassieren, und kündigen ihnen sofort wieder, wenn das Geld nach einem halben Jahr ausläuft - "Missbrauch von Fördermitteln" nennt sie das. "Oder eine Firma legt Wert auf Leistung, dann ist es für den Chef nicht attraktiv, jemanden einzustellen, der fünf Tage mehr Urlaub pro Jahr hat, jederzeit für ein halbes Jahr ausfallen kann und nur schwer kündbar ist." Man hört das nicht gern, aber es ist wohl die unschöne Wahrheit.

Mit etwas Hilfe sind Behinderte ebenso gute Unternehmer wie Nichtbehinderte

Viele Behinderte verschweigen daher bei der Einstellung zunächst ihr Handicap. Für die anderen bleibt oft nur die Langzeitarbeitslosigkeit, egal, wie leistungsbereit und kompetent sie sind. Schwerbehinderte sind etwa doppelt so lange ohne Job wie Nichtbehinderte, rund 60 Prozent von ihnen erhalten Arbeitslosengeld II.

Einen Ausweg bietet Enterability. Hier gibt es Hilfe beim Businessplan, Unterstützung beim Beantragen von Zuschüssen sowie Kurse von Buchhaltung bis Kundenansprache. Vor allem gibt es hier einen harten Sparrings-Partner. "Zu mir kann man mit jeder Art von Behinderung kommen", sagt Radermacher. "Nur wer keine Idee hat, wird gleich wieder weggeschickt."

Blind, aidskrank, gehbehindert - alles kein Hindernis, so der ehemalige Unternehmensberater, der früher mal in besetzten Häusern gelebt hat und Enterability seit 2003 mit aufbaut. "Aber die Menschen müssen bei uns genauso für ihr Projekt brennen wie Nichtbehinderte." Er gibt ihnen, was Amerikaner "tough love" nennen: Den Schreiner mit der Sprachstörung fragt er, wie er denn Verkaufsgespräche führen will. Den Gründer mit der halbseitigen Lähmung, wie seine Mimik wohl auf Kunden wirkt. Den psychisch Kranken, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für den nächsten schizophrenen Schub ist.

Sind die Geschäftsideen realistisch und die Probleme lösbar, hängt sich Radermacher rein und hilft, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Unter seinen Klienten sind ein Personal-Shopper, eine Modemacherin, ein Bio-Salespromoter, die Besitzerin eines Hundesalons, eines Online-Reisebüros sowie Deutschlands einzige blinde Strafverteidigerin.

"Dafür gibt es keinen Bedarf. Behinderte gründen nicht. Das haben wir am Anfang ständig gehört", erzählt der Projektleiter von Enterability. "Und zwar nicht nur von Laien - viele Fachleute aus Behörden und gründungsrelevanten Institutionen teilen diese Ansicht bis heute." Musste also erst ein Unternehmensberater kommen, um Sozialeinrichtungen und Beamten zu zeigen, dass man behinderte Menschen nicht immer nur betreuen muss, sondern auch fordern kann? Dass man viele von ihnen fit machen kann für den ersten Arbeitsmarkt, statt sie ein Leben in Hartz IV und mit angeknackstem Selbstwertgefühl führen zu lassen? So würde Radermacher das nicht sagen, er kooperiert unter ande rem eng mit der Arbeitsagentur. Aber dass das Modell "ohne die Säule Unternehmensberatung nicht funktionieren würde", das sagt er schon. "Teilhabe am Arbeitsleben hat einen ökonomischen Aspekt", mindestens ebenso wichtig aber sei: "Wer arbeitet, steht mitten im Leben, hat Kontakte, besteht Konflikte und erfährt Anerkennung." Umso schlimmer, dass "Selbstständigkeit für Menschen mit Schwerbehinderung bislang nicht als gleichwertige Alternative zu klassischen Beschäftigungs verhältnissen gesehen wird". Man traut ihnen das Unternehmertum nicht zu.

Dabei sind Behinderte - statistisch gesehen - ebenso gute Selbstständige wie Nichtbehinderte, vorausgesetzt, sie werden dabei unterstützt. Das Berliner Integrationsamt hatte auch früher schon Kredite an Behinderte vergeben, aber mehr als 90 Prozent der Gründer waren nach zwei Jahren insolvent. Dank Enterability sieht das inzwischen anders aus: Seit Februar 2004 haben sich 145 Menschen mit Schwerbehinderung mithilfe des Projektes selbstständig gemacht. Von ihnen sind heute noch 112 im Geschäft, das entspricht einer Erfolgsquote von 77 Prozent und damit in etwa dem Schnitt unter Nichtbehinderten.

Das Experiment wurde zweifach wissenschaftlich begleitet. Der Enterability-Träger IQ Consult untersuchte im Auftrag des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales den sogenannten "Social Return on Investment" des Projektes, frei übersetzt: die Sozialrendite. Dabei rechnet man nach, ob Fördermittel sinnvoll angelegt sind. Ergebnis: Behinderte beim Gründen zu unterstützen, bringt in Berlin bisher ein volkswirtschaftliches Plus von mehr als drei Millionen Euro. " Jeder in Enterability investierte Euro brachte einen gesellschaftlichen Mehrwert von 3,90 Euro", so IQ Consult. Und der Abschlussbericht der Evaluierungs-Experten von ProBeruf stellt fest: "Die große Nachfrage durch die Zielgruppe" habe den Bedarf bestätigt, "der stetige Erfolg" den "spezifischen Mehrwert" der Projektes.

"Als behinderter Arbeitsloser", sagt Frank Kornfeld, "sind Sie wie ein jüdischer Neger in Alabama. Der Mitglied in der Kommunistischen Partei ist." Den musste er noch draufsetzen. Kornfeld ist ein geborener Entertainer. Ein Tausendsassa, wie er selbst sagt. Hat früher als Buchhändler gearbeitet, als Immobilienmakler, Lkw-Fahrer, Rohrleger, in der Solartechnik und im eigenen Imbiss. Zuletzt als Pharmareferent, vor dem Schlangenbiss. Der erwischte ihn 1989 im Urlaub in Portugal und veränderte alles. Wegen eines infektiösen Bakterienbefalls, der seine Gelenke angriff, mussten beide Hüften ersetzt werden. Kornfeld ist seitdem zu 80 Prozent schwerbehindert. Mit dem Treppensteigen und Klinkenputzen des alten Jobs war es vorbei.

Aber so einer wie er arbeitet nicht in der Behindertenwerkstatt. Er bewarb sich bei Biotechnologiefirmen, zweimal sei er eingestellt worden. Die Arbeitgeber hätten die Förderung mitgenommen und ihn nach sechs Monaten wieder gefeuert. "Das passiert mir nicht noch mal", schwor sich Kornfeld.

Enterability half ihm, sich mit einem Hobby selbstständig zu machen, das er seit 20 Jahren im Keller verfolgte: Anlagen bauen, die Marder mit für Menschen unhörbarem Ultraschall vertreiben, statt sie zu fangen oder zu töten, was illegal ist. Kornfeld sicherte sich die Internetadresse Marderalarm.de und verschickt seine Geräte per Post. Er hat schon das Auswärtige Amt marderfrei bekommen, einen Supermarkt und die Tiefgarage einer Hausverwaltung. Die Referenzschreiben hat er online gestellt. Auf seiner Visitenkarte ist ein Marder zu sehen, der an einem Schlauch knabbert. Eine Anlage kostet 96,50 Euro, sein Geschäft findet er "nachhaltig", Umsatzzahlen mag er nicht nennen. Das Einkommen reiche, um die 59-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Tegel zu bezahlen und für kleinere Investitionen ins Produkt. Die neueste Verbesserung: ein Schlauch, der den Schall des Geräts auch in unzugängliche Ecken und hinter Verschalungen leitet.

Eine große Hürde für Menschen mit Handicap: Gesetze, die sie eigentlich schützen sollen

Zwischendurch lässt sich der 52-Jährige mit seinem Londoner Taxi für Veranstaltungen buchen und jobbt als Komparse beim Film. Kornfeld ist stattlich, grauhaarig und groß. Die Andenken an seine Auftritte - von Polanskis "Der Pianist" bis zum Wahlwerbespot 2009 von Angela Merkel - füllen einen ganzen Aktenordner. Besuchern schenkt er schon mal einen Schuldschein der Bank of England über fünf Pfund, von denen er bei seinem Auftritt im Film "Die Fälscher" einige mitgenommen hat.

Frank Kornfeld wirkt wie einer, der es auch auf eigene Faust geschafft hätte. Einer, der sich immer irgendwie durchbeißt und - trickst. Ohne Enterability hätte es trotzdem nicht geklappt, sagt er. "Die haben mir mit den Anträgen im Jobcenter geholfen und beim Ausrechnen, was ich überhaupt zum Leben brauche." Unterstützung, könnte man meinen, die jeder Gründer gut gebrauchen könnte. Aber das hieße, die ganz besonderen Schwierigkeiten kleinzureden, die den Arbeitsmarkt für Behinderte so extrem zäh machen.

Viktoria Mühlich denkt, dass es manchmal gerade staatliche Schutzversuche sind, die für diese Hürden sorgen. Neulich sei beim sogenannten Netzwerktreffen von Enterability-Teilnehmern, die sich über ihre Erfahrungen austauschen, darüber diskutiert worden, ob man eigentlich selbst einen Behinderten einstellen würde. "Der Tenor war: nein! " Angesichts des zusätzlichen Urlaubsanspruchs und des erhöhten Kündigungsschutzes bei gleichzeitigem Ausfallrisiko wäre das für kleine Unternehmen irrational: "Schließlich haben wir alle eine Existenz zu sichern." Sie fordert einen flexibleren Arbeitsmarkt: "Behinderte werden wie Kinder behandelt." Für die Unternehmensberaterin ist genau das ein Zeichen mangelnden Respektes. -