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Die Planwirtschafterin

Die Unternehmerin Antonella Lorenz hat ein System entwickelt, das jeden Arbeitsschritt erfasst, überwacht und berechnet. Nicht um ihre Mitarbeiter zu kontrollieren, sondern um pünktlich fertig zu werden, damit alle ihr Privatleben genießen können.




- "Ich mag das System", sagt der Entwickler Benjamin Fras. "Ich habe noch nie so produktiv und effektiv gearbeitet wie mit dem System", sagt die Software-Testerin Bettina Barns. "Man muss mit dem System leben, um damit zurechtzukommen", sagt der Projektleiter Frank Becker. Das System ist ein Programm, das jeden ihrer Arbeitsschritte kennt. Denn jeder Schritt ist im System geplant, jeder Fortschritt wird dokumentiert und zuletzt freigegeben. Prinzipiell nichts in diesem Unternehmen findet außerhalb des Systems statt. Das System weiß alles über jeden, der mit ihm arbeitet, und das seit dem ersten Projekt.

"Ein normales Unternehmen aufzubauen wäre keine Herausforderung gewesen", sagt Antonella Lorenz. Also hat die 45-Jährige von Anfang an und mit Bedacht alles anders gemacht, als es sonst üblich ist. Sie wollte sich nicht verzetteln und herumprobie ren. Es sollte gleich die perfekte Unternehmensstruktur her. Auf Messen hielt sie Ausschau nach fertigen Lösungen, fand jedoch keine. Weshalb sie sich an den Rechner setzte und die ersten Zeilen des Programms selbst schrieb.

So fing es an mit dem System. Sie entwarf keinen "Teleschirm" zur totalen Überwachung, wie er im Roman "1984" von George Orwell vorkommt. Ihr System war nicht menschenfeindlich wie "HAL 9000", der Computer im Film "2001 - Odyssee im Weltraum". Und schon gar nicht totalitär wie die "Architektur" in "Matrix". Es war nur ein Werkzeug, doch eines, das unersetzlich sein sollte. Ihr Mann habe ihre Begeisterung dafür anfangs nicht geteilt. Doch er habe sich überzeugen lassen, sagt Antonella Lorenz in der klimatisierten

Kammer neben dem Schrank, in dem das System läuft. "Wir wären aufgeschmissen, wenn es ausfiele. Dann ginge nichts mehr. Es ist noch nie passiert." Für den Notfall liegt ein Backup im feuerfesten Tresor.

Wissen, das ist für Antonella Lorenz der Kern des Unternehmens. Vor 14 Jahren, als sie die ersten Mitarbeiter einstellten, entwarf sie das System, ein Programm, um Programme möglichst planmäßig zu entwickeln. Die simple Idee: Die Arbeit ist systematisch und in zahllose kleine Schritte gegliedert. Sobald die Information zu jedem Schritt im Computer gespeichert ist, spielt es keine Rolle mehr, wer genau sich darum kümmert. Jeder Kollege kann den nächsten Schritt bearbeiten - das Wissen steckt im System. Kein Beinbruch, wenn plötzlich einer ausfällt. Lorenz: "Auch ich will krank werden dürfen. Dann soll mich niemand auf dem Handy anrufen. Die Kunden merken gar nicht, ob ich da bin."

Seit 18 Jahren führt sie mit ihrem Mann Günter die Lorenz Software GmbH in Freising bei München. Er als Entwickler im Hintergrund, sie als Visionärin. Die Programmiererin und studierte Philosophin hat auf eine vollkommen durchorganisierte Struktur gesetzt. Organisiert und systematisch, das sei keine fixe Idee. Wenn jeder Schritt erfasst und geplant sei, werde auch wirtschaftlich gearbeitet, davon ist sie überzeugt. Leerlauf, Zeitüberschreitung und explodierende Projektkosten werden früh erkannt. Davon profitieren besonders die Mitarbeiter: Überstunden sind selten, Überforderung kommt praktisch nicht vor, weil die Arbeit trotz Planung flexibel bleibt. Lorenzsoft gehört vielleicht nicht zu den schnellsten Anbietern, dafür können sich die Kunden auf Termine und eine sofort einsatzbereite Software verlassen.

"Das System schafft Lebensqualität", sagt die Unternehmerin, "es setzt die Kreativität und das Herzblut der Mitarbeiter erst frei." Wer sich nicht mehr um Organisation und Planung kümmern müsse, arbeite besser. Die Firma entwickelt Anwendungen mit Datenbanken im Hintergrund: vom virtuellen Lauftrainer im Web für eine Krankenkasse über Suchmaschinen-Optimierung und E-Commerce bis zur Auftragsverwaltung für ein Entsorgungsunternehmen. Lorenzsoft erscheint fast wie ein beliebiges IT-Unternehmen.

Wäre da nicht, was alle nur das System nennen. "Lorenz Suite", den richtigen Namen, benutzt keiner. Das System ist die Basis einer ganz eigenen Arbeitskultur. Antonella Lorenz spricht es "Sisstem" aus, sie ist Italienerin. Das System informiert sie gerade per E-Mail, dass Software-Testerin Barns eine Stunde im Verzug ist. Es zeigt ihr, dass Entwickler Fras um 16.15 Uhr einen Termin hat, bis dahin aber noch zwei Aufträge erledigen soll, einen davon mit hoher Priorität. Sie sieht, dass Beckers Projekte gut im Zeitplan liegen. Was immer ihre Mitarbeiter tun, listet übersichtlich eine Tabelle auf. Das System erlaubt totale Kontrolle.

Doch Antonella Lorenz pariert den Verdacht: "Kontrolle meiner Mitarbeiter? Wozu soll das gut sein? Wir wollen die Arbeit fertig kriegen. Das ist vor allem mein Problem." Braucht jemand länger als geplant, geht sie hin und fragt. "Die Ursache liegt meist in unserer Planung, in unerwarteten Schwierigkeiten, fast nie beim Mitarbeiter", sagt sie. Sie wolle die Angestellten entlasten von der Verantwortung für das große Ganze, wolle sie schützen vor Überlastung und dem Ausbrennen. Bei Lorenzsoft werden 40 Stunden pro Woche bezahlt. Wer länger bleibt, den schickt die Chefin persönlich nach Hause. "Nach acht Stunden am Schreibtisch arbeitet niemand mehr kreativ", sagt sie. Mit dieser Überzeugung hat sie das System konzipiert.

Auch ihr Auftreten ist das Gegenteil von Big Brother. Sie ist klein und zurückhaltend, trägt eine graue Strickjacke und eine braune Hose aus Samt. Ihr iPhone liegt den ganzen Vormittag über unbeachtet und still am Rande des Tisches. "Die Idee zum System kam aus meiner italienischen Seele: Ich will nicht an der Arbeit leiden, ich will Spaß am Leben haben. Und das geht nur, wenn die Arbeit gut organisiert ist."

"Das System verhindert unangenehme Überraschungen", sagt Entwickler Fras. "Ich denke gar nicht mehr über das System nach. Es ist einem wie in Fleisch und Blut übergegangen", sagt die Soft-ware-Testerin Barns. "Ich lagere sehr viel Wissen in die Anwendung aus", sagt Projektleiter Becker.

Alle Schreibtische sind penibel aufgeräumt. Das Büro ist kein Ort für Ablenkungen

Bei Lorenzsoft läuft es so: Wenn Becker von einem Kundenbesuch kommt, zerlegt er die neue Aufgabe in Arbeitsschritte. Jeden einzelnen legt er als Auftrag im System an. Dafür füllt er etwa 20 Felder in der Eingabemaske aus. Er plant, wann ein Schritt nötig ist, wie wichtig er ist, wie lange ein Mitarbeiter dafür braucht und ob der Schritt abgerechnet wird. Becker war zuvor zehn Jahre lang selbstständig. "Das Schätzen, wie lange etwas braucht, fiel mir schwer", sagt er. "Darum macht man sich ja sonst keine Gedanken." Akzeptiert der Kunde das Angebot, steht die Abwicklung im System fest. Auch die Kunden sind immer im Bilde. Sie können sich über ein Web-Interface einloggen und den Auftrag verfolgen. Das System sorgt für Transparenz, auch nach außen.

"Ich kann mich gar nicht erinnern, wie ich früher gearbeitet habe", sagt Bettina Barns. Sie ist 40 Jahre alt und erst seit einem Jahr bei Lorenzsoft. Es ist ihr siebter Arbeitgeber. Sie hat Anglistik und Kunstgeschichte studiert und ist später Programmiererin geworden. Für viele sei der erste Gedanke: Wir werden kontrolliert, sagt sie und lacht dabei. "Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Wenn mich das einschränken, kontrollieren würde, hielte ich das nicht aus." Sie arbeitet Teilzeit. Eine Woche im Voraus gibt sie ihre Anwesenheit ins System ein. Sie könnte mit ihrer Familie vormittags in den Zoo gehen oder tagsüber zum Friseur. Wegen der exakten Planung kann sie ihr Kind jeden Tag von der Schule abholen, zuverlässig und pünktlich. Überstunden? "Genau zweimal. Aber da wurde ich Tage vorher gefragt."

Auch Entwickler Fras nutzt die Zeitautonomie. Der 21-Jäh rige holt am Feierabend das Fachabitur nach. "Kommilitonen mussten abbrechen, als sich ihre Arbeitszeiten verändert hatten. Die Chefs hatten kein Verständnis. Andere kommen dauernd verspätet", sagt er. Er kann pünktlich sein, immer. Denn er kann es sich einteilen. Diesen Freitag zum Beispiel bleibt er nur vier Stunden. Und hat den Kopf frei, dank System.

Antonella Lorenz, aufgewachsen in einer italienischen Kleinstadt, arbeitete als Sekretärin in einer Spedition. Von ihrem Ersparten kaufte sie einen der ersten Heim-PCs und lernte program mieren. Die Arbeitsbedingungen in der Software-Industrie fand sie schon damals gruselig. Die Selbstausbeutung. Blasse Programmierer. 14, 16 Stunden täglich vor dem Bildschirm, die Schreib tische begraben unter Stapeln aus Pizzakartons und Ausdrucken. Die Räume von Lorenzsoft in einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus haben nichts von dieser Nerd-Kultur. Neben dem Eingang steht ein Turm aus grauen Kunststoff-Ablagekörben mit den Vornamen der Mitarbeiter. Fast alle Körbe sind leer. An der Wand lehnen Drucke von Autos. Es sind die einzigen Farb akzente. Was einem sofort auffällt: leere Schreibtische. Papierstapel? Fehlanzeige. Nur Bildschirm, Tastatur, Telefon. Die Botschaft ist unübersehbar: Das Leben der Mitarbeiter findet außerhalb des Büros statt.

Draußen ist Freising, eine beschauliche Gemeinde nordöstlich von München: mittelalterliches Stadtbild, eine lebendige Innenstadt, die Arbeitslosenquote unter drei Prozent. Trotzdem hat Lorenzsoft niemals Probleme, neue Mitarbeiter zu gewinnen.

Die Geschäftsführerin steht im kleinen Konferenzraum des Unternehmens. Ein kleiner Konferenztisch hat darin Platz, eine Kaffeemaschine. Die Stirnseite wird von einem LCD-Monitor eingenommen, breiter als der Tisch. Neben dem mächtigen Bildschirm wirkt die Unternehmerin beinahe zierlich. Sie verbindet ihren Laptop mit einem Netzwerkkabel, und schon ist sie im System. Auf dem Monitor erscheint das Herz des Unternehmens, eine Tabelle. Fras ist hier die Ressource BF, Barns ist BB. Es gibt Ansichten für Grobplanung, Feinplanung, Geplant, Rückstände, Auslastung, Urlaub, Aufträge und den Tagesbericht. Ist ein Schritt abgeschlossen, bekommt sie automatisch Nachricht per E-Mail. Am Abend wertet Antonella Lorenz die Arbeit ihrer Mitarbeiter aus. Jeden Schritt in ihren Projekten muss sie freigeben. Jeden Freitag trifft sie sich mit ihrem Mann und zwei Projektleitern vor dem Monitor, um die folgende Woche zu planen. Das Unternehmen arbeitet wie eine Datenbank. "Das System ist unser Geheimnis, um die Großen, SAP und Microsoft, zu schlagen." Antonella Lorenz will nicht als Missionarin erscheinen. Sie sei Pragmatikerin. Sie arbeite methodisch, weil es gut funktioniere. Und wundert sich, dass ihre Arbeitsweise anderen exotisch vorkommt.

Informationstechnik und Software haben sich seit Gründung von Lorenzsoft rasant entwickelt. Doch noch immer arbeitet im Herzen des Systems die Datenbank, die Antonella Lorenz damals angelegt hat. Als auf dem Monitor die Datenbankstruktur erscheint, strahlt sie: Es ist der Bauplan des Systems, ein Plan mit Kästen und Pfeilen, wie der Stadtplan einer Stadt aus Daten. Eine Landschaft aus verschachtelten und miteinander verknüpften Tabellen. Trotz der riesigen Bilddiagonale von mehr als einem Meter passt die Darstellung nicht vollständig auf den Monitor.

Das Herz der Firma liegt vor uns. Antonella Lorenz ist wie eine Chirurgin, die eine Führung am offenen Herzen gibt. Nirgends verweilt sie lange, zeigt mal dies, erklärt mal das. Es ist ihr Baby. Es ist längst den Kinderschuhen entwachsen. Und doch: "Wenn Sie in der Anlage einer Datenbank einen einzigen Kompromiss machen, so rächt sich das. Das quält Sie jahrelang", sagt sie. "Ich mache niemals Kompromisse." Sie fliegt über den Plan. Als sie kurz innehält, erscheint im Zentrum des Monitors ein Container-Icon mit der Aufschrift "Mandant". Drum herum ist es schwarz vor lauter Pfeilen, die auf ihn hin-und von ihm wegführen. Scheint ein wichtiger Ort zu sein im System. Doch Lorenz sagt, der Kasten sei unbedeutend. Erst für eine Zweigstelle des Unternehmens werde er einmal wichtig - vorgesehen hat sie ihn bereits vor 14 Jahren. Das System habe keine Schwachstellen, sagt sie. "Ich mache keine Fehler. Auch nicht am Anfang."

Und was geschähe, wenn jemand käme, der Interesse hätte, das System zu kaufen?

Gut möglich, sagt Antonella Lorenz. Wahrscheinlich würde es nur in einem neuen Unternehmen funktionieren. Oder mit einer Führung, die ähnlich tickte wie sie. "Solch ein System hätte ich mir auch bei meinen anderen Stellen gewünscht", sagt ein Ehemaliger. "In einen neuen Job würde ich das mitnehmen", sagt Becker. "Wenn ich selbst mal ein Unternehmen gründete, würde ich es genauso machen", sagt Fras. -