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Die Mittelsmänner

Wenn sich Bürger für ihre Kommune engagieren wollen, fehlt es bisweilen an Ideen und fast immer an Geld. Eine Initiative vermittelt zwischen Künstlern und Bürgern. Und bringt zwei Welten zusammen.




- Wie kommt die Skulptur in die Fußgängerzone? Bislang gab es zwei Möglichkeiten: Entweder beauftragt die Stadt einen Künstler. Oder ein Unternehmen stiftet das Werk. Was den öffentlichen Raum schmücken soll, bestimmten diejenigen, die dafür zahlen.

Dass es auch anders geht, will Alexander Koch beweisen. "Wir wollen eine andere Ökonomie der Kunst", sagt er. Koch ist Teilhaber der Berliner Galerie KOW und Vorsitzender des Vereins "Neue Auftraggeber". Der bringt Künstler und Kunstfreunde zusammen. Die "Neuen Auftraggeber" beraten Bürger, die sich eine Installation, eine Skulptur oder ein Gemälde in ihrer Nachbarschaft wünschen, sie suchen dann die Künstler aus und begleiten das Projekt von der Skizze bis zur Realisierung. Und, mindestens genauso wichtig: Sie besorgen das nötige Geld. Es kann aus Mitteln für den Straßenbau stammen, aus dem Fremdenverkehrsetat oder gespendet werden.

Beispiel Kleinliebenau. Es ist schon ein paar Jahre her, da kaufte Henrik Mroska die halb verfallene Rittergutskirche in dem 130-Einwohner-Dorf bei Leipzig. Der Lehrer bezahlte für das Gotteshaus den symbolischen Preis von einem Euro, sanierte es mit einem eigens gegründeten Verein. Inzwischen machen Wanderer auf dem ökumenischen Pilgerweg durch Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen dort halt. Doch ein richtiger Anziehungspunkt ist der Ort noch nicht: Ein Briefkasten, eine Telefonsäule und ein Telegrafenmast stehen in unmittelbarer Nähe und laden nicht wirklich zum Verweilen ein. Deshalb will Mroska hinter der kleinen Kirche einen Garten anlegen. Schon lange wolle er "moderne Kunst mit Kirche verbinden", sagt er.

Barbara Steiner, Leiterin der städtischen Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig und Mittelsfrau der "Neuen Auftraggeber" schlug die Landschaftsarchitektin Veronique Faucheurs und deren Kollegen Marc Pouzol vor, um den Garten zu gestalten. "Wir sind nicht die Sorte Künstler, die sagt: Komme, was wolle, wir rollen da eine rote Kugel rein, wir sind es gewohnt mit den Auftraggebern zu arbeiten", sagt Faucheurs. In ihrem Basislager in einem unrenovierten DDR-Bürobau liegen Skizzen auf den Tischen, und noch gedeiht in dem Kirchengarten nur Unkraut. Doch Pouzol versichert, schon eine Idee zu haben: "Wir stellen uns so etwas wie einen Sockel vor. Eine Art grüner Teppich für die Kirche."

In Frankreich gibt es Kunst-Mittelsmänner schon länger. Seit Anfang der neunziger Jahre haben die "Nouveaux Commanditaires" bereits mehr als 250 Projekte realisiert. Beistand leistet die Stiftung Fondation de France, die die Vermittler bezahlt und in der Konzeptphase hilft. "Wenn damit der Anfang einmal geschafft ist, ist es leichter, an weitere Gelder ranzukommen", sagt Xavier Douroux, Leiter der renommierten Kunstinstitution Le Consortium in Dijon und Mittelsmann der Commanditaires. Unterm Strich hat die Fondation de France rund die Hälfte der Kosten der Projekte getragen, der Rest kam vom Staat, aus regionalen Fördertöpfen oder von privaten Geldgebern. Lediglich 15 Prozent der Mittel stammen aus den Kulturetats - und alle gewinnen dabei: die Künstler, die Vermittler und die Bürger.

Beispiel Blessey. Ein Dorf im Burgund, in Nachbarschaft zu Saint-Germain-Source-Seine, dem Ort der Seine-Quelle. Um ihr Dorf für Besucher attraktiver zu gestalten, hatten die Bewohner ein altes Waschhaus am Ortsausgang renoviert. Doch dann wollten sie noch ein Schmuckstück, um aus dem Ort etwas Besonderes zu machen. Sie meldeten sich bei den "Nouveaux Commanditaires" - und es entstand zwischen 1997 und 2005 das bislang spektakulärste Projekt der Kunstvermittler: 267 000 Euro kostete das Werk, 300-mal so viel, wie der Jahreshaushalt der Gemeinde.

Nicht immer leuchtet den Bürgern ein, was der angereiste Künstler schön findet

Viel Geld, wenn man bedenkt, dass das, was der von den Mittels männern vorgeschlagene Künstler Remy Zaugg in Blessey vorfand, nicht gerade ermutigend war. "Das Dorf war völlig verwahrlost. Um das Waschhaus herum lag ein alter Düngetank, daneben stand ein verfallenes Lagerhaus. Es war klar, dass das alte Waschhaus nie wieder zu dem Versammlungsort werden würde, der er einmal war. Die Renovierung des Hauses ließ diesen Kontrast noch stärker hervortreten", sagt Xavier Douroux, der Mittels mann. Zaugg machte sich an die Arbeit, verriet den Dorfbewohnern aber nicht, was er plante.

Zuerst ließ er den Müll wegschaffen, legte Wege an, baute eine Mauer. Als die 25 Zentimeter vom Plan abwich, ließ er sie wieder abreißen und neu bauen. "Tatsächlich machte das einen großen Unterschied für das Auge", sagt ein Bauer aus dem Dorf. "Ich glaube, er hat von Anfang an gewusst, was er vorhatte, und uns einfach nur peu à peu mit allem konfrontiert. Sonst hätten wir bestimmt nicht mitgemacht."

Wohl wahr. Denn als Zaugg kundtat, dass er ein neu angelegtes Bassin mit einer 200 Tonnen schweren Mauer abschließen wollte, gab es Streit. Die Bewohner fürchteten, ihre Idylle würde verschandelt. Daraufhin zeichnete der Künstler eine Skizze, auf der der Hintergrund der Landschaft wichtiger war als die Mauer. Damit gelang es ihm, die sturen Dorfbewohner zu überzeugen. Der feine Zement des Bauwerkes, der sonst nur für den Innenausbau verwendet wird, schlägt eine Brücke von der Tradition des Dorfes zur Moderne.

Das gemeinsame Projekt hat die Bürger von Blessey mutig gemacht. Erst vor Kurzem haben sie sich mit der Nachbarkommune zusammengeschlossen. Und jetzt wollen sie es sogar mit dem 300 Kilometer entfernten Paris aufnehmen. Das Gelände der Seine-Quelle gehört aufgrund einer Laune der Geschichte zum Stadtgebiet der Hauptstadt. Doch die Bürger von Blessey und Saint-Germain-Source-Seine verhandeln derzeit über eine Übernahme. Sie wollen auch dieses Areal künstlerisch entwickeln.-