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Die große Landnahme

Bürger proben den Aufstand gegen Banken, die Millionen von überschuldeten Amerikanern von ihrem Grund und Boden vertreiben. Besuche an Orten des Widerstands.




- Richter Arthur M. Schack lacht laut prustend los, haha, nur um das Kompliment bescheiden abzuwehren, na ja, so sei das halt, und dann eben doch und durchaus stolz auf einen Fernsehbeitrag hinzuweisen, Moment, wie hieß diese Internetseite noch mal, ach hier ist sie ja, aber nun sei der Reporter aus Deutschland da, haha, er müsse dann auch noch arbeiten, haha, sicher höre man bald wieder voneinander. Dann legt der Richter, ein kleiner Mann mit dünnem Schnauzbart und schütterem, über die Glatze gekämmtem Haar, fröhlich und rund in seinem Stuhl wippend, den Telefonhörer auf. Es bleibt nicht das einzige Telefonat an diesem Tag, in dem ihm jemand voll des Lobes sagt, dass er von ihm und seinen Taten gehört habe.

Dieser Mann unter Dampf, der gern von sich behauptet, dass er doch nur ein kleiner Richter aus Brooklyn sei, ist für viele überschuldete Amerikaner ein Held geworden. Unter Kollegen und Anwälten hat sich herumgesprochen, dass er die Manager der Banken das Fürchten lehrt. "Schack for Mayor", schrieb neulich sogar ein Fan. Richter Schack solle Bürgermeister werden.

In seinem Arbeitszimmer am Supreme Court in New York verhandelt Schack Arbeitsunfälle, Entschädigungen, Grundstücksangelegenheiten, Fälle also, wie sie auch deutsche Landgerichte beschäftigen. Wer zurzeit besonders oft streitet, zeigt sich am Aktenstapel auf des Richters Fensterbrett. Der papierene Klageberg ist so hoch, dass er umzukippen droht. "Mein Büro ist eine Art Notaufnahme", sagt Schack und wirft einen kurzen Blick auf die von Banken eingereichten Räumungsklagen.

Es geht darin um Menschen, deren Kredite seit fast drei Jahren rund um die Welt auf den Bilanzen von Banken lasten, die Pakete mit diesen nun geplatzten Krediten von anderen Banken gekauft haben. Wenn sie denn überhaupt beweisen können, dass ihnen bestimmte Kredite wirklich gehören, die sie nun fällig stellen wollen. In Schacks Notaufnahme schlagen die Inhalte der Kreditpakete nämlich bisweilen so zerfleddert und voller Formfehler auf, dass er darüber richtig sauer werden kann. "Es ist eine ernste Sache, Leute aus ihrem Haus zu werfen. Dann sollte man das wenigstens korrekt erledigen", sagt er.

Vor lauter Ärger hat der kleine Richter aus Brooklyn einen Feldzug gegen die großen Banken in Manhattans Wall Street begonnen. Von den etwas mehr als hundert Vollstreckungs anträgen, die er bislang verhandelte, hat er nahezu die Hälfte abgewiesen.

Die mehr als hundert Fälle in Arthur Schacks Büro sind nur Randerscheinungen einer wahren Immobilien-Pandemie. Dem Informationsdienst Realtytrac zufolge mussten säumige Schuldner im Jahr 2008 ihren Gläubigerbanken 860 000 Häuser übergeben, 2009 werden es wohl mehr als eine Million sein. Im Jahr 2005, vor der Krise, waren es gerade mal 100 000. Und das sind nur die Häuser, die direkt an die Banken gehen. Insgesamt rechnet Realtytrac in diesem Jahr mit 3,5 Millionen Vollstreckungsbescheiden - alle neun Sekunden einer.

Dass nur Hauseigentümer und ihre Familien dafür bezahlen und die Banken davonkommen sollen, widerstrebt nicht nur Richter Schack. Im ganzen Land gibt es Hausbesetzungen und Demonstrationen. Marcy Kaptur, eine der am längsten im Kongress dienenden Abgeordneten der Demokratischen Partei, rief ihre Landsleute Anfang des Jahres sogar aus dem Plenarsaal zum zivilen Ungehorsam auf. "Verlasst euer Eigentum nicht! ", rief sie ihnen zu. Sie nannte die Bankmanager in ihrer Rede immer wieder "Bankster". Und sprach aus, was viele Menschen dachten: dass es grotesk sei, wenn die Bürger mit ihren Steuern Banken retteten, die offenbar nichts Besseres zu tun hätten, als Schuldnern die Immobilienkredite zu kündigen, ihre Häuser räumen, danach versteigern zu lassen und ihren Managern dafür auch noch Millio-nen-Boni zu zahlen.

Die Aufregung ist auch deshalb so groß, weil die Zwangsversteigerungen den Kern der amerikanischen Identität berühren. Das eigene Haus auf eigenem Land ist seit jeher eng verbunden mit dem von der Verfassung garantierten Streben nach Glück, seit die ersten Siedler sich den Kontinent unterwarfen und die "Frontier", die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, nach Westen verschoben. Das Verlangen der Siedler nach Grund und Boden, Heim und Heimat war ihre Triebfeder. In den 1860er Jahren gab die Regierung große Landstriche frei. Die Leute rannten und ritten im Kampf um neues Weide- und Ackerland um die Wette. Wer zuerst da war und es bewirtschaftete, der wurde sein Eigentümer.

Es ist an der Zeit, sich dessen zu erinnern. Denn die Landnahme feiert ihr Comeback.

Banken gelten als systemrelevant. Millionen obdachlose Bürger nicht

Am Morgen, bevor die Hoffnung stirbt, bereitet Rosemary Williams einen Kindergeburtstag vor. Sie schmiert Sandwiches für Freunde und Familie. Am Nachmittag wollen sie feiern. Ihr Enkel wird zwei Jahre alt. Währenddessen schiebt die Aktivistin Kim de Franco draußen vor der Tür in einem Schaukelstuhl Wache. Es ist ein sonniger Tag in Minneapolis. Eichhörnchen und eine Katze hüpfen über die Veranda, und Kim de Franco passt auf, dass nicht aus heiterem Himmel der Sheriff auftaucht, um Rosemary Williams abzuholen.

Schon seit Wochen geht das so. Gut ein Dutzend Helfer haben sich in einen Schichtplan eintragen lassen. Sobald die Poli zei auftaucht, setzen sie eine Telefonkette in Gang, damit möglichst viele Aktivisten kommen. Sie hoffen, dass es noch einmal glimpflich ausgeht. So wie am 7. August.

Da kamen die Sheriffs des Bezirks. Williams musste das Haus verlassen, weil sie ihre Hypothek nicht mehr bedienen konnte. Dann wechselten die Polizisten die Schlösser aus und fuhren weg.

Bürgerrechtsgruppen, Kirchenleute und Gewerkschafter eilten herbei, um Rosemary, wie jeder sie nennt, zu helfen. Einer schlug ein Fenster ein, öffnete die Tür von innen, und sie zog wieder ein.

Williams war nun 60 Jahre alt, 55 davon hatte sie in diesem Viertel gewohnt, in Häusern, die ihrer Familie und ihr gehörten. Von diesem Tag an war sie Hausbesetzerin. Auf dem Teppich im Wohnzimmer nächtigten damals mehr als ein Dutzend Unterstützer, die Polizei fuhr demonstrativ Streife, aber sie griff nicht ein. Williams hatte in den sechziger Jahren um Bürgerrechte für Afroamerikaner gekämpft. Sie beschloss, auch diesmal nicht zu weichen. Nicht vor den Banken.

Williams Anwalt Jordan Kushner sagt ein paar Wochen nach der Räumung: "Theoretisch und informell kann sie für Jahre in dem Haus bleiben." Sein Büro ist eine enge Kammer. Es gibt Wasser aus Pappbechern. Der Schreibtisch ist mit gelben Merkzettelchen übersät. Der Anwalt nimmt das Telefon selbst ab, er druckt Schriftsätze und Briefe selbst aus, macht seine Termine selbst, und manchmal übernimmt er auch Mandate, ohne dafür ein Honorar zu verlangen. So kämpft er gegen die Großkanzleien der Banken. Irgendetwas zieht seine Mundwinkel nach unten, und wenn er mal lacht, klingt es eher bitter und unfroh.

Der Monitor von Kushners PC zeigt Minneapolis auf einer Karte voller kleiner roter Markierungen. Jedes Zeichen steht für ein Haus, das von einer Bank kassiert worden ist. Die Karte sieht aus, als hätte sie Akne. Besonders schlimm ist es in Gegenden, in denen Menschen mit geringem Einkommen und Minderheiten wohnen. Auch Williams lebt in solch einem Viertel. Die Einkommen der Schuldner dort haben die Banker kaum geprüft. Sie brauchten ja neuen Stoff, um Kreditpakete zu schnüren, Sub-prime-Kredite nannten sie das, zweitklassiges Material. Die Kredithändler erzählten Hausbesitzern wie Rosemary Williams von ständig steigenden Immobilienpreisen, und Williams nahm gern "Eigenkapital aus dem Haus", wie sie das damals ausdrückten, aus heutiger Sicht eigentümlich doppeldeutig.

Ihr Haus ließ sich immer wieder neu, immer höher beleihen. Millionen Amerikaner machten es so. Warum sollte ausgerechnet sie nicht daran verdienen, dachte sie. Sie musste Arztrechnungen der verstorbenen Mutter begleichen, die Geschwister auszahlen, von irgendetwas leben, als sie kaum Arbeit als Krankenschwester hatte. Dann verteuerte sich die monatliche Kreditrate von 1200 auf 2200 Dollar. Die Immobilienpreise fielen. Der Wert des Hauses war geringer als die noch ausstehende Kreditsumme. Bei jedem vierten Schuldner in den Vereinigten Staaten ist das mittlerweile so. Von 10,7 Millionen betroffenen Haushalten geht der Informationsdienst First American Corelogic aus. Rosemary Williams konnte nicht mehr zahlen. Die Bank nahm ihr das Haus. Am 7. August kamen die Sheriffs.

Es gibt Gesetze, um Banken zu retten. Banken sind systemrelevant. Williams ist nicht systemrelevant. Das ist ihr Problem. Sie und ihr Anwalt hoffen, dass sich das durch Öffentlichkeit ändern lässt, dass der Druck so groß wird, dass jemand auch sie rettet, eine Bank vielleicht oder ein Politiker, dass sie durch den Widerstand zu bekannt wird, als dass man sie untergehen lassen könnte. Die Bürgerrechtsorganisation Poor People's Economic Human Rights Campaign hilft Rosemary Williams und vier weiteren Frauen in Minneapolis dabei. Sie drehen Videos für das Internet, organisieren Demonstrationen. Am Zaun vor Williams' Haus sind Spruchbänder angebracht. Die Frauen nennen sich nun die Minnesota Five, die fünf aus Minnesota. Sie treffen sich zu Demonstrationen und zu Gebetsabenden in einer Kirche. Sie machen einander Mut mit Reden und Gospeln. Sie wiegen ihre Körper im Takt und singen: "Wenn sie kommen, um mich rauszuschmeißen / werde ich schreien und kreischen / Und heimgehen zu meinem Haus, schuldenfrei / (...) Oh, freedom / Oh, freedom / Oh, freedom over me."

Ursprünglich hatte die Organisation einmal Obdachlosen geholfen. "Aber jetzt", sagt Lynette Malles, die ehrenamtlich für sie arbeitet, "melden sich Menschen, die ein geregeltes Leben haben und Jobs, aber ihre Häuser verlieren." Wir sind in ihrem Auto auf dem Weg zu einer anderen der fünf aus Minnesota, als ihr Handy klingelt: Alarm auf Rosemary Williams' Veranda. Die Polizei ist da. Wir müssen sofort zurück.

Die Polizei hat an alles gedacht. Am Zaun lehnen Metallplatten, passgenau, um Fenster und Türen zu verbarrikadieren. Gut 50 Menschen und ein paar Lokalreporter sind da, hinter gelben Absperrbändern. Auf der anderen Seite gut 20 Polizisten und der Tatort, das Haus. Die Demonstranten rufen: "Wohnraum ist ein Menschenrecht - Räumung ein Verbrechen." Und: "Banken werden gerettet. Rosemary wird verkauft." Die Polizisten tragen Schutzwesten. Einer filmt das Geschehen. Junge Leute spülen sich mit Wasser aus einem Kanister Tränengas aus den Augen.

Im Obergeschoss packt Rosemary Williams ihr Hab und Gut in Kartons und Taschen. Ihr Sohn und ein Freund tragen alles aus dem Haus. Im Kofferraum des Autos Spielsachen, ein Korb mit Essen. Eine Frau sagt: "Und das am 11. September! " Eine Pastorin sagt: "Wir haben hier gegrillt und Feste gefeiert in den vergangenen Wochen. Und nun sitzen Polizisten im Garten, als gehörte er ihnen." Der Mann von der Gewerkschaft ruft: "Das ist genau der richtige Ort und die Zeit, dass wir unsere Stimme erheben! " Später reißt er die Absperrung ein und versucht, ins Haus zu rennen. Polizisten nehmen ihn fest und führen ihn ab, ebenso wie eine Handvoll weiterer Demonstranten.

Schließlich tritt Rosemary Williams zum letzten Mal über die Schwelle des Hauses, das nun endgültig nicht mehr ihr gehört. Sie trägt ein grünes Batikkleid, einen Strohhut und einen Strauß Blumen und ruft: "Es ist noch nicht vorbei! "

Dann ist es doch vorbei. Ein Eimer mit bunten Blumen baumelt über der leeren Veranda. Über der Klingel an der Tür hat sich eine Ecke des Papiers mit der Aufschrift "Schuhe ausziehen" gelöst. Noch viele Tage danach halten zwei Polizisten am Haus Wache. Dabei ist gar nicht sicher, ob es den Banken wirklich hilft, Abertausende Schuldner aus ihren Häusern zu werfen. Ob diese Räumungen und der Leerstand in der Folgezeit vielleicht viel mehr kosten als die Polizisten, die schließlich zur Bewachung abgestellt werden müssen. Ein Ökonom und ein Investmentbanker haben Pläne entworfen, die den Hausbesitzern, Steuerzahlern und vielleicht sogar den Banken helfen könnten.

Schuldner müssen nicht auf der Straße landen. Als Mieter hätten sie eine neue Chance

Die Fenster, durch die der Investmentbanker Daniel Alpert auf New York blickt, reichen bis zum Boden und lassen die Stadt wie die Auslage eines gigantischen Schaufensters wirken. Weit unten, 33 Stockwerke tiefer, flitzen gelbe Taxis durch die Häuserschluchten. Die Wolkenkratzer von Manhattan stehen da wie riesige Bauklötze. Von hier oben sehen sie klein aus, als ließen sie sich zur Not allesamt verschnüren, verpacken und paketweise um die Welt schicken. Aus den Schaufenstern der Bankmanager mit den höchsten Türmen waren Häuser in den Vorstädten nur noch als kleine Punkte am Horizont auszumachen.

Daniel Alpert hat keinen ganz so großen Turm wie seine Kollegen in der Wall Street. Sein Büro liegt ein paar Meilen entfernt vom New Yorker Finanzdistrikt in der Fifth Avenue, einer der berühmtesten Einkaufsstraßen der Welt. Mit seiner kleinen Firma Westwood Capital kümmert er sich um Firmenfusionen, bei denen es um ein paar Hundert Millionen Dollar geht, um Immobiliengeschäfte, auch um Kreditpakete.

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen fordert Alpert aber nicht die Räumung von Häusern überschuldeter Eigentümer. Er hat sich eine Lösung für die Krise überlegt, die, davon ist er überzeugt, für alle vorteilhaft wäre. Wer sein Haus verlöre, könnte drin wohnen bleiben. Die Banken profitierten langfristig durch stabile Immobilienmärkte. Der soziale Friede bliebe gewahrt. Und er, Daniel Alpert, könnte tun, was Investmentbanker am liebsten machen: Er könnte damit Geld verdienen.

200 Meilen nördlich, in Washington D. C., brütet auch der Ökonom Dean Baker an einer Lösung des Problems. Seine unab hängige Denkfabrik Center for Economic and Policy Research ist gemeinnützig. Um Millionen-Deals und -profite geht es ihm nicht. Baker ist anderes wichtiger. An den Wänden im Flur hängen Artikel, mit denen er zeigen kann, dass er vor der Spekulationsblase schon gewarnt hatte, lange bevor sie platzte. Niemand hatte auf ihn gehört. Dann war die Krise da.

Der Banker und der Ökonom lasen in den Zeitungen von gespenstisch leeren Stadtvierteln, von Kriminalität, Drogenhandel und Prostitution, vom Wertverlust, der auch die Häuser der solventen Nachbarschaft betraf. Sie fanden heraus, dass Bulldozer im Auftrag von Banken halb fertige Neubauten plattmachten, weil das billiger war, als die Eigenheime fertigzustellen - weil sie unverkäuflich waren. Später, 2009, lasen sie von Regierungsprogrammen. Die setzten Prämien aus für Banken, wenn sie Schuldnern entgegenkamen. Und sie lasen von Banken, die das nicht kümmerte, weil es sich für sie nicht lohnte.

Daniel Alpert regte sich auf. Über seine Landsleute, die über ihre Verhältnisse gelebt und sieben Billionen Dollar Schulden angehäuft hatten. Über seine Kollegen und deren laxe, unverantwortliche Kreditpolitik. Und über die Regierung, die all dies förderte. Er setzte sich 2008 hin und schrieb über die Fehler dieser "Kombination blinder Optimisten und gut meinender Politiker". Auf dem Fensterbrett hinter ihm stehen kleine Plexi-glas-Stelen, die sich Investmentbanker und deren Kunden beim Abschluss von Multimillionen-Dollar-Deals schenken. Mit Kleinklein hält sich Daniel Alpert nicht auf. Als er fertig war, gab er seinem Dossier den großspurigen Titel: "Freedom Recovery Plan" - Plan zur Wiedererlangung der Freiheit.

Auch Baker fragte sich: Sind Versteigerungen und Räumungen wirklich sinnvoll? Er schrieb über Banken, die nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Vollstreckungen zu vermeiden, über Familien, die schwer unter der Immobilienkrise leiden. Im März sagte er in einer Anhörung vor dem Kongress, dass es ein Fehler der Politiker gewesen sei, Millionen Amerikaner zu ermutigen, Häuser auf einem überteuerten Markt zu kaufen. Im Juli 2009 veröffentlichte er seinen Plan für das Recht zu mieten.

Falsche Daten, fehlende Dokumente? Dann gibt es vom Richter eine Abreibung

Alpert, der Banker wurde, um Geld zu verdienen, und Baker, der Ökonom wurde, weil er die Welt verbessern will, unterscheiden sich auf vielerlei Weise. Doch mit ihren Plänen gegen die Krise kommen sie zu ähnlichen Lösungen: Beide wollen Banken verbieten, säumige Schuldner aus ihren Häusern zu werfen. Alpert und Baker wollen sie vielmehr zwingen, überschuldete Kreditneh mer für ein paar Jahre zu Mietern zu machen. Alpert geht noch einen Schritt weiter: Nach fünf Jahren sollen die Mieter entscheiden können, ob sie das Haus zum dann gültigen Marktpreis kaufen oder ausziehen wollen.

Beide rechnen vor, dass ihre Pläne die Steuerzahler nicht zusätzlich belasteten. Dass weniger Häuser leer stünden und die Banken es nicht mehr so leicht hätten, viele Familien vor die Tür zu setzen. Auch für die Banken hätte es Vorteile: Sie müssten leere Häuser nicht mehr überwachen und den Rasen nicht mähen lassen. Einnahmen aus der Miete seien viel besser als gar nichts. Und sie trügen so dazu bei, dass sich der Markt der Wohnimmo bilien wieder erhole. Alpert und Baker haben mit Politikern gesprochen und von ihren Ideen erzählt. Bislang ohne Erfolg.

Richter Arthur Schack muss also die bestehenden Gesetze weiter auslegen. Wobei er fest entschlossen ist, dem Wunsch vieler zu folgen, dass bei der Suche nach dem Recht die Gerechtigkeit nicht zu kurz kommen möge.

Die Sache mit dem Recht erledigt Schack, in dessen Büro es nur so wimmelt von kleinen Waagen, Urkunden und Justitia-Symbolen, in juristisch penibel begründeten Urteilen. Seine Schriftsätze sind manchmal assoziationsreiche Querfeldeinritte durch die Film-und Literaturgeschichte. Und oft genug drückt er in knackigen Zitaten von Bruce Willis und William Shakespeare aus, was er vom Geschäftsgebaren mancher Banken hält. In seiner Notaufnahme gelten die Sympathien - er versucht nicht, das zu verbergen - eher den Hausbewohnern als der sogenannten Finanzindustrie.

Eine Bank brauche nur drei Belege, um eine Zwangsräumung durchzusetzen, sagt Schack. "Erstens: ein Dokument, das die Existenz der Hypothek bestätigt. Zweitens: einen Beweis, dass der Schuldner seine Raten nicht mehr zahlt. Drittens: den Beweis, dass die Bank rechtmäßiger Besitzer der Hypothek ist." Es kommt häufig vor, dass den Banken diese Belege fehlten. Schack hat ein Urteil ausgedruckt, in dem er hin- und herblättert, während es aus ihm herausbricht: "Das ganze Ding ist krank." Er leitet sein Urteil prompt mit Zitaten aus einer "New York Times"-Kolumne zur Krise ein. "Diese Show" hätten somnambule Regulierer und gierige wie inkompetente Manager herbeigeführt, die mit Millionen verschwinden, während Aktionäre und Steuerzahler bluten müssten, heißt es da.

Den Ton der Kolumne nimmt Schack beim Schreiben des Urteils auf wie Musiker den Ton einer Stimmgabel. Erstens: Erst wenn die wirklich zuständigen Leute die Papiere unterschrieben hätten, könne er der Klage stattgeben, weist er die Antragsteller zurecht. Zweitens müsse er sich doch sehr wundern, dass alle beteiligten Banken und Dienstleister die gleiche Adresse angäben. "Das Gericht fragt sich", formuliert er anzüglich, "ob Suite 100 so groß ist wie der Madison Square Garden, um all diese Finanz giganten zu beherbergen, oder ob es einen schändlichen Grund für diese Firmenzusammenkunft gibt." Und drittens müsse das Gericht wissen, wieso überhaupt die Bank HS BC einem anderen Unternehmen einen nicht bedienten Kredit abkaufe.

So läuft es oft. Es fehlen Papiere und Unterschriften. Manche Dokumente sind falsch datiert. Bisweilen ist nicht klar, wem die Kredite überhaupt gehören, nachdem die Banken sie in aller Eile in alle Welt verscherbelt haben. Und die Sache mit den gleichen Adressen, nun ja, brummelt Schack auf Nachfrage vor sich hin, man wisse ja nie - vielleicht gebe es da Kartellprobleme.

Kommt Besuch, liefert ihn ein zackiger Polizist an der Tür des Richters ab. Spricht der Richter, haben die teuren Anwälte zu schweigen. Fühlen sie sich ungerecht behandelt, sagen sie "Euer Ehren". Der Richter bestimmt die Spielregeln, wenn er die Gesetze anwendet. Hat er die Entscheidung gefällt, so ist sie endgültig oder nur durch eine höhere Instanz zu korrigieren. Einem wie Schack machen Banken keine Angst. Solange die ihre Forma litäten nicht sauber erledigen und er keine Antworten auf seine Fragen bekommt, können sie bei ihm nicht punkten. Solange sie sich auf seine Nachfragen nicht melden, macht er ihnen aber auch keinen Druck. Warum auch, sagt er und zuckt mit den Schultern solange fliegt niemand aus seinem Haus.

Der Aktenstapel auf Arthur Schacks Fensterbrett betrifft indessen nur solche Fälle, bei denen sich jemand Klärung von der Justiz verspricht. Nicht wenige Amerikaner nehmen das Recht längst selbst in die Hand, auch wenn sie gar nicht unmittelbar betroffen sind. In Miami zum Beispiel, wo die Studentin Mamyrah Prosper den Armen zurückholt, was man ihnen, davon ist sie überzeugt, zu Unrecht genommen hat. Für sie und ihre Mitstreiter ist die Krise auch eine Chance, die Systemfrage zu stellen. Sie sagt: "Ich glaube nicht an Landeigentum. Es geht darum, wer das Land kontrolliert."

An einem Samstagmorgen Ende September fahren Mamyrah Prosper und Rebecca Wood mit dem Auto durch die Straßen von Liberty City, einen der armen Stadtteile Miamis. Wood hat die Adressen solcher Häuser notiert, die auf Betreiben von Banken geräumt worden sind. Sie begutachten den Stadtteil wie Makler auf der Suche nach geeigneten Objekten für ihre Kunden. Doch sie nehmen keine Provision. Sie helfen armen Familien, leere Häuser zu besetzen. Der Name ihrer Organisation ist Programm: Take Back the Land! Nehmt das Land zurück!

An diesem Tag haben sie kein Glück. Viele Gebäude sind verriegelt und verrammelt. An anderen Objekten kann man erken nen, warum leer stehende Immobilien den Wert der Nachbarhäuser mindern.

Prosper und Wood bahnen sich den Weg durch einen verwilderten Garten. Kaputte Fensterscheiben, ein Haus wie ein Rohbau. Ein paar Straßen weiter scheinen Hausbesetzer fündig geworden zu sein. Von draußen sind Kleider und Taschen zu erkennen. Nächste Station: ein Raum, der mal Wohnzimmer war, darin eine Kinderpuppe, Schuhe, ein Schulbuch, als wäre eine Familie überstürzt geflüchtet. Im Bad abgebrochene Waschbecken, eine abmontierte Kloschüssel. Draußen auf einem Schild steht: "Unsicheres Gebäude". Aber Wasserleitungen sind da. Wood fällt das auf. "Die sind nämlich in 80 Prozent der Fälle weg."

Sie versucht, auf Zehenspitzen stehend, durch die Fenster zu gucken und etwas über das Haus zu erfahren. Während die Makler in Miami Beach, ein paar Meilen südöstlich, den Besuchern aus der ganzen Welt derzeit Schnäppchen mit Meerblick, Concierge und hauseigenem Fitnessstudio anpreisen und von der Krise als Chance zum Investieren schwärmen, sind ihre Kriterien andere: Können Absperrungen umgangen werden? Sind Fenster und Scheiben intakt? Funktionieren Wasser- und Stromleitungen? Hausbesetzer zahlen ihre Rechnungen an die Versorger.

Bis dahin ist ihr Job unproblematisch, davon abgesehen, dass sie Schilder ignorieren, auf denen "Betreten verboten! " steht. Erst wenn sie Familien beim Einzug helfen, wird ihr Tun illegal.

"Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig"

Take Back the Land entstand, als die Gründer vor ein paar Jahren Obdachlosen dabei halfen, auf einer öffentlichen Wiese kleine Hütten zu bauen. Sie feierten dort Feste, machten Musik. Eines Nachts brannte das kleine Dorf ab. Am darauffolgenden Morgen hatten Arbeiter schon Zäune um das Gelände gezogen, und Polizisten verhafteten alle, die sie nicht akzeptierten. "Die Politiker haben dem Dorf nicht geholfen. Sie fanden es eher peinlich für die Stadt, weil es ein Problem sichtbar gemacht hat", sagt Prosper.

Mamyrah Prospers Unmut und der ihrer Mitstreiter Rebecca Wood und Max Rameau entzündet sich daran, dass viele Woh nungen und Häuser leer stehen, dass sie ungenutzt vergammeln und niemand etwas dagegen unternimmt, während viele Familien kein Dach über dem Kopf haben. Politiker wollten arme Stadtteile hip und teuer machen, wie das in angrenzenden Gegenden schon passiert sei, sagt Prosper. Wenn die Reichen kämen, müss ten die Armen weichen. Sie sagt: "Wir wollen die nächste Welle verhindern. Wir leben hier. Deshalb haben wir auch das Recht, die Nachbarschaft zu kontrollieren."

Die meisten derer, denen sie zu einer Bleibe verholfen haben, wollen nicht mit Journalisten sprechen. Sie versprechen sich nichts davon, ihr Schicksal, ihren Widerstand öffentlich zu machen. Nur einmal gibt es eine kurzfristige Einladung in ein Haus. Doch die Familie, die bis zum Morgen illegal darin gelebt hat, ist kurz zuvor ausgezogen. Sie hat etwas Legales gefunden. Das Lokalfernsehen macht einen Film, ein paar Demonstranten sind erschienen, Mary zum Beispiel, der Take Back the Land bei Verhandlungen mit der Bank hilft und die mit Kindern und Enkeln in zwei Räumen lebt, zwölf Menschen insgesamt.

Mamyrah Prosper ist eine Frau von 26 Jahren. Sie wurde auf Haiti geboren. Ihr Vater war dort vor ihrer Geburt viele Jahre lang eingekerkert, weil er gegen die Diktatur im Land gekämpft hatte. Was sie vom Leben gelernt hat, ist, dass Recht mit Machtverhältnissen zu tun hat und dass man für Veränderungen kämpfen muss.

Bei einem unserer Treffen sagt sie: "Es ist illegal, was wir machen. Aber ist es falsch? Es gab Zeiten, in denen es illegal gewesen wäre, dass wir beide nebeneinander sitzen. Dann sagten Leute, dass sie es trotzdem tun. Und das änderte etwas."

Wenn Richter Schack auf dem schweren Ledersessel in seinem Gerichtssaal thront, hinter sich die amerikanische Flagge, dann geht es darum, was Recht und was Unrecht ist, und er trifft die Entscheidung im Namen des Volkes. Mal darf die Bank vollstrecken und ein Haus räumen, mal findet er Formfehler. Aber die Antwort auf Mamyrah Prospers Frage "Ist es falsch, ein Haus zu besetzen?", die Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit, die lässt Schack nie offen, gleichgültig, wie sein Urteil ausfällt. Gern macht er Anspielungen auf Boni und Millionenzahlungen an Manager. Und weil der Richter auch Geschichte studiert hat, Lehrer und Rechts berater der Baseballspielergewerkschaft war, erweist er Klassikern und der Pop-Kultur häufig seine Referenz.

Der Bank Wells Fargo teilte er angesichts schlampiger Aktenführung mit: "Das Gericht erinnert Wells Fargo an den Rat von Cassius an Brutus in Akt 1, Szene 2 von William Shakespeares , Julius Cäsar': , Die Schuld, lieber Brutus, liegt nicht in den Sternen, sondern in uns selbst.'" Auch Bruce Willis bekam eine Gast rolle, 2008 in einem Deutsche-Bank-Fall: "Das Gericht fragt sich, ob die vorliegende Kündigung der Hypothek ein unter nehmerischer , Kansas City Shuffle' ist." Im Film "Lucky Number Slevin" erklärt ein Auftragskiller, der von Bruce Willis gespielt wird: "Ein Kansas City Shuffle ist, wenn jeder nach rechts schaut und du nach links gehst."

Richter Schack ist als Typ unvergleichlich. Die meisten seiner Kollegen machen sich wohl nicht die Mühe, all die Fälle ebenso genau zu prüfen. Viele Schuldner klagen auch nicht. Sie können es sich nicht leisten, einen Anwalt anzuheuern. Nichtsdestotrotz war HS BC so besorgt über die Urteile dieses Richters, der einfach nach links geht, obwohl die anderen nach rechts schauen, dass ihre Juristen ein Urteil Schacks nun angefochten haben. Sie schrieben an das Berufungsgericht, dass Schack seine Autorität rechtsmissbräuchlich einsetze. Dass er einen gefährlichen Präzedenzfall schaffe, indem er zugleich als Richter wie als Verteidiger agiere, da er Fälle nicht zur Entscheidung annehme, obwohl die Hauseigner nicht auf die Räumungsanträge reagiert hätten.

Schack kümmert so etwas nicht. Bei der letzten Richterwahl haben ihn sogar die Republikaner unterstützt, obwohl er zuvor als Demokrat gewählt worden war. Den Wahlzettel hat er sich eingerahmt an die Wand seines Büros gehängt. Wenn seine Amtszeit ausläuft, wird er über 70 sein. Richter Schack sagt: "Es ist nur wichtig, dass die Leute vor Gericht gehen. Wenn sie nicht kommen, kann ihnen auch niemand helfen."

Die Richter der Berufungsinstanz haben die HS BC-Anfechtung mittlerweile zurückgewiesen, weil ein nicht zuständiger Vertreter für die Bank agiert habe. Sie haben Schack aber auch untersagt, seine Entscheidung in dem Fall weiter von Erklärungen über rätselhafte gemeinsame Adressen der Bank mit zahlreichen anderen Geschäftspartnern in der Sache abhängig zu machen. Das Urteil der Berufungsrichter ist eindeutig langweiliger als die Entscheidungen Schacks. Anschauliche Zitate aus der Literatur haben sie nicht gesucht, um neben dem Recht auch die Gerechtigkeit deutlich werden zu lassen. Dabei hätte sich ein schöner Satz des Juristen und Schriftstellers Kurt Tucholsky angeboten: "Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig."

Richter Schack hätte das sicher begeistert in eines seiner näch-s ten Urteile aufgenommen, wie als Stimmgabel, um den richtigen Ton zu treffen, wenn er schon keine Vermutungen mehr über das unsittliche Treiben in gewissen Wohngemeinschaften der Großfinanz anstellen darf. -