Partner von
Partner von

Der Lern-Würfel

Am Anfang stand die Idee für ein schlichtes Möbelsystem. Zwei Designer machten sich ans Werk. Und fanden heraus, wie weit und mühselig der Weg vom Entwurf bis zur Serienproduktion sein kann.




- Bahnbrechende Ideen kommen nicht selten aus der Provinz. Das Bauhaus zum Beispiel, die wohl einflussreichste Designschule des vergangenen Jahrhunderts, hatte seine Zentren in Weimar und Dessau, zwei Städten, die schon damals keine Metropolen waren.

Die Firma Gube hat ihren Sitz in Heidenheim an der Brenz, einer Kleinstadt in Schwaben mit 50 000 Einwohnern. Im Erdgeschoss einer alten Bürgervilla betreiben zwei Produktdesigner mit drei festangestellten und einem halben Dutzend freier Mit arbeiter seit fast anderthalb Jahren ein Unternehmen, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Alles, was Gründer brauchen, Marktkenntnis, Eigenkapital, Beherrschung der Herstellungs verfahren, fehlte René Götzenbrugger und Philipp Baldermann fast komplett. Das Einzige, was sie hatten, war die Idee zu einem schönen, flexiblen und praktischen Möbelsystem namens Gube. Der Rest war: loslegen, lernen, Geld auftreiben, Probleme bewältigen, Erfahrungen sammeln, ausprobieren - und vor allem: weitermachen.

Dass Gube das erste Jahr gut überstanden hat und seit der Gründung kontinuierlich wächst, hat viel mit den Eigentümlichkeiten der Region zu tun: mit Mittelständlern aus anderen Branchen, die als Mitgesellschafter eingestiegen sind, weil man sich kennt; mit Lieferanten, die Zeit und Energie in die Produktentwicklung investieren, obwohl sie damit noch nichts verdienen. Und vor allem mit der sehr schwäbischen Mischung aus Tüftlertum, Geschäftssinn und Sturheit.

Am Anfang standen eine Idee - und zwei Tüftler

Der Name Gube ist abgeleitet von Cube - Würfel. Und genau so sehen die Möbel aus: 37 mal 37 mal 37 Zentimeter große, nach zwei Seiten offene Kästen, die sich zu Regalen, Tischen, Empfangstheken oder Vitrinen zusammenschrauben lassen. Das Besondere ist die Bauweise: eine Kunststoffhaut, die zu einem Würfel zusammengesteckt und mit vier M DF-Platten von innen verspannt und stabilisiert wird. In dieser Konstruktion kann man Regal böden genauso einfach befestigen wie Türen oder Verblendungen oder - mit ein bisschen mehr Aufwand - Leuchtkörper. Das Ganze lässt sich umstandslos auch von handwerklich unbegabten Menschen ohne Werkzeug auf- und abbauen - eine große Erleichterung bei Umzügen.

Die Gube-Quader sind nüchtern-modern und von eher beiläu figer Eleganz wie alle echten Designklassiker. Sie sehen ein biss chen aus wie die modernere Variante der alten Flötotto-Möbel, nur leichter und weniger klobig, dabei mit bis zu 300 Kilogramm belastbar und mit Verkaufspreisen von 49 bis 69 Euro pro Kasten schwäbisch kostenbewusst kalkuliert. Doch wie bei vielen schönen Ideen fingen die Probleme auch bei Gube erst richtig an, als Götzenbrugger und Baldermann versuchten, aus ihrer Idee ein Serienprodukt zu machen.

Gube ist die zweite Unternehmensgründung des Duos. Ihre erste Firma, die Designagentur Graustich, gründeten sie mit zwei Kommilitoninnen im sechsten Semester an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Heute, acht Jahre später, sind aus den vier Designstudenten zwei befreundete Ehepaare und erfolg reiche Agenturbetreiber geworden. Die Kunden: Mittelständler aus der Region, Maschinenbauer, Bauunternehmen, auch mal ein Konzern wie Bosch. Die Aufträge: vor allem Produktdesign und

-kommunikation, vom Messeauftritt bis zur Internetseite, oder Verpackungen, zum überwiegenden Teil für Investitionsgüter. "Wir sind keine Bauchgestalter oder Selbstverwirklicher", sagt Baldermann. Seine Firma liegt in Schwaben, nicht in Berlin-Mitte. In Schwaben ist Design eine professionell und zuverlässig abgelieferte Dienstleistung, kein mit Künstler-Bohei zelebrierter Selbstzweck.

Ein Designtraum trifft auf die Wirklichkeit

Im Grunde hätten es sich Baldermann und Götzenbrugger, zwei aufgeräumte Mittdreißiger, mit Graustich gemütlich machen können. Der breit gestreute Kundenstamm ist treu; es gibt in der Region wenig Agenturkonkurrenz; auch in der Krise laufen die Geschäfte gut. Aber das reichte ihnen irgendwann nicht mehr. Die beiden sind offenbar unruhige Geister - und sie sind Bastler. "Wir probieren gern Sachen aus. Und immer, wenn wir Zeit und Geld übrig hatten, haben wir das in Eigenentwicklungen gesteckt", sagt Baldermann.

Als sie mit Graustich in ihre neuen Büroräume in der alten Villa zogen, brauchten sie neue Möbel. Am liebsten hätten sie sich die edlen Elemente von US M Haller angeschafft, aber das war den Schwaben zu teuer, um damit die gesamte Agentur einzurichten. Also machten sich die beiden an die Arbeit, um selbst etwas zu entwerfen, das ihren Bedürfnissen entsprach und ihren Ansprüchen genügte. "Wir wollten ein Büromöbel haben, das so flexibel ist, dass es jederzeit den wechselnden Arbeits bedingungen angepasst werden kann - und dessen Funktion vom Nutzer, nicht vom Hersteller definiert wird", sagt Balder mann - und gründete mit Götzenbrugger ein weiteres Unternehmen: die Gube GmbH & Co. KG.

Etwa ein Jahr lang arbeiteten die beiden Partner an ihrem System. Entwicklungsetat: null Euro. Freiheit: grenzenlos. Kein Marktforscher machte ihnen Vorschläge, kein Finanzvorstand mischte sich ein und drängte auf Kostensenkung. Sie machten einfach, was sie wollten: ein modernes, vari ables Produkt, das toll aussieht.

Im Oktober 2008 ließen sie die ersten Prototypen produzieren - und damit begann eine lange Serie von Erfolgserlebnissen und Schwierigkeiten, die bis heute anhält. Die Anschubfinanzierung in Höhe von 200 000 Euro kam von zwei Mittelständlern aus der Region und von der Hausbank. Inzwischen ist das Geld aufgebraucht. Im ersten Jahr machte die Firma bei einem Umsatz von 200 000 Euro rund 160 000 Euro Verlust. Baldermann und Götzenbrugger konnten ein Händlernetz aufbauen, das System wurde mit dem renom mierten Red-dot-Designpreis ausgezeichnet und die beiden fanden Lieferanten, die ihnen die 270 Einzelteile des Systems liefern konnten, entweder als Lagerware oder als Auftragsfertigung.

Doch vieles, was sich die Designer ausgedacht hatten, erwies sich in der Serienfertigung als utopisch. Zum Beispiel, die Alu-minium-Griffleisten der Türen auf die MDF-Platten zu kleben oder sie schwarz durchzufärben und zu wachsen. Die Kunststofffolien zu stanzen war kein Problem - aber wenn die Folie nicht genau 0,5 Millimeter dick war, und das war sie bei vielen Lieferungen nicht, musste sie aussortiert werden. Bei den M DF-Platten lag die Fehlertoleranz bei 0,2 Millimetern, und nicht immer konnte der Plattenlieferant diese Vorgabe einhalten. Kurz: Gube produzierte jede Menge Ausschuss. Freilich waren die Umsätze so bescheiden, dass die Schwaben gegenüber den Lieferanten keinen Druck ausüben konnten. Geld für eine eigene Entwick lungsabteilung jenseits der Designstudien hatte das Unternehmen erst recht nicht.

An dieser Stelle kommt einer der wichtigsten Lieferanten ins Spiel: Wolfgang Seib, Geschäftsführer und Eigentümer der Firma Technoholz in Dinkelsbühl, die die M DF-Platten präzise fräst und lackiert - und für Gube sehr viel Zeit und Geld investiert, damit die Möbel hergestellt werden. Seib ist ein typischer Mittelständler mit zehn Millionen Euro Umsatz, der einfach an seine beiden Kunden glaubt. Normalerweise liefert er Waren in großen Stück zahlen an Discounter oder fertigt Holzverpackungen für die Kosmetikindustrie und Bauteile für die Autoindustrie.

"Unser Umsatz mit Gube ist fünfstellig, aber auch, wenn er nur vierstellig wäre, würde ich ihnen helfen", sagt Seib. "Ich bin von diesem Produkt absolut begeistert. Für Gube machen wir Dinge, von denen wir vorher keine Ahnung hatten. Wir hatten permanent Probleme mit dem Material. Ich weiß nicht mehr, wie viele verschiedene Wachse wir auf unseren Fertigungsanlagen getestet haben. Das sind teure Maschinenlaufzeiten." Trotzdem habe er nie ausgerechnet, wie viel Zeit er dafür investiert hat. Sicher ist nur: Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Umsatz. "Dieses Projekt nimmt in der Planung und Umsetzung mehr Zeit in Anspruch als drei Großaufträge für einen Discounter. Für Gube machen wir Kleinserien und merken in der Produktion, was alles nicht geht von dem, was wir uns vorgestellt haben. Wir versuchen es dann neu - und am Ende machen wir nicht 100 000 oder 300 000 Stück, sondern 500 oder 1000."

Aber was klein anfängt, kann ja noch wachsen. Vielleicht, so Seibs Kalkül, ist Gube in ein paar Jahren eine bekannte Marke -und dann verdient er am gewachsenen Volumen mit. "Ich hatte den Eindruck: Die wissen, was sie machen, und die schätzen auch, was man für sie macht", sagt Seib, wenn man ihn fragt, weshalb er für Baldermann und Götzenbrugger so viel Vertrauen aufbringt. "Wenn die irgendwann mal groß sind, wechseln sie wahrscheinlich nicht bei der nächsten Gelegenheit zu einem Asiaten, der vielleicht billiger ist, sondern erinnern sich daran, dass wir, als es schwer war, gut zusammengearbeitet haben. Wenn das hier in fünf Jahren richtig erfolgreich ist, sind wir zusammen gewachsen, und wir müssen bei Technoholz Leute einstellen."

Seib will weitermachen, auch wenn er mit Gube bisher nichts verdient hat. Seine Haltung ist fränkisch stur: "Wir haben jetzt in der Herstellung 80 oder 90 Prozent der Probleme gelöst, da kann ich nicht einfach aufgeben. Leute wie den Herrn Baldermann und den Herrn Götzenbrugger braucht dieses Land. Masse kann man auch billig in Asien herstellen lassen. Wir haben jetzt ein Knowhow, das wir vor diesem Projekt nicht hatten. Es geht immer darum, Know-how aufzubauen und zu lernen."

Geld kauft Zeit

Nicht nur die Hürden im Fertigungsprozess hatten die Designer unterschätzt. Genauso kompliziert war die Vermarktung: Ihr Produkt ist so vielfältig einsetzbar, dass sie sich schwertaten, eine genaue Zielgruppe zu definieren. "Kein produzierender Betrieb aus der Möbelbranche hätte dieses Produkt so entwickelt", glaubt Baldermann. "Ich bin auf der Internationalen Möbelmesse sicher 20-mal gefragt worden, warum wir denn die Gubes nicht verleimen - das wäre doch viel einfacher."

Inzwischen stehen die Gubes in Deutschland, den Niederlanden, in Österreich, Slowenien und den USA bei 61 Händlern in den Schaufenstern. Viel ist das nicht. Eigentlich bräuchte es jemanden, der sich nur um das Marketing kümmert und gezielt Innenarchitekten anspricht, um sie auf die Würfel aufmerksam zu machen. Aber einen solchen Spezialisten können die beiden nicht bezahlen. Genauso wenig wie eine aufwendige Werbekampagne. "Alles, was Gube braucht, um zu wachsen, ist Zeit", sagt Baldermann. Diese Zeit wollten er und sein Kompagnon sich zum Jahresende 2009 erkaufen und frisches Geld besorgen. Allein Lager und laufende Produktion binden etwa 80 000 Euro - eine Summe, die die Firma derzeit nicht hat. Weil weder die Gründungsinvestoren noch die Banken Geld nachschießen wollen, haben Baldermann und Götzenbrugger ein Problem. Bei Gesprä chen mit Private-Equity-Investoren hörten sie den schönen Satz: "Wenn das Investitionsvolumen statt bei 300 000 Euro bei zwei Millionen liegen würde, würden wir sofort einsteigen."

Und die Banken sahen in den Büroräumen keine großen, teuren Maschinen, also keine Sicherheiten. Derzeit suchen Philipp Baldermann und René Götzenbrugger nach einer neuen Lösung. "Ich weiß nur eines. Wir werden dieses System nicht sterben lassen", sagt Baldermann. Da ist er wieder, der schwäbische Sturkopf, der einfach weitermacht.-

www.gube-system.com