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"Denkt ihr eigentlich, wir sind gänzlich vor die Pumpe gerasselt?"

Seit mehr als zehn Jahren kämpft das kleine Mode-Label Capone gegen hartherzige Banker, liederliche Fabrikanten und den eigenen Hochmut. Ein Lehrstück über die Höhen und Tiefen des Unternehmerdaseins.




- Es gehört nicht viel Mut zu der Aussage, dass die Geburt eines Unternehmens in der Leipziger Alfred-Kästner-Straße 47 unter keinem guten Stern steht. Unter dieser Adresse zeichnete Andras L. (*) 1998 seine ersten Entwürfe für T-Shirts und Kapuzenpullis. Der damals 22-Jährige hatte eine Menge Zeit zum Denken und Zeichnen, sechs Monate etwa, ohne dass er allzu sehr abgelenkt worden wäre. Auch wird man in der Alfred-Kästner-Straße morgens sehr früh und mit Nachdruck geweckt. So ist das Brauch in einer Justizvollzugsanstalt.

L. war aktiv in der Leipziger Graffiti-Szene, einer der Besten, wie man hört. Allerdings beließen einige aus der Gruppe es nicht beim Sprayen. "Das ist dann so 'n bisschen ausgeartet", umschreibt L. heute lapidar den Tatbestand etlicher Überfälle auf Banken, Supermärkte und Zigarettentransporter, an denen er persönlich nicht beteiligt gewesen sei.

Nachdem sich sein Verdacht bestätigt habe, dass einige Graffiti-Kumpel wohl nicht nur Ordnungswidrigkeiten begangen hatten, wollte L. raus aus der Szene, weg aus Leipzig. In Heidelberg, bei Freunden, die gerade einen Vertrieb für Spraydosen aufbauten, wollte er einen Neustart machen, seinen Zivildienst ableisten und nebenbei sein eigenes Mode-Label kreieren. Er hatte es sich einfach überlegt, während einer Autofahrt: Ich mach' Klamotten.

Als eines Morgens um halb sechs ein Trupp SEK-Beamter mit vorgehaltenen Maschinenpistolen vor seinem Bett stand, wurde ihm klar, dass die Leipziger Vergangenheit ihn irgendwie eingeholt hatte. Er wurde beschuldigt, an Banküberfällen beteiligt gewesen zu sein. Begleitet von der trüben Aussicht auf fünf bis zehn Jahre Gefängnis, begann er in der Leipziger Untersuchungshaft ein Logo für sein künftiges Mode-Label und die ersten Designs zu entwerfen. Der Markenname, sicher auch der misslichen Lage geschuldet, war schnell gefunden: Capone. So wie der berüchtigte Chicagoer Gangsterboss. Nach sechs Monaten wurde L. aus der Untersuchungshaft entlassen und später auch von allen Anschuldigungen freigesprochen. Andere aus der Gang erhielten bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe.

Nun konnte es weitergehen mit Capone. L. zeigte seine Entwürfe den Freunden von der Spraydosenfirma. Die waren angetan und rieten ihm: "Besorg dir ein paar Tausend Euro und mach das." Irgendwie kam L. an das Geld, kaufte T-Shirts und Sweat-Shirts und bedruckte sie mit seinen Designs. So entstand die erste kleine Capone-Kollektion.

In der Sprayer- und Hip-Hop-Szene hatte der Markenname Capone von Anfang an einen hervorragenden Klang. L. hatte die nötige Street Credibility, er war einer der ihren. Seine Kollektion war authentisch - ganz anders, als wenn beispielsweise H & M ein paar Hunderttausend T-Shirts oder Hoodies im Hip-Hop-Stil auf den Markt würfe. L. kannte die Jungs von den Fantastischen Vier und die Stieber Twins, übernachtete mit Jan Delay, der damals noch kein Superstar war, bei Hip-Hop-Jams in Turnhallen. Immer wieder fuhr er zu solchen Veranstaltungen, ein paar Dutzend Shirts im Gepäck. "Die haben meine Sachen dann auf der Bühne angezogen", erinnert er sich an jene bewegten Gründerzeiten, "und dann sahen das auf einen Schlag ein paar Hundert Leute. Ein paar Tage später riefen die Läden an, ob sie diese coolen Klamotten nicht auch haben können."

Damals begann die Geschichte einer Modemarke, die Kultstatus in der Szene erlangte, trotzdem zweimal starb, jedes Mal neu zum Leben erweckt wurde und nun wieder im Sterbezimmer liegt. Oder gerade wieder zurück auf die Intensivstation gebracht wurde, man weiß es nie so genau. Die Geschichte von Capone ist ein Lehrstück. Es handelt von einer guten Idee, die den Nerv traf, aber letztlich niemanden ernähren konnte, weil diejenigen, die sie finanzieren sollten, sie nie verstanden. Immer wenn Liquidität besonders dringend benötigt wurde, drehten sie den Geldhahn zu, dann wiederum pumpten sie Geld zur Unzeit ins Unternehmen. Aber die Väter der Idee wissen auch, welchen Anteil sie selbst am eigenen Scheitern haben. Naivität gesellte sich zu Pech, Leichtfertig keit zu widrigen Umständen, Unkenntnis zu einer kräftigen Portion Selbstüberschät zung. Das Beispiel Capone zeigt, was im schlimmsten Fall alles schiefgehen kann.

Trotzdem macht die Geschichte des in der Untersuchungshaft erdachten Mode-Labels auch Mut: Nach jedem Nackenschlag rappelten sich die Gründer wieder auf, getrieben von der Überzeugung, dass es doch kaum etwas Cooleres geben kann als eine eigene Firma für trendige Klamotten. "Es gibt wenige Branchen, in denen man schneller reich werden kann", sagt Tom Illbruck, einer aus dem heutigen Capone-Team. "Wenn Bill von Tokio Hotel so ein T-Shirt vor 10 000 kreischenden Fans trägt und die Fotos in der "Bravo" erscheinen, mache ich mit dem Ding einen Rohertrag von 500 000 Euro und verkaufe nicht 5000 Stück, sondern 100 000."

Aber die Leute von Capone wurden nicht reich, sondern gingen pleite. Und das lag nicht nur daran, dass Bill von Tokio Hotel nie ein Capone-Shirt getragen hat.

Im Jahr 2001 tauchte erstmals ein Problem auf, das dem Unternehmen von nun an ein treuer Begleiter sein sollte. Weil Capone schnell wuchs, fehlte es an Liquidität. L.'s Kollektion war mittlerweile bundesweit in Sze-ne-Shops für Hip-Hop und Street-Basketball zu bekommen. Die Läden orderten so viel, dass L. die Produktion nicht mehr vorfinanzieren konnte. Also suchte und fand er einen Partner, in Mannheim. "Ich hab' die Marke, ihr das Geld", war die Idee der gemeinsamen Firma namens Fource Textil GmbH. L. nannte sich nun Art Director und Key Account Manager.

Das gemeinsame Unternehmen wollte ganz groß einsteigen. Zu groß, wie sich bald zeigte. Die Partner bei Fource hatten in Fernost Tausende von T-Shirts und Jacken in Auftrag gegeben, die sie nun nicht loswurden. L., der als kreativer Kopf die Verantwortung für die Produktion gern an die Partner abgegeben hatte, verlor den Überblick.

Und 300 Kilometer weiter nördlich, im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort, wunderten sich zwei junge Männer, warum 1500 Euro Miete für Logistik und Lagerraum plötzlich ausblieben. Andras L. hatte zwischenzeitlich die Studenten Tom Illbruck und Ji-Lip Lee kennengelernt und insbesondere den passionierten Basketballer Illbruck zum Capone-Fan gemacht. Illbruck und Lee eröffneten im September 2003 in Kamp-Lintfort einen Capone-Laden und verkauften ganz ordentlich, für 3000, 4000 Euro im Monat. "Zum Leben reicht das auf die Dauer nicht", dachten sie sich, "da muss mehr drin sein." Sie kündigten den Laden und mieteten ein Lager an, in dem sie einen Showroom einrichteten und samstags vier Stunden lang die Capone-Kollektion verkauften, "jedes Mal Klamotten für rund 'nen Tausi", wie Illbruck sich erinnert. Für Lager und Logistik sollte L. 1500 Euro monatlich bezahlen - was er nicht mehr konnte, nachdem Fource in die Pleite geschlittert war.

Illbruck, Lee und L. führten Capone als Trio fort. Sie nannten das neue Unternehmen Tomio GmbH und bezahlten die Fource-Ware, von der anzunehmen war, dass man sie kaum noch würde verkaufen können, mit einem Kredit von 25 000 Euro, den Illbruck aufnahm.

Der Winter 2004/2005 begann vielversprechend. Capone holte in den Shops eine Vororder von 150 000 Euro herein und bekam von der örtlichen Sparkasse nach etlichen Irritationen sogar ein Produktionsdarlehen. Aus dem Verkauf der Winterkollektion wollte das Trio eine Eigenkapitalbasis aufbauen - solide genug, um in Zukunft ohne Bittstellerei bei der Sparkasse über die Runden zu kommen. Aus 150 000 Euro Vororder realisierten sie tatsächlich 100 000 Euro Umsatz - allerdings bei Materialkosten von 70 000 Euro. "Wir haben Jacken in Portugal fertigen lassen, die eigentlich für den halben Preis in China hätten produziert werden müssen", bilanziert Illbruck. Aber konnte man die geforderte Vorkasse für Produzenten in China finanzieren? - Nein, konnte man nicht. Es blieben 30 000 Euro Gewinn, von dem die Tilgung der Altlasten einen Großteil verschlang. Am Ende der Wintersaison, die so hoffnungsvoll begonnen hatte, war Capone genauso weit wie zuvor.

Das Frühjahr 2005 begann mit einem Problem, verpackt in Kisten aus Portugal. Darin lagen Shirts und Jacken, die größtenteils verhunzt waren. Die Ware ging zurück nach Portugal, der Produzent gelobte Nachbesserung. Als die Kisten wieder in Kamp-Lintfort ankamen, war der Saisonstart verpasst. 50 000 Euro Umsatz - statt der erhofften 150 000 - reichten immerhin, um den Stand der Verbindlichkeiten bei der Sparkasse auf null zu bringen.

Allerdings fehlte in der nächsten Saison erneut das Geld, die Rekord-Vororder von 180 000 Euro in Produktionsaufträge zu verwandeln. Die Sparkasse mochte die Kontokorrent-Linie nicht erweitern; dem Kundenberater erschloss sich die Abfolge von Vororder, Fertigung und Verkauf nicht wirklich. Also lief das Geschäft weiter auf niedrigen Touren. Aus kleinen Umsätzen wurde jeweils die nächste kleine Produktions-Charge finanziert, die wiederum nur für kleine Umsätze gut war.

Vielleicht wären L.-Illbruck-Lee damals richtig durchgestartet, wenn sie es wenigstens einmal geschafft hätten, einen richtig Prominenten mit einem Capone-Shirt publikumswirksam zu platzieren. Nun ja, sie haben es ein paar Mal versucht, aber welchen Umsatz bringt ein Kandidat bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?", der mit 500 Euro nach Hause geht? Oder eine Darstellerin in der ARD-Doku-Soap "Die Bräuteschule 1958"? Irgendwann einmal traf Andras L. auf Capone vom amerikanischen Kult-Hip-Hop-Duo Capone-N-Noreaga. Der Musiker und notorische Gefängnisinsasse war schwer begeistert; ein Mode-Label, das so hieß wie er. "Ey, Capone, it's me!", rief er. L. gab ihm einen Trainingsanzug mit, den Capone dann in einem Video trug, in dem er mit einem Liliputaner durch einen Supermarkt lief. Aber ist man ins Geschäft gekommen? - Nein, ist man nicht.

Eine Zeit lang waren L. und die Seinen wohl zu sehr damit beschäftigt, all die Unterlagen und Belege beizubringen, die der nächste potenzielle Finanzier einforderte. Die Bürgschaftsbank Nordrhein-Westfalen, erinnern sich die Capones, habe durchblicken lassen, man werde gegenüber der Sparkasse für eine Erhöhung des Kreditvolumens an Capone geradestehen.

Aber auch die Bürgschaftsbanker waren mit dem saisonalen Auf und Ab des Modegeschäfts offenbar nicht vertraut, sonst hätten sie kaum betriebswirtschaftliche Auswertungen für Monate gefordert, in denen in der Branche traditionell kein Umsatz gemacht wird. Auch verstehen die Capone-Leute bis heute nicht, welche Aussagekraft der Jahresabschluss einer GmbH haben soll, die erst am 19. Dezember gegründet worden war und bis Jahresende keinen Cent Umsatz gemacht hatte. Als endlich alle Unterlagen herangeschafft waren, erklärte die Bank kühl, dass man Unternehmen aus der Bau- und Modebranche nur in Ausnahmefällen finanziere. Capone war kein Ausnahmefall.

"Dann kam der Genickbruch", sagt Illbruck und zündet sich erst mal eine Zigarette an. Capone hatte einen Produzenten in der Türkei aufgetan, 25 Prozent billiger als die Portugiesen, mit ordentlichen Referenzen. Nachdem die Muster in einwandfreier Qualität geliefert worden waren, orderte Capone 1500 T-Shirts und Kapuzenpullis. "Und dann kommt das", sagt Tom Illbruck und knallt ein Shirt auf den Tisch. Fleckig, verschnitten und billig bedruckt statt aufwendig bestrickt. "Und mit viel höherem Synthetikanteil als vereinbart. Fühlt sich einfach billig an."

Der Fabrikant bot 50 Cent Preisnachlass pro Shirt an. Doch würde jemand verdorbenes Rinderfilet kaufen, nur weil es 38 Euro kostet statt 39,50 Euro? Ein Posten verhunzter Kapuzenpullis ging zur Nachbesserung zurück in die Türkei - und kam in noch schlimmerem Zustand wieder nach Deutschland. Das Saisongeschäft war inzwischen gelaufen - ohne Capone. Statt 80 000 Euro, mit denen wiederum Jacken aus China bezahlt werden sollten, kamen nur 10 000 Euro in die Kasse. Die China-Order musste storniert werden, sodass Capone schon bald ohne Ware dastand, was wiederum nichts Gutes für den künftigen Umsatz erahnen ließ. Die Sparkasse, um eine Ausweitung des Kreditrahmens gebeten, argumentierte streng: "Sie machen keinen Umsatz, also können wir Ihnen auch kein Geld geben." Im März 2007 meldete die Firma Insolvenz an.

Illbruck macht eine Pause und überlegt eine Weile. "Ja, was haben wir dann eigentlich gemacht? Und wovon haben wir gelebt?" Das Ganze ist zwar erst knapp drei Jahre her, aber trotzdem schon weitgehend vergessen. Illbruck sagt, er habe sich hauptsächlich von seiner Freundin durchfüttern lassen. L. malochte auf dem Bau und bastelte mit Lee zusammen am Konzept für die Wiederauferstehung von Capone. Eine Zeit lang ernährten sie sich offenbar fast nur von Toastbrot mit Margarine und Leitungswasser. Tom Illbruck stellte einen Antrag auf Hartz IV. Nach wenigen Wochen offerierte seine Fallmanagerin ihm einen Ein-Euro-Job als Lkw-Fahrer. "Das geht aber nicht", wehrte Illbruck ab, "ich bin Akademiker. Wenn ich ein halbes Jahr auf dem Lastwagen sitze, habe ich meine Vita ruiniert."

Zur daraufhin angedrohten Leistungskürzung kam es nicht, weil Illbruck keine Unterstützung mehr benötigte. Capone war, diesmal unter dem Namen Viermann GmbH, wieder am Start. Und was sollte das neue Unternehmen anders, besser machen als das gescheiterte? "Geld haben! ", sagt Illbruck nur und lacht.

Wer hätte damals ahnen können, dass das kleine Mode-Label Capone binnen Kurzem in den Strudel der internationalen Finanzkrise geraten würde? Illbruck & Co. war es gelungen, die Sparkassenbeteiligung Sachsen für ihr Konzept zu erwärmen. Sobald die Tochter der sächsischen Landesbank als Investor bei der Viermann GmbH eingestiegen sein würde, stünde einem Kredit der Sparkasse Leipzig in Höhe von 250 000 Euro nichts mehr im Wege.

Dann aber verspekulierte sich die sächsische Landesbank in den USA in großem Stil mit Ramschhypotheken und entging nur durch die spätere Übernahme der Landesbank Baden-Württemberg dem völligen Zusammenbruch. Den Verhandlungspartnern bei der Sparkassenbeteiligung musste eigentlich klar sein, dass angesichts der aussichtslosen Lage des gesamten landeseigenen Finanzkonzerns ein Einstieg bei Capone nicht mehr zur Debatte stand. Trotzdem forderten sie im Wochentakt immer neue Konzepte und Belege. Erst als Illbruck und Lee eines Tages durch die Schlagzeilen am Zeitungsstand einer Autobahnraststätte von der Beinahe-Pleite der Landesbank erfuhren, war ihnen klar, dass sie auf diesen Investor nicht mehr zu hoffen brauchten.

Wie aufwühlend diese Phase in der noch jungen Geschichte von Capone gewesen sein muss, offenbaren Tom Illbrucks Briefe an den Kundenberater der Leipziger Sparkasse, die zwischenzeitlich zur Hausbank von Capone geworden war. "Leute, denkt ihr eigentlich, wir sind gänzlich vor die Pumpe gerasselt?", heißt es da am Ende einer ausführlichen, mit dem Vorwurf des Protektionismus und Merkantilismus gespickten Belehrung über den korrekten Umgang mit Existenzgründern. "Scheiße, don't fuck with us! "

Wir befinden uns im Jahr neun nach Andras L. ersten Entwürfen. Wieder taucht ein potenzieller Investor am Horizont auf. Diesmal ist es die Sächsische Beteiligungsbank, die mit 300 000 Euro als stille Gesellschafterin bei Capone einsteigen will - unter der Bedingung, dass die Sparkasse Leipzig für Liqui dität sorgt. Letzteres muss sehr schnell geschehen, binnen vier Wochen, damit die Musterproduktion für die neue Kollektion rechtzeitig zu den Modemessen Anfang 2008 in Auftrag gegeben werden kann.

Als die Sparkasse die Kreditlinie bereit stellt, ist der Mai gekommen, die Messe vorbei und die Order-Runde für die Sommersaison auch. Capone konnte mangels Liquidität keine Muster produzieren lassen, deswegen auch keine Bestellungen herein holen und wird in den nächsten Monaten keinen Umsatz machen, was dem Todesurteil gleichkommt.

Vielleicht wäre das Geld schneller auf dem Geschäftskonto gewesen, hätten Illbruck und die Seinen den Kreditvertrag genauer gelesen. Dort stand, dass die Sparkasse zur Absicherung ihrer Risiken unter anderem den Abschluss einer Lebensversicherung und eines Firmen-Rechtsschutzes bei der Sparkassen-Versicherung erwartet. Dort sollten ab sofort auch die Firmenwagen versichert werden. Ji-Lip Lee, bei Capone für die Aufgabe zuständig, nahm den Passus nicht ernst. Hatte man doch längst einen billigeren Firmen-Rechtsschutz bei einer anderen Versicherung abgeschlossen. Bei der Autoversicherung machte der Unterschied 1000 Euro im Jahr aus. Es dauerte einige Zeit, bis Lee verstand, dass der Weg zum Kredit zwingend über die Sparkassen-Versicherung führte. Als er dann endlich reuig den Weg zum Versicherungsberater antrat, befand der sich in Urlaub. So vergingen die Wochen.

Es waren Wochen, es waren Monate, in denen das Capone-Team einen Großteil seiner Arbeitszeit darauf verwandte, ihren Sparkassen-Berater mit Unterlagen zu versorgen, die er für die Gewährung des Kredits zu benötigen glaubte. Eine Grundriss-Skizze des Warenlagers beispielsweise. Da es zum damaligen Zeitpunkt noch keine Ware gab und auch kein Warenlager, bat Illbruck einen befreundeten Logistiker, ihm irgendeine Skizze von irgendeinem Waren lager zu faxen. Da war der Sparkassen-Berater zufrieden.

Als er aber feststellte, dass L. sich einen iMac für 2300 Euro zugelegt hatte, war der Berater nicht zufrieden. Schließlich war im Vertragswerk ein Sockelbetrag für Computer von lediglich 2000 Euro vereinbart worden. "Dafür haben Herr Lee und ich für unsere Computer nur jeweils 1800 Euro ausgegeben", argumentierte Tom Illbruck. Aber nun war der Berater auf den Plan gekommen. "Listen Sie doch mal bitte genau auf, wofür Sie bisher Geld ausgegeben haben", verlangte der Mann. Die drei von Capone scannten Stapel von Rechnungen, Quittungen, Kassenzettel und Parkscheine, bastelten Excel-Listen und schickten der Sparkasse schließlich ein eindrucksvolles Datenpaket. Irgendwann fragte der Kundenberater, wo denn die angeforderten Belege blieben. Der Virenscanner der Sparkasse hatte die Anhänge mit allen Dateien gelöscht.

Die Investoren von der Sächsischen Beteiligungsbank wiederum zeigten sich nach der Bereitstellung des Kredits durch die Sparkasse sehr verwundert, dass Capone keinerlei Umsätze vorweisen konnte. "Sie haben jetzt eine Menge Geld zur Verfügung", bedeuteten die Beteiligungsbanker Tom Illbruck, "da müssen Sie aber auch was draus machen." Aber wie - ohne vorzeigbare Kollektion, ohne Präsenz auf der Messe, ohne Vororder? "Die hätten uns auch zwei Millionen geben können", sagt Illbruck, "wir hätten die Umsatzziele trotzdem nicht erreicht. Das Geld kam einfach vier Monate zu spät."

In ihrer Not machten sich die drei auf die Suche nach einem Vertriebsprofi, der für schnellen Umsatz sorgen sollte. Bis dato hatten sie den Vertrieb stets in Eigenregie bewerkstelligt. Schließlich fanden sie jemanden, der mit besten Referenzen ausgestattet war, angeblich Kontakt zu 1000 Läden hielt und ihnen ein traumhaftes Vorordervolumen von 800 000 Euro zusagte, definitiv. Die Capone-Leute gaben daraufhin 8000 Musterteile in Auftrag, was fast die gesamte verfügbare Liquidität verschlang.

Dann wurde es still. Immer beharrlicher fragte Illbruck nach: Wie viele Kunden sind schon angesprochen worden, wie war das Feedback? Aber es kam nichts. Vor allem keine Bestellungen. Irgendwann fragte der Vertriebsmann nach der Preisliste, die Illbruck ihm längst geschickt hatte. Illbruck schickte sie nochmals. Als er zwei Wochen später bei einer Mitarbeiterin des Vertriebs anrief, sagte sie: "Übrigens, der Frank hat noch keine Preisliste." Wiederum zwei Wochen später schickte "der Frank" Illbruck eine Mail: "Tom, so kann ich mit dir nicht arbeiten. Du hast mir immer noch keine Preisliste geschickt." Diese Mail war ihrerseits die Antwort auf eine Mail von Illbruck - mit der Preisliste im Anhang.

An besonders bleischweren Tagen macht man bei Capone heute Rechnungen der Kategorie "hätte-sollte-könnte" auf. "Selbst wenn nur zehn Prozent der 1000 Läden, die unser Vertrieb angeblich im Portfolio hatte, für je 2500 Euro geordert hätten, wären wir noch am Leben", überschlägt Ji-Lip Lee. Aber welchen Umsatz hat er denn nun gebracht, der Frank?

"Keinen", sagt Tom Illbruck in die Stille hinein.

Als alles schon unausweichlich in Richtung Pleite taumelte, die dritte, entzündete sich noch ein bizarrer Streit um die von der Sparkasse ursprünglich zugesagte zweite Kreditlinie. Da die erste Tranche für die Produktion der Musterkollektion verbrannt worden war - sie lagert größtenteils immer noch bei Tom Illbruck daheim auf dem Dachboden -, forderte Capone jetzt 75 000 Euro für die Produktion von Shirts und Pullis - deren Absatz, vorsichtig ausgedrückt, nicht gesichert war. " Ja, aber Sie haben doch noch gar keine Umsätze generiert", erkannte der Kundenberater der Sparkasse durchaus richtig.

Die Capone-Argumentation, man habe ja schlecht etwas verkaufen können, das wegen der Verzögerung bei der Bereitstellung der ersten Linie noch gar nicht in Produktion gegangen war, überzeugte den Banker nicht. "Nach Plan müssten die Umsätze längst gemacht sein", befand er - und verweigerte die Auszahlung der zweiten Tranche. Vermutlich hat er das Geschäftsmodell tatsächlich nie verstanden, vermutlich war es sein erster Kontakt mit einem Unternehmen aus der Modebranche, und vermutlich gingen ihm die Capone-Mannen, die ständig Geld haben wollten, aber nie welches hereinbrachten, gehörig auf die Nerven.

Und dann schrieben sie ihm auch noch solche Briefe: "Welche Katharsis erwarten Sie sich davon?", schulmeisterte Illbruck den Sparkassenmann, nachdem dieser dringend angeraten hatte, die Gehälter zu kürzen und die Büroeinrichtung zu verkaufen, um wenigstens ein paar Tausend Euro hereinzuholen. "Gründer zu fördern bedeutet Risiken einzugehen, ohne den Geschäftsbetrieb durch Risikenabsicherung aufzuhalten." Das Verhalten der Bank sei ein "perfides Schmierentheater".

Als die Beteiligungsbank im Februar 2009 ihr Engagement aufkündigte, stand Capone ohne Investor da, ohne Geld, ohne Kunden, ohne Kollektion. Es war aus. Kehraus. Eine Zeit lang noch geisterte Capone einem Untoten gleich umher. Es gab noch den Internet-Auftritt und den Online-Shop. Hin und wieder wurde von Kamp-Lintfort aus ein Paketchen mit Shirts oder Hoodies verschickt; 8000 Musterteile lagerten ja bei Tom Illbruck daheim.

Seit ein paar Wochen wiederum gilt im Hause Capone eine neue, fröhliche Losung. Sie lautet: "We just won't be defeated! " - angelehnt an einen Song der britischen Hip-Hop-Funk-Band The Go! Team. Weil ein gutes Ende haben muss, muss, muss! , was dreimal schiefgegangen ist, haben Illbruck, Lee und L. mit der Abwicklung von Konfektionsproduktionen für Dritte ein bisschen Geld verdient, das sie nun in die Wiederbelebung von Capone stecken, in eine kleine Kollektion aus Bewährtem und Neuem, die sie in geringen Stückzahlen fertigen lassen. "Das ist mein Baby", sagt Andras L., "ich hab's geboren, ich hab's zum Laufen gebracht. Das kann ich nicht so einfach sterben lassen."

Irgendwann, da haben die drei von Capone keinen Zweifel, wird die Welt da draußen schon noch begreifen, welches Potenzial in ihrer Marke steckt. "Die Idee war richtig", behauptet Tom Illbruck, "und das Produkt war auch richtig." Andras L., der Mann der ersten Stunde, wagt sich sogar noch ein Stück weiter vor: "Wenn der richtige Investor kommt", sagt er, "dann ist Capone ganz weit oben angesiedelt. Ich weiß, dass es definitiv noch mal so richtig knallen kann." -

(*Name wurde auf Wunsch anonymisiert)
www.cap-one.de