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Schöne Aussichten

Wir leben in Zeiten großer Veränderungen. Aber wie steht es mit dem eigenen Wendepunkt? Wie geht es weiter, ganz persönlich? Eine kleine Geschichte über den eigenen Fortschritt.




1. Zurückgeworfen

Es gibt Leute, die reden viel und sagen wenig. Doch selbst Geplapper hat einen ernsten Hintergrund. So ernst, dass es zuweilen gruselig wird.

Nehmen wir eine Phrase, die in unsicheren, wenig planbaren Zeiten, heutzutage also, oft zu hören ist, wenn sich jemand die Frage stellt: Wie geht's für mich weiter? Dann wird das Große und Ganze beschworen und das Persönliche kleingemacht. Die deutsche Sprache ist in dieser Hinsicht besonders kreativ. Veränderung, so heißt es, könne man an und für sich selbst gar nicht pakken. Da müssen große Agenden, Programme, Methoden und Vorschriften her. Und dann heißt es: "Niemand soll auf sich selbst gestellt sein." Und als ganz besondere Drohung: "Wir möchten keine Welt, in der der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen wird."

Das ist interessant.
Da haben wir noch ein paar Fragen.

Was ist das Problem, wenn man "auf sich selbst gestellt" ist? Und was geschieht, wenn man "auf sich selbst zurückgeworfen" wird? Auf wen treffen wir da eigentlich? Kann man dem Kerl trauen? Halten wir es aus, wenn er uns Fragen stellt wie diese: Hast du was aus deinem Leben gemacht? Wo sind die Ziele, die du dir einmal gesteckt hast? Lebst du schon, oder planst du noch?

In einer Kultur, in der es nicht koscher ist, wenn man auf sich selbst trifft, werden diese Fragen sorgsam verdrängt. Man kann sie wegquatschen oder sich an anderen orientieren, die sich auch nicht selbst treffen möchten, unter gar keinen Umständen. Dennoch: Der Tag wird kommen, an dem man sich diese Fragen stellt. Blöd, wenn dann niemand zu Hause ist.

In Sachen negativer Selbstbilder sind wir groß, das können wir, das haben wir gelernt. Deshalb mutet es heute auch so merkwürdig an, wenn Menschen angesichts des schnellen Wandels eine sehr einfache Frage stellen: Wie weiter?

Und kaum ist diese Frage gestellt, haben auch Leute, die an sich ganz gut mit sich klarkommen, ein kleines Problem: Jemand, der nicht brav und im Kollektiv ein Leben lang das tut, was man ihm sagt; jemand, der fragend durchs Leben geht und nach Antworten sucht, Experimente nicht scheut, der hat einen "brüchigen Lebenslauf". Der hat mal hier gearbeitet, mal dort, an diesem Projekt, an jenem.

Einerseits behaupten Personaler und Arbeitssoziologen, dass genau das gut wäre - denn aus Versuchen lernt man schließlich mehr als durch stures Draufhalten. Man geht nicht einfach von A nach B durchs Leben. Man muss Herausforderungen annehmen. Man muss seine Herausforderung suchen. Nur: Wer das macht, gilt immer noch als unzuverlässig, vage, nicht orientiert. Denn was brüchig ist, ist naturgemäß keine deutsche Wertarbeit. Was bricht, ist minderwertig.

Was geht in Leuten vor, die so denken - und sich auf gar keinen Fall selbst begegnen wollen?

2. No Future

In ihrem Buch "Die Zukunft und ihre Feinde" stellen die Autoren Michael Miersch und Dirk Maxeiner eine sehr einfache Frage: "Woher kommt bloß dieser abgrundtiefe Pessimismus gegenüber unserer eigenen Entwicklungsfähigkeit?" Warum wollen wir alles - nur nicht uns selbst begegnen?

Wer sich ernsthaft und gründlich die Frage "Wie weiter?" stellt, der kommt an dieser Einschätzung kaum vorbei. Schon gut - die Welt ist nicht mehr das, was sie mal war. Sie ist unüberschaubar geworden, komplex, kompliziert sogar. Je mehr Überraschungen sie bereithält, desto weniger scheint der Einzelne noch eine Antwort auf die scheinbar simple Frage "Wie geht's weiter?" zu haben. Die Welt ist ein Ort geworden, an dem man jederzeit jedem alles zutraut - ausgenommen sich selbst.

War das nicht vorhersehbar, als vor 30 Jahren die Punks "No Future" und Herbert Achternbusch "Du hast keine Chance - aber nutze sie" proklamierten?

Ja, aber damals glaubten die meisten noch an den Gründungsmythos der Bundesrepublik, nach dem immer mehr Wachstum immer mehr Arbeitsplätze schafft und immer mehr Teilhabe. Mach mit, dann geht's dir gut. Das konnte man vor 30 Jahren noch halbwegs glauben. Diese Illusionen haben sich verbraucht.

Die Kontinuität, die noch vor einer Generation im Berufsleben herrschte, ist dahin. Berufsbilder haben eine Halbwertszeit von wenigen Jahren. Das Leben wird zu Projektabschnitten. Die Familie, die einst einen festen Rahmen lieferte, und die Beziehungen sind selbst von Brüchen durchzogen. Zwar sagt man gern dort, wo die Nahtstellen liegen: "Das habe ich mir ganz anders vorgestellt." Doch die meisten Probleme kommen daher, dass man sich eigentlich gar nichts vorgestellt hat. "Man" hat eben mitgemacht. Beruflich, privat, überhaupt.

Aber das Selbst holt sich sein Recht. An den Brüchen im Leben wartet es geduldig. Und so vieles wird dabei zum Widerspruch. Soll man sich mehr anpassen oder mehr rebellieren? Soll man etwas riskieren oder doch lieber auf Nummer sicher gehen? Die Welt, wie wir sie kennen, ist für Widersprüche nicht geeignet. Sie auszuhalten muss man lernen. Zu fragen: Was kann ich eigentlich aus mir machen?

3. Fortschritt

Was machen wir aus uns selbst? Und woher, fragen wir nochmals mit Maxeiner und Miersch, kommt dieser "abgrundtiefe Pessimismus gegenüber unserer eigenen Entwicklungsfähigkeit"? Einfache Frage, einfache Antwort: Das wurde uns so beigebracht.

Wer wissen will, wie es weitergeht, sollte fragen, wo er herkommt. Es genügt für unsere Zwecke vollkommen, sich die vergangenen 250 Jahre anzusehen.

Am Anfang dieser Periode kommt ein merkwürdiges Wort zur Welt: Fortschritt. Heute definieren es Enzyklopädien so wie die meisten Leute: "Fortschritt" ist das Gegenteil von "Stillstand und Rückschritt", aber auch, im gleichen Atemzug, eine Sache, der wir nicht mehr so richtig trauen. Es ist irritierend. Deshalb lässt man die Frage "Wie weiter?" gern sein.

Das war mal anders. Der Fortschritt bedeutete lange Jahre immer nur eines: eine Verbesserung. Die Frage "Wie weiter?" hingegen klingt heute immer ein wenig verzagt. Da kann doch eigentlich nichts mehr kommen. Gut genug, wenn alles so bleibt, wie es ist - auch wenn wir noch nicht einmal damit zufrieden sind.

Das Wort Fortschritt hatte, als die Aufklärung begann, noch einen anderen Sinn. Mit dem Wort bezeichnete man schlicht und einfach das, was kommen wird und musste, zwangsläufig. Den Fortschritt konnte schon damals niemand aufhalten, schon gar nicht der Einzelne. Der nächste Schritt war einer, über den man keine Kontrolle hatte. Das nennt man Schicksal, eine höhere Kraft also, die über einen festen Plan verfügt, eine Art Lebens-Software und Betriebssystem. Dieser Plan läuft gnadenlos ab. Die "Vorsehung" bestimmt, was aus uns wird. In dieser Welt gehört niemand sich selbst.

Darüber dachten die meisten Leute damals nicht groß nach. Man hatte auch anderes zu tun, überleben zum Beispiel. Der Rest des Lebensplans ist das Einfügen in das Unvermeidliche, das Hinnehmen einer Rolle, des Schicksals. Adel oder Bauer, Arbeiter oder Priester - all das ist längst festgelegt. Widerstand ist zwecklos.

Merkwürdig ist, dass das heute irgendwie vertraut klingt, nach so langer Zeit. Ersetzt man Gott oder die höhere Macht durch Komplexität oder Globalisierung, neue Arbeitswelt und Wandel, dann kommt ziemlich genau das dabei heraus, was man früher vorfand: eine undurchdringliche, nicht verstehbare "natürliche Ordnung", nach der sich alle richten. Von Selbstbestimmung keine Spur. Überall nur Einzelschicksale.

Gegen diese Haltung sind die alten Aufklärer Sturm gelaufen, und das ist auch heute noch richtig. Sie starteten ein einfaches, überschaubares Projekt, nämlich die Verbesserung der Welt. Fortschritt darf kein Schicksal sein. Der Mensch soll selbst entscheiden und handeln. Er ist für sich selbst verantwortlich.

Es gab einige, vorerst noch wenige Menschen, die sich diesem Programm anschlossen. Es waren Erfindungen, Verbesserungen, methodische und geistige Erkenntnisse, denen sich die Schicksalhaften letztlich nicht mehr entgegenstellen konnten. Der Kampf gegen das Schicksal war keine Kleinigkeit, es gab Revolutionen, es gab Widerstand, es war echt was los.

4. Der Freiheits-Test

Das Materielle und seine Beherrschung hat nur dann Sinn, wenn der Einzelne damit das tun kann, was er für richtig hält. Das ist der Deal, an dem man nichts ändern kann. Die Aufklärung will Freiheit in Selbstbestimmung. Man darf, ja man soll darüber nachdenken, wie man auf dieser Welt glücklich wird. Do the right thing - aus den alten Verfassungen dieser Zeit, etwa der amerikanischen, hört man noch sehr klar den Ursprung der Aufklärung heraus. "Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit", hat Georg Wilhelm Friedrich Hegel das genannt. Es geht eben nicht nur um den Hunger nach Mehr, den materiellen Fortschritt, mehr Geld, mehr Ware, mehr Besitz - sondern immer um den freien Menschen. Um Selbstbestimmung.

Wie stehen wir heute eigentlich dazu? Das kann man leicht testen. Man braucht dazu nur den Satz

"Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen"

vorzutragen, und zwar, wenn's geht, öffentlich. Dieser Satz wird von der überwiegenden Mehrheit der Zuhörer so interpretiert: Dieser Satz passt in ein "neoliberales Weltbild", bei dem es um das brutale und zynische "Jeder, wie er kann" geht. Ist das so?

Die aktuelle Reaktion auf den Satz zeigt nur eines: wie tief die meisten Menschen heute in der Vorstellung stecken, dass Fremdbestimmung besser ist als Selbstbestimmung. Lieber hat man jemanden, der sagt, wo es langgeht: den Staat, den Chef, den Plan.

Der Satz stammt von Karl Marx. Der hat ihn 1875 aufgeschrieben, weil er sich über die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung ärgerte, die gerade dabei war, mit dem Establishment einen Deal zu machen. Die Arbeiterbewegung akzeptierte den Staat und seine Einrichtungen - den großen Fremdbestimmer - und bekam dafür ein wenig vom Wohlstand ab. Teilhabe gegen Anpassung. Die alte Geschichte. Marx fand das falsch. Am Ende aller Bemühungen der Aufklärung musste die Freiheit des Einzelnen stehen. Der Verzicht auf Selbstbestimmung war für Marx ein fauler Deal.

Der letzte Satz in seiner "Kritik des Gothaer Programms" lautet: "Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet." Die Seele, das Ding, in dem seit alters her der Sitz der Persönlichkeit vermutet wird. Es ist ein bemerkenswertes Einzelschicksal, dass ausgerechnet Marx von seinen Epigonen für das Gegenteil dessen eingespannt wurde, was ihn antrieb. Aber da haben alle mitgemacht. Ausnahmslos. Und sie tun es noch heute.

5. Anything goes

Generationen später war genug Wohlstand vorhanden, um den Deal, der Marx so wurmte, neu zu hinterfragen. Fast hundert Jahre nach dessen Kritik am neuen Kurs der Arbeiterbewegung, im Jahr 1970, veröffentlichte der Philosoph Paul Feyer abend seine These vom "anything goes". Auch das haben viele missverstanden. Es geht dabei nicht darum, dass alles möglich ist - vorausgesetzt, man hat es mit dem, was man will, in Einklang gebracht.

Das geschah vor dem Hintergrund einer Generation, die zwar in materiellem Wohlstand aufgewachsen war und mehr Möglichkeiten hatte als jede Generation vor ihr, die aber anhaltend unzufrieden war mit ihrer persönlichen Entwicklung. In seinem Buch "Wider den Methodenzwang" machte sich Feyerabend über diesen Widerspruch seine Gedanken. Der Mensch hat mehr als je zuvor, warum ist er so unzufrieden? Ist ihm langweilig?

Hat er keine anderen Sorgen?

Oder aber er hat das Maß an Fremdbestimmung so zugenommen, dass niemand mehr sich selbst entwickeln kann? Da würden schon viele zustimmen. Das kennt man. Wo bleibe ich? Das hört man oft. Aber kommt man mit sich selbst voran? Paul Feyerabend findet, man muss es sogar: "Das einzige Prinzip, das den Fortschritt nicht hemmt, heißt: Mach, was du willst."

Das klingt zügellos, unverbindlich, ist aber genau das Gegenteil. Feyerabend sah in diesem Satz eine Bringschuld seiner Generation: Wir haben die materiellen Voraussetzungen für so vieles - und was machen wir jetzt damit? Autonomie leben, selbstständig werden - oder durch die Institutionen marschieren, also mitmachen? Und sich etwas vormachen?

Als Paul Feyerabend seine Fortschrittsdefinition lieferte, hatten die Menschen noch eine Wahl. Aussteigen oder mitmachen - beides war möglich. Doch dann kamen die Krisen, Arbeitslosigkeit, Strukturwandel, die Veränderung der alten Ordnung der Nachkriegsjahre. Sätze wie "Ich habe keine Wahl" und "Das kann ich mir nicht aussuchen" kamen wieder in Mode.

Besonders deutlich wurde das in den neunziger Jahren - nach der Wende, dem Zusammenbruch der alten Machtblöcke und dem Aufstieg neuer Technologien, die die Welt um einiges unübersichtlicher machten.

6. Generation X

Die einen sprachen vom "Ende der Geschichte", die anderen versuchten, ihrem irritierten Publikum irgendeine Form von Halt zu geben. Man erfand die "Generationen-Projekte". Bekannt wurde etwa das Buch des Autors Florian Illies namens "Generation Golf", das im Jahr 2000 erschien und die Generation ansprechen sollte, die in den achtziger Jahren aufgewachsen ist. Dass diese Generation nach einem erfolgreichen Kompaktwagenmodell der Volkswagen AG benannt wird, ist kein Zufall. Denn es gab in kultureller Hinsicht wenig, was diese Menschen verband.

Deshalb nennt man die Angehörigen der "Generation Golf" auch gern "Generation X" (nach einem Roman von Douglas Coupland). Das soll signalisieren, dass diese Leute keinen Plan mehr haben. Sie gehören zur ersten Ausgabe einer Gesellschaft, deren Einzelne "auf sich selbst zurückgeworfen sind". Viele, die ihre alte Ordnung hatten, fanden das Buch lächerlich. Wischiwaschi. Politisch nichts und sonst auch nichts. Was soll das sein, Generation Golf, X?

Illies selbst hat einige Jahre nach der Veröffentlichung von "Generation Golf" einen entscheidenden Hinweis zum Verständnis gegeben. Da ist eine Generation, die die Ideale ihrer Eltern nicht mehr leben kann - man darf an dieser Stelle wieder darauf hinweisen, dass schöne Sachen wie Sozialstaat, lebenslange Karriere und materielle Sicherheit, wie das die Nachkriegsgenerationen ganz selbstverständlich vorfanden, einfach nicht mehr greifbar waren. Die Jungen kannten Unsicherheit. Das war konstant. Diese Unsicherheit entsteht aber vor allem vor dem Hintergrund der sicheren (und selbstgerechten) Generationen vor jener, die Illies beschrieb. Verunsicherung, so Illies in der "FAZ", "scheint eher positive Effekte zu haben: Sie zwingt einen zum Nachdenken über sich selbst."

7. Generation Praktikum

Nachdenken ist etwas, das mal besser, mal weniger gut funktioniert, ganz besonders, wenn man es im Kollektiv macht. Schon ein halbes Jahrzehnt nach der Generation Golf taucht das Schlagwort der "Generation Praktikum" auf. Es beschreibt die Praxis vieler Unternehmen und Organisationen, junge Berufseinsteiger schlecht oder gar nicht zu bezahlen und gleichzeitig auch keinerlei Perspektiven für deren berufliche Entwicklung zu bieten. Angehörige der Generation Praktikum arbeiten nach einer guten Ausbildung jahrelang für wenig Geld. Damit es keine Missverständnisse gibt: Es ist falsch, qualifizierte Leute nicht oder nur schlecht zu bezahlen und die Risiken des Unternehmens auf sie abzuwälzen. Es ist doppelt falsch, einer ganzen Generation die Hoffnung zu nehmen, dass sich Leistung und Einsatz doch lohnen könnten. Doch ist es deshalb schon richtig, die Welt aus Praktikantensicht zu sehen?

Gegenüber der Einsicht des Autors der Generation Golf, dass die Leute über sich selbst nachdenken und, so steht zu hoffen, sich nicht als Bedrohung empfinden, ist die Generation Praktikum ein Schritt zurück. Denn hier geht es - zahllose Aussagen Betroffener machen das klar - um die Klage, dass das System den Einzelnen nicht integriert. Das Problem der Generation Praktikum ist weniger, dass sie eine falsche Welt vorfindet, sondern dass sie fordert, diese falsche Welt möge sie so schnell wie möglich aufnehmen.

Darf man sich wirklich darüber beklagen, dass der Einstieg in die Angestelltenwelt so schwer ist, weil man sich gar nichts anderes vorstellen mag, sich nichts mehr wünscht, als möglichst schnell als "abhängig Beschäftigter" zu landen? Ist das ein Ziel? Schlägt die Sehnsucht nach Fremdbestimmung das Nachdenken über sich selbst? Sticht das "Weiter so" immer die Frage "Wie weiter"?

Die Debatte um die Generation Praktikum steckt genau hier fest. Egal, wie man es auch dreht und wendet, das Dilemma bleibt. Alle können nicht mehr ins System hinein.

Die Umverteilungskämpfe finden eben nicht, wie uns das manche weismachen wollen, zwischen ALG-II-Empfängern und Besitzern anonymer Konten in der Schweiz und Liechtenstein statt. Das sind Scheingefechte, die von etwas ganz Wesentlichem ablenken sollen: Der Klassenkampf von heute tobt auf der gleichen Etage - zwischen denen, die das Umverteilungssystem schützt, und jenen, die nicht mehr reindürfen.

Wer allerdings Einlass fordert, bittet auch um Fremdbestimmung. Das ist kein Fortschritt, sondern nur Resignation in der Hoffnung auf den Rentenanspruch. Das genügt nicht für den Fortschritt, nicht für den alten und den neuen sowieso schon gar nicht. Und nicht selten in der Geschichte gibt es einfach auch mal Rückschläge. Siehe Marx. Siehe Feyerabend. Siehe Generation Praktikum. Es wird aber wieder. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Es geht wieder um Selbstbestimmung.

8. Verortungen

Der Münchener Soziologe Armin Nassehi macht den Versuch einer Antwort. "In unserem System ist nach wie vor alles auf den sozialen Aufstieg ausgelegt. Die Löhne müssen steigen, die Kinder müssen es besser haben als ihre Eltern. Aber eigentlich glaubt das niemand mehr." Seine Studenten, so der Professor weiter, "glauben auch nicht mehr daran, dass eine gute Ausbildung zu einem guten Job führt. Aber sie machen es trotzdem - weil sich neue Chancen bieten können. Sie konstruieren ihre ganz persönlichen Lebensentwürfe und jagen nicht alten Illusionen nach. Sie können mit Widersprüchen besser umgehen - sie bewerten nicht alles als richtig oder falsch. Sie passen das, was sie lernen, an sich selbst an."

Das heißt auf gut Soziologisch "Konzept der persönlichen Verortung", das muss man sich nicht merken, es genügt, wenn man Leute wie Hauke Wiese kennt. Der 25-Jährige aus Rotenburg an der Wümme studiert seit einigen Monaten Politikwissenschaft in Berlin. Zuvor hat er eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Warum der Bruch?

Ist ja gar keiner, sagt Wiese. "Ich mache das nicht für das System, ich mache das für mich." Es wäre schön, erzählt er, wenn er mal Familie hätte, Kinder, und wenn regelmäßig Geld auf dem Konto wäre. Klar. Aber das alles festzulegen, das ist "Quatsch. Ich will gar nicht wissen, was ich in fünf Jahren mache - das ergibt sich."

Für alte Lebensplaner und Sicherheitsapostel heißt das natürlich: Der junge Mann weiß nicht, wovon er redet. Unverantwortlich. Aber in der Welt von heute könnte genau das Gegenteil richtig sein. Denn wo Fremdbestimmung nichts mehr anzubieten hat, wo der Deal nicht mehr funktioniert, "sollten sich Leute ihre Chancen selbst definieren. Da muss man Verantwortung eben selbst tragen", sagt Wiese, "es geht um Selbstständigkeit, um Autonomie." Er hat eine Antwort: seine. Das ist gut für ihn, schlecht aber für alle, die auch bei der Veränderung der eigenen Persönlichkeit Anleitungen von anderen brauchen, weil sie es nicht wagen, "auf sich selbst zurückgeworfen zu werden".

So wie Wiese ticken viele junge Menschen - aber die große Mehrheit versucht, durch Anleitungen und fixe Antworten der Frage zu entgehen, was sie selbst will. Das ist kein Wunder. Das ist nicht verwerflich. Und es kann nicht so bleiben. Es gibt einige Leute, die was dagegen tun.

9. Der rote Faden

Zum Beispiel die Unternehmerin und Beraterin Dominique Döttling. Für sie ist Selbstbestimmung der Schlüssel zur Veränderung, nicht nur der Person, sondern auch des Systems, in dem wir leben. "Die Person ist heute in unserer Kultur kein politisches Modell", sagt sie. "Ein Mensch ist, wer in die Sozialversicherung einzahlt. Abhängige Erwerbsarbeit ist immer noch die Lösung für alle Probleme. Alles andere zählt nicht." Und Unternehmer sind nur für eines gut: "Arbeitsplätze schaffen." Wie weiter? "Du musst immer mehr liefern, ganz einfach. Alles andere gilt als Niederlage."

Das sagt Döttling nicht einfach so, sondern aus der besten Perspektive, die man sich vorstellen kann: der persönlichen Erfahrung. Sie engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich. Weil ihr Geschäft gut läuft, hat sie vor einigen Jahren ihr Unternehmen verkleinert. Konzentration auf das Wesentliche, damit noch Zeit bleibt für das, was einem sonst im Leben noch wichtig ist.

So etwas kann man heute in jedem drittklassigen Lebenshilfebuch nachlesen, einfach auch deshalb, weil es stimmt. Der Job ist nicht alles. Die Firma ist nicht alles. Bloß: Wer das lebt, gilt als suspekt. "Es lief gut. Ich konnte es mir leisten zu sagen: Machen wir ein bisschen weniger", sagt Döttling. " Die Reaktionen darauf aber waren völlig verrückt. Geht es dir so schlecht, dass du jetzt verkleinern musst? Das war die Standardfrage. Wenn ich gesagt habe, ich plane mein Leben, wie ich es für richtig halte, ich setze Prioritäten, dann hat mir das kaum jemand geglaubt."

So sind sie eben, die Fremdbestimmten. Selbst denken, entscheiden, handeln - das ist immer noch etwas, das nur unter Druck sein darf. Freiwillig geht überhaupt nichts. Das wäre ja noch schöner - und außerdem gegen die Regeln.

Döttling nimmt das nicht krumm: "Den meisten Menschen fehlt einfach eine Vorstellung von sich selbst. Was wir lernen müssen, ist: Verlass dich auf dich selbst. Du bist der rote Faden." Das ist ein langer Marsch gegen die Institutionen. Nicht leicht. Kann man das lernen?

Seit Jahrzehnten, seit die Frage "Wie weiter?" aus dem Dunkel der Geschichte wieder hervorkam, wird das zumindest versucht. Immer wieder schaffen es Lebenshilfebücher auf die Bestseller-Listen, und in den neuen Medien sind es vor allen Dingen Fragen nach der Persönlichkeitsentwicklung, die in unendlichen Facetten immer wieder diskutiert werden. Da geht es um das Training des Selbstwertgefühls, manchmal auch um Lebensmut. Nicht wenig davon ist banal, Küchenpsychologie, aber das allermeiste hat noch einen viel entscheidenderen Haken: Es nützt nichts, weil man versucht, die Antworten auf eine Frage, die sich jeder selbst stellen muss, aus einer Perspektive zu beantworten, die nicht die eigene ist. Das scheitert immer wieder grandios. Der einzige Experte für einen selbst ist man eben selber.

Wie findet man also nach den unausbleiblichen Rückschlägen wieder zum roten Faden zurück, zum Selbst? Wie kann man so weit kommen, dass man sich angesichts der Widersprüche, die man aushalten muss, weil das Gestern und das Heute so selten zusammenpassen, nicht irre fühlt? Wie kommt man dazu, dass man sich auf sich selbst verlassen kann?

10. Die Strukturierten

Die Hamburger Psychologin Maria Wendeler versucht mit ihren Klienten, genau diese schwierige Übung hinzukriegen. Sie betreibt mit ihren Kollegen den Verein Zeitleben e.V. Dieser unterstützt Menschen bei der wesentlichsten aller Fragen: "Wie weiter?" Es ist noch nicht so lange her, dass eine solche Beratung eine eher randständige Angelegenheit war. Wer professionelle Hilfe suchte, wenn es um so grundlegende Sachen wie die Fragen nach der Berufsplanung oder dem Familienleben ging, der galt den "Normalos" in unserer Gesellschaft fast schon als verrückt. Berufsberatung durch die Arbeitsagentur, kühles Karrieretraining, das geht in Ordnung. Das hat Methode. Solange man sich dabei nicht selbst begegnen muss.

So ändern sich die Zeiten. Wendeler merkt das jeden Tag: "Wir sehen, dass es immer mehr Leute sind, die diese grundlegende Frage nach dem ,Wie weiter?' haben. Und sie kommen aus allen Schichten, aus allen Berufen. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie keinen Zugang mehr zu sich haben. Wir versuchen mit ihnen gemeinsam, wieder einen roten Faden in ihr Leben zu bringen."

Das ist natürlich nicht so einfach, nicht nur, weil solche Arbeit immer noch von vielen belächelt wird. Wendeler schätzt die Arbeiten des Psychologen und großen Verteidigers des Selbst, Arno Gruen, sehr. Er nennt das, was viele heute in ihrer Fremdbestimmung hält, den "Wahnsinn der Normalität".

Wer zu Maria Wendeler und Kollegen kommt, entspricht ganz gewiss nicht dem Klischee des zerrütteten Nervenbündels, das aus der Bahn geworfen ist: "Es sind Leute, die hochkreativ sind und gut in ihrem Job, aber verzagt, weil sie gern einen Plan hätten, eine Methode, etwas, das sie strukturiert. Ihr Selbstvertrauen ist auf dem Nullpunkt, nicht etwa, weil sie nichts können oder leisten, sondern weil sie sehen, dass sie trotz ihrer Fähigkeiten im Job immer wieder den Leuten unterliegen, die stur nach Schema F Karriere machen." Schema F - wie Fremdbestimmung. Das klappt immer noch sehr gut, auch in Zeiten, in denen in vielen Unternehmen längst klar ist, dass es so nicht weitergeht. Weder mit den planbaren Karrieren noch mit den Menschen, die dabei herauskommen.

Wendeler versucht, den "Unstrukturierten" klarzumachen, dass sie ihr Selbstbewusstsein schärfen, sich im wahrsten Sinn des Wortes "mit sich selbst vertraut machen" müssen.

Das ist der Plan, der verhindert, dass die, die sich systemkonform verhalten und die Ideen anderer Leute abgreifen, weiter zum Zuge kommen - damit sich auch die durchzusetzen lernen, die etwas Eigenes haben. Eigene Ideen, die nicht von der Stange kommen. Dazu muss man wissen, wer man ist.

Diese Leute haben es heute schwer. Wenn sie Fehler machen, stellen sie alles grundsätzlich infrage. Wenn sie mit dem System kollidieren, sehen sie immer sich selbst als Ursache ihrer Probleme. Das ist einerseits "normal", aber das bleibt nicht so, wie Wendeler weiß: "Die Strukturierer haben noch die Oberhand, aber das ändert sich gerade. Die Unternehmen brauchen diesen Typus nicht mehr, er ist nicht mehr das Leitbild. Aber wir stecken eben mittendrin."

So gesehen haben es die Unstrukturierten eigentlich besser, sagt Wendeler, auch wenn sie es heute noch nicht merken: "Man kann Leuten, die kreativ sind, also eigenständig denken, beibringen, wie sie sich ihren roten Faden basteln und damit besser durchs Leben kommen und an Widersprüchen nicht scheitern. Man kann lernen, Prioritäten zu setzen und sein Leben in Ordnung zu kriegen, ohne dass man dabei vergisst, immer wieder die richtigen Fragen zu stellen." Viele Unstrukturierte, so Wendeler, versuchen das erst gar nicht und sind ziemlich überrascht, dass das, was ihre vermeintlichen Gegner ausmacht, gar nicht so schwer zu lernen ist. Sie finden ihren Weg. Aber was ist mit jenen, deren Weg und Antworten immer von anderen kamen - und die auch kein großes Problem damit haben, weil das System sie genau dafür bisher auch immer gelobt hat?

Schwierig, sagt Maria Wendeler: "Versuchen Sie zum Beispiel mal, einem harten Karriereplaner, der alles brav nach Schema F macht und auch so leben will, kreative Fähigkeiten beizubringen oder die, auf Widersprüche zu achten."

Da haben wir sie, die Grenzen des Mach baren, der eigenen Entwicklungsfähigkeit. Leute, die nicht daran zweifeln, stellen auch keine Fragen. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Und das merkt man spätestens dann, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen wird. Deshalb ist die Phrase mit dem Selbst so gefährlich für diese Leute. Sie ahnen, was sie dann erwartet.

Nichts, was sie weiterbringt.
Niemand, den sie kennen.-