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Mit anderen Augen

Jede Stadt hat ihre eigene Geschichte - und Bauten, die ihr ein Gesicht geben. Dies auch in fremden Ländern zu erkennen ist die Kunst großer Baumeister. Die Hamburger Architekten von Gerkan und Marg schärfen jungen Kollegen aus Asien den Blick dafür.




- Die Gerda II hat den Anleger Hamburg-Neumühlen gerade erst ein paar Wellentäler hinter sich gelassen, als der ersten Chinesin schlecht wird. Zusammengerollt liegt sie auf einer Mahagoni-Sitzbank und schluckt gegen ihre Übelkeit an, während die Barkasse elbaufwärts stampft, vorbei an bunten Containerwänden, an den Protzjachten neureicher Oligarchen in den Trockendocks von Blohm + Voss und den Krüppel-Ikonen der Hafencity. Möwen hängen wie festgezurrt über dem Schiff, gehalten vom eiskalten Hamburger Wind. Vom anderen Elbufer klingt das Warnpiepen der Containerkräne.

"If you have to vomit, please do it from the back of the ship! ", tönt die Empfehlung von Volkwin Marg durch die Bordsprechanlage. Marg trägt einen zerknautschten Leinenanzug und hat einen wilden Grauschopf. Mit dem Bordmikrofon in der Hand könnte man ihn für einen Studienrat auf Klassenfahrt halten, der seinen Schülern gerade die Sehenswürdigkeiten der Stadt präsentiert. Tatsächlich ist der 72-Jährige einer der gefragtesten deutschen Bauplaner. Von ihm stammen unter anderem die Entwürfe für den Berliner Hauptbahnhof, die Leipziger Messe und den Flughafen Berlin-Tegel, den er als junger Architekt gemeinsam mit seinem Studienfreund Meinhard von Gerkan gezeichnet hat. Seit Jahrzehnten gehört das Büro von Gerkan, Marg and Partners (G M P) zu jenen architektonischen Globetrottern, die weltweit ihre Spuren hinterlassen.

Besonders tiefe sind es derzeit in Asien. Dort plant das 500 Mitarbeiter starke Büro unter anderem das neue vietnamesische Parlament, ein Nationalmuseum für China, das Parlament des indischen Bundesstaates Tamil Nadu und ein Opernhaus im chinesischen Chongqing, das noch in diesem Jahr eröffnet werden soll. "In vielen Ländern Asiens", sagt von Gerkan, ein wortgewaltiger, äußerst selbstbewusster 74-Jähriger, "ist man mit den eigenen Architekten unglücklich, weil sie schlecht ausgebildet sind und wenig Haltung zeigen." Deshalb würden fast alle repräsentativen Gebäude Asiens von westlichen Architekten gebaut. "Damit aber", ergänzt von Gerkan, "steht gleichzeitig die Kritik, dass das, was die Westler machen, die Identität eines Landes und seiner Kultur nicht widerspiegelt."

Wie aber definiert man die Identität eines Ortes, den man kaum kennt? Wo entdeckt man sie, wenn man nicht einmal die Sprache des Auftraggebers spricht? Und wie lässt sich Identität in ein Gebäude übersetzen? Vor dieser Aufgabe stehen heute jeden Tag zig Architekten irgendwo auf der Welt. Hastig hochgezogenen Geschäftsvierteln sollen sie ein Herz, Trabantenstädten eine Seele, Investorenobjekten ein wertsteigerndes Markenzeichen einpflanzen. Das schmeichelt den Planern und bringt ihnen Aufträge und Geld, ist aber eine unmögliche Mission. Und es erklärt, warum in den Boom-Städten des Nahen und Fernen Ostens inzwischen zahlreiche nagelneue, pseudorepräsentative Missverständnisse stehen, die man eigentlich gleich wieder abreißen könnte.

Meinhard von Gerkan hat mit solchen Verständigungsproblemen seine speziellen Erfahrungen gemacht. Nachdem sein Büro vor ein paar Jahren den Wettbewerb um das chinesische Nationalmuseum in Peking gewonnen und mit den Ausführungsplanungen begonnen hatte, wurde der Prozess auf Betreiben einflussreicher chinesischer Architekten plötzlich gestoppt. Die Begründung lautete, der Entwurf sei unchinesisch. "Die waren der Meinung, Westler könnten das nicht. Sie haben uns dann einen Kreis von Beratern zur Seite gestellt, mit denen wir im Dauerdialog die chinesische Identität ergründen sollten."

Noch zäher war das Tauziehen um einen GMP-Entwurf für das neue Parlamentsgebäude in Hanoi in Vietnam, der zunächst per Volksentscheid befürwortet und dann doch wieder auf Eis gelegt wurde. Irgendwann wollte von Gerkan vom vietnamesischen Ministerpräsidenten wissen, ob er ihm ein Beispiel nennen könne für eine gelungene Symbiose von Architektur und vietnamesischer Identität. Dessen Antwort: "Das gibt es nicht, deshalb brauchen wir Sie ja." Es war, als würden sich zwei Taubstumme gegenseitig auffordern, doch mal genauer zuzuhören.

Und so kamen von Gerkan und Marg eines Tages auf die Idee, den Spieß umzudrehen. Was wäre, fragten sie sich, wenn statt arrivierter westlicher Architekten, die ihre Vorstellungen gen Asien exportieren, einmal junge Hausbauer aus dem Osten für den Westen planten? Und was würde passieren, wenn man dabei asiatische Bauplaner mit deutschen zusammenspannte? Wie sieht die Identität einer satten, konservativen Stadt wie Hamburg in den Augen junger Asiaten aus?

Für dieses Experiment landen im vergangenen September 14 chinesische, zwei vietnamesische und 16 deutsche Architekten in Hamburg. Alle sind von ihren Professoren in Hanoi, Schanghai oder Berlin für diesen Versuch empfohlen worden, alle sind hochbegabt, zwischen 23 und 34 Jahre alt, die Elite von morgen. 37 Tage lang wohnen sie in einer Fabriketage in Hamburg, nahe der von Gerkan und Marg gegründeten Privatuniversität Academy for Architectural Culture (AAC).

"Architektur als Kulturexport - Konzeptionen für die globalisierte Welt" lautet das verquast formulierte Generalthema dieses allerersten AAC-Lehrgangs. Für die 32 Teilnehmer bedeutet es, dass sie fünf Wochen lang jeden Tag mindestens 18 Stunden über drei Entwurfsaufgaben für fiktive Gebäude brüten werden, die von Gerkan und Marg zusammen mit einem Tutorenstab aus ehemaligen und aktuellen GMP-Partnern ausgeknobelt haben. 37 Tage lang werden sie versuchen, architektonische Identität zu definieren. Und zunächst einmal jede Menge Fragen stellen.

Vu Viet Anh beispielsweise wusste von Hamburg bislang nur, dass es eine große Hafenstadt und dass es dort häufig kalt ist. Er trägt eine randlose Brille, einen zotteligen Konfuziusbart und in der Hand eine Digitalkamera, mit der er über die Reling der Gerda I I gelehnt pausenlos Hamburgs Skyline knipst. Dies ist nicht nur sein erster Besuch in der Hansestadt, sondern in Europa. "Hamburg ist eine sehr geschäftige Stadt", sagt er. "Und zugleich sehr ruhig. Coole Harmonie. Sehr viel Backstein und Glas. Die Leute sind immer beschäftigt, gucken weder nach links noch nach rechts. Anscheinend haben sie immer etwas vor. Leben würde ich hier nicht wollen." In Ho-Chi-Minh-Stadt arbeitet Vu Viet Anh als freier Architekt und am Austauschzentrum der Universität; er ist 27 Jahre alt und ein großer Bewunderer der Arbeiten von Gerkans und Margs.

Bauten stiften Identität. Doch wie soll man bauen, wenn man das Land nicht kennt?

Die erste Planungsaufgabe für die AAC-Teilnehmer - ein fiktives Universitätsgebäude für eine südchinesische Großstadt - empfand er als schwierig. Nicht wegen der Aufgabe selbst, sondern weil sie in Teams von je zwei Asiaten und zwei Europäern bewältigt werden sollte. "Es war schwer, zu Entscheidungen zu kommen", berichtet Vu Viet Anh und blickt nervös zu Boden. Es ist ihm offensichtlich unangenehm, die Gastgeber zu kritisieren. "Die Deutschen bevorzugen Backstein, ich mag keinen Backstein. Sie denken gleich in großen Entwürfen, ich kümmere mich um Details. Das ist normal. Aber schwierig."

Philipp Reichelt, einer der deutschen AAC-Studenten, mühte sich vor allem mit der Sprachbarriere ab. "Die Chinesen konnten kein Deutsch, einer von uns Deutschen sprach kein Englisch, da mussten wir erst einmal alles übersetzen. Außerdem wollten die Chinesen gleich über Schrauben und andere Kleinigkeiten sprechen, wir erst einmal um den Kontext des Projektes."

Das ist die erste Lektion der AAC: Multikulti funktioniert nicht, jedenfalls nicht auf die Schnelle. Bei der zweiten Planungsaufgabe, bei der sich jeder Architekt selbst seinen Partner wählen darf, bleiben die Deutschen und die Asiaten unter sich.

Für Eazy Lin, 26, sind solche Zeichen des Fremdelns nichts Neues. Eazy Lin, ein schlaksiger Chinese mit Bürstenhaarschnitt, hat an der Tongji-Universität studiert und vor drei Jahren im Schanghaier GMP-Büro angeheuert. Dort arbeitet er gerade an den Entwürfen für das Maritim-Museum von Lingang New City. Die Retortenstadt, auf 74 Quadratkilometern südöstlich von Schanghai gelegen, komplett von GMP-Architekten entworfen und derzeit in Bau, soll eines Tages Heimat für 800 000 Menschen werden. Kann ein solches Kunstkonstrukt überhaupt funktionieren? "Wenn Chinesen und Deutsche zusammenarbeiten, braucht man immer einen Kulturdolmetscher", sagt Eazy Lin. "Es gibt sonst einfach zu viele Missverständnisse. Zum Beispiel sind chinesische Bauherren weitaus offener, als westliche Architekten annehmen. Man muss Entwürfe für sie nur so konfigurieren, dass sie sie auch akzeptieren können."

Die dritte Aufgabe des Experiments ist die umfassendste und vertrackteste. Es geht um ein fiktives Ost-West-Handelszentrum mit Ausstellungsflächen, Veranstaltungsfoyers und Büros, das die 32 Architekten für das Gelände des Hamburger Baakenhafens konzipieren sollen. Dieses Grundstück, zu dem die Gerda I I an diesem Morgen unterwegs ist, gilt als eines der letzten Filetstücke, die an Hamburgs Elbufer noch zu vergeben sind. In Wirklichkeit geht es daher um die Frage, wie sich an einen solch prominenten Ort ein Markenzeichen setzen lässt, das prägend wirkt, ohne platt zu sein.

"Schauen Sie", ruft Marg plötzlich und lässt die Maschinen der Gerda I I drosseln. "Das hier haben Sie alle sicher irgendwo schon einmal gesehen." "Das hier" ist ein gewaltiger Backsteinquader, der auf einer Landzunge der Hafencity thront. Über ihm kreisen Kräne, seine Außenmauern sind eingerüstet, aus seinem Inneren ist das Wummern von Presslufthämmern bis an Bord der Barkasse zu hören. Wenn sie eines Tages abziehen, soll an dieser Stelle ein neues Wahrzeichen für Hamburg stehen: die Elbphilharmonie. Sie ist ein später Nachhall des Bilbao-Effektes, den der amerikanische Architekt Frank Gehry vor zwölf Jahren erzeugte, als er für die baskische Stadt Bilbao ein verschachteltes, schillerndes, aufsehenerregendes Guggenheim-Museum bauen ließ. Das exzentrische Bauwerk brachte die Industriebrache im Handumdrehen auf die touristische Weltkarte. Heute reisen jedes Jahr 700 000 Touristen in die 350 000-Einwohner-Stadt, um Gehrys Guggenheim zu bestaunen. Bilbao boomt, zumindest bei Kunstfreunden.

Seitdem wollen alle wie Bilbao sein und moderne Baudenkmäler hochziehen. Architekten wie Daniel Libeskind und Zaha Hadid reisen um die Welt und stellen ihre immergleichen Baudenkmäler ab. Faustformel: Je seelenloser der Ort, umso stärker die Sehnsucht nach Ikonen. Selbst die ostwestfälische Kleinstadt Herford leistet sich heute ihren eigenen Mini-Gehry.

Materialien, Gerüche, Gesichter prägen einen Ort. Nur wer sie sammelt, kann sensibel planen

Auch von Gerkan und Marg profitieren von der globalen Sehnsucht nach Sinn und Sehenswürdigkeit, wenngleich man ihren Bauten vieles vorwerfen kann, aber nicht Ikonenhaftigkeit. "Wir haben es heute mit einer Ansammlung von Primadonnen zu tun, einer Konkurrenz vermeintlicher Schönheiten, die das falsche Kleid zum falschen Anlass angezogen haben", ätzt von Gerkan. Dubai beispielsweise sei nichts anderes als ein "architektonischer Jahrmarkt", was der Wüstenmetropole noch sehr schaden werde, schließlich wolle niemand auf Dauer gern auf einem Jahrmarkt wohnen.

Eine gute Stadt hingegen, glaubt von Gerkan, sei einzigartig. Im besten Fall könne man sie sogar schon durch ihren Geruch identifizieren. "Wenn Sie mich beispielsweise in Paris aussetzten, würde ich mit verbundenen Augen erkennen, wo ich bin. Die typische Abluft der Metro, die vom Abrieb der Reifen erzeugt und mit warmer Luft nach oben geblasen wird, ist einfach unverkennbar." Eine gute Stadt ähnele einer Familie, deren architektonische Mitglieder sich optisch miteinander vertrügen.

Deshalb schießt von Gerkan die Röte ins Gesicht, als Li Shanke, einer der chinesischen Architekten, an einem Vormittag zwei seiner jüngsten Arbeiten präsentiert. Die eine ist ein aseptischer, verspiegelter, gläserner Büroturm, die andere ein organisch geformter Hotelriegel, der wie eine gestrandete Seegurke in der Landschaft liegt. Beide sind fein ausgeführt, Li Shanke ist sichtlich stolz auf seine Arbeit, aber von Gerkan regt sich fürchterlich auf. "Warum zeigen Sie uns das?", ruft er. "Das ist typisch für China: Ihr wechselt eure Einstellung von Projekt zu Projekt. Ihr liefert jedes mögliche Design - je nachdem, was der Kunde will. Anything goes. Das ist unmöglich! "

Architektonische Identität, hält von Gerkan dem verdutzten Studenten Li Shanke vor, ergebe sich aus einem Dreiklang von Tradition, Funktion und Lokation. Diese Formel sei zwar nicht immer richtig - Gustave Eiffels Eisenturm beispielsweise hatte mit Paris ursprünglich genauso wenig zu tun wie Gehrys metallener Obstkorb mit Bilbao -, aber nie falsch. Das bedeute: Um für einen Ort planen zu können, müsse man ihn zunächst einmal begreifen.

Deshalb schaukeln die 32 AAC-Teilnehmer an diesem Herbstmorgen frierend der Lokation ihres nächsten Entwurfs entgegen. Die Deutschen mummeln sich auf dem offenen Achterdeck der Gerda I I, die Asiaten haben sich ins warme Schiffsinnere verkrümelt. Der Chinesin ist immer noch schlecht. Eazy Lin erzählt, dass er in den vergangenen Tagen und Nächten viel durch Hamburg gelaufen sei, um Materialien, Gerüche und Gesichter der Stadt einzusammeln. Die meisten Informationen aber habe er im Internet gefunden. "Das Problem", sagt er, "ist nicht, genügend Informationen über einen Ort zu finden. Das Problem ist, sie richtig zu verstehen."

Während die Gerda I I die Hafencity hinter sich lässt, scheppert die Stimme von Volkwin Marg aus dem Bordlautsprecher. In sperrigem Englisch übersetzt er als eine Art architektonischer Dolmetscher den Passagieren seine Heimatstadt, dechiffriert ihre Farben, Formen und Strukturen. Macht sie lesbar. Erklärt, warum die stählernen Schlote der Schlepper nicht grün, rot oder blau, sondern mattgelb gestrichen sind (ein Anklang an die frisch gehobelten hölzernen Masten traditioneller Segelschiffe), weshalb die Grundstücke am oberen Elbhang teurer sind als jene unten am Ufer und wieso es ohne den schwimmenden Saugbagger, den die Gerda I I gerade backbord liegen lässt, in Hamburgs Hafen zappenduster aussähe. Seine Botschaft: Nichts hier ist Zufall. Alles ist aus irgendeinem Grund ganz genau so, wie es ist.

Der Boom des Hamburger Containerterminals Altenwerder zum Beispiel: eine unmittelbare Folge von Globalisierung, also Millionen billiger Hände, die irgendwo in Fernost auf Arbeit warteten, und einer Flotte Containerschiffe, die die Früchte ihrer Arbeit nach Europa transportieren. Auf eine Flasche chinesisches Tsingtao-Bier, die man im Containerterminal Altenwerder entlade, entfielen auf diese Weise exakt dieselben Transportkosten wie auf eine Flasche Weihenstephan, die per Lkw aus Bayern nach Hamburg gekarrt werde. "Das bedeutet: Entfernung verschwindet", meint Marg. "Und genau das ist heute unser architektonisches Problem."

Mit dem Verschwinden der Entfernung löst sich jene unsichtbare Barriere auf, die Planer und Ideen, Baustoffe und Bauformen früher selbstverständlich an einen Ort gebunden hat. Daher werden heute in Dubai Hochhäuser im Toskanastil und in Schanghai monotone Siedlungen gebaut, die genauso gut am Rande von Denver oder Detroit stehen könnten. "Alles ist möglich", schimpft Marg. "Und deshalb wird auch alles Mögliche gebaut."

Da taucht backbords der Baakenhafen auf: eine 1,3 Kilometer lange Landzunge in der Elbe, die einst ein belebter Umschlagplatz für Stückgut aus Afrika war, im Zeitalter der Containerschiffe aber überflüssig geworden ist. An Land ein verwitterter Schuppen mit der Aufschrift "Buss Afrikahafen". Zerbrochene Betonplatten, verdorrtes Gestrüpp. Von der Spitze der Landzunge, genau an der Stelle, wo das fiktive Ost- West-Handelszentrum seinen Platz finden soll, starren zwei Angler zu den Asiaten an Bord der Gerda I I herüber wie Eingeborene zu einem Schiff voll fremder Entdecker. "Sie sehen", erklärt Marg, "dieser Ort braucht eine Vision." Nach einer kleinen feierlichen Pause fügt er hinzu: "Sie können tun, was Sie wollen. Aber nur, wenn Sie wissen, was Sie tun."

Als die Barkasse beidreht und sich auf den Rückweg macht, wissen die Architekten, dass sie zwei anstrengende Wochen vor sich haben. 14 Tage und Nächte später werden sie sich dann ein letztes Mal im Plenum der AAC zusammenfinden, um ihre Entwürfe zu präsentieren. Einige werden übernächtigt auf ihrem Stuhl dösen, während in der ersten Reihe die Tutoren der AAC Platz nehmen, um nach jeder der 15 Minuten währenden Präsentationen wie Eiskunstlaufpreisrichter ihre Wertungsschildchen in die Höhe zu strecken. Eazy Lin werden sie die drittbeste Note geben für seinen Entwurf, der an ein stilisiertes Trockendock mit Slipanlage erinnert. Sein Bau öffnet sich zum Land und zum Wasser. "Ein metaphorisches Gebäude, aber auch ein funktionales Gebäude", lobt von Gerkan. Vu Viet Anh wird sein Modell eines überdimensionierten Krans aus Stahl und Glas vorstellen, in dessen Auslegern er Büros vorgesehen hat. "Die Figur des Krans symbolisiert die Verbindung zwischen Ost und West", interpretiert er. Aber den Juroren missfällt der allzu offensichtliche Symbolismus. Von Gerkan knapp: "Das ist der falscheste Weg, um eine Metapher in ein Gebäude zu packen." Ähnlich kritisiert er später eine vietnamesische Architektin, die sich vom Traditionssegler Rickmer Rickmers inspirieren ließ, und ein chinesisches Team, das für das Ost-West-Handelszentrum eine Art Leuchtturm mit einem rotierenden Restaurant an der Spitze vorschlägt.

Identitätsstiftende Architektur, lernen die jungen deutschen und asiatischen Baumeister im AAC-Experiment, ist kein Monopol westlicher Architekten. Genauso wenig ist es das grundlegende Missverständnis. -