Kubanisches Spanisch - Deutsch

Das kleine Wirtschaftswörterbuch – Übung 10:
Vom alltäglichen Kampf und Linksherum-hintenrum-Geschäften hinter dem Duschvorhang.




Kuba ist ein einzigartiger Organismus, der ganz und gar auf Improvisation eingestellt ist. Auch in der Sprache bessert man ständig nach oder erfindet neue Worte. Manchmal wird das so weit getrieben, dass die Kubaner selbst nicht mehr durchblicken. Wenn etwa von linksherum, hintenrum oder Duschvorhang die Rede ist – und jeder das Gleiche meint: den Schwarzmarkt.

por la izquierda | linksherum oder Schwarzmarkt, der
por detrás | hintenrum oder Schwarzmarkt, der
detrás de la cortina | hinter dem Duschvorhang oder Schwarzmarkt, der
Wer das nicht gleich versteht, erkundigt sich – und fragt nach der Mechanik.

¿Qué es la mecánica? | wörtlich: Was ist die Mechanik? (meint: Wie funktioniert das?)
Auch kleine Geschäfte heißen Mechanik. Eine kleine Mechanik betreibt jeder Kubaner. Man dealt mit allem: Lunch-Paketen, Badelatschen und Käseecken, linksherum, hintenrum oder hinter dem Duschvorhang. Es gilt, den Saft aus allem zu pressen.

sacar el jugo a algo | wörtlich: den Saft aus etwas pressen (meint: das Beste herausholen)
Bei dieser Betätigung halten sich Kubaner für sehr fleißig. So fleißig, dass viele kaum noch zu ihrer eigentlichen Arbeit kommen. Den eigenen Job können sich viele nämlich nicht leisten. Es hapert am Lohn.

el salario | Lohn, der (auf Kuba eine Art symbolischer Wert)
Ein Arzt bekommt gut 500 nationale Pesos im Monat. Das sind ungefähr 15 Euro. Damit könnte er in den staatlichen Läden für nationale Pesos einkaufen, doch da gibt es wenig. In den staatlichen Läden für die zweite Währung, den konvertiblen Devisen-Peso (CUC), gibt es etwas mehr, aber man kann es sich nicht leisten (500 nationale Pesos = 12 CUC). Man stöhnt daher oft und schimpft das Leben eine „lucha“.

la lucha | Kampf, der (wird täglich geführt, siehe auch Saft pressen)
Der Kampf beginnt schon beim morgendlichen Glas Milch. Die ist rationiert, nur auf Lebensmittelkarte für Eltern kleiner Kinder erhältlich – oder gegen Devisen. Daher besteht der eigentliche Wert eines Jobs in den Optionen, die er für Mechaniken aller Art hinter dem Duschvorhang offeriert. Man spricht ganz nüchtern von einem Nebenverdienst.

el dinero extra | Nebenverdienst, der (meist das eigentliche Einkommen)
Der Kellner lebt vom Trinkgeld der Touristen, der Koch vom Verkauf diverser Leckereien aus der Küche seines Arbeitgebers, der Chauffeur vom Handel mit abgezweigtem Benzin. Ein Arzt kann die speziell für seine Berufsgruppe ausgegebenen Auto-Erwerbsberechtigungsscheine verkaufen. Solch ein Schein bringt auf dem Schwarzmarkt bis zu 3000 CUC. Damit könnte er dann ein gebrauchtes Auto bezahlen, nur hat er leider keine Berechtigungskarte mehr. Das Leben ist ein Kampf – und auf Kuba meist illegal.

ilegal | illegal (Normalzustand für Mechaniken aller Art im Bereich Nebenverdienst)
In der Illegalität kommen die Kubaner dem sozialistischen Ideal am nächsten: Auf dem Schwarzmarkt sind alle gleich. Den braucht jeder zum Überleben, den illegalen Beigeschmack spült man mit einem gehörigen Schuss Doppelmoral hinunter.

la doble moral | Doppelmoral, die
Dies geht so weit, dass alle munter hinter dem Duschvorhang ihre Mechaniken betreiben, gleichzeitig aber aufpassen, dass andere dies nicht tun. Wobei die meisten auch wieder nur so tun, als ob sie aufpassen. Zum Beispiel bei der „guardia“.

la guardia | Wache, die
Dazu ruft das Komitee zur Verteidigung der Revolution die Bürger reihum auf. Jede Nacht ist einer in seiner Straße dran, von 23 bis 3 Uhr vor der Haustür zu sitzen und die Augen offen zu halten. Auffälligkeiten werden in ein Büchlein geschrieben. Die meisten aber passen nur auf, dass sie selbst nicht bei Mechaniken erwischt werden. Denn überall könnte ein „chivato“ lauern.

el chivato | wörtlich: Ziegenböckchen, das (Umschreibung für Denunzianten)
Dass es davon viele gibt, hängt mit einer ausgeprägten Charaktereigenschaft zusammen: dem Neid.

la envidia | Neid, der
Neidisch ist jeder auf jeden, sei es Freund oder Nachbar. Daher werden Mechaniken tatsächlich hinter dem Haus oder gar hinter dem Duschvorhang praktiziert. Wer dabei erwischt wird, dem blüht eine multa.

la multa | Strafe, die
Auf den Schwarzhandel mit Rindfleisch steht Haft, kleine Vergehen – wie Taxifahrer für Touristen – werden mit Geldbußen geahndet, abzustottern in monatlichen Raten. Wer einmal nicht bezahlt, fängt wieder von vorn an. Kubaner sind aber nicht nachtragend. Sie nutzen eine multa für neue Freundschaften.

la amistad | Freundschaft, die
Wer von einem Verkehrspolizisten wegen des Schwarz-Transports von Ausländern zu einer Strafe verdonnert wird, erkundigt sich sogleich freundlich nach dem Befinden der Frau Gemahlin. Bereitwillig bietet man an, ein kleines Erfrischungsgetränk zu holen. Hat man das oft genug gemacht, erwischen einen bei den nächsten Vergehen stets „befreundete“ Polizisten und drücken ein Auge zu. Die Erfrischung muss man freilich trotzdem holen.

Irgendwie so funktioniert die Mechanik auf Kuba, doch genau blickt da niemand durch. Ein Sprichwort sagt:
Todos tienen hambre, pero nadie se muere de hambre – Alle haben Hunger, aber keiner stirbt daran. ---