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Die Radambulanz

Mit einem kaputten Fahrrad kann man nicht zur Reparatur fahren. In Berlin kommt bei Anruf die mobile Werkstatt von Norbert Winkelmann. Pedalgetrieben, versteht sich.




- Wie mit Fahrrädern kein Geld zu verdienen ist, hat Norbert Winkelmann schon als 19-Jähriger gelernt. Mit WG-Kumpanen aus der alternativen Szene in Bielefeld hatte er eine Hinterhofwerkstatt gemietet, Räder vom Sperrmüll aufgemöbelt und wieder verkauft: "Da haben wir zwölf oder fünfzehn Stunden in jedes Rad gesteckt, plus die Kosten für Ersatzteile, und dann konnten wir es für 100 Mark verkaufen", erinnert sich der Ostwestfale. "Das war ökonomisch nicht vertretbar." Gut zwei Jahrzehnte später ist der anstudierte Informatiker und Slawist in Berlin mit einem deutlich klügeren Geschäftsmodell unterwegs.

Das ist orangefarben, hat zwei Räder, eine achtgängige Nabenschaltung und eine große Kiste hinter dem Sattel. In der befinden sich alle Werkzeuge und Ersatzteile, die man zur Reparatur eines Fahrrads braucht. Die Idee ist so einfach wie einleuchtend: Wer mit dem Rad eine Panne hat, aber keine Lust, es selbst zu reparieren, kann damit nicht zur Werkstatt fahren. Also kommt die Werkstatt zum Kunden. Trotz Anfahrtsgebühr und einem kalkulierten Arbeitslohn von rund 40 Euro pro Stunde bewegt sich der Vor-Ort-Service der Berliner Radambulanz preislich eher am unteren Rand der Tarife für Fahrradreparaturen. Reifen zentrieren zehn Euro, Bremszugwechsel elf Euro, neuer Schlauch 18 Euro, alles inklusive Anfahrt und Marken-Ersatzteile.

"Der entscheidende Faktor sind extrem niedrige Fixkosten", sagt der 44-Jährige. Die tendieren mit einer Website, einem Mobiltelefon (auf dem er üblicherweise angerufen wird und nicht selbst telefoniert) und einem kleinen Lagerraum in der eigenen Hinterhof-Remise gegen null. Die Ersatzteile kauft er zu Händlerpreisen ein, und das orangefarbene Werkstattmobil hat er, wie sollte es anders sein, aus alten Teilen selbst zusammengeschweißt. Durch die Fahrradbrille des Ökonomen betrachtet, ergibt sich unter dem Strich für den Anbieter wie den Kunden ein Mehrwert im Segment der kleinteilig organisierten Dienstleistungsgesellschaft. Und so ist das in der Marktwirtschaft: Modelle mit doppeltem Mehrwert funktionieren.

Im Frühjahr 2003 ging der Radler, der sein Handwerk als junger Mann in der Fahrradwerkstatt eines besetzten Hauses im niederländischen Nimwegen erlernt hat, mit einer Website online, die auf seine Dienstleistung aufmerksam machte. Bereits das erste Jahr lief vielversprechend an, denn der ehemalige Informatikstudent beherrscht die Grundregeln der Suchmaschinen-Optimierung. 2004 berichtete der Berliner "Tagesspiegel" über die Radambulanz - und in der Folgezeit stand Norbert Winkelmanns Mobiltelefon nur selten still.

Seine Kundschaft unterteilt er in drei Hauptgruppen. Erstens Berufstätige, die gern in Berlin-Mitte arbeiten, teure Räder haben und die mobile Werkstatt zum Büro bestellen, weil sie unterwegs durch eine Scherbe gefahren sind. Zweitens Rentner, um präzise zu sein: zu 70 Prozent Rentnerinnen, die nicht selbst reparieren und meist Kaufhausräder besitzen, die wiederum häufig kaputtgehen. Und drittens Familien, die ihn gegen 15 Euro Anfahrtsgebühr ins bürgerliche Zehlendorf oder nach Frohnau rufen und dann gleich alle vier, fünf Räder im Schuppen auf einmal generalüberholen lassen.

Norbert Winkelmann berät freundlich, arbeitet fix und vermittelt nie den Eindruck, dass er aus Profitinteresse mehr an dem Fahrrad machen möchte, als unbedingt nötig ist. Im Unterschied zum Fahrradhändler hat er auch kein Interesse, ein neues Rad zu verkaufen. Solch ein zurückhaltender Service spricht sich rum.

Drei Jahre nach Gründung hatte der Vater von zwei kleinen Kindern mehr Kunden, als er bedienen konnte. Winkelmann überlegte, ob er expandieren, einen oder zwei Fahrradmechaniker einstellen, eine kleine Flotte orangefarbener Engel für Fahrräder in Berlin aufbauen sollte. "Dazu bin ich nicht der Typ", sagt er. Lieber wollte Winkelmann solo bleiben, wählte das Modell Zellteilung und machte sich auf die Suche nach einem Partner, der ähnlich tickt wie er. Seither deckt unter dem Markennamen "Verrücktritt" ein Kollege mit einem ähnlichen Werkstattgefährt den Ostteil der Stadt und die Bezirke Kreuzberg und Neukölln ab. Für Winkelmann hat das den Vorteil, dass sich die eher schlecht bezahlten Anfahrtszeiten deutlich reduziert haben - und keiner dem anderen die Butter vom Brot nimmt.

Vor Konkurrenz hat Winkelmann keine Angst. Der Markt ist riesig in der Fahrradstadt Berlin, wo Radler mit kaputter Gangschaltung im Fahrradladen so abgewimmelt werden: "Kommen Sie in vier Wochen. Dann haben wir wieder einen Termin."

Nicht nur bei Radlern mit Panne ist Norbert Winkelmann gefragt. Auch Existenzgründer aus anderen Großstädten rufen ihn an und erkundigen sich, wie er sein Unternehmen hochgezogen hat. Es gibt die ersten Nachahmer; das freut den Westfalen. Denn wie das so ist bei überzeugten Pedalisten: Im Grunde möchte er, dass mehr Menschen mehr Fahrrad fahren. Den nahe liegenden Vergleich mit dem ADAC mag er übrigens nicht hören. Und stellt richtig: "Der ADAC kriegt nur 80 Prozent der Fahrzeuge wieder flott. Bei mir sind es mehr als 98 Prozent." -

Informationen:
www.radambulanz.de
www.verruecktritt.de