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Die Überraschung

Improvisieren? Wir doch nicht! Wir haben einen Plan! So reden viele - und man darf sich fragen, wie lange ihr geistiges Provisorium noch hält. Denn die Fähigkeit zur Anpassung an Veränderungen ist kein Notprogramm. "Woran arbeiten Sie?", wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: "Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor." Bertolt Brecht, "Mühsal der Besten"




Albert und der Masterplan

"Wahrscheinlich" gehört zu jenen deutschen Wörtern, bei denen man ganz genau hinhören muss. Dann hört man nämlich auch ganz leise, aber sicher, ein schrilles Alarmklingeln, sobald das Wort ausgesprochen wird. Wahrscheinlich? Möglicherweise? Vielleicht?

Niemals!

Denn so geht das nicht im Land der sicheren Nummer. Schließlich hat man einen Ruf zu verteidigen. In einem solch klaren Weltbild, das auf Jahre hinaus Sicherheit bietet und eine Erklärung für das, was gerade läuft, sind Wahrscheinlichkeiten die Pest, Möglichkeiten die Cholera und "vielleicht" ein Wort, das den sicheren Karriereknick bedeutet. Wer dann auch noch sagt, dass es ohnehin meist anders komme, als man denke, passt in keine anständige Organisation. Wahrscheinlich ein Chaot, ein Irrer. Ein Störfaktor in jedem Fall.

In China, Brasilien, in den Vereinigten Staaten und auch bei den europäischen Nachbarn gilt der Deutsche als höchste Entwicklungsstufe bei den ordnungsliebenden Lebewesen. Ein Mensch, der gern genau weiß, wie es kommt, wann und zu welchen Kosten. Einer, der ganz genau sagen kann, wann wo an welcher Schraube gedreht wird und zu welchem Zweck. Jahre vorher. Darauf ist Verlass. Es ist ein Mythos, an dem niemand ernsthaft zweifelt.

Die Deutschen sind Meister im Planen.

Alles, was man für den Erhalt dieses Glaubens braucht, ist ein miserables Gedächtnis, keinerlei Kenntnis der historischen Vorgänge und reichlich Angst vor Entscheidungen, zumal solchen, die man schnell und angesichts neuer Situationen treffen muss. Alles Eigenschaften, die dem Planer schon früh beigebogen werden und die ihn sein Lebtag lang treu begleiten. Was schert es da das kollektive und persönliche Gedächtnis, dass kaum ein Plan, der von diesem Boden ausging, jemals klappte, solange sich die große Mehrheit in Volk und Management täglich aufs Neue mit Loriot sagt: Ein Leben ohne Powerpoint-Organigramm, Terminkalender und strategische Planung ist möglich, aber sinnlos. Der Sinn des Planens ist Sicherheit zuweilen auch die ultimative Sicherheit.

Man muss sich nicht erst von halbseidenen Werbern sagen lassen, dass man nicht blöd ist, man ist es auch nicht, aber hier liegt doch ein kleiner Grunddefekt vor, der selbst vor den Größten und Berühmtesten aus dem Land der Dichter und Denker nicht haltmacht. Der klügste Deutsche aller Zeiten zum Beispiel, wie hieß der noch mal ... schließen wir kurz die Augen ... ja, genau: Albert Einstein.

Von dem glauben wir zu wissen, dass er es mit der Relativität hatte, was viele so oder ähnlich deuten: Mal kommt es so, mal anders. Das ist vollkommen richtig. Aber so war Albert nicht gestrickt. Im Gegenteil.

Man kann die Allgemeine beziehungsweise Spezielle Relativitätstheorie richtig oder falsch verstehen oder es auch lassen, wichtig und wesentlich ist ohnehin, was Albert Einstein abseits wissenschaftlicher Veröffentlichungen aufschrieb. Das, was er für richtig hielt, findet sich in seinen Briefen, etwa in jenem berühmten Schreiben, das er im Jahr 1926 an seinen Kollegen Max Born gerichtet hat.

Einstein geißelt darin die Erkenntnisse der ihm folgenden Physikergeneration, der Quantenmechaniker. Es sind Geistesgrößen - und Freunde Einsteins - wie der Däne Niels Bohr und der Deutsche Werner Heisenberg - und natürlich Max Born, der Meister der Quantenmechanik. Empört schreibt Einstein an den Freund: "Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass der Alte nicht würfelt." Aus dieser Passage, wir wissen es, wurde in der volkstümlichen Übersetzung die knappe Phrase: "Gott würfelt nicht."

Was wollte Albert uns damit sagen? So schwer ist es gar nicht, denn es ist die Variation eines Themas, das in vielen Unternehmen, Organisationen, Familien und Personen permanent den Kammerton angibt: Es gibt einen höheren Plan. An den haben wir uns zu halten. Verstehen wir den Sinn dieses Plans? Nein. Aber darum geht es gar nicht. Der Sinn des Plans ist ein Geheimnis. Und der ganz oben, wie immer wir ihn auch nennen, Gott, Vorstand, Kanzler oder Präsident, der weiß schon, warum er diesen und keinen anderen Plan gemacht hat.

Es ist diese typische alte Mischung aus Glaube und Anmaßung, die darin mitschwingt. Denn zum einen ist unser Albert, wie so viele, fest davon "überzeugt", dass er recht hat. Der Plan des Großen Häuptlings bleibt ein Geheimnis. Warum? Weil dieser Plan einem "höheren Sinn" folgt. Mit anderen Worten: Er bleibt unverständlich.

Warum gibt es ein Universum, weshalb eine Evolution, warum sind wir hier, und wer hat das alles gebastelt? Das sind Fragen, die sich Menschen stellen, seit sie ausreichend Grips haben, um es zu können, also schon lange. Jede Antwort auf diese Fragen ist richtig, wenn sie einen Sinn ergibt, also einen Masterplan zutage fördert, den man sich zur Beruhigung vorlegen kann. Dass es ist, wie es ist, reicht den meisten nicht.

Überraschungseffekte

Was Albert Einstein nun so aufbrachte, war, dass es ausgerechnet Männer und Frauen der Naturwissenschaft, der Physik, waren, die diese typische alte Weisheit infrage stellten. Die neue Generation der Quantenmechaniker behauptete nun, dass das unterste Fundament von Kosmos und Welt, die subatomare Ebene, nicht in einen Masterplan passe. Was sich dort abspielt, ist nicht planbar und damit vorhersehbar. An jeder Ecke in dieser grundlegenden aller Welten lauert eine Überraschung. Die Forscher, die das erkannten, waren zunächst selbst verärgert. Max Born schrieb 1915 an Albert Einstein, wütend angesichts der sich ständig ändernden Welt, die sich ihm auftat: "... die Quanten sind doch eine hoffnungslose Schweinerei! " Hoffnungslos - das hieß für gute deutsche Forscher immer auch: unberechenbar. Doch schon bald konstatierten Born und andere Quantenmechaniker kühl: Die Welt besteht aus Wahrscheinlichkeiten. Möglichkeiten. Unser Wissen ist nicht statisch. Wir leben mit Überraschungen, und wir hangeln uns von einer Überraschung zur nächsten. Nichts ist fix, ausgemacht, ewig. Alles, was wir tun können, ist, uns darauf einzustellen, dass wir an jeder Ecke etwas Neues kennenlernen werden. Das ist eine Menge Arbeit. Aber nichts für die Ewigkeit.

Eine Welt brach zusammen, ganz offensichtlich. Zwar hatten die Naturwissenschaftler das alte Gottesbild, die Idee von einer in einer Woche abgewickelten Genesis etwa, zertrümmert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber die meisten von ihnen hatten dabei nur den festen Glauben an einen höheren Sinn durch ein höheres Wesen ausgetauscht durch den Glauben an die feste Berechenbarkeit der Welt. Statt mit Monstranz und Weihrauchkessel hantierten sie mit Rechenschiebern und Formeln, Naturgesetzen und anderen Eckpunkten der Verlässlichkeit, der Sicherheit und Planbarkeit der Welt. Das deterministische Weltbild sagt immer eines: Die Welt ist berechenbar, alles, was passiert, geschieht, weil es geschehen muss - so ist es geplant. Und dann das: Die Grundlagen, die Quanten, machen nicht mit.

Für Einstein war das nicht akzeptabel. Sein "Alter", sein Gott, das war der Herr des Masterplans, ein Plan, der gewaltig sein musste, aber jedenfalls vorhanden, auch wenn man ihn (noch) nicht verstehen konnte. Darin gipfelte sein ganzer Ehrgeiz. Bis zu seinem Tod suchte er, mit zunehmender Verbissenheit, nach einer Weltformel, der sogenannten Einheitlichen Feldtheorie, mit deren Hilfe dem Alten sein Geheimnis entrissen werden konnte. Er hat diesen Plan, sein Phantom, nie gefunden.

Physik ist wirkliches Leben, in der Welt der Quanten und weit darüber hinaus. Wer ehrlich ist zu sich selbst, wird zugeben, dass uns Einstein viel näher ist als seine Nachfolger und Kontrahenten. Welche Welt wäre denn das, die aus Provisorien bestünde statt aus einem festen Rahmen? Eine Welt, auf der sich nichts wirklich planen ließe, weil an jeder Ecke eine Überraschung lauerte. Wir mögen aber keine Überraschungen. Überraschungen stören, denn sie zwingen uns dazu, uns schnell etwas einfallen zu lassen, was wir gar nicht geplant haben. Überraschungen brauchen Extra-Bewegung und Extra-Energie. Überraschungen zwingen zu schnellen Entscheidungen. All das zusammen ist schon lästig genug, aber die Aussicht darauf, dass es wieder und wieder so kommen wird, ist nahezu unerträglich. Kann man das jemandem übel nehmen?

Man muss sogar. Denn Religionen, Ideologien, Methoden, Theorien und Pläne, die all das zusammenkleistern, haben eines gemeinsam. Sie sind der Versuch, sich die Welt ohne Überraschung vorzustellen. Ohne Zweifel braucht es viel Arbeit, um ein solch festes Weltbild zu schaffen. Aber wenn man es erst mal hat, ist das eine feine, eine gemütliche Sache. Ganz egal, wie groß oder klein der Plan ist, er ermöglicht vor allen Dingen eines: Das Rumgrübeln, Zweifeln, das aufmerksame Beobachten der Umwelt und ihrer Bedingungen, das Erkennen und Forschen hat ein Ende. Hinter allen großen und kleinen Plänen steckt der zutiefst menschliche Versuch, sich nicht weiter anstrengen zu müssen.

Vor allen Dingen muss man sich nicht mehr entscheiden. Entscheidungen sind ohnehin eine Plackerei. Der Plan leistet wertvolle Arbeit bei der Abwehr dieses unsittlichen Vorhabens. Er sagt uns, wie es ist - und was wir gerade tun sollen. Mehr nicht. Die daraus folgende Sicherheit hat der Psychologe Dietrich Dörner in seinem Buch "Die Logik des Misslingens" klar formuliert: "Planen ist Handeln auf Probe. Beim Planen tut man nicht, man überlegt, was man tun könnte." Es ist nichts falsch daran, Szenarien zu entwickeln, und es ist nicht falsch, Vorsorge zu treffen, nachzudenken, Möglichkeiten abzuwägen. Es ist aber alles für die Katz, wenn man das mit der Realität verwechselt. Das lateinische Adjektiv planus bedeutet flach, eben oder gerade, kurz und gut eine überschaubare Strecke, auf der es keine Überraschungen gibt. Hat jemand so etwas schon gesehen? Ist schon jemand darauf gefahren und weitergekommen? Wahrscheinlich, möglicherweise, vielleicht? Ach was!

Sicher nicht.

Die Verbesserung

Improvisieren ist das wirkliche Leben. Wir errichten permanent Provisorien. Vielleicht hat das Wort Improvisation deshalb einen schalen Beigeschmack. Es ist das Gegenteil von optimal, von gut geplant, von fertig und gut und unwiderlegbar. Improvisieren, das ist, wenn einem am Wochenende der Fliesenkleber ausgeht und wir es mal mit Uhu versuchen. Improvisieren, das akzeptieren wir bestenfalls angesichts eines gerissenen Keilriemens, den wir bis zur nächsten Werkstatt - provisorisch - durch einen Nylonstrumpf ersetzen. Improvisieren, meinen wir gegen die Realität und die Vernunft, ist zweite Wahl und damit auf keinen Fall etwas, wonach wir streben sollten. Die meisten suchen immer noch den Masterplan.

Unterdessen können wir uns sinnvollen Tätigkeiten widmen, etwa der Frage, was das Wort Improvisation im Grunde bedeutet. Ausgerechnet im Italien der Renaissance taucht das Wort "improvviso" auf, und das bedeutet so viel wie unerwartet oder überraschend. Unerwartet - das ist selten gut. Vor unserem geistigen Auge taucht da überraschend die bucklige Verwandtschaft am Wochenende auf, oder es ruft, mitten in angespannter Arbeit, jemand an, der nur mal fragen will, wie es uns so geht. Unerwartet ist die Panne beim neuen Auto, überraschend kam der Regenguss, ohne Vorwarnung drangen Schnupfenviren in uns ein. Und so weiter. Weitaus seltener sind die Momente, in denen das Unerwartete etwas Erfreuliches signalisiert, etwa einen Lottogewinn oder eine Chance, die wir wahrnehmen könnten.

Das ist aber auch eine Frage der kulturellen Prägung. In unserer Kultur regnet es, oder es taucht die lästige Tante auf. In anderen Kulturen freut man sich über Abwechslung, weil das auch was bringen kann. Ganz deutlich brachten das die Vorfahren der Italiener auf den Punkt, die alten Römer. Im proviso bedeutete für sie so viel wie vorhersehen. Das ist eine schöne Bedeutung des Wortes. Denn das heißt auch, dass der Improvisator schlau ist, schnell erkennt, wie die Dinge neuerdings laufen. Auch Quantenmechaniker wissen das, denn sie sind schlau - und ihre Welt der Wahrscheinlichkeiten und ihre Interpretationen haben eine Vielzahl entscheidender Verbesserungen unserer ganz alltäglichen Welt gebracht.

Es sind die feinen Unterschiede, die man da beachten muss. Deterministen, Plandenker, halten die Welt für vorherbestimmbar. Improvisatoren, die Menschen des neuen Zeitalters, wissen, dass sie auf Überraschungen offen reagieren müssen, um sie zu nutzen. In einigen praktischen Disziplinen denkt man nicht mehr daran, die Welt auf Dauer erklären zu wollen. Zukunftsforscher, das waren mal Leute, die den Verlauf der Dinge auf ein, zwei Jahrhunderte im Voraus "berechneten". Heute machen so etwas nur ausgesprochene Spinner und Fanatiker - seriöse Forscher hingegen versuchen, ihre Klienten auf Wahrscheinlichkeiten einzustimmen, auf eine Vielzahl von Szenarien und Möglichkeiten.

Es geht nicht mehr darum, das Beste zu wollen. Sondern darum, das Beste daraus zu machen. Selbst wenn es nicht all die guten Gründe gäbe, die dafür sprechen, so zu handeln: Alle, die nicht an ein unausweichliches Schicksal glauben, sind sich das schuldig. Mach das Beste daraus. Sogar diese optimistische und richtige Phrase lässt in unserem Kulturkreis den Verdacht keimen: Das Beste daraus machen, ist das nicht schon zweite Wahl? Ein falscher Idealismus, ein fanatischer Perfektionsglaube verhindert den Zugang zur Wirklichkeit. Spricht hier jemand Englisch? Ja? Was bedeutet denn "to improve"? Genau. Verbessern und veredeln. Ist das schlecht? Klingt das nach Notlösung? Nein. Nach Besserem.

Wer improvisiert, sich schnell anpasst, offen reagiert, andere Möglichkeiten einbezieht, Chancen erkennt, Provisorien errichtet, der kleistert nicht irgendwas zusammen. Eine schöne Definition hat die Online-Enzyklopädie Wikipedia gefunden: "Improvisation (...) meint den spontanen und praktischen Gebrauch von Kreativität zur Lösung von auftretenden Problemen." Der Improvisator ist also der, der macht, während andere noch nach der Weltformel schielen. Das eine funktioniert. Das andere kann dauern.

Ohne Computer, zum Beispiel

Improvisation verlangt, so sehen wir, eine ganze Menge von uns. Die Abkehr von starren Plänen und Hierarchien genauso wie das Zweifeln am Glauben, man könne die Welt oder auch nur einen Teil von ihr endgültig erklären. Das schafft ein Potenzial an Unsicherheit, das gerade in Zeiten des Wandels und der hohen Transformation, die uns heute sehr bewusst sind, eher nach großen Würfen - Plänen - rufen lässt denn nach kleinen Schritten.

Die Psychologie des Provisoriums ist bescheiden. Das aktive Handeln und der Versuch sind keine spektakulären Ereignisse. Improvisation ist eher ruhig, normal. Dagegen sorgen die großen Würfe allein schon wegen der Art und Weise, mit der sie verkauft werden, für mehr Aufsehen. Wer behauptet, er würde ein System radikal, grundlegend verändern, der hat deutlich mehr Aufmerksamkeit als jemand, der eine Vielzahl kleiner Schritte zur Optimierung einer Organisation oder Methode vorschlägt. Der Plan ist immer auch Macht, Big Bang. Improvisation ist Feintuning. Wir können uns einfach sehr schwer vorstellen, dass das Feintuning zu größeren Veränderungen führen kann als der sture Gewaltmarsch.

Davon kann beispielsweise Claus Mattheck ein Lied singen. Mattheck, Materialwissenschaftler und Professor für Schadenskunde an der Universität Karlsruhe, ist ein ausgewiesener Experte für Bäume, genauer: für die Frage, was Bäumen schadet oder nicht (siehe brand eins 03/2003). Wahrscheinlich wäre Albert Einstein über Claus Mattheck nicht sonderlich begeistert gewesen, obwohl der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler theoretische Physik studierte. "Naturgesetze", sagt der Professor, "sind nicht so exakt, wie es aussieht. Wir stoßen überall auf Varianten, auf Unterschiede, auf verborgene Improvisationen. Aber es gibt halt einfach sehr viele Leute, die diese Entdeckungen sofort ins das fromme Gewand der Regel bringen wollen. Das sind Leute, denen läuft ein süßer Schauer der Ehrfurcht den Rücken herunter, auch wenn dies vielleicht im Einzelfall eine eher umständlichere Problemlösung bedeutet."

Etwas pathetisch, aber in der Sache unmissverständlich schreibt Mattheck in seinem Buch "Verborgene Gestaltgesetze der Natur": "Als Forscher seinem Volke zu dienen, heißt auch, das Komplizierte ihm einfach zu machen." Das Leben ist nicht unpraktisch, ergänzt er: "Improvisation heißt ja vor allen Dingen auch vereinfachen, um etwas praktisch anwenden zu können. Richtige Improvisation zeigt sich darin, dass man etwas verbessern kann, weil man etabliertes Wissen und eingespielte Verfahren weglassen kann - bei gleichen oder besseren Ergebnissen.". Improvisation bedeutet für ihn: "Das Wesentliche im Augen behalten - und Unwichtiges weglassen."

Einfach, praktisch, klar. Das sei Improvisation. Den Beweis liefert er gleich mit. Seine "Methode der Zugdreiecke" ermöglicht es, auf hochkomplexe, teure und zeitaufwendige Computermodelle bei der Formoptimierung von Bauteilen zu verzichten. Nicht einmal die von ihm selbst entwickelte, praxiserprobte Software solle man künftig noch verwenden. Braucht man nicht, sagt er. Das ist sehr souverän. Mattheck verweist stolz darauf, dass industrielle Anwender seine neue Methode schätzen, "dort, wo man sich dem täglichen Wettbewerb stellen muss und es sich nicht leisten kann, den umständlicheren Weg zu gehen".

Und er freut sich, dass ihn große Unternehmen aus der Branche nun ganz neugierig als Vortragenden einladen. Dabei ist Mattheck niemand, der die Erkenntnisse und Methoden der Naturwissenschaft über Bord schmeißt. Er ist nur einer, der zeigt, dass es auch anders geht. Er ist auch nicht einer von jenen, die Computer für Unfug halten. Als Instrument, als Werkzeug findet er den Computer total in Ordnung - "aber er ist keine Allzweckwaffe". Seinen Studenten sagt er, dass etwas qualitativ zu verstehen nicht notwendigerweise heißt, es zu berechnen.

Man könnte es auch so sagen: Kein Plan, kein festes Konzept kann jemals den Inhalt, den Sinn und Zweck schlagen. Warum glauben das aber immer noch so viele?

Dienst nach Vorschrift

Der Augsburger Psychologe und Autor Hermann Rühle weiß Rat. Sein schönes Buch "Die Kunst der Improvisation" wird mit dem nicht minder schönen Satz "Improvisation ist mehr als der Notarzt für den Plan" beworben. Rühle hat dieses Buch für Manager und Unternehmer geschrieben, für Menschen, die nach wie vor eine Heidenangst davor haben, den Plan ad acta zu legen und einfach mal zu improvisieren.

Er erlebte dabei, was er vorher schon in Seminaren und in unzähligen Gesprächen festgestellt hatte: "Improvisation - das ist in Deutschland ein richtiges Problem. Dafür gibt es keinen Markt, so etwas bietet man nicht an, das ist ja richtiggehend unseriös", sagt er und lacht. Wo immer Rühle in seinen Seminaren offensiv mit dem Thema Improvisation umging, bemerkte er eine große Distanz zum Publikum. Über so etwas redet man nicht. Schlimm genug, dass man das machen muss.

So verfiel Rühle auf die Idee, die Sache mit der Wirklichkeit, die man auch Improvisation nennen kann, "unter der Hand zu verkaufen". Nun muss man wissen, dass Hermann Rühle ein gefragter Anbieter von Zeitseminaren ist, also jenen Veranstaltungen, bei denen meistens extrem gestresste Manager und Unternehmer Hilfe und Rat bei der besseren Gestaltung ihres Terminplans suchen: Der ist voll, wie kann ich den noch voller kriegen, der ist randvoll, aber geht da nicht noch was? Und wie kriegen wir das hin?

In solche Seminare, sagt Rühle, gingen eigentlich immer die Leute, die man ohne Weiteres Perfektionisten nennen könne, "Chaoten machen da sowieso einen Bogen drum oder schütteln einfach den Kopf", gesteht er. Nicht immer stößt er bei den Perfektionisten auf viel Verständnis, wenn er sagt, was eigentlich beim Zeitplanen wesentlich ist: Man muss das, was man tut, seiner Persönlichkeit anpassen. Wie jetzt? Persönlichkeit? Was soll das denn jetzt? Was ist denn das überhaupt? Gibt es dafür einen Bauplan?

Ja, so geht es zu, wenn Rühle in seinen Seminaren den Menschen, die einen besseren Plan suchen, etwas viel Wichtigeres erklärt, nämlich den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Also dem, was man sich vorgenommen hat, und dem, was man sieht, wenn eine Überraschung um die Ecke biegt. "Es ist doch so", sagt Rühle, "die einen sehen dann eine Innovation, die anderen eine Störung. Und je nachdem, wie man die Dinge sehen will, geht man mit ihnen um."

All das erklärt aber noch nicht, weshalb der Ruf der Deutschen als große Organisatoren in aller Welt so ungebrochen ist, selbst und genau betrachtet vor allem in Ländern und Kulturen, die zwar die Plan-Disziplin der Deutschen rühmen, sich selbst aber relativ wenig mit solchen Irrtümern beschäftigen. Pläne funktionieren, das zeigt die Praxis, sehr selten. Wie kann es sein, dass bei uns etwas funktioniert? Das ist doch eine wichtige Frage.

Hermann Rühle weiß Rat. "Wenn Sie jemanden fragen, zumal im Management, ob er improvisiert, weist er das empört von sich. Tatsächlich ist es aber so, dass die meisten im Nachhinein so tun, als ob sie einen Prozess genau geplant hätten, darüber reden sie. Bei uns wird viel mehr improvisiert, als wir zugeben." Unter der Hand oder unter der Decke, je nachdem, hat die Wirklichkeit auch nicht vor der Nation der Planer und Organisierten haltgemacht. Pläne würden groß geredet, in der Praxis allerdings bedeuteten sie wenig, weiß Rühle: "Sehen Sie sich doch an, wie viel, oder besser gesagt wie wenig von dem aufgeht, was in Konzernen geplant wird oder in großen Organisationen. Da macht jemand oben einen Plan. Auch wenn der Chef, der den Plan absegnet, noch so inkompetent und weltfremd ist, ein Bürokrat durch und durch: Die Leute führen dann das aus, was geht, und improvisieren den Rest - deshalb funktioniert alles."

Das klingt plausibel - denn wie sonst wäre es zu erklären, dass trotz heftiger Planungstätigkeit von Politikern und Managern hier noch Züge fahren oder Strom aus der Leitung kommt? Wie sonst wäre es zu verstehen, dass trotz ständiger Behauptungen, man habe einen Masterplan, der rigoros und Punkt für Punkt abgearbeitet werde, gute Produkte und Ideen entstehen? Anders kann es nicht sein. Theoretisch sind wir Idealisten. Praktisch Italiener. Das ist eine gute Nachricht. Wenn jetzt noch die Bürger dafür sorgen, dass sie nicht jede psychopathologische Entäußerung von Planungsfetischisten ernst nehmen, ganz gleich, ob Verbot oder Regel, Plan oder Vor schrift, dann kann es eigentlich nur besser werden. Merke: Was geplant wird, reicht nicht aus, um damit zu leben. Noch nicht mal in einer Behörde.

Dafür hat Hermann Rühle noch einen nicht wirklich widerlegbaren Beweis. Dort, wo der Plan alles ist, eben in der Behörde, gibt es eine Phrase, die für Planer wie Bürger das nackte Grauen symbolisiert. Allein das Aussprechen dieser Phrase sorgt in der Regel dafür, dass jeder Widerstand gebrochen wird. Man gibt gern nach. Die Phrase lautet: "Dienst nach Vorschrift".

Pi Dabei, sagt Rühle, müsste sich jeder Planer riesig darüber freuen. "Dienst nach Vorschrift, das ist doch der Traum jedes Planers und Bürokraten. Die Leute arbeiten genau das ab, was im Plan steht, denn die Vorschrift ist der Plan."

Jeder weiß, was das heißt: Nichts geht mehr.

Ganz planmäßig. -