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Die Kraft des Mittelfingers

Die Gründer der Web-Firma 37 Signals pfeifen auf gutes Benehmen und die üblichen Regeln des Geschäftslebens. Und das mit Erfolg.




"Such dir einen Feind! "
(alle Zitate aus dem Buch "Getting Real" von 37 Signals)

- David Heinemeier Hansson ist vulgär, und das ganz bewusst. Seine "Fuck you!"- und "That's bullshit"-Sprüche setzt er dosiert ein, wenn er Gesprächspartnern seine Sicht der Dinge nahebringt. Der Däne mit Wohnsitz Chicago hält nichts von harmonischem Gesülze, aber das sieht man ihm nicht an. Hoch gegeltes Haar, Designerjeans, Apple MacBook Air. Eigentlich alles Symbole für "Hello, how are you? Fine?"

Nix da. Hansson sagt, sein Fluchen sei ein "Aufnahmeknopf fürs Hirn". Sonst hört einem ja heute keiner mehr zu. Dösende Angestellte werden wachgerüttelt. Investoren, die Hansson schlicht "Geldsäcke" nennt, merken auf. Dass der raue Umgangston nicht nur eine persönliche Marotte Hanssons ist, sondern Programm, merken sie spätestens, wenn sein Partner Jason Fried dazukommt.

Die Chefs der Webdesign-Firma 37 Signals sind Stars. Nicht deshalb sind sie so ungehobelt, nein, das waren sie schon zuvor. Den Ruhm verdanken sie ihrem Engagement bei Web-2.0-Entwicklungen und vor allem einem programmatischen Text, der Furore macht. Er trägt den Titel "Getting Real", zu Deutsch: "Zur Sache" oder "Im Ernst". Das ist eine Art Cluetrain-Manifest (vgl. brand eins 03/2000) der zweiten Web-Generation. Und weit weniger harmonisch als die 95 Cluetrain-Thesen, die 1999 durchs Internet gingen.

"Getting Real" ist eine Streitschrift. Kurz. Simpel. Trocken. Bissig. Kooperation? Gemeinsames Nachdenken?

Ach was. Fuck you. In "Getting Real" steht das anders:

"Meetings sind Gift. Leute brauchen ihre Ruhe, um Dinge zu erledigen."

Mag sein, dass das ein wenig mit dem Standort Chicago zu tun hat, der nicht so fein ist, nicht so politisch korrekt wie das Silicon Valley und seine Ach-das-finde-ich-aber-sehr interessant-Kultur. Chicago ist ein alter Industriestandort. Rau, hart, erdig. Direkt wie die Sprache von 37 Signals. In all dem freundlichen Gesäusel im Web ist das für nicht wenige eine Wohltat. Und "Bullshit", erklärt Fried grinsend, sage er nur deshalb so oft, weil dadurch klar werde, dass 37 Signals relativ wenig Bullshit predige. Sondern fürs Rustikale eintrete, für Dinge mit Nutzen. Webdesign für Leute, die auch gern mal zum Trucker-Treffen fahren.

Nicht weit von dem Backsteingebäude, in dem 37 Signals seinen Sitz hat, erstreckt sich das alte Zentrum des Fleischgroßhandels. Zwischen Laderampen und Plakaten für 1A-Schweinehälften und gut abgehangene Steaks werden Industriebauten in Galerien und Lofts umgewandelt oder stehen einfach leer. Wer die tiefen Schlaglöcher auf der West Lake Avenue umkurvt, während über dem Kopf die aus Filmen berühmte Hochbahn rumpelt, kann erahnen, wo Hansson und Fried ihre Wut auf die geleckten Technik-Freaks von der Westküste hernehmen.

"Tu weniger als die Konkurrenz, um sie zu schlagen."

"Es gibt immer wieder Leute, die behaupten, man muss an einem bestimmten Ort wie etwa im Silicon Valley sein, um Besonderes zu leisten", sagt der dänische Programmierer. Eine durchschnittliche Umgebung dagegen führe zu durchschnittlicher Arbeit "völliger Schwachsinn!". 37 Signals hat gerade einmal zehn Angestellte, von denen nur fünf in Chicago sind, der Rest arbeitet irgendwo in den USA und Kanada, zum Beispiel im wenig glamourösen Idaho. "Wenn es hochkommt, treffen wir uns einmal im Jahr. Ich war bestimmt seit zwei Monaten nicht mehr in diesem Büro", sagt Hansson. Am Firmensitz gibt es lediglich einige Schreibtische zur Untermiete und einen Telefonanschluss. Die Nummer sucht man auf der Web-Seite von 37 Signals vergeblich, den Hörer nimmt ohnehin so gut wie nie jemand ab.

Was Jason Fried und sein 28-jähriger Geschäftspartner leisten, geschieht weitgehend virtuell. 37 Signals begann 1999 als Webdesign-Firma mit eigenwilliger Agenda: keine marktschreierische Web-Seite mit Referenzen und Portfolio-Projekten, keine Farben und Flash-Animationen. Nackt und schwarz-weiß. Fried ließ sich lieber darüber aus, wie gutes Design auszusehen hat. Wem es nicht passte, der sollte sich eine andere Designfirma suchen. Nach vier Jahren fehlte ihm die richtige Software, um die wachsende Liste eigener Projekte zu verwalten. Die Rettung kam in Gestalt von Hansson, der in Kopenhagen gerade seinen Master of Business Administration machte, leidenschaftlich mit Fried korrespondierte und die relativ unbekannte Programmiersprache Ruby benutzte. Per E-Mail stellte Fried ihn an, um zunächst auf Stundenbasis eine Art Rahmen zu basteln, mit dem sich Web-Anwendungen nach dem Baukastenprinzip erstellen ließen. Hansson nannte das Ruby on Rails, frei übersetzt: Programmieren mit Stützrädern.

Statt der freien Wahl gibt es feste Gleise oder Vorlagen, die für ein hohes Entwicklungstempo und Narrensicherheit sorgen. Selbst ein durchschnittlich begabter Anfänger konnte dank Ruby on Rails plötzlich an einem Nachmittag eine voll funktionsfähige, professionelle Web-Seite basteln. Das Projekt für den Hausgebrauch war nicht nur das perfekte Beispiel für Frieds neuen Minimalismus, sondern wurde zugleich zum ersten Produkt namens Basecamp, das die Firma fortan im Abonnement verkaufte. Dafür zahlen heute eine halbe Million Nutzer Monat für Monat bis zu 149 Dollar.

Dazu sind im Laufe der Jahre vier weitere Abo-Programme mit Namen wie Highrise oder Campfire hinzugekommen, die allesamt Alltagsprobleme kleiner bis mittelgroßer Unternehmen lösen. Man loggt sich ein, tippt die Kreditkartennummer in ein Feld und kann loslegen. Mit den Web-Diensten aus Chicago lassen sich etwa Projekte verwalten, Arbeitszeiten verfolgen oder Kontakte pflegen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn Software für den besseren Betriebsablauf kann man inzwischen an allen Ecken und Enden mieten oder sogar gratis nutzen.

"Am Anfang immer Nein sagen! "

Was Fried und Hanssons gebührenpflichtige Produktpalette zum Kult gemacht hat, ist ihre unverschämte Art und Weise, Programme mit so wenigen Funktionen wie möglich als Geniestreich zu verkaufen. Prioritäten von eins bis fünf? Unsinn, alles ist gleich wichtig. Zeiterfassung im 15-Minuten-Takt? Nicht notwendig, richtige Kreative arbeiten zielorientiert. Projektmanagement für mehr als eine Person oder weniger als das gesamte Team? Muss nicht sein. Entweder tragen alle Verantwortung oder keiner!

Nicht, dass ihre Kunden solche Funktionen nicht wollten und immer wieder verlangten, gratis, versteht sich. "Solche , Verbesserungsvorschläge' kommen ständig rein. Man liest sie und schmeißt sie am besten weg", sagt Fried. "Genau Buch zu führen lenkt nur ab. Auf Dauer schieben sich die wirklich relevanten Dinge in den Vordergrund, da muss man keine schlauen Listen anlegen."

Der Rest der Welt mag vorgeben, am liebsten "den Kunden zuzuhören", und dazu grandiose Blogs einrichten, in denen der Chef den verständnisvollen Therapeuten gibt - 37 Signals glaubt nicht, dass der Kunde immer recht hat. Fried drückt das so aus: "Nutzer schlagen Lösungen vor, wenn sie eigentlich ihr Problem beschreiben sollten. Das ist ein großer Unterschied. Wer ein wirklich gutes Produkt haben will, handelt im Interesse seiner Kunden, aber er lässt sich nicht von jedem Wunsch in tausend Richtungen gleichzeitig ziehen. Sonst ist man nach ein paar Deals nicht mehr Herr seiner eigenen Produkte." Und sein Partner Hanson ergänzt: "Ich schreibe meine Software für uns und freue mich, wenn andere sie auch benutzen wollen."

Als arrogant wollen die beiden aber nicht verstanden werden. Sie hätten lediglich ein gesundes Selbstvertrauen, das sich aus Erfolg speise. Hilfreich ist sicherlich, dass Hansson von Google und dem einflussreichen Technik-Verlag O'Reilly Media zum "Hacker des Jahres" gekürt wurde. Der Firmenname ist auch nicht gerade ein Zeichen der Bescheidenheit, denn 37 Signals spielt auf geheimnisvolle Signale aus dem Weltall an, die Astronomen nicht zweifelsfrei als normales Himmelsrauschen abtun konnten und die vielleicht Anzeichen für außerirdische Intelligenz sind.

Abgehoben ist Hanssons und Frieds Arbeit dennoch nicht. Einige Programmierer kritisieren allerdings die mangelnde Flexibilität ihres Denkens und der daraus resultierenden Software, die sich zu wenig anpassen lasse. Das Programm Ruby on Rails etwa sei zu wenig ausbaufähig, um einem plötzlichen Nutzeransturm gewachsen zu sein - so wie der Mikroblogging-Dienst Twitter, der wegen wachsender Beliebtheit regelmäßig zusammenbricht. Und Harper Reed, Cheftechniker des T-Shirt-Händlers Threadless und Kunde von 37 Signals, bemängelt: "So sehr ich die beiden schätze - wenn ich nur dann ans Ausbauen dächte, wenn der große Ansturm kommt, bricht meine Web-Seite zusammen, und wir verlieren Kunden. Man muss im Voraus planen und kann nicht nur für den Augenblick improvisieren." Threadless sitzt auch in Chicago und wurde als Pionier des Crowdsourcing bekannt.

Fried und Hansson aber halten unbeirrbar am kleinen Rahmen fest und lehnen Wachstum um seiner selbst willen konsequent ab. Rechner wie Personal auf Vorrat zu halten, ist für sie pure Verschwendung. 37 Signals hat seine Abo-Gebühren sogar erhöht, während andere Firmen ähnliche Dienste verschenken, um viele Kunden anzulocken und zu binden. "Kostenlos bringt nichts. Das kann man machen, wenn man jede Menge Spielgeld hat. Aber wir betreiben ein Geschäft, kein Start-up", sagt Fried. "Wir wollen nicht mit irgendwelchen Experimenten unsere Zeit und anderer Leute Kapital verschwenden, sondern eine langfristige Beziehung zu unseren Kunden aufbauen und Geld verdienen. Wer unsere Ideen nicht versteht und nicht zahlen will, der kann ruhig wieder gehen! " Aber das ist offenbar nicht das Problem von 37 Signals - das Duo verweist darauf, dass sich der Umsatz seit der Anhebung der Abo-Gebühren erhöht habe.

Ebenso unorthodox ist die Haltung der beiden zu Wagniskapital, ohne das im Silicon Valley so gut wie nichts geht. Dass sich Innovation mit fremdem Geld beschleunigen lässt, glauben Fried und Hanson nicht. Außer einer Investition in ungenannter Höhe von Amazon-Boss Jeff Bezos im Jahr 2006 haben die beiden bislang jede Offerte von Wagniskapitalfirmen abgelehnt.

"Freu dich über Sachzwänge!"

Der Rummel um Risikokapital und wer am schnellsten eine Milliarde Dollar einsackt, das ist für Fried und Hansson das große Problem des Silicon Valley. "Die wenigsten Leute, die diese tollen Geschichten hören, kapieren, dass die Chancen so gering sind wie ein Sechser im Lotto", sagt Hansson. Das will niemand hören, das widerspricht dem Mythos, dem alle nachjagen - und genau deswegen ist das sein Thema bei jeder Konferenz, zu der er als Programmier-Genie und Quertreiber eingeladen wird. Sein Partner Fried, der bereits als Student Programme verkaufte, hat daraus eine Management-Maxime gemacht: "Die meisten Firmen kommen zu leicht an zu viel Geld heran und schmeißen es für Marketing und neue Stellen raus. Ich stelle lieber so wenige Leute wie möglich und so spät wie möglich ein. Am besten holt man sich die faulsten Leute, denn die sind bestrebt, alles schnell und effizient zu erledigen."

Und wie finden die beiden fähige und faule Mitarbeiter? Indem sie sich die Beiträge jedes Bewerbers zu Open-Source-Software anschauen und ihn zum Test ein aktuelles Problem lösen lassen. Die Transparenz der weltweiten Open-Source-Gemeinschaft erlaubt solche Recherchen.

"Suche und feiere kleine Siege!"

Die Statistiken von Dow Jones VentureSource verzeichnen für den Großraum Chicago zwischen 2002 und 2008 jährlich zwischen 38 bis 45 Risikokapital-Beteiligungen im Wert von 270 bis 400 Millionen Dollar. Die Hälfte davon entfiel auf Firmen, die sich mit Informationstechnik befassen. In Großraum Silicon Valley zog allein die Halbinsel südlich von San Francisco im selben Zeitraum jährlich mehr als 600 Deals im Wert von bis zu sieben Milliarden Dollar an.

Für die beiden professionellen Provokateure von 37 Signals ist dieser Geldregen Wahnsinn. Die Risikokapitalgeber spekulierten auf überdurchschnittliches Wachstum junger Firmen und verleiteten die Gründer dazu, diesen fiebrigen Fantasien hinterherzuhetzen. Ihr Alternativprogramm beschreiben Hanson und Fried so: "Ich kann sehr gut mit fünf guten Leuten fünf Millionen Dollar im Jahr umsetzen. Alle gehen zu vernünftigen Zeiten nach Hause und haben ein gutes Leben. Was ist daran auszusetzen? Die Zahl der Mitarbeiter diktiert, wie groß mein Projekt wird - nicht umgekehrt."

"Glücklich und durchschnittlich ist besser als brillant und frustriert."

Dass diese hemdsärmelige Bescheidenheit auch für Firmen in anderen Städten und sogar für große Organisationen mit mehreren Hundert oder Tausend Mitarbeitern funktionieren kann, wollen die beiden mit "Getting Real" beweisen. Eigentlich richtet sich die broschierte Fibel mit schwarzem Einband an Entwickler in kleinen Klitschen wie ihrer eigenen. Aber viele der darin enthaltenen Ratschläge, die sie aus ihren Blog-Beiträgen zusammengestellt haben, lassen sich in der Tat übertragen. Denn in dem Manifest geht es nicht um Software, sondern um gesunden Menschenverstand.

"Zufriedenheit ist optimierbar"

Die Botschaft scheint anzukommen: Die beiden Autoren verkaufen ihr Büchlein im Eigenverlag über einen Print-on-Demand-Versand und in elektronischer Form, derzeit monatlich rund 3000 Exemplare, insgesamt bereits mehr als 30 000 Stück. Und um sicherzugehen, dass die Botschaft weite Kreise zieht, arbeiten Fried und Hansson gerade an einem zweiten Buch, das den Minimalismus mit ausgestrecktem Mittelfinger auf weniger als 100 Seiten als Management-Theorie darlegt.

Dicke Wirtschaftsbücher gebe es ohnehin zu viele, sagt Fried, deswegen schwebt ihm eine Serie dünner Publikationen vor. Zudem organisieren er und sein Kompagnon eine jährliche Konferenz namens "Seed" für "Design, Unternehmertum und Inspiration". Die dritte Veranstaltung fand diesen Juni passenderweise in der Crown Hall in Chicago statt, die der Ober-Minimalist Mies van der Rohe entworfen hat. "Wir stopfen euch die Köpfe voll mit Wissen, das ihr nutzen könnt. Keine Theorie, sondern Praxis", verkündeten Fried und Hansson vollmundig in der Einladung.

Beeinflusst sind die beiden von rebellischen Unternehmern wie Richard Branson und dem Apple-Gründer Steve Jobs bis zum Management-Anarchisten Ricardo Semler, der die vom Vater geerbte Firma Semco gnadenlos umkrempelte und darüber ein Buch schrieb. "Das Semco-System" (im Original lautet der Titel wörtlich übersetzt: "Den eigenen Spieß umdrehen") wurde Anfang der neunziger Jahre zum bestverkauften Sachtitel Brasiliens. Darin beschreibt er ein basisdemokratisches Unternehmen, in dem die Belegschaft die Bosse einstellt, völlige Transparenz herrscht und Arbeit wirklich nur das halbe Leben ausmacht. So weit allerdings will Fried nicht gehen: "Einige seiner Vorstellungen sind selbst für meinen Geschmack zu extrem - etwa ein Fünftel des Gewinnes an die Mitarbeiter zu verteilen."

Überhaupt mögen die beiden Bosse klare Verhältnisse: "Ich sehe uns als Chefköche. Wir zeigen den Leuten mit einem Kochbuch, wie die Rezepte aussehen und wie man's macht. Köche sind schlau. Sie verraten zwar die Zutaten und die Zubereitung, verkaufen aber trotzdem noch eine Menge drum herum: Fernsehshows, Kochtöpfe und so weiter. Das ist geniales Merchandising." Und klare Machtverhältnisse liegen dem Webdesigner sowieso: "Der Chefkoch entscheidet, und die Kunden essen. Deswegen kommen sie. Niemand geht in eine Restaurantküche und lässt sich das Rezept vorlesen oder würzt nach. Da sagt der Starkoch nur: "Fuck off! " -

Getting Real - The smarter, faster, easier way to build a successful web application. 2006, online gratis zu lesen. PDF oder Buch für 20 Dollar bei http://gettingreal.37signals.com/ Signal vs. Noise, der Blog von 37 Signals: www.37signals.com/svn/