Stadtplanung als Soziale Innovation

Demokratie statt Diktatur. Erhaltung statt Zerstörung. Partizipation statt Verwaltung. Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer hat diese Prinzipien bei der Sanierung von Stadtteilen angewendet – und sie damit revolutioniert.




Es ist vielleicht sein letzter Kampf. Er ist 84 und muss haushalten mit seinen Kräften. Neuerdings fallen ihm manchmal Namen nicht mehr ein, von alten Mitstreitern, sogar von Gegnern. Eigentlich ist es ein Wunder, dass Hardt-Waltherr Hämer überhaupt noch lebt. Er raucht Unmengen starker Davidoff-Zigaretten, fünf, sechs Stück in einer Stunde. Meist liegen zwei Schachteln vor ihm auf dem Tisch. Da braucht er zwischendurch nicht aufzustehen, wenn eine leer geraucht ist.

Die Schlachten sind überschaubarer geworden. Vor 25 Jahren hat Hardt-Waltherr Hämer Berlin-Kreuzberg vor dem Abriss gerettet, einen ganzen Stadtteil, vor fünf Jahren ein Studentendorf, jetzt eine Kirche. Oder besser: ein Kirchlein. Die Schifferkirche im mecklenburgischen Ahrenshoop, dort, wo die deutsche Ostseeküste besonders schön ist und noch unverbaut, entworfen und errichtet von ihm, Hämer, im sechsten und siebten Jahr nach dem Krieg. Ein Kleinod aus Holz, dessen Gestalt an ein Fischerboot erinnert, kieloben aufgebockt.

Beim Kampf gegen den Zerfall seines architektonischen Erstlings hat sich Hämer mit den Dörflern zerstritten, da war er ganz der alte Wüterich. "Die Kirche hat sich selbst zu Wort gemeldet und gerufen: Ich will nicht mehr", grummelt er. "Es gab Haarrisse in den Fundamenten. Zwei Jahre noch, und alles wäre zusammengefallen wie ein Kartenhaus." Die Ahrenshooper aber wollten erst die Fassade aufhübschen. "Nein, hab' ich gesagt, wir müssen erst an die Fundamente, alles unten rausholen, neu betonieren und Eisen da reinbringen." Aus dem einen Auge, das er noch hat, blitzt es triumphierend. "Ich hab's durchgedrückt. Nur deshalb steht das Ding noch." Der Mann mit dem germanisch-knarrenden Vornamen hatte sich mal wieder durchgesetzt. Widerborstigkeit ist ihm zu einem Prinzip geworden in mehr als einem halben Jahrhundert als Architekt und Stadtplaner. Schon beim Bau des Ahrenshooper Gotteshäuschens war das so. Ein Architekt aus West-Berlin will eine Kirche in der DDR bauen - allein das Ansinnen war schon ein Unding. Die Behörden drangsalierten Hämer mit zeitweiligem Baustopp, sie bewilligten weder Holz noch Zement, weder Kies noch Ziegelsteine, weder Schrauben noch Mennige. Also schmuggelte Hämer das Material auf abenteuerlichen Irrwegen über die Grenze - in einem Ostsee-Bäderomnibus unter den Sitzen der Urlauber versteckt, dann in einem Fischkühlwagen.

So wie er die Tür öffnet, in verwaschener Turnhose, Sandalen und mit bloßem Oberkörper, das weiße Haar hinten zu einem langen Zopf gebunden, glaubt man nicht, einen der wichtigsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit vor sich zu haben. Aber genau das ist Hardt-Waltherr Hämer. Retter von Kreuzberg. Volkstribun. Revoluzzer und Moderator, Menschenfreund und Bonzenschreck, Baumeister und Berserker, unbeugsamer Citoyen und polternder Querkopf. Ein fröhlicher Antikapitalist. Eine Ikone, zu Lebzeiten zur Legende verklärt. Was ihm überhaupt nicht passt. "Ich will keine Legende sein", hat er mal gesagt. " Legenden ziehen Leuten Zuckergussmasken über." Die Geschichte der behutsamen Stadterneuerung beginnt mit einem Knick in einer bis dato makellosen Karriere. Mit hochgelobten Theater- und Schulbauten macht Hardt-Waltherr Hämer sich in den sechziger Jahren bundesweit einen Namen. Er prägt einen modernen, luftigen Stil mit Stufen und wechselnden Raumhöhen, dem Zeitgeist entsprechend unter großzügiger Verwendung von Beton. Er ist auf dem besten Weg, ein Star zu werden.

1968 erteilt der Berliner Senat Hämer einen " Sonderauftrag für eine Modellsanierung". Am Beispiel von drei Wohnhäusern in der Putbusser Straße im Sanierungsgebiet Wedding soll er untersuchen, ob eine Modernisierung von Altbauten preiswerter sein könnte als die bisher praktizierte Methode von Abriss und Neubau - bis dahin hatten die Bulldozer in den Altbauquartieren freie Bahn.

Wer "Mietskasernen" sagt, meint solche Ensemble: enge, uniforme Korridorstraßen mit düsteren Hinterhöfen und verschatteten Seitenflügeln, dazwischen Bombenkrater - gemauerte Zeugnisse einer längst überwundenen Gesellschaftsordnung. "Lasst sie zusammenfallen, diese gebauten Gemeinheiten", schrieb schon 1918 Bruno Taut, einer der Siedlungsbaupioniere der Moderne, unter seine Zeichnung zusammenstürzender Mietskasernen. "Steinhäuser machen Steinherzen." Der Architekt im Kampf gegen die Berliner Abriss-Mafia 50 Jahre später soll Tauts Vision Wirklichkeit werden. Der Plan sieht vor, die Altbauviertel im Mietskasernengürtel um die Berliner Innenstadt weitgehend abzureißen und durch moderne Großwohnanlagen zu ersetzen. "Eine unaufschiebbare Verpflichtung, mit deren Erfüllung auch nicht einen Tag zu früh begonnen wird", so formuliert es der Regierende Bürgermeister Willy Brandt 1963.

Die Sanierungsträger, in der Mehrzahl gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften, entwickeln sich zu gut geölten Abriss- und Neubaumaschinen. Ihr Werk verrichten sie zu Preisen, die im Schnitt 40 Prozent über dem westdeutschen Niveau liegen. Niemand stellt sich der Macht dieses Abrisskartells entgegen. "Die Wohnungsbaugesellschaften haben uns Architekten klargemacht, dass wir auf jeden Fall dafür zu plädieren haben, dass die Holzbalken alle verfault sind", erinnert sich Hardt-Waltherr Hämer, "und dass die Häuser deshalb weg müssen." Ein paar Jahre später wird Hämer als Direktor des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) in Darmstadt die politischen und ökonomischen Determinanten der Wohnungsbaupolitik untersuchen. Das Anschauungsmaterial sammelt er im Wedding - wo er Dachbalken für Dachbalken nachweist, welche Interessen des Sanierungskartells dazu führen, dass die Bedürfnisse der Mieter missachtet werden und am Ende immer der Abriss steht.

Manchmal schicken die Baufirmen Sabotagetrupps in die Häuser, die mit dem Vorschlaghammer die Heizungs- und Sanitäranlagen demolieren - damit die verbliebenen Bewohner schneller ausziehen. "Im Wedding ist damals eine alte Frau im Winter auf dem Klo erfroren", erzählt Hämer. "Beim Abriss fiel sie den Arbeitern dann entgegen." Hämer stellt fest, dass die Bausubstanz der Häuser in der Putbusser Straße weit besser ist, als die Sanierungsgesellschaften behaupten. Er geht mit dem Zollstock durch die Wohnungen und redet mit den Mietern. Er will wissen, wie sie über ihre Wohnung denken. "Natürlich klagten sie", sagt er, "über qualmende Öfen, fehlende Innenklos und undichte Fenster. Aber die meisten wollten in ihren Wohnungen bleiben." Je mehr Gespräche Hämer führt, desto mehr kommt er zu der Überzeugung, "dass dieses Wegräumen der vorhandenen Stadt eine idiotische Angelegenheit ist".

Und eine vergleichsweise teure obendrein. Hämer rechnet die Kosten der Modernisierung durch: Sie liegen deutlich unter denen für Abriss und Neubau. Sein Standpunkt macht ihn, schreibt Manfred Sack, langjähriger Architekturkritiker der "Zeit", mit einem Mal zum "Dissidenten unter den zunehmend ins Elitäre strebenden Kollegen". Die Strafe folgt umgehend. Der Berliner Bausenator bezeichnet den störrischen Hämer öffentlich als Feind und verbietet, ihn noch einmal zu beauftragen. Als Architekt ist Hämer im offiziellen Berlin zur Unperson geworden.

Hardt-Waltherr Hämer war Soldat in Hitlers Armee. Das rechte Auge hat er durch einen Kopfschuss verloren, auf der Flucht im Weichselbogen. Wo immer er hinkam, sah er Ruinen. "Wenn man aus dem Krieg kommt und nicht will, dass wieder alles kaputtgeht, dann gibt es eine Grundhaltung für Werte", erklärt er. "Städte sind letztlich Werte, Spuren von Menschen. Diese Rücksichtslosigkeit, mit der nach dem Krieg das, was noch da war, weggerissen wurde, hat mich bewegt, dagegen Front zu machen." Hämer weiß, dass er das nicht im Alleingang schaffen kann, sondern nur im Bündnis mit den Bewohnern der Altbauten. Und letztlich auch mit dem Gegner. Den muss er überzeugen, um aus Gegnerschaften Lerngemeinschaften zu schmieden, in einem offenen, dialektischen Prozess. "Ich hab' oft erlebt, dass ich in eine Versammlung reingehe mit 'nem Konzept im Kopp und rauskomme mit 'nem anderen Konzept im Kopp", sagt er heute. "Weil das Reden miteinander eine Veränderung bringt." Das Regelwerk der partizipatorischen Praxis erlernt Hämer in der Nachkriegszeit. Im Auftrag der englischen Besatzer soll er ein ehemaliges Fremdarbeiterlager nahe der wendländischen Stadt Dannenberg zu einem Flüchtlingslager umbauen. Er wird zum Bürgermeister des Lagers ernannt. "Die englischen Kommandanten haben gesagt, ich soll die Demokratie einführen. Da hab' ich gefragt: ,Was ist denn das?' - ,Sie müssen abstimmen lassen', haben die geantwortet. Also hab' ich Demokratie gelernt und versucht, das Gegenteil von Hitlers Diktatur zu praktizieren." Die Stadt ist ein gewachsenes Kulturprodukt von Menschen Mehr als 20 Jahre später, in der 68er-Zeit, lässt Hämer als einer der ersten Hochschullehrer Gruppen-Diplomprüfungen zu, befürwortet Vollversammlungsmodelle, bei denen die Professoren von den Studierenden überstimmt werden können, und debattiert mit den Studenten bis in die Nacht über die Reparatur als Alternative zum Abriss alter Häuser. " Wir haben morgens an unseren Entwürfen geackert", erinnert sich ein ehemaliger Student, "sind nachmittags zur Demonstration gegangen, kamen blutig zurück und haben weiter entworfen." Hämers architektonisches Denken ist von der Idee geprägt, dass es möglich sein muss, gewachsene Daseinswelten zu erhalten, statt sie zu zerstören und neu zu errichten. "Die Stadt ist das kulturelle Produkt von Menschen in einer Folge von Generationen", predigt er. " Das, was sie denken und tun, hinterlässt Spuren." Abreißen heißt Auslöschen der Vergangenheit. In jener Zeit meißelt Hämer sein Credo in imaginären Stein: "Solange es steht, steht es. Und solange muss man versuchen, es zu retten." Der große Traum von der idealen, neu gebauten Stadt ist nicht Hämers Sache. "Das waren technisch-idealistische Visionen", urteilt er, "geleitet von einem Machbarkeitswahn, dass man die ganze Mühsal der Vergangenheit mit einem Ruck übertölpeln kann." Sein langjähriger Mitarbeiter Erhart Pfotenhauer erinnert sich, wie er dem Chef einmal Bilder für eine geplante Broschüre vorgelegt hat. "Es waren auch ein paar schöne Luftaufnahmen dabei. Da sagte Hämer: ,Bitte lass die weg. Wir sind Menschen, wir gucken in Augenhöhe auf die Stadt.'" Hämer habe sich "nie einer Sache theoretisch angenähert, mit der er nichts zu tun hatte. Er ist einer, der anpackt - dann ordnen sich die Eindrücke nach und nach zu etwas Konsistentem, zu einem gedanklichen Gerüst".

Politisch hat sich Hämer nie vereinnahmen lassen. Er ist Antikapitalist, vor allem in der Rhetorik gegen die Sanierungs-Absahner. Andererseits kommt er mit CDU-Bausenatoren oft besser klar als mit Sozialdemokraten. Er schmiedet Koalitionen, oft fragile Gebilde auf Zeit, mit jenen, die sich als Bündnispartner anbieten. Wenn es der Sache dient. Ein Parteibuch hat er stets abgelehnt. "Die Partei, die es gab, als ich jung war, war die falsche", sagt er. Das hat es ein für allemal verdorben? "Ein für allemal. Nix Partei. Nicht ich." 1983. Der einäugige Mann mit der Einsteinfrisur ist mit seiner Geduld am Ende. Er stellt sich auf die Treppe und spricht zu den Hausbesetzern. Sie haben sein Büro okkupiert - sie nennen es "Agentur zur gewaltsamen Umstrukturierung Kreuzbergs" - und sind jetzt drauf und dran, alles kaputt zu schlagen. "Alle mal herhören, Leute!", ruft er ihnen zu, und augenblicklich herrscht Stille. "Was ihr hier macht, ist nicht korrekt. Wir machen unseren Job hier in Kreuzberg, und zwar in eurem Sinne." Murren unter den Besetzern. Hardt-Waltherr Hämer, der Mann auf der Treppe, spricht noch lauter: "Was ihr hier macht, ist Hausfriedensbruch. Seid euch über eines im Klaren: Wenn ihr nicht rausgeht, hol' ich die Polizei. Ich will das aber nicht. Deshalb geht jetzt besser." Die Treppenrede verfehlt ihre beabsichtigte Wirkung nicht. "Hämer hat die Besetzer öffentlich gestellt", erinnert sich ein Mitarbeiter, der dabei war. "Er hat ihnen klargemacht, dass wir nur für ihre Interessen kämpfen können, wenn sie sich an die Spielregeln halten. Er ist da mit einer Klarheit und Präsenz aufgetreten, an der die Besetzer nicht vorbeikamen. Wie ein Raubtierdompteur." Die Besetzer trollen sich tatsächlich, Hämer und seine Leute können weitermachen. Sie haben noch einiges vor: Sie müssen die Rettung Kreuzbergs vollenden.

1979 wird Hämer mit einer Mammutaufgabe betraut. Unter seiner Leitung nimmt die Internationale Bauausstellung (IBA) Berlin ihre Arbeit auf. Er soll die im Schatten der Mauer dahindämmernden Altbauquartiere in Kreuzberg behutsam erneuern - nach der zuvor in Charlottenburg erfolgreich getesteten Methode.

Dort hat Hämer Mitte der Siebziger, als die ersten Resultate der Kahlschlagsanierung in Berlin zu besichtigen sind, eine zweite Chance erhalten. Am Block 118 mit 450 Altbauwohnungen am Klausener Platz in Charlottenburg darf er ein Sanierungsexperiment durchführen: Erhalt und vorsichtige Modernisierung des gesamten Ensembles. Der Sanierungsträger, die gewerkschaftseigene Neue Heimat, wollte bis auf die Fassaden alles abreißen und Neubauwohnungen errichten.

Hämer weiß längst: Es geht auch anders. Er muss es nur beweisen. Sechs Jahre lang ist er in den Wohnungen unterwegs, immer wieder gibt er auf Mieterversammlungen den bereits Verplanten eine - laute! - Stimme. "Ihr sagt den Leuten nicht die Wahrheit!", ruft er den Vertretern von Senat und Neue Heimat entgegen. "Ihr rechnet die Neubaukosten schön!" Es dauert lange, bis die Saniererfront begreift, dass diese Menschen nicht in irgendwelche Neubauten ziehen, sondern bleiben wollen. Im Block 118, Seitenflügel, dritter Stock links.

Im Block 118 beweist Hämer, dass sein Konzept " Altbausanierung vor Abriss" in der Praxis funktioniert - auch ökonomisch: Die unter seiner Regie durchgeführte Modernisierung kostet ein Drittel weniger als Abriss und Neubau. Was Hämer dann in Kreuzberg vorfindet, nennt er "kaputte Stadt". "Ein neuer Stadtteil ist im Werden!", hatte der Senat einst verkündet. "An dem Aufbauwillen West-Berlins teilhabend, ist auch der Stadtbezirk Kreuzberg auf dem Wege, die Sünden der Väter zu revidieren und die Kriegswunden zu heilen." Tatsächlich wurden neue Sünden begangen, frische Wunden in das Fleisch der Stadt gerissen. Die "Straßenschlachtung" begann, jene "historisch einmalige Großaktion der vorsätzlichen Stadtzerstörung", wie der Sanierungskritiker Dieter Hoffmann-Axthelm schrieb, und zwar "langsam, bei lebendigem Leibe".

Der Architekt wird Sozialarbeiter und rettet Kreuzberg Als Hämers IBA-Alt ihre Arbeit aufnimmt, ist Kreuzberg Desinvestitionsgebiet im fortgeschrittenen Stadium des Verfalls. Tote Zone. Die Straßenschlächter haben gewütet und ihre geschichts- und gesichtslosen Wohnwürfel tief in die Kreuzberger Stadtlandschaft gerammt. Das wohl eindruckvollste Zeugnis des Machbarkeitswahns jener Jahre, ein Wohnlindwurm für tausend Menschen, dem man seinerzeit den Namen " Neues Kreuzberger Zentrum" verpasste, liegt am U-Bahnhof Kottbusser Tor wie ein Riegel quer über der Straße. Ein architektonischer und sozialer Sündenfall, der alles in Halblicht taucht, was zu nahe kommt.

Hämer praktiziert die totale Kehrtwende in der Sanierung, indem er sie als einen auf Konsens beruhenden prozesshaften Handlungsrahmen völlig neu interpretiert. Für ihn sind die Mieter keine amorphe Verfügungsmasse, sondern Partner im Modernisierungsdiskurs, genau wie Eigentümer und Politiker, Verwaltung und Hausbesetzer. "Die Erneuerung muss mit den jetzigen Bewohnern geplant und -substanzerhaltend - realisiert werden", lautet der erste von zwölf Grundsätzen der behutsamen Stadterneuerung.

Auf Block- und Hausversammlungen sowie in rund 50000 Einzelgesprächen versuchen der " Beteiligungsarchitekt" und seine Mitstreiter die Wünsche der Bewohner zu erspüren. Kein Klo, über das nicht gesprochen wird. Hämers Vorgehen hat oft mehr mit Sozialarbeit zu tun als mit Bauarbeit, mehr mit Homöopathie als mit plastischer Chirurgie.

Hämer übernimmt selbst den Part des Inkubators. Mit der Verve eines guten Staubsaugervertreters wirbt er für Kreuzberg. Er ist Katalysator, Ideenfabrik und Cheflobbyist in einer Person. Hämer und Kreuzberg werden eins. Oft schläft er auf einem Feldbett in seinem Büro.

Im Juli 1981 verkündet der Senat die neue Sanierungslinie für ganz Berlin: "Instandsetzung vor Modernisierung und Modernisierung vor Abriss und Neubau". Hämers zehnjährige Ära der behutsamen Stadtsanierung bringt Kreuzberg schließlich 10000 modernisierte Wohnungen, ungezählte neue Badezimmer, Innenklos, Etagenheizungen, dichte Dächer und Fenster. Außerdem neue Kitas und Schulen, ein türkisch-deutsches Nachbarschaftszentrum, ein soziales Dienstleistungszentrum und jede Menge Grünflächen in freigeräumten Hinterhöfen.

Allerdings wäre Hämers Traum von der Rettung Kreuzbergs ohne den Druck der Straße vermutlich an den Betonmauern der Sanierungsfraktion zerschellt. Anfang 1979 wird das erste Haus instandbesetzt, bis Ende 1981 mehr als 80 weitere Häuser. Die Besetzer stellen Moral gegen Recht und nehmen sich, wovon sie denken, dass es ihnen zusteht: Häuser, die auf der Abrissliste stehen.

Hämers IBA-Truppe und die Besetzer bilden keine Einheitsfront. Im Gegenteil: Die Hardliner unter den Besetzern wittern Verrat an der Idee, weil die IBA auf Verhandlungslösungen setzt und sie zu legalen Mietern machen will. Eine "Kiezpolizei" der Besetzer kämpft mit wüsten Methoden ("15 Liter edelwürzige Pisse! Wohin damit? - Ins Feinschmecker-Restaurant Maxwell!") gegen alles, was nach Modernisierung und "sozialer Durchmischung" riecht. Ein Konflikt, dessen soziale Folgen in Kreuzberg heute noch spürbar sind.

Hardt-Waltherr Hämer ist der Rufer aus der letzten Reihe. Nie sitzt er vom bei den hohen Herren, sondern hinten, als Bürger unter Bürgern. Von dort aus kann er den ganzen Saal überblicken, von dort aus kann er eingreifen, wenn er findet, dass er genug hohle Phrasen ertragen hat. Dann steht er auf, fragt, bohrt, schimpft, schlägt sich auf die Seite des Saales. "Alles Scheiße!", entfährt es ihm schon mal, und die Herren Senatoren stöhnen: "Die Posaune von Jericho tönt wieder." Dass "die von oben entscheiden, über die Leute hinweg", bringt ihn in Rage. "Ein Revoluzzer aus Grundsatz, ein Kämpfer, ein Übertreiber", so nannte ihn Cornelius Hertling, der vor vier Jahren verstorbene Präsident der Berliner Architektenkammer. "Aber einer, der nicht nur rumkrakeelt, sondern auch was macht. Sachen, die sonst keiner auf sich nimmt." Hämer, hat Walter Jens einmal gesagt, "war nie auf der Seite der Macht. Er war immer auf der Seite der Schwachen". Manchmal geht es mit dem Volkstribun durch. "Dann macht er durch polternde Penetranz kaputt, was er vorher mit seinem Feuer gewonnen hat", heißt es in einer der vielen Würdigungen zu seinem 80. Geburtstag. " Natürlich verprelle ich auch", gesteht Hämer ein, "aber meist hab' ich keine Zeit, darauf Rücksicht zu nehmen." So auch beim Studentendorf in Berlinschlachtensee. Der Senat wollte das Ensemble aus den fünfziger Jahren mit 23 Häusern vor einigen Jahren an einen Investor verkaufen, der es größtenteils abgerissen hätte - wenn Hämer nicht gewesen wäre. "Diese grauen Baracken da draußen", tönt ein CDU-Politiker bei einer Versammlung vor Ort, "die gehören doch abgerissen." Da steht ganz hinten ein alter Mann auf, Hämer natürlich, und hält eine flammende Rede für das Studentendorf, ein einzigartiges Stück Nachkriegsmoderne. "Hier wird gar nichts abgerissen!", ruft Hämer und wedelt mit dem Krückstock, "dieses Studentendorf ist ein Schatz, den die Stadt zu hüten hat." Noch am gleichen Abend wird ein Freundeskreis gegründet. Der fast 80-jährige Hämer führt den Protest der Studenten an, die später eine Genossenschaft gründen und das Studentendorf kaufen. Von Abriss redet heute niemand mehr. "Ohne ihn würde das Dorf nicht mehr existieren", sagt Genossenschaftsvorstand Andreas Barz. "Keiner von uns Studenten hätte es mit dem Senat aufnehmen können. Ohne Gustav hätten wichtige Leute gar nicht zu uns gefunden." Der Vorname Gustav ist Hämer vor Jahrzehnten zugefallen. Gustav, so wie der mit der Hupe aus Erich Kästners "Emil und die Detektive": der Junge, der seine Getreuen zusammentrötet, wenn Not am Mann ist.

Konsequenz im Moment rettet nicht vor dem Urteil der Zeit Hämer genießt die Rolle als Volkstribun. Er setzt sich nie selbst an die Spitze einer Bewegung, aber wird oft als derjenige empfunden, der dort stehen sollte. Und er ist schlau genug zu wissen: Wenn er die Gallionsfigur ist, wird er auch etwas bewegen. Der polternde Citoyen hat dabei keinerlei Scheu, die Politprominenz zu brüskieren. Weil der Senat bei der Altbausanierung kürzen will, verweigert Hämer Mitte der Achtziger die Annahme des Bundesverdienstkreuzes aus der Hand des Bürgermeisters Eberhard Diepgen. "Er ist ein Krieger", charakterisiert Erhart Pfotenhauer seinen früheren Chef. "Aber einer, der nicht vernichten will. Er lässt seinen Gegnern immer ihr Gesicht. Er ist zornig, aber nie bitter, diskriminierend oder denunziatorisch." In seiner Darmstädter Zeit Anfang der siebziger Jahre fordern Hämers Dienstherren ihn auf, eine Schwarze Liste der politischen Aufrührer in seinem Institut zu erstellen. Es wäre eine lange Liste geworden, das IWU ist ein Sammelbecken linker politischer Sektierer - mit den Stamokap-Jusos am äußersten rechten Rand. Hämer denkt nicht mal ernsthaft darüber nach. Seine Antwort auf das denunziatorische Ansinnen ist sein Rücktritt als Institutsdirektor.

Seit Hardt-Waltherr Hämer die behutsame Stadterneuerung erfand, sind mehr als 30 Jahre vergangen. Welche Strahlkraft geht von seinem Konzept heute noch aus? Ist das Großlaboratorium Kreuzberg, wo Hämer und die Seinen schalten und walten durften, ein Modell für den Stadtumbau in Gegenwart und Zukunft? Wie sieht ein Stadtviertel aus, dem man fast vier Jahrzehnte Sanierung und Erneuerung hat angedeihen lassen? Gibt es einen Wohnviertelzufriedenheitsindex? Misst sich der Erfolg an der Zahl modernisierter Wohnungen, an der Quote eingebauter Innenklos, der Versorgung mit Kita-Plätzen, dem durchschnittlichen Haushaltseinkommen, der Kriminalitätsrate, der Anzahl blumenkübelgeschmückter Spielstraßen?

Es herrscht Frieden in Kreuzberg. Die Abrissbagger sind längst abgezogen, frühere Hausbesetzer wohnen in behutsam modernisierten Altbauten, man trifft sich gegen Mittag zum Frühstück im Cafe, mit Kindern und Hunden, und geht anschließend einen Rosso Toscano für den Abend kaufen. Die neue Kreuzberger Welt ist postmodern, weltoffen und multikulturell, mit Nischen für jeden, der eine braucht.

Andererseits ist der seit jeher arme Stadtteil Kreuzberg, trotz 40 Jahren teurer Sanierung, im Vergleich zum Rest der Stadt noch ärmer geworden. Es ist der Berliner Stadtteil mit dem höchsten Armutsanteil, der höchsten Arbeitslosenquote und den kümmerlichsten Haushaltseinkommen.

"Das Zwischenergebnis erzeugt die Illusion, alles sei bereits gelaufen." Nicht mal zehn Jahre sind seit Beginn der behutsamen Stadtsanierung vergangen, als Hardt-Waltherr Hämer sich zu dieser Warnung genötigt sieht. Vielleicht ahnt er schon, dass der Stadtteil sozial nicht von der Stelle kommen wird. "Wenn wir mit den Gebäuden nicht auch die Menschen aufrichten" , hat er mal gesagt, "richten wir überhaupt nichts aus." An diesen, seinen eigenen Maßstäben gemessen, erscheint die Sanierung zumindest aus heutiger Sicht als Desaster. Die kühne Hoffnung von einst, den Städtebau als Instrument der Sozialpolitik zu nutzen, wurde enttäuscht. Aber konnte man ernsthaft erwarten, dass soziale Benachteiligung, Arbeitslosigkeit und Armut sich durch das Wirken von Architekten und Bauarbeitern abschaffen lassen?

Die Revolution wird zum Alltag, der Revolutionär vergessen Manche Experten in der Senatsverwaltung für Stadtplanung sticheln, unter Hämers Ägide habe man "irre viel Geld für Nicht-Mobile ausgegeben", für "sozial schwache Deutsche und für Ausländer mit Großfamilien". Denen habe man es hübsch und bequem gemacht, aber "sich gescheut zu definieren, ob eine Bevölkerungsstruktur gut oder schlecht ist". Der Kritisierte reagiert empört: "Was wäre denn die Alternative gewesen?", fragt Hardt-Waltherr Hämer zornig. "Die Schwachen wegräumen? Das haben doch manche damals von uns erwartet. Wir sollten schicke Wohnungen für die Mittelschicht bauen." Vermutlich hat sich Hämer wenig Gedanken darüber gemacht, wie sich Kreuzberg bis heute entwickeln könnte. Aber er hat sich auch nie als Sozialarchitekt verstanden. Wenn er das gewesen wäre, hätte er ein paar bürgerliche Enklaven ins Multikulti-Proletariat gesetzt. Vielleicht wäre der Rest des Mittelstands dann nicht aus Kreuzberg geflohen, um nach Schöneberg oder Charlottenburg zu ziehen oder im Umland eine Doppelhaushälfte mit Carport zu bauen.

Möglicherweise erscheint die sanfte Sanierung in mildem Eicht, weil die vorangegangene Sanierungszeit wenig Präsentables hervorgebracht hat. So gesehen ist die behutsame Stadterneuerung ein Erfolg -weil sie Schlimmeres verhindert und die Bewohner wieder an den Entscheidungen über ihr Wohnviertel beteiligt hat. Jedes nicht abgerissene Gründerzeithaus ist ein kleiner Sieg.

Was hätte man nach der IBA noch machen können? Weitersanieren, bis keiner mehr arm ist oder arbeitslos? Aber wer hätte das bezahlen sollen? Natürlich könnte man die Bausünden aus der Pionierzeit der Sanierung wieder abreißen lassen, die Sanierung sanieren. Aber erneut stellt sich die Frage: Wer soll das bezahlen? Mehr als eine Milliarde Euro wurde im Rahmen der IBA verbaut - schon das war nur unter alten West-Berliner Fettlebe-Bedingungen möglich. Als Modell unter dem Diktat leerer Kassen taugt es nicht.

Im deutschen Osten, in Potsdam oder im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, hat die IBA-Nachfolgegesellschaft Stern bewiesen, dass behutsame Stadterneuerung auch mit weniger Geld zu verwirklichen ist - vor allem, wenn das Engagement privater Eigentümer hinzukommt. Hier und da ist sogar zu hören, dass man für die maroden Pariser Vorstadtviertel nun eine Sanierung à la méthode Kreuzberg erwägt.

Der Mythos Kreuzberg also lebt, doch was bleibt von seinem Architekten? "Sobald das, was eben noch als verheißungsvoll und wagemutig galt, als Gewohnheit erscheint, verliert sich das Interesse daran - und zugleich an denen, welchen es zu verdanken ist", schreibt Manfred Sack in dem Buch "Stadt im Kopf", das zu Hämers 80. Geburtstag erschien. Seitdem sind vier Jahre vergangen. Zeit genug, um Erhart Pfotenhauer konsterniert feststellen zu lassen: " Egal, wo Sie heute außerhalb von Berlin hinkommen: Der Name Hämer ist kaum noch ein Begriff." Hardt-Waltherr "Gustav" Hämer zieht jetzt von Berlin nach Ahrenshoop, zur Schifferkirche, die er restauriert. Der Kreis schließt sich. Der Kampf hat viel Kraft gekostet, trotzdem ist er rastlos. Eingenebelt von Zigarettenrauch entwirft er, mischt sich ein, wettert gegen die Pläne zum Bau eines Luxushotels auf dem Gelände der Ruine des Ahrenshooper Kurhauses. Er kann sich doch nicht bloß an den Strand setzen und in die untergehende Sonne schauen.

Gern zitiert der 84-Jährige aus Albert Camus' Sisyphos: "Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Solange es einen Felsbrocken den Berg hinanzustemmen gibt, lebt Hämer. Aber woher nimmt er die Kraft, immer wieder? "Der Erfolg gibt eine Bestätigung", sagt er. "Und diese Bestätigung füttert dich. Jeder Erfolg steht für den nächsten Schritt." Pause. Die eine Packung Davidoff, die linke, ist leer geraucht. "Aber es wird dünner", sagt er, mehr zu sich selbst. " Das ist klar." Buchtipp: Zum 80. Geburtstag von Hardt-Waltherr Hämer erschien: Manfred Sack (Hrsg.): Stadt im Kopf - Hardt-Waltherr Hämer. Jovis Verlag, Berlin, 2002; 256 Seiten; 10 Euro Die Schwarz-Weiß-Abbildungen auf den Seiten 47 und 48 sind diesem Buch entnommen