Revolutionäre Moleküle

Der Sozialismus auf Kuba ist immer noch der alte. Aber in Sachen Biotechnologie erfindet sich die Insel gerade neu.




"Der Kapitalismus ist wie ein unheilbares Virus" , ereifert sich Fidel Castro immer wieder gem. Dabei weiß der dienstälteste Staatschef der Welt längst, dass seine Trauminsel nicht für alle Zeiten als kapitalismusfreie Zone überleben kann. Doch der 80-Jährige ließ sich etwas einfallen: "Wir werden die alte Revolution mit einer neuen Revolution retten." Nachdem Tabak, Tourismus und zuletzt Nickel mit rekordverdächtigen Weltmarktpreisen den Zucker als Haupteinnahmequelle des Landes abgelöst haben, zieht Castro einen neuen Trumpf aus dem Ärmel: Biotechnologie! Auf diesem Gebiet ist Kuba heute Weltklasse.

Den Startschuss für Kubas Biotechnologie gab der Máximo Lider vor 25 Jahren höchstpersönlich. Damals versammelte er die ersten Forscher des Landes um sich und forderte sie auf, das zu dieser Zeit als Wunderdroge gegen Krebs und Infektionen gefeierte Interferon nachzubauen, das für Kuba unbezahlbar war. Die Forscher machten sich an die Arbeit. Sie unternahmen eine Bildungsreise ins kalte Helsinki, klonten im warmen Havanna das Gen für Interferon und schufen erstmals effiziente Strukturen für die Entwicklung von Medikamenten.

Aus Zeitdruck und Mangel an Ressourcen waren sie gezwungen, anwendungsorientiert und interdisziplinär zu arbeiten, und so setzten sie eine sich gegenseitig befruchtende Forschungsmaschinerie in Gang, die bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Die Leukämiekranken hatten ihr Interferon und Castro die Gewissheit, dass auf seine Wissenschaftler Verlass ist. Dieses kollektive Erfolgserlebnis prägte die kubanische Gesellschaft nachhaltig. Biomedizinische Forschung war von nun an eine nationale Angelegenheit, für die auch Staatsausgaben umgeschichtet wurden.

Eine zweite Initialzündung erlebte Kubas Biotechnologie wenig später, als eine Meningitis-Epidemie auf der Insel wütete und Hunderte Kinder an schwerer Hirnhautentzündung starben. Auf der ganzen Welt gab es damals keinen Impfstoff gegen den Erreger, Meningokokken vom Serotyp B. Einer von der Regierung eingesetzten interdisziplinären Gruppe gelang es, innerhalb von vier Jahren einen Impfstoff-Kandidaten zu entwickeln, der die Zahl der Neuerkrankungen drastisch senkte.

Die Kinder konnten endlich gegen Meningitis geimpft werden, und der Bevölkerung wurde die Effektivität ihres Systems bestätigt. Seither ist die Bereitschaft der Kubaner zur Teilnahme an klinischen Studien überdurchschnittlich hoch. Das kommt der Entwicklung neuer Medikamente ebenso zugute wie der zentral gesteuerte Klinikbetrieb inklusive der Familienärzte, der sich jederzeit zum Dienst an der Forschung abkommandieren lässt.

Von diesem System profitierte auch die Entwicklung des ersten synthetischen Impfstoffs der Welt, der auf Kuba zugelassen wurde. Das neuartige Präparat schützt Kleinkinder vor dem Erreger Haemophilus Influenzae (Hib) und damit vor Meningitis. Hib fordert in Entwicklungsländern jährlich etwa 600 000 Opfer. Das im neuen Impfstoff enthaltene Antigen stammt nicht wie sonst üblich von lebenden Bakterienkulturen, sondern wurde chemisch synthetisiert. Das soll den Impfstoff sicherer und seine Herstellung preiswerter machen. Das renommierte US-Wissenschaftsmagazin "Science" betitelte die Erfindung des künstlichen Impfstoffes in seiner Ausgabe vom 23. Juli 2004 als "süßen Sieg der kubanischen Wissenschaft". Süß deshalb, weil der Impfstoff chemisch betrachtet auf einem Zuckermolekül basiert.

Die Erfindung und damit die Gewinne aus der Vermarktung von Quimi Hib, so der kubanische Handelsname, teilen sich die staatliche Universität in Havanna und die Universität im kanadischen Ottawa. Gemeinsam haben sie die Technik entwickelt und patentiert. "Der Impfstoff ebnet den Weg für eine neue Generation an Wirkstoffen gegen weitere Erreger", so John Robbins vom Nationalen Institut für Kindergesundheit in Washington. Kubas Forschungspipeline ist so groß wie die vom Branchenriesen Genentech Kuba konzentriert sich heute verstärkt auf biotechnisch hergestellte Medikamente. Mit der Ausfuhr von 38 Biotech-Produkten nahm Kuba im vergangenen Jahr gut 300 Millionen Euro ein, ein Zuwachs von 26 Prozent gegenüber 2004. In diesem Jahr sollen es 20 Prozent mehr werden. Das ist viel für die devisenhungrige Volkswirtschaft Kubas, aber eine bescheidene Summe verglichen mit den Umsätzen einzelner Biotech-Riesen wie etwa Genentech, der jährlich Arzneien für fünf Milliarden Dollar verkauft.

In Lateinamerika ist Kuba der mit Abstand größte Arzneimittelexporteur. Insgesamt stehen 52 Länder auf der Käuferliste kubanischer Präparate. Kubanische Pillen und Fertigspritzen sind beliebt, weil sie bei hoher Qualität wesentlich günstiger zu haben sind als die der westlichen Mitbewerber. Doch Staaten wie Iran, Angola oder das befreundete Venezuela gehören nicht zu den Märkten, in denen sich mit guter Medizin auch gutes Geld verdienen lässt. Deshalb drängt Kuba mit aller Macht nach Europa, Kanada und Südostasien - die USA, der größte Pharmamarkt der Welt, fallen aber wegen des seit 1961 bestehenden Wirtschaftsembargos als Absatzmarkt aus.

"Wir müssen in die Erste Welt", lautet die Parole von Pedro López, der im größten Gentechnik-Institut des Landes, dem Centro de Ingenieria Genética y Biotecnologia (CIGB) die Erforschung neuartiger Wirkstoffe vorantreibt. "Unsere Wissenschaftler und Medikamente sind Weltklasse. Wir brauchen uns hinter den multinationalen Pharmakonzernen aus den USA oder Europa nicht zu verstecken", beteuert Lopez. Und tatsächlich ist die Forschungs-Pipeline der kubanischen Biotechnologie mit etwa 40 medizinischen Produkten genauso groß wie die des Klassenprimus Genentech aus San Francisco - bei etwa gleich vielen Mitarbeitern: In Kuba sind es 12 000, bei Genentech rund 10 000. Mit zuletzt 100 Milliarden Dollar ist die Marktkapitalisierung von Genentech allerdings mehr als doppelt so hoch wie das gesamte Bruttoinlandsprodukt Kubas.

Das Vorzeige-Institut CIGB feiert in diesen Tagen sein 20-jähriges Jubiläum. In den vergangenen fünf Jahren haben dort etwa 1300 Wissenschaftler, Ingenieure und neuerdings auch Marketing- und Vertriebsexperten 30 neue Biotech-Medikamente entwickelt und auf den Markt gebracht - das sind zehnmal so viele wie im Zeitraum zwischen 1981 und 1991. "Wir erleben gerade eine Explosion auf diesem Gebiet. Die Euphorie ist gewaltig", sagt Carlos Borroto, Vize-Direktor des CIGB. Dabei dürfte es das Zentrum gar nicht geben - finanziell betrachtet.

Mit dem Jahresetat des CIGB, 25 Millionen Dollar, wäre ein Institut im Westen langst pleite. Um ein einziges Medikament bis zur Marktreife zu entwickeln, muss eine Pharmafirma in der westlichen Welt pro Jahr etwa 50 Millionen Dollar investieren. Der eklatante Unterschied zwischen Erster und Dritter Welt offenbart sich in den Personalkosten: Forschungsdirektor López ist mit einem Monatsgehalt von 1007 kubanischen Pesos (30 Euro) Spitzenverdiener auf Kuba - der Durchschnittslohn liegt derzeit bei rund 400 Pesos. Da Gesundheitsversorgung, Wohnung und Bildung nichts kosten, bleibt normalerweise genug für ein bescheidenes Leben. "Kuba ist mit nichts zu vergleichen. Natürlich können unsere Forscher im Ausland ein Vielfaches verdienen. Und manche verlieren wir auch. Aber hier ist ihr Job sicher, hier sind ihre Familien, und hier arbeiten sie für die Zukunft ihres Landes", erklärt López. Angeblich kehren nach Forschungsaufenthalten im Ausland mehr als 90 Prozent der kubanischen Wissenschaftler in ihre Heimat zurück.

José de la Fuente, ist einer von denen, die Kuba den Rücken kehrten. Er arbeitet heute als Professor an der Universität von Oklahoma in den USA. "Das größte Problem für die kubanische Biotechnologie ist der zunehmende politische Einfluss", so de la Fuente. "Wenn jemand Castros Einparteiensystem nicht unterstützt, lassen ihn die Behörden nicht ins Ausland reisen. Das ist keine gute Atmosphäre für Wissenschaft." Seit de la Fuente 1999 das CIGB verließ, hat sich vieles geändert. Ein Bonussystem motiviert seit vergangenem Jahr gezielt die Leistungsträger: Wer seine Zielvorgaben übererfüllt, kann sein Jahreseinkommen verdoppeln. Das war vor kurzem noch ein Sakrileg im sozialistischen Kuba. Kleine Anreize gibt es auch für Ärzte: Wenn sie an einer Versuchsreihe des Nationalen Zentrums für Studienkoordination teilnehmen, erhalten sie eine Aufwandsentschädigung von 60 Pesos - immerhin zehn Prozent ihres Monatsgehalts. In Deutschland kann ein Arzt im Einzelfall mehr als 1000 Euro für jeden rekrutierten Patienten einstreichen.

An der wundersamen Arzneivermehrung beteiligen sich in Kuba neben dem CIGB vor allem das Finlay Institut und das Center of Molecular Immunology (CIM). Diese drei Elite-Schmieden bilden zusammen das Herzstück des Havanna-Bio-Cluster - eine in Lateinamerika einzigartige Bündelung biotechnischer Forschungs- und Produktionsanlagen, etwa 20 Kilometer westlich von Havanna. Aus den etwas miefigen Staats-Laboren der achtziger Jahre, die sich gut auf das Nachahmen von Wirkstoffen wie EPO verstanden, sind wuselige Erfinderwerkstätten geworden, die in den schicken Stadtvierteln Playa, Cubanacan und Miramar liegen, flankiert von herausgeputzten Botschaftspalästen.

Die Szenerie auf dem Campus hat das Flair kalifornischer Biotech-Firmen - kaum einer hier ist älter als 35. Selbst die Vorreiter sind noch da: Kubas Wissenschaftsbetrieb ist so jung, dass bisher nicht einmal seine Pioniere das Pensionsalter erreicht haben. Sonst hat sich allerdings innerhalb der großen biomedizinischen Forschungszentren ein dramatischer Wandel vollzogen: Binnen weniger Jahre verwandelten sie sich in voll integrierte Pharmafirmen, die dem, wie es im Partei-Jargon heißt, Prinzip des "geschlossenen Zirkels" folgen: von der Forschung, über Entwicklung, Produktion, Qualitätskontrolle und Vermarktung werden alle Segmente der Wertschöpfung in einem Unternehmen abgedeckt.

Es ist alles so, wie man es von forschenden Arzneimittelherstellern wie Bayer oder Pfizer kennt, könnte man meinen. Aber es gibt Unterschiede. Oberste Priorität für Kuba hat nach wie vor der nationale Markt. Und da es dort keinen Wettbewerb von Anbietern gibt, braucht man auch keinen Außendienst und keine Hochglanzprospekte, um bei den Ärzten für die eigenen Produkte zu werben.

Bei Medikamenten ist Kuba zu 85 Prozent autark. Dafür sorgen unter anderem die drei Generika-Firmen Novatec, Aica und Liorad Laboratories, die sich auf das Herstellen von Nachahmer-Produkten wie Insulin oder Cholesterin-Senker spezialisiert haben. Die Vermarktung kubanischer Arzneien im Ausland übernehmen zumeist Partnerfirmen oder Joint Ventures, die das fertige Produkt aus Kuba exportieren und, falls erforderlich, für andere Märkte politisch korrekt umetikettieren.

Es gibt allerdings noch einen wichtigeren Unterschied zum kapitalistischen Pharmamarkt: Ihre Gewinne können die Betriebe nicht reinvestieren oder an Mitarbeiter und Aktionäre ausschütten. Das Geld geht an den Staat, der sich den Ausbau seiner volkseigenen Pharmabetriebe seit 1990 nach eigenen Angaben etwa drei Milliarden Dollar kosten ließ. Für den immer schneller wachsenden Cash-Flow aus dem Bio-Cluster Havanna sorgen vor allem die Verwertungsgesellschaften der Biotech-Institute So verkauft die Firma Heber Biotec die Produkte des CIGB, Vacunas vertreibt die zahlreichen Impfstoffe des Finlay-Instituts, und CIMAB vermarktet exklusiv die Krebsmedikamente des CIM. Keines dieser Unternehmen beschäftigt mehr als 25 Mitarbeiter. Und die haben fast immer ein naturwissenschaftliches Examen und inzwischen häufig auch einen MBA (Master of Business Administration) aus Kanada in der Tasche. Castro, so heißt es, wisse den Wert von gut ausgebildeten, smarten Produktmanagern und gewiefte Vertriebsstrategen sehr zu schätzen.

Die erfolgreichste Vertriebsfirma ist Heber Biotec mit sechs gentechnisch hergestellten Medikamenten. Das erfolgreichste Produkt ist Heberbiovac HB, ein auch von Unicef und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefragter Impfstoff gegen Hepatitis B. Er kommt auf vier Kontinenten zum Einsatz und spült jährlich schätzungsweise an die 70 Millionen Euro in die Staatskasse. "Im Iran und Kolumbien haben wir mit unserem Produkt sogar den Konkurrenten GlaxoSmithKline als Marktführer abgelöst", sagt Pedro López vom CIGB.

Kubas Biotech-Produkte sollen die Welt erobern - notfalls ohne einen "Made in Cuba"-Aufdruck Geschäftsführerin von Heber Biotec ist die Ökonomin Mayda Mauri, die den Naturwissenschaftlern im sonst rein männlich besetzten Vorstand betriebswirtschaftliches Denken nahebrachte. Mauri verkauft nicht nur pharmazeutische Produkte in die ganze Welt, sondern hält mit ihrem Team auch ständig Ausschau nach Partnern und Risikokapital. Die Neugründung von Gemeinschaftsunternehmen außerhalb Kubas hat für Mauri oberste Priorität. Auf der Insel selbst sind Joint Ventures zumindest in der Biotechnologie derzeit nicht erwünscht. Bereits 2000 gründete Heber Biotec zusammen mit der indischen Firma Panacea das Joint Venture Panheber Biotech in Neu-Delhi, wo unter anderem der in Europa patentfreie Wirkstoff Erythropoetin produziert wird.

"Unsere Pipeline ist gefüllt mit maßgeschneiderten Produkten für die Länder der Ersten Welt. Pharmafirmen können dafür Lizenzen erwerben, aber nicht zu Dritte-Welt-Preisen, sondern zu international üblichen Konditionen in Form von Vorschüssen, Meilenstein-Zahlungen und dynamischen Gewinnbeteiligungen", sagt Boris Acevedo, Direktor für Geschäftsentwicklung beim CIGB. Der Mediziner Acevedo verkörpert einen neuen Typus des kubanischen Staatsmanagers. In puncto Habitus und Können ist er von seinen US-Kollegen kaum mehr zu unterscheiden.

Nach Malaysia, Brasilien, China und Indien ist Heber Biotec nun auch in Europa fündig geworden, wo mittlerweile mit mehreren Firmen Verträge abgeschlossen wurden. Einer davon betrifft den Blutwachstumsfaktor G-CSF (Granulozyten-Kolonien stimulierender Faktor), den Heber Biotec als Hebervital seit vielen Jahren für weite Teile Lateinamerikas produziert und jetzt mithilfe eines Partners auf den europäischen Markt bringen will. Der Weg ist geebnet, weil das Patent für G-CSF dieses Jahr ausgelaufen ist und die europäische Arzneimittelbehörde European Medicines Agency (EMEA) klare Richtlinien für die Zulassung von Kopien biotechnologisch produzierter Medikamente erlassen hat.

Mit G-CSF, das vor Infektionen nach einer Chemotherapie schützt, will sich Kuba endlich ein Stück vom großen Pharmakuchen abschneiden. Weltweit soll das Produkt für einen Jahresumsatz von mehr als vier Milliarden Dollar gut sein, auf Europa sollen einige Hundert Millionen Dollar entfallen. Die extrem niedrigen Produktionskosten auf Kuba sind ein klarer Wettbewerbsvorteil, den Heber Biotec nutzen will, um seine Version von G-CSF für einen Bruchteil des sonst üblichen Preises anzubieten. Die Namen der europäischen Kooperationspartner hält man vorerst unter Verschluss. "Made in Cuba" ist im Westen noch schwer vermittelbar, nicht zuletzt, weil die USA die Karibikinsel zur "Achse des Bösen" zählen.

Aber auch das US-amerikanische Helms-Burton-Gesetz von 1996, das das Embargo der USA von 1961 internationalisierte, macht Probleme. Danach können die Vereinigten Staaten nicht nur amerikanische Firmen mit ausländischen Niederlassungen, sondern auch Unternehmen aus Drittstaaten für den Handel mit Kuba bestrafen. Die Einhaltung des Embargos überwacht das OFAC (Office of Foreign Assets Control). Es veröffentlichte bereits mehrfach schwarze Listen europäischer Unternehmen, die Geschäftsinteressen auf Kuba verfolgen, und drohte ihnen mit Sanktionen. Das hat die Unsicherheit für ausländische Firmen im Kuba-Geschäft erheblich vergrößert und sicherlich in vielen Fällen zu einer abwartenden Haltung beigetragen.

Aber längst nicht bei allen. Das schwedische Unternehmen Pharmacia zum Beispiel hat über eine Zweigstelle in Havanna jahrelang Laborbedarf in großem Umfang an Kubas Forschungszentren geliefert. Erst mit der Übernahme von Pharmacia durch den US-Pharmagiganten Pfizer im Jahre 2003 fand die Liaison ein jähes Ende. "Wir mussten viele etablierte Abläufe in den Laboren ändern, weil uns quasi über Nacht wichtige Reagenzien fehlten", erinnert sich Franklin Sotolongo, Direktor des Finlay-Instituts. "Noch härter traf es uns, als die italienische Niederlassung der kalifornischen Biotech-Firma Chiron ihre Impfstoff-Lieferungen an Kuba einstellte. Ersatzlieferanten waren nur mühsam aufzutreiben. Offensichtlich war der amerikanischen Zentrale von Chiron die Sache irgendwann zu heiß geworden." Das US-Embargo, das die Kubaner selbst als Blockade bezeichnen, hat den wissenschaftlichen Austausch zwischen Kuba und den USA praktisch lahmgelegt. Nur alle Jubeljahre erhält ein kubanischer Forscher Zutritt zu den fast ausschließlich in den USA stattfindenden Weltkongressen für medizinische Forschung. Und auf Einladungen von Pharmafirmen zu solchen Veranstaltungen brauchen kubanische Ärzte gar nicht erst zu hoffen. Das Internet, in das via Webcast immer mehr Kongressvorträge eingespielt werden, ist für Kubas Forschergemeinde deshalb eine unschätzbare Informationsquelle. Das persönliche Fachsimpeln mit dem Kollegen vor Ort ersetzt es freilich nicht.

Das Embargo macht Castros Gen-Ingenieuren auch an anderer Stelle schwer zu schaffen: Anlagen aus dem Westen einzuführen, mit denen sich Medikamente nach neuesten biotechnischen Verfahren gewinnen lassen, ist langwierig und sehr kostspielig. Zur Umgehung der Handelsbeschränkungen müssen die importierten Geräte und Ersatzteile häufig einen Zickzack-Kurs über mehrere Länder und Zwischenhändler zurücklegen. Trotzdem stehen heute in Havannas Westen modernste Fermenter im Wert von Millionen Dollar. Sie garantieren prinzipiell die weltweite Versorgung von Patienten mit einer ausreichenden Menge Wirkstoff, so wie es von den Arzneimittelbehörden in Europa und anderswo als Voraussetzung für eine Arzneimittelzulassung gefordert wird.

Die Hessen kommen. Nach Havanna. Und prüfen dort die Qualität eines Medikaments Fidel Castros hochfliegende Erste-Welt-Pläne lassen sich mit dem kubanischen Biotech-Komplex aber nur realisieren, wenn die Herstellung der Medikamente stetig nach sogenannten Good Manufacturing Practices (GMP) erfolgt. Die GMP sind strenge Richtlinien für biotechnologische Produktionsanlagen, deren Einhaltung mindestens einmal im Jahr von einer unabhängigen Behörde kontrolliert wird. Bislang war das für Kuba allerdings nie ein Problem, da für Impfstoffe und andere Produkte Zertifikate der Weltgesundheitsorganisation vorlagen.

Hätte die kalifornische Biotech-Firma CancerVax, wie noch vor kurzem geplant, kubanische Krebsvakzine bei US-Patienten testen wollen, wäre es komplizierter geworden. CancerVax ist die erste und bisher einzige Firma, die nach jahrlanger Lobby-Arbeit 2004 eine Sondergenehmigung des US-Finanzministeriums zur Einlizensierung und Weiterentwicklung eines kubanischen Medikaments erhielt. Die Arzneimittelzulassungsbehörde FDA hätte anschließend die Anlagen in Havanna inspizieren müssen. Doch dazu wird es vorerst nicht kommen: Das börsennotierte Biotech-Unternehmen Micromet aus München hat CancerVax Mitte dieses Jahres samt seiner Produkte gekauft - und da Krebsimpfstoffe nicht zur Unternehmensstrategie passen, wird Micromet diese Produkte wohl an andere Firmen verkaufen.

Obwohl die meisten Pharmakonzerne heute unter chronischer Produktarmut leiden und allein in diesem Jahr knapp 20 Milliarden Euro Umsatz wegen Patentablauf von Blockbustern zur Disposition stehen, zögern die betroffenen Firmen beim Kauf kubanischer Innovationen. Das Embargo scheint eine Binsenweisheit des Managements außer Kraft zu setzen, wonach man eine Idee nicht danach beurteilen soll, wo sie herkommt, sondern danach, wo sie hin will.

Ferdinand Bach ist da mutiger. Der erfahrene Pharmamanager ist Vorstandsvorsitzender von Oncoscience aus dem schleswig-holsteinischen Wedel. Das Biotech-Unternehmen hat gerade die letzte Phase der klinischen Tests mit einem Krebsmedikament gestartet, das von kubanischen Molekularbiologen entwickelt wurde und in Havanna produziert wird: eine europaweit einzigartige Zusammenarbeit. Die Substanz mit Codenamen OSAG-101 ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen aggressive Hirntumoren bei Kindern mit extrem schlechter Prognose wirken soll. Kubanischen Ärzten steht er seit 2002 zur Verfügung. Läuft alles nach Plan, könnte Oncoscience bereits im kommenden Jahr die europäische Zulassung für den Wirkstoff beantragen und 2008 mit dem Vertrieb beginnen. Damit wäre OSAG-101 das erste Biotech-Medikament kubanischer Herkunft, das den Sprung in die Erste Welt schafft.

"Es wäre ein gelungenes Beispiel für Technologie-Transfer von Nord nach Süd. Das gab es noch nie, vor allem nicht in der Biotechnologie", sagt Agustin Lage, Direktor des Zentrum für molekulare Immunologie (CIM) in Havanna. Vom CIM erwarb Oncoscience die Lizenz für Europa und weitere 20 Länder. Das CIM, das auf zielgerichtete Krebspräparate spezialisiert ist, hat derzeit 22 Produktkandidaten in seiner Pipeline. "Wir können vieles von Kuba lernen - nicht nur im Gesundheitswesen", schwärmt Bach. "Die haben hervorragende Wissenschaftler, und die Produktionsanlagen entsprechen allerhöchstem westlichem Standard." Die Qualität von OSAG-101 wird in Kürze in Havanna von einer hessischen Behörde geprüft. Vom Ausgang dieser Inspektion wird abhängen, ob sich der ehrgeizige Zeitplan von Geschäftsführer Bach einhalten lässt. Der anvisierte Markt für den neuen Antikörper erscheint zunächst recht überschaubar: In Deutschland leben rund 350 Kinder mit Hirntumoren. Das ist wohl einer der Gründe, warum große Pharmaunternehmen wenig Interesse an dem Wirkstoff zeigen. Dafür erlangte Oncoscience für den europäischen Markt den attraktiven Orphan-Drug-Status: Er räumt einem Medikament bei einer nur geringen Zahl von Patienten bis zu zehn Jahre Marktexklusivität ein.

Mit Patientenzahlen in einer anderen Dimension kalkuliert die Firma Biotech-Pharmaceutical. Das seit September 2005 in Peking beheimatete, chinesisch-kubanische Gemeinschaftsunternehmen produziert Antikörper des CIM in Eigenregie. Die Tests laufen parallel bei einer Vielzahl von Krebserkrankungen. "Natürlich verfolgen wir mit dem Projekt wirtschaftliche Interessen", erklärt Kubas Regierungsminister Ricardo Cabrisas. "Aber in erster Linie geht es um die Verbesserung der Lebensqualität chinesischer Patienten." Das hätte der CEO einer amerikanischen Biotech-Firma nicht schöner formulieren können - zumindest in diesem Punkt ist Kuba in der Ersten Welt angekommen. Das Joint Venture entspringt einem Kooperationsvertrag, den China und Kuba Ende 2005 unterzeichneten. Er soll die Biotechnologie der Länder langfristig vernetzen.

Bestandteil des Vertrages ist zudem ein Projekt zur Herstellung von Antikörpern mithilfe transgener Pflanzen. "Bei Tieren zeigen diese ,Plantibodies' die gleiche Wirkung wie traditionell produzierte Antikörper. Wir benutzen gentechnisch modifizierte Tabakpflanzen, aber Sie müssen nicht befürchten, dass Sie die später in einer Cohiba-Zigarre wiederfinden", sagt López vom CIGB. Die Plantibodies sind im Frühstadium und brauchen noch mindestens sieben bis zehn Jahre bis zur Marktreife. Die hat ein anderes Prestigeprojekt des CIGB bereits erreicht: Mit Acuabio 1, so behauptet das CIGB, verfüge man über das erste gentechnische Produkt, mit dem sich gezielt das Wachstum von Fischen und Shrimps stimulieren lässt.

Diese und ähnliche Errungenschaften werden alljährlich auf der "Biotechnology Havanna" vorgestellt, der größten Präsentation kubanischer Forschungserfolge. Nur selten verirrten sich bislang westliche Besucher auf diese Veranstaltung, potenzielle Geschäftspartner bevorzugen es diskreter. Doch im Biotech-Cluster von Havanna geben sich die Vertreter westlicher Delegationen inzwischen die Klinke in die Hand. Dies gilt für die Scouts von Pharmafirmen wie Hoffmann-La Roche ebenso wie für deutsche Wirtschaftsdelegationen. Besonders kritische Besucher fragen potenzielle Partner nach dem Umgang mit Patenten, denn es ist allgemein bekannt, dass sich Castro nie mit der Idee des geistigen Eigentums anfreunden konnte. Doch mit der Biotechnologie hat sich auch die Haltung zur Patentierung entwickelt. Als die Kopisten auf Kuba den Ton angaben, waren Patentrechte eher lästig. Heute dagegen wird jede gewerblich nutzbare Erfindung in der Biomedizin patentiert. Kuba hält an die 70 internationale Patente, 32 davon in den USA. 500 weitere Patentanträge sind gestellt. Seit 1996 ist Kuba Mitglied des internationalen Patentübereinkommens PCT (Patent Cooperation Treaty).

Kuba exportiert jetzt auch sein Gesundheitssystem Kubas Aufstieg in die Biotech-Elite ist eng verknüpft mit seinem straff organisierten Gesundheitswesen. Viele der 50 000 Ärzte sind mit dem Reglement klinischer Studien vertraut und speisen ihre Patientendaten in nationale Register ein. Das hilft bei der Suche nach betroffenen Patienten und beschleunigt die Erprobung neuer Substanzen. Viele Lateinamerikaner sehen in Kuba das medizinische Musterländle. Ob Brustkrebsvorsorge. Impfkampagnen oder ärztliche Fortbildung: Kuba ist den meisten seiner Nachbarn weit voraus. Die Lebenserwartung der Kubaner liegt bei 76 Jahren, 95 Prozent der Kinder sind geimpft, die Kindersterblichkeit bewegt sich mit 9,4 pro 1000 auf allerbestem westlichem Niveau.

Die Gesundheitsversorgung inklusive aller Medikamente ist kostenlos. Das gilt seit kurzem auch für Organtransplantationen, künstliche Befruchtung und einige Schönheitsoperationen. Allerdings sind einige hochpreisige Arzneien aus dem Westen kaum verfügbar. Das Brustkrebsmittel Herceptin beispielsweise, das deutsche Kassen pro Patientin mehrere 10 000 Euro kosten kann, bekommen Kubanerinnen nur in Einzelfällen nach Sondererlaubnis des Gesundheitsministeriums. Andererseits exportiert Kuba inzwischen sogar seine Dienstleistungen im Gesundheitssektor. So arbeiten rund 20 000 kubanische Ärzte und Pfleger in den Armenvierteln von Caracas. Im Gegenzug bietet Venezuelas Staatschef Hugo Chávez seinem Freund Castro Öl weit unter dem Weltmarktpreis an und investiert in kubanische Raffinerien.

Vor allem die verbesserten Beziehungen zu Venezuela haben dafür gesorgt, dass im Jahr 2005 fast die Hälfte des kubanischen Außenhandels mit Lateinamerika stattfand. Auch der Handel mit China wächst, der Anteil der EU liegt bei 29 Prozent. Der Ärzteexport taucht in der Wirtschaftsbilanz neuerdings als "komplexe Dienstleistung" auf. Dienstleistungen sind generell der wichtigste Wirtschaftssektor Kubas: Allein durch den Tourismus nahm Kuba 2005 an die drei Milliarden Dollar ein. Das erklärt auch das offiziell angegebene Wirtschaftswachstum von 11,8 Prozent. Jede Analyse der kubanischen Volkswirtschart leidet allerdings an mangelnder Transparenz: Daten der Weltbank oder des internationalen Währungsfonds gibt es nicht.

Die kubanische Gesellschaft ist momentan dabei, die Mängel der "Perioda Especial", wie die kommunistische Partei die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nennt, zu überwinden. Zigarren, Rum und Nickel haben den Weg in die Erste Welt gefunden. Kubanische Moleküle könnten demnächst folgen. Die Kinderärztin Aleida Guevara, Tochter der Revolutionsikone Che Guevara, grenzt sich allerdings immer noch vehement gegen den vermeintlich dekadenten Kapitalismus ab: "Unsere Medikamente sind etwas Besonderes. Wir produzieren Wirkstoffe gegen Krebs und tropische Infektionen, keine Lifestyle-Pillen gegen Kahlköpfigkeit."