Im Labor der Demokratie

In den USA haben Bundesstaaten und Kommunen weitgehend freie Hand, über die Lebensbedingungen ihrer Bürger zu bestimmen. Das führt zu sehr großen regionalen Unterschieden. Und der Freiheit, zwischen ihnen zu wählen.




Um halb acht stehen bereits ein paar hundert Familien Schlange vor der Turnhalle der John-F.-Kennedy-Grundschule im texanischen San Carlos. Das Straßendorf knapp 20 Kilometer von der Grenze zu Mexiko im Rio Grande Valley entfernt, beherbergt jeden Sommer für zwei Wochen ein Feldlazarett der Nationalgarde. Reservisten und Freiwillige untersuchen und behandeln hier Tag für Tag 400 bis 500 Anwohner, die sonst nicht zum Arzt gehen würden - entweder, weil sie sich keine Versicherung leisten können, leisten wollen oder weil sie als illegale Einwanderer Angst haben, Formulare auszufüllen.

„Wir führen die Operation ,Lone Star' seit acht Jahren durch und schleusen jeden Sommer bis zu 8000 Leute durch", sagt Oberstleutnant Jim Jorrie von den Texas Medical Rangers, die sich mit dem karitativen Einsatz auf einen möglichen Katastrophenfall vorbereiten. Rund die Hälfte der Patienten, Säuglinge wie Rentner, sind eigentlich Fälle für einen Facharzt, schätzt Jorrie.

Aber nur ein Bruchteil wird den Ratschlag, einen Experten zu konsultieren, befolgen. Einige werden ein ganzes Jahr warten, bis die Nationalgarde wieder ihre Zelte in San Carlos aufschlägt. In den Gängen der Schule hängen Plastikbanner, die für die Grundphilosophie des Bundesstaates stehen: „Eigenständigkeit - Wir ziehen gute Bürger für Texas heran." In den USA macht jeder Staat sein eigenes Ding Besser könnte es auch ein Politologe nicht auf den Punkt bringen. Texas, fast zweimal so groß wie die Bundesrepublik, ist so etwas wie der Freistaat der USA. Er verfolgt einen radikalen Kurs, wenn es um die Rahmenbedingungen für seine knapp 23 Millionen Einwohner und dort beheimatete Firmen geht: minimale Einmischung der Regierung, möglichst geringe Besteuerung und grundsätzliches Misstrauen gegenüber Direktiven aus Washington.

Die Legislative tritt nur alle zwei Jahre zusammen, es gibt keine Einkommensteuer (wie in acht weiteren der 50 Bundesstaaten) und deutlich niedrigere Schwellenwerte für Sozialleistungen der öffentlichen Hand. Wo der Staat nichts einnimmt, so die Logik, kann er auch nichts ausgeben. Das Schuldenmachen ist US-Staaten ohnehin verboten; defizitäre Budgets darf nur der Bund vorlegen.

Mit seiner historisch gewachsenen Abneigung gegen ein engmaschiges soziales Netz und dem Bekenntnis zu möglichst viel Freiraum für Unternehmer - vor allem im Energiesektor, dessen inoffizielle Hauptstadt Houston ist - steht Texas nicht allein da. Die Vereinigten Staaten sind genau das, was der Name besagt: ein Zweckbündnis aus einzelnen Regionen, die alle Rechte behalten, sofern sie nicht explizit in der Verfassung an Washington abgetreten wurden.

Das hat seit Gründung des Landes zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen gerührt, sodass der Alltag im Rio Grande Valley nicht viel gemein hat mit dem in San Francisco oder auf dem flachen Land in Alabama. Selbst die aus der Hauptstadt verfügten, bundesweit geltenden Regelungen für Sozialversicherung, Gesundheitswesen, Arbeitsrecht und Mindestlöhne definieren meist nur das absolute Minimum. Es ist den Staaten, Landkreisen und Gemeinden überlassen, an den Stellschrauben so zu drehen, wie es dem Willen der wählenden Bevölkerung und den eigenen Wachstumszielen entspricht.

„Kein Mensch würde auf die Idee kommen, ein solches System absichtlich zu entwickeln. Es hat sich historisch aus dem Wunsch heraus ergeben, so viele Probleme wie möglich auf lokaler Ebene zu lösen. Daraus ist ein kaum zu überblickendes Puzzle aus überlappenden Verantwortlichkeiten, Vorschriften und Programmen geworden", sagt David Garrison, der sich beim Think Tank Brookings Institution in Washington mit Ballungsgebieten und Regionalismus beschäftigt.

Er nennt das Zusammenspiel aus 50 Staaten, 3000 Landkreisen und unzähligen Kommunen einen Sandkasten, in dem jeder Teilnehmer seine eigenen Ideen zu denselben großen Themen durchspielt. „Texas ist ein klassisches Beispiel für den Laisserfaire-Staat, der nur minimale Regelungen erlässt." Andere Staaten gehen den entgegengesetzten Weg und füllen das von Bundesgewalten belassene Vakuum mit ihren eigenen Konzepten. Das kann erstaunliche Folgen für die lokale Wirtschaft haben. So gibt es einen landesweit vorgeschriebenen Mindest-Stundenlohn von 5,15 Dollar, der sich seit 1997 nicht verändert hat, aber jeder Staat kann seinen eigenen Mindestlohn nach Belieben anheben. Im Staat Washington etwa beträgt der Mindestlohn 7,63 Dollar. Einzelne Städte haben noch höhere Mindestlöhne verabschiedet, in San Francisco liegt er bei 8,82 Dollar, in Los Angeles bei bis zu 10,33 Dollar für Arbeitnehmer, die bei Subunternehmem im Auftrag der Stadt beschäftigt sind.

Während in Washington die Grundsatzdebatte darüber tobt, ob ein höherer Mindestlohn die Schaffung neuer Arbeitsplätze behindert, schaffen einzelne Regionen eigene Realitäten und können damit steuern, ob Unternehmen und Arbeitnehmer einen Standort attraktiv genug finden, um dort zu investieren.

Gleiches gilt für die Diskussion um illegale Einwanderer und ihren Einfluss auf Arbeitsmarkt und Sozialleistungen. Auf Bundesebene herrscht Uneinigkeit über das weitere Vorgehen, während in bislang 27 Staaten und Dutzenden von Kommunen eigene Gesetze erlassen wurden, die etwa Arbeitgeber mit Bußen belegen, wenn sie illegal Eingewanderte beschäftigen. Ob diese Maßnahmen rechtens sind, müssen Gerichte klären.

Eine ähnliche Vielfalt der Ansätze gibt es bei der Krankenversicherung für Bedürftige sowie für kleine und mittlere Betriebe - dem Rückgrat der US-Wirtschaft. Seit Präsident Lyndon B. Johnson Mitte der sechziger Jahre der Armut den Krieg erklärte und ein bundesweites Fürsorgesystem namens Medicaid sowie Medicare für Senioren über 65 einführte, versuchen sich örtliche Behörden an der Feinjustierung dieser beiden Programme, die sich aus Bundes- und Staatsmitteln speisen.

Der Zugang zum Gesundheitswesen ist ein Problem, es sei denn, der Patient ist ein Fall für die Notaufnahme. Daneben ist das System kompliziert, und das betrifft nicht nur arme Familien, sondern auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Betrieben mit 50 oder weniger Beschäftigten. Sie sind gesetzlich nicht gezwungen, eine Krankenversicherung für ihre Mitarbeiter anzubieten, und schrecken oft vor den Kosten zurück. Und auch Amerikaner, die eine Versicherung haben, verlieren sie fast immer, sobald sie den Arbeitgeber oder den Wohnort über die Staatsgrenze hinaus wechseln, da sich die Policen nicht übertragen lassen.

Diese Zerstückelung hat fatale Folgen. Immer kleinere Versicherten-Pools haben nicht nur die Kosten für die Mitglieder in die Höhe getrieben, sondern auch die Zahl der Nichtversicherten auf einen von sieben US-Bürgern steigen lassen. Für deren Behandlung müssen letztlich Krankenhäuser und Notärzte aufkommen - ein Problem, das alle Ebenen, vom Bund über die Staaten bis zu einzelnen Städten samt deren privaten Gesundheitsdienstleistern, direkt betrifft. Von den Ausfällen durch Krankheit für die Wirtschaft ganz abgesehen.

Da die Ausgaben für das US-Gesundheitswesen inzwischen rund ein Siebtel des Bruttoinlandsproduktes ausmachen und damit viermal so hoch sind wie der Verteidigungshaushalt, wächst der Druck auf Bundesstaaten wie Landkreise, neue Wege zu finden, um die Kostenspirale in den Griff zu bekommen.

Eine der wenigen Möglichkeiten, aus Washington Einfluss zu nehmen, ist die Definition der Armutsgrenze. Sie lag 2005 für eine vierköpfige Familie bei 1613 Dollar im Monat oder 19 350 Dollar im Jahr. Zum Vergleich: Wer einen Vollzeitjob beim Einzelhandelsriesen Wal-Mart hat, bringt es im Jahr auf gerade mal 17600 Dollar. Bis zu welchem Einkommen ein Arbeitnehmer allerdings Anspruch auf die öffentliche Krankenversorgung hat, welche Leistungen eingeschlossen sind und für welchen Zeitraum sie gelten - all das hängt vom Wohnort ab. So gewährt Texas nur bis zum rund Anderthalbfachen der Armutsgrenze Zugang zu Medicaid - und das nur für Frauen und Kinder bis 18, aber nicht für arbeitsfähige Männer.

Wer aus welchen Gründen auch immer kein nennenswertes Einkommen hat, ist in Texas auf die gern so bezeichnete „Hilfe für Arme und Idioten" der Landkreise angewiesen. Für die gilt eine noch geringere Bemessungsgröße: maximal ein Viertel der Armutsgrenze. „Das sind ungefähr 300 Dollar im Monat", erklärt Karin Dunn von der Bürgerberatung Gateway to Care in Houston. „Wir sprechen hier also von Leuten, die es nicht einmal schaffen, leere Dosen auf der Straße einzusammeln." Ein Landkreis bekommt vom Staat pro Jahr 300000 Dollar für diese Notfälle. „Aber zum Teil sind die Counties so arm, dass sie sich nicht einmal neue Reifen für den Streifenwagen leisten können", sagt Dunns Chef Ronald Cookston. „Die verwenden das Geld, um ernsthaft Kranken einen Busfahrschein nach Houston zu kaufen, um sich so des Problems zu entledigen." Wer in der Grauzone zwischen völliger Armut und schlecht bezahltem Job von der Hand in den Mund lebt, sollte am besten so schnell wie möglich aus Texas wegziehen, denn in weiten Teilen der USA sieht es besser aus. Was in der Tat auch viele der Einwanderer tun, die die Pufferzone rund um Houston als Durchgangsstation zu anderen Orten in den USA nutzen.

An der Ostküste denkt man eher europäisch Massachusetts liegt am anderen Ende des Spektrums und nimmt Familien bis zum Zwei- oder sogar Dreifachen der Armutsgrenze in sein medizinisches Programm auf - was bedeutend mehr an Eigenmitteln des Staates erfordert. Parlament und Gouverneur haben sich zudem im April auf ein Gesetz geeinigt, dass dazu führen soll, die Zahl der Burger ohne Krankenversicherung in den kommenden Jahren von einer Dreiviertelmillion auf null zu senken. Künftig ist eine Police für Beschäftigte auch in Kleinbetrieben zwingend vorgeschrieben, einkommensschwache Firmen werden subventioniert.

Wer sich ab 2007 über die neu geschaffene Behörde in Boston keine solche Versicherung holt, wird entweder als Arbeitnehmer bei der jährlichen Steuererklärung empfindlich bestraft oder als Arbeitgeber mit einer Buße pro Beschäftigtem belegt. Das Experiment der flächendeckenden Absicherung, die Kleinbetriebe wie Einzelpersonen entlastet, ist eines der ersten seiner Art im Land und wird von anderen Staaten aufmerksam beobachtet.

„Massachusetts besitzt keine natürlichen Ressourcen außer seinen Einwohnern. Daraus speist sich unser Wohlstand und unsere Anziehungskraft als Standort", sagt Noah Berger vom Budget and Policy Center in Boston. Deswegen bestehe der politische Wille, in die Ausbildung und gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung zu investieren. Viele Details des Gesetzes sind noch offen, und Kritiker unterschiedlicher Couleur bemängeln, dass es zu weit oder nicht weit genug gehe. Aber zumindest ist es ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Berger, dessen Dachverband regelmäßig die Etats und Gesetzesvorhaben aller Bundesstaaten analysiert und vergleicht.

Massachusetts nennt sich nicht ohne Grund Commonwealth-State (Gemeinwohl-Staat). Das Wohlstandsgefälle ist hier bedeutend geringer als andernorts, und Entwicklungspolitik, die eine ganze Region voranbringt, hat hier Tradition. Nicht umsonst war die Ringstraße Route 128 bei Boston einer der ersten Hightech-Korridore in den USA. Marken von DEC bis Polaroid siedelten sich hier an - gespeist von einem Netzwerk herausragender Hochschulen und neuen Unternehmen, die sich im Umfeld von Harvard, dem MIT oder der Boston University bildeten.

Während die Informationstechnologie letztlich gen Westen ins Silicon Valley abwanderte, weil sie sich dort auf der grünen Wiese neu erfinden konnte, ist der Ballungsraum um Boston weiterhin ein Zentrum für Biotechnologie. Die Branche fordert konstanten Nachschub an qualifizierten Fachkräften sowie einen lebendigen Arbeitsmarkt für den sekundären Dienstleistungssektor, der all den Wissensarbeitern zuarbeitet.

Kalifornien - die Hochburg der Informationstechnologie der zweiten Generation - bietet gegenüber der Ostküste einen für die Branche entscheidenden Vorteil, der nach Meinung von Regionalforschem wie AnnaLee Saxenian von der Universität Berkeley zu seinem anhaltenden Wachstum beiträgt: Der Staat erkennt Klauseln zum räumlichen und zeitlichen Wettbewerbsverbot in Arbeitsverträgen nicht an.

Das erlaubt es Forschem und Ingenieuren, in schneller Folge von einem zum nächsten Arbeitgeber zu wechseln, ohne längere Zwangspausen einlegen zu müssen. Es sind also nicht nur die guten Aussichten, einen Job zu vergleichsweise höheren Löhnen zu finden, die neue Arbeitskräfte nach Kalifornien ziehen, sondern auch die Möglichkeit, sich mit dem Segen des Gesetzgebers schneller als anderswo zu verändern - sei es 15 oder 500 Kilometer weiter.

Auf eine andere Art der Flexibilität setzt Texas. Im Rio Grande Valley rund um San Carlos haben sich mindestens eine halbe Million illegale Einwanderer angesiedelt, die in der Landwirtschaft oder in den fast 400 Sweat Shops entlang der mexikanischen Grenze arbeiten. Sie leben direkt an der verlängerten Werkbank, die das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA geschaffen hat, und Texas duldet das daraus resultierende Chaos als höchst lukrative Grauzone.

Die Einheimischen beobachten die Entwicklung mit Spannung und Entsetzen. „Was wir hier sehen, ist nur auf den ersten Blick eine Ausnahme, Wir erleben einen demografischen Schnappschuss der USA, wie sie in 30 Jahren sein werden", glaubt Brian Smith von der Gesundheitsbehörde Südtexas. Soli heißen: viele Einwanderer und rapides Wachstum, das die Ordnung auf dem flachen Land innerhalb weniger Jahre auf den Kopf und Gemeinden vor eine Zerreißprobe stellt. Trotzdem wünscht sich auch Smith keine einheitliche Antwort. Denn: „Nur wenige Lösungen, die an anderen Orten ausprobiert werden, lassen sich auf unsere Situation eins zu eins übertragen." Der grundsätzliche Wille, alles über einen Kamm zu scheren und so per Dekret weitgehend identische Lebensbedingungen zu schaffen, existiert in der politischen und gesellschaftlichen Kultur der USA auch gar nicht. Föderalismus bedeutet hier, dass Staaten auf ihre Rechte pochen, Dinge wie Arbeitsrecht, Fürsorge, Schul- und Verkehrswesen auf eigene Faust zu regeln. Regionalismusforscher Garrison verweist dazu auf das verwirrende Kompetenzengeflecht, aus dem sich dramatisch unterschiedliche Sozialgefüge, Bildungsniveaus oder Einkommensstrukturen zumindest teilweise erklären lassen. So gibt es eine Gemeindepolizei, Sheriffs der Landkreise, in jedem Staat eine dritte Polizei, die nur für Highways zuständig ist, und schließlich die Bundespolizei FBI. Ebenso unübersichtlich sind die Kompetenzen beim Straßennetz, beim Nahverkehr oder bei öffentlichen Dienstleistungen wie Strom, Wasser und Schulen verteilt.

Oft, aber nicht immer, entspricht ein Schulbezirk den geografischen Grenzen von Kommunen. Aber als quasi eigenständige Rechtspersonen können diese Sonder-Behörden ihre eigenen Steuern erheben und über ihre Ausgaben entscheiden. So kann es passieren, dass ein Staat wie Virginia die Steuerbelastung niedrig halten will, aber einzelne Landkreise höhere Umsatzsteuern oder Mautgebühren verabschieden, um neue Straßenprojekte zu finanzieren. So kommt es, dass Schulen in einer Stadt völlig unterschiedliche Budgets haben, weil sie sich aus der Grundsteuer in einem Einzugsgebiet finanzieren, das sich nicht mit den Grenzen der Kommune decken muss. Auf welcher Straßenseite man wohnt, kann über eine gute oder schlechte Schulbildung entscheiden.

Kalifornien düpiert Washington in der Forschung Eines der markantesten Beispiele für den eigenfinanzierten Sonderweg liefert zurzeit Kalifornien. Der Bundesstaat will sich per Volksentscheid die Genehmigung einholen, in den nächsten zehn Jahren öffentliche Schuldverschreibungen über insgesamt drei Milliarden Dollar auszugeben, um die Forschung mit embryonalen Stammzellen voranzutreiben - und das, während die Regierung in Washington genau dieses Ansinnen unterbunden hat und den National Institutes of Health, in denen große Teile der Grundlagenforschung betrieben werden, den Geldhahn zudrehte. In Kalifornien schließt das neue Institut für Regenerative Medizin die Lücke. Vom erhofften Zufluss an Investitionsmitteln, Wissen und neuen Arbeitsplätzen wird nicht nur die Region San Francisco profitieren, wo die staatliche Institution angesiedelt ist, sondern letztlich der gesamte Staat mit seinen Dutzenden von Hochschulen und privaten Forschungseinrichtungen.

In den USA sprechen übrigens die wenigsten Experten von Regionen, sondern von lose definierten Ballungsgebieten, von Städten, Vorstädten und neuerdings Randstädten, den sogenannten Exurbs, die sich noch weiter von den alten Kernen entfernt entwickelt haben. Statistiker nennen diese Gebiete „Metropolitan Statistical Area". Was damit zu tun hat, dass zwischen den Akteuren in einem solchen Wirtschaftsraum herzlich wenig Willen zur Zusammenarbeit besteht. „Regionalismus geht von der Annahme aus, dass es Verbindungen und Beziehungen zwischen Orten gibt, die man nicht ignorieren sollte, aber das hat wenig Auswirkungen auf politische Entscheidungen", resümiert der ehemalige Stabschef im Ministerium für Wohnungs- und Städtebau, Bruce Katz, der heute ebenfalls an der Brookings Institution arbeitet.

Er gab vor einigen Jahren einen Sammelband zum Thema „Überlegungen zum Regionalismus" heraus. Sein Fazit: „Amerika ist ein fragmentierter Irrgarten aus örtlichen Regierungen und Sonderdistrikten, die erbitterten Wettbewerb oder Isolation der regionalen Zusammenarbeit vorziehen." Gleichzeitig hat der ökonomische und bauliche Verfall alter Innenstädte und parallel dazu der ungezügelte Boom der Vorstädte und Speckgürtel der Edge Cities Probleme aufgeworfen, die sich nicht lösen lassen, wenn jede Kommune ihr eigenes Süppchen kocht. Die Menschen müssen erst lernen, welche Probleme sie alle betreffen und wie sie, am besten in losen Allianzen, zusammenarbeiten können, argumentieren einige der Fachleute, die Katz für das Buch versammelte.

Houston etwa ist ein Ballungsraum mit einer Grundfläche von mehr als 22 000 Quadratkilometern und knapp fünf Millionen Einwohnern, der sich über Teile von drei Landkreisen erstreckt. Bezüglich der demografischen Struktur und des Einkommensniveaus unterscheiden sich die drei Counties drastisch - von alten schwarzen Vierteln über Bezirke mit mexikanischen Tagelöhnern bis zu den begrünten Stadtteilen der Ölmillionäre und Elite-Universitäten. Nur der Landkreis Harris County verrügt über eigene Krankenhäuser, erhebt dafür eine Sonder-Umsatzsteuer und bietet seinen Bewohnern eine kommunale medizinische Grundversorgung an. „Da kann man von Glück sprechen, wenn jemand im richtigen Stadtteil wohnt", sagt Pfarrer Floyd Williams. Er ist Leiter des Aufsichtsrats der örtlichen Good-Neighbor-Klinik, die sich vor allem aus Bundesmitteln finanziert und Patienten im 60- Kilometer-Radius ohne Ansehen ihrer Einkommensverhältnisse behandelt.

Fast genauso verworren sieht es in Amerikas dichtest besiedelter Wirtschaftsregion aus: New York, der Metropole des Finanzkapitalismus. Der Ballungsraum umfasst drei Bundesstaaten und 31 Landkreise, 800 Gemeinden und mehr als 1000 eigenständige Dienstleistungs-Distrikte. Die sogenannte Tri-State-Region hat bis heute kein offizielles Planungsgremium oder Koordinierungsmechanismen, um verbindliche Entscheidungen für seine insgesamt 19 Millionen Bürger zu fällen.

Schlimmer noch: In jedem der drei Staaten (New York, New Jersey und Connecticut) sind die Landkreise und Gemeinden unterschiedlich mächtig. Aus der Not geboren und bis heute Lückenbüßer ist die 1922 gegründete Regional Planning Association, ein privater, gemeinnütziger Zusammenschluss aus Geschäftsleuten, Beamten und Bürgern. Dieses Gremium erstellt Leitlinien zur regionalen Entwicklung - in der steten Hoffnung, dass die lokalen Regenten ihnen zuhören.

Und wem es nicht passt, der zieht um Die Probleme, die solches Stückwerk aufwirft, sind umso drängender, da neue, unkoordinierte Ballungszentren entstehen und immer weiterwachsen, weil es die Menschen zu preiswerten Eigenheimen, besseren Schulen und in klimatisch angenehme Gegenden zieht. All jene Siedlungen, die vergangenes Jahr den größten Einwohnerzustrom verbuchten, sind Satellitenstädte bereits bestehender Moloche im sonnigen Süden und Westen des Landes wie Las Vegas, Phoenix und Los Angeles/Orange County. In diesen Einzugsgebieten mit einer oft aktiven und jungen Bevölkerung könnten sich übergreifende Lösungen entwickeln, die Schule machen, hoffen Experten wie Katz. Dagegen lässt sich einwenden, dass gerade die neuen Retortensiedlungen Hochburgen von Befürwortern der minimalen Regierung sind, die am liebsten alles privatisieren würden und weniger gesegnete Gegenden und ihre Bewohner als Parasiten betrachten.

Deswegen sind die 50 Bundesstaaten nach wie vor die wichtigsten Katalysatoren für Reformen und neue Ideen. „Föderalismus ist keine Barriere, um Probleme wie etwa die Finanzierung des Gesundheitswesens zu lösen. Im Gegenteil - Staaten sind die Labors der Demokratie", ist sich Alan Sager sicher. Der Professor an der Boston University verbringt die meiste Zeit tief in Statistiken und Reports vergraben, um Reformideen zu entwickeln und zu propagieren. Sager zitiert zur Begründung den ehemaligen Richter am Obersten Gerichtshof Louis Brandeis, der 1932 erklärte: „Einer der glücklichen Zufälle eines föderalen Systems besteht darin, dass ein einzelner mutiger Bundesstaat als Labor dienen kann, wenn seine Bürger es wollen. Sie können neuartige soziale und wirtschaftliche Experimente ausprobieren, ohne dass der Rest des Landes ein Risiko eingeht." So war es etwa gedacht, als Washington noch unter Clinton 1996 eine große Reform des Fürsorgesystems verabschiedete, die jedem Staat das Recht gibt, neue Ideen zu testen, solange am Ende mehr Menschen Arbeit finden, anstatt Fürsorge-Schecks zu beziehen. Das scheint gelungen zu sein, auch wenn der Weg zum Ziel über Dutzende von unterschiedlichen Wegen führte. „Mehr Experimentierfreudigkeit führt zwangsläufig zu einigen Ergebnissen, die sich auf andere Regionen übertragen lassen. Staaten können Wandel vorantreiben", sagt Olivia Golden vom Washingtoner Urban Institute. „Solche Erfolge auf dezentraler Ebene geben den Menschen das Gefühl, dass sich etwas ändern kann." Kalifornien, mit 36 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichster US-Staat und theoretisch sechstgrößte Volkswirtschaff der Welt, geht seit rund 25 Jahren einen eigenen Weg bei Abgasvorschriften und der Förderung grüner Techniken, von Elektroautos bis zu Wasserstoff-Fahrzeugen. Daher unterliegen Fahrzeuge strengeren Normen als im Rest der USA, daher werden keine neuen Diesel-Pkw zugelassen und daher raffinieren Ölfirmen spezielle Treibstoffe nur für die Westküste. Dieser Sonderstatus schreckt keineswegs ab, sondern lockt Innovatoren und spornt den Rest des Landes an, sich dem guten - und wirtschaftlich keineswegs schädlichen - Beispiel anzuschließen.

Der Wettbewerb der Systeme belebt trotz aller sozialen Lücken das Geschäft. Der beste Beweis sind die mehr als 40 Millionen US-Bürger, die Jahr für Jahr mit ihren Füßen abstimmen, wo sie leben und arbeiten möchten. Einige richten sich dabei nach dem Steuersatz, andere nach dem Schulsystem oder dem Immobilienmarkt und wieder andere nach den besten Bedingungen, um sich endlich selbstständig zu machen oder besser zu verdienen.