Eier aus dem Netz

Ein Bauer geht ins Internet und erntet Erfolg. Jetzt hofft er auf Mitstreiter.




Andreas Kratzer trägt heute keine Gummistiefel, das Hemd steckt ordentlich in der Jeans. Der 35-Jährige sieht nicht aus wie ein Bauer, und er redet eher wie ein Unternehmensberater. Von optimierten Arbeitsabläufen spricht er, von Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, von Wertschöpfungsketten und vor allem vom Anpacken statt immer zu jammern. Die Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus. Pardon, er sagt "Zukunftskonzepte". Der spinnt, sagen die Leute im Dorf. Aber das ist Andreas Kratzer egal. Denn obwohl er nur 15 Hektar Land bewirtschaftet und gerade mal 3000 Hühnern im Stall hat, ist sein Hof rentabel.

Gablingen im bayerischen Schwaben hat 4834 Einwohner und 20 Bauernhöfe. Mitte der siebziger Jahre waren es noch an die 60 Höfe. Kratzer ist hier in Gablingen, 15 Kilometer von Augsburg entfernt, auf dem Hof seiner Eltern aufgewachsen. Er mag sein Dort. Es ist das Erste, was er, der sich nebenbei noch im Gemeinderat engagiert, Besuchern zeigt. Erst danach kommt der eigene Hof.

Andreas Kratzer hat sich auf Eier spezialisiert. Einen Teil verarbeitet er zu selbst gemachten Nudeln und Eierlikör. In seinem Hofladen verkauft er weitere Waren wie Mehl aus eigener Produktion, Schnäpse von befreundeten Kollegen vom Tegernsee, Kartoffeln vom Nachbarhof - alles von sogenannten Direktvermarktern. Der Hofladen heißt jetzt Shop, und die Produkte können im Internet bestellt werden. Auch ein Eier-Abo gibt es: Alle zwei Wochen bringt Kratzer sie vor die Haustür. Der Preis pro Ei liegt je nach Größe zwischen 10 und 19 Cent. Die Lieferung ist kostenlos. Bestellt werden kann per Internet, Fax oder Telefon. Zwei Tage vor der Lieferung kann man sich noch einmal per SMS über das aktuelle Angebot informieren lassen.

Selbstverständlich hat der Bauernhof ein Logo und der Lieferservice einen Werbeslogan: "Wir legen's Ihnen vor die Haustür". Auf seiner Website betreibt der Eierhändler zudem ein Forum über Agrarpolitik, informiert über die Kunst des Hühnerhaltens, aktuelle Werbeaktionen und seinen Service. Und es gibt sogar eine Kundenzeitung. "Man muss doch mit der Zeit gehen", sagt Andreas Kratzer.

Der Bauer mit dem klaren Vertriebskonzept und Sinn fürs Marketing beliefert Haushalte in einem Umkreis von rund 15 Kilometern. "Natürlich könnte ich das jetzt alles ausbauen - mehr Hühner kaufen, mehr Kunden akquirieren", sagt Kratzer. "Aber ich will hier keine Hühnerfabrik hochziehen. Mein Konzept ist: frische Produkte aus der Region." Am liebsten wäre es ihm, wenn andere Bauern die Idee übernähmen. Wenn sie mit seinem Logo sowie Werbe- und Servicekonzept ihre Eier verkauften, egal, ob in der Lüneburger Heide oder im Erzgebirge. Er träumt von einem Franchise-System in der Landwirtschaft.

Für seine unternehmerische Kreativität wurde Andreas Kratzer 2003 mit dem Innovationspreis der bayerischen Land- und Forstwirtschaft ausgezeichnet. Das " Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt" widmete ihm sogar ein Porträt. Das Fachblatt ist so etwas wie die Pflichtlektüre für Landwirte in Bayern. Kratzer warb darin auch um Mitstreiter. Reaktionen gab es nicht. "Es steckt sicher ein bisschen Misstrauen dahinter, aber es ist auch eine Mentalitätsfrage", sagt er. "Landwirte sind bodenständige Leute. Sie wollen unabhängig bleiben. Dabei könnten wir zusammen viel mehr erreichen." Als Beispiel nennt er die Maschinengemeinschaft, die er 1993 mit sechs anderen Bauern gründete. Um die Fixkosten für die Produktion zu reduzieren, werden die Maschinen gemeinsam angeschafft. Heute sind 23 Betriebe Mitglied der Maschinengemeinschaft. Zum Fototermin im vergangenen Jahr kamen sie alle mit ihren Familien. Darauf ist Andreas Kratzer stolz.

Unternehmerisches Denken liegt in der Familie. Sein Vater übernahm den Hof vom Großvater 1968 - sieben Hektar Land und sieben Kühe. Kratzers Vater setzte auf Zuckerrüben, Braugerste, Weizen, baute Stärkekartoffeln an. Und kaufte die ersten Hühner. Sein Sohn sagt: " Vielleicht war es sogar ein Glück, dass wir so klein waren. Wir mussten nach Alternativen suchen." Andreas Kratzer hat genau das getan. Nach der landwirtschaftlichen Lehre besuchte er die Landwirtschaftsschule in Augsburg. Titel der Abschlussarbeit: "Weniger Arbeit - mehr Gewinn". Das war 1991. Mit 21 Jahren hatte er seinen Meisterbrief und übernahm zu Hause die Geschäfte.

Viele Bauern in Gablingen haben ihren Betrieb seitdem aufgegeben. Kratzer dagegen richtete den Hof neu aus. Statt Zuckerrüben und Kartoffeln baut er auf seinen Feldern das Futter für seine Hühner an. Mit einer Million produzierter Eier pro Jahr ist der Hof vergleichsweise klein. Und trotzdem erfolgreich.

"Es ist ganz egal, ob man Landwirt ist oder Papier herstellt. Wenn man selbstständig ist, geht es vor allem um die Vermarktung der Produkte", sagt Kratzer. Deshalb ist er überzeugt, dass sein Konzept auch anderswo funktionierte. "Aber den Beweis dafür zu sehen, das würde mich schon sehr freuen." Kontakt: Andreas Kratzer, Hauptstraße 19, 86456 Gablingen, Telefon: 0 82 30/73 48, Fax: 0 82 30/26 30, Internet: www.eishop.de