Was ist eigentlich - DER DOW JONES?

Man nehme zwölf Aktiengesellschaften, addiere deren Kurse, teile durch die Zahl der Firmen - so entstand 1896 der Dow Jones Index. Und was will er uns sagen?




Unterschiedlicher hätten die drei Männer, die ab 1883 das täglich erscheinende, zweiseitige Finanzbulletin "Customers' Afternoon Letter" herausgaben, kaum sein können: Charles Henry Dow, ein ruhiger, beherrschter Charakter, der sich gern im Hintergrund hielt, war das Hirn des Unternehmens. Das Gesicht war Edward Davis Jones: Immer auf der Suche nach neuen Nachrichten von der nahe liegenden New Yorker Börse, flitzte er durch das Büro in der Wall Street, verbrachte Nächte damit, heißen Tipps hinterher zujagen, und war jederzeit für einen Zornesausbruch gut. Die hervorstechendste Eigenschaft des Dritten im Bunde - Charles Milford Bergstresser - war wohl sein Geiz. Über ihn hieß es: "A man with deep pockets and short arms." Im Gegensatz zu Dow und Jones ist Mister Rergstresser heute vergessen. Zu Unrecht, denn ohne ihn gäbe es den ältesten amerikanischen und bekanntesten Aktienindex der Welt wohl nicht. Er war es, der das Startkapital für die Dow Jones & Company zur Verfügung stellte. Er war es, der aus Marketinggründen darauf verzichtete, im Firmennamen berücksichtigt zu werden - "Dow-Jones-Bergstresser" klang schon damals nicht besonders gut. Und er war es auch, der der 1889 gegründeten Zeitung, die den "Customers' Afternoon Letter" ablöste, ihren Namen gab: " The Wall Street Journal".

Ebenso unfair, wie Charles Bergstresser nicht zu erwähnen, war es, Mister Jones zu erwähnen. Denn er hatte mit dem Dow Jones Industrial Average (DJIA), wie er korrekt heißt, nichts zu tun. Der war allein das Kind von Charles Henry Dow, der am 26. Mai 1896 seinen Bleistift zückte, die Kurse von zwölf Firmen addierte, die seiner Meinung nach prototypisch für die amerikanische Wirtschaft standen, und das Ergebnis durch die Anzahl der Unternehmen dividierte. Heraus kam 40,94 - und der DJIA war geboren. 1916 wurde er auf 20 Aktiengesellschaften erweitert, 1928 auf 30, eine Zahl, die bis heute beibehalten wurde.

Der Dow Jones erscheint sicher, weil er eine lange Tradition hat Im Grunde genommen ist der Dow Jones eine langweilige und primitive Kennzahl. Während andere Indizes hunderte oder sogar tausende Firmen umfassen, begnügt er sich mit 30, berücksichtigt die Marktkapitalisation nicht und wird im Großen und Ganzen heute noch genauso berechnet wie vor mehr als hundert Jahren. Auch werden die im DJIA vertretenen Konzerne nicht allzu oft ausgetauscht, was zur Folge hat, dass General Electric, eine der zwölf Gesellschaften, die schon bei der Premiere 1896 dabei waren, auch 2005 noch dort zu linden ist. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum der DJIA noch heute so gern zitiert wird: In einer Zeit, in der Aktien kommen und gehen, innerhalb von Monaten hochgejubelt und ebenso schnell wieder verdammt werden, tut es gut, sich auf traditionelle Werte verlassen zu können. 30 Spitzenwerte, die repräsentativ für die amerikanische Industrie stehen, da weiß man, was man hat. Kontinuität ist das Zauberwort.

Deshalb nehmen die Herausgeber des "Wall Street Journals" - sie sind für die Zusammensetzung verantwortlich - nur ungern Firmen aus dem Index. Alle paar Jahre tun sie es aber doch. Vor allem dann, wenn es gilt, neue Technologien zu berücksichtigen. Und so lässt sich anhand der Umgestaltungen die Veränderung der amerikanischen Massenproduktion nachzeichnen. 1896 waren die USA zum großen Teil noch ein Agrarland, deshalb handelte es sich bei mehreren der ursprünglich im Index enthaltenen Firmen, um Baumwoll-, Tabak- oder Zuckerproduzenten.

Die Industrialisierung der Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert spiegelte sich in der Hereinnahme von Lokomotiv-, Dampfschiff-, Automobil- und Flugzeugherstellern. Im späten 20. Jahrhundert verdrängten Unterhaltungs- und Dienstleistungsunternehmen mit der Zeit die produzierende Industrie. American Express wurde 1982 aufgenommen, McDonald's 1985, Walt Disney 1991. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts schließlich wurde dem Einfluss der Computerindustrie durch die Aufnahme von Hewlett-Packard, Intel und Microsoft Rechnung getragen.

Mithilfe des DJIA lassen sich die Entwicklungen der Vergangenheit gut analysieren. Zur Vorhersage, wie sich die Wirtschaft - und damit auch die Aktienkurse - entwickeln werden, taugt er hingegen nur bedingt. Auch wenn es tausende verschiedene Hypothesen gibt, auf welche Höhen der Dow wie, wann und warum klettern wird, so haben diese Theorien alle eines gemein: Sie treffen kaum jemals zu.

Legendär ist folgende Anekdote: Mitte des 20. Jahrhunderts fand Professor Benjamin Graham von der Columbia Business School heraus, dass der Dow Jones seit seinem Bestehen jedes Jahr zumindest einmal unter die 200er-Marke gefallen war. So gab er seinen Hörern im Jahr 1951, als der Dow bereits über 250 lag, den Rat, sie sollten ihr Geld so lange sparen, bis der Index die magische Markierung nach unten durchbreche. Der Markt sei überhitzt und ein Absturz unvermeidlich. Grahams bester Schüler aber hatte keine Lust abzuwarten. Er besaß 10 000 Dollar, die es hier und jetzt anzulegen galt. Also investierte er gegen den ausdrücklichen Rat seines Professors - und wurde reich. Denn der Dow sank weder im Jahre 1951 unter die 200er-Marke, noch jemals danach. Bei dem Studenten handelt es sich um Warren E. Buffett, jenem Investor, der heute - hinter Bill Gates - als zweitreichster Mann der Welt gilt.

Der schlechteste Börsentag? 1914. Das schlechteste Jahr? 1915. Heute ist es ruhig Mindestens genauso oft wie die Pessimisten irren die Wirtschaftsenthusiasten. Als Ende der neunziger Jahre eine Rekordmarke nach der anderen pulverisiert wurde und der Dow am 14. Januar 2000 mit 11722,98 Punkten sein Allzeit-Hoch erreichte, übertrumpften sich die Zukunftsforscher mit immer fantastischeren Prognosen. Eine Marke von 40000 sei ohne Probleme möglich, hieß es. Kurz darauf sackte der Index auf unter 9000 ab.

Seit den achtziger Jahren wird den Wertpapiermärkten gesteigerte Aufmerksamkeit geschenkt. Keine Zeitung, keine Nachrichtensendung kommt heute ohne Börsenberichterstattung aus. Jeder Ausschlag des Dow Jones wird minutiös registriert. Glaubt man den Medien, so waren die späten neunziger Jahre die einträglichsten in der Geschichte der Aktienmärkte, die 2000er Jahre hingegen die katastrophalsten. Sieht man sich die Statistik des DJIA jedoch genauer an, stellt man überrascht fest, dass weder das eine noch das andere stimmt. Den höchsten Anstieg innerhalb eines Jahres verzeichnete der Dow nämlich 1915. Zwischen Januar und Dezember stieg er um fast 82 Prozent. Das schlechteste Ergebnis datiert von 1931. Damals sank die Kennziffer um fast 53 Prozent. Und weder in den Top 10 der Besten noch in denen der schlechtesten Jahre, findet sich ein späterer Zeitpunkt als 1975. Selbst Tagesverluste von 7,13 Prozent -eingetreten nach den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 - sind in der Geschichte des Dow nichts Einzigartiges. Zum Vergleich: Den größten Verlust seiner Geschichte erlitt der Index am 12. Dezember 1914: Innerhalb eines Tages fiel er um 24,39 Prozent.

Wer eine Prognose stellt, sagt mehr über sich als über die Zukunft Diese Beispiele zeigen auch, dass Rückschlüsse vom DJIA auf die wirtschaftliche Entwicklung nur bedingt zulässig sind. So hinterließ der "Schwarze Montag", als der Dow am 19. Oktober 1987 mit fast 23 Prozent den zweitgrößten Rückschlag seiner Geschichte verzeichnete, außerhalb der Börsen kaum Spuren, während der Crash von 1929 die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise stürzte. Des Weiteren lässt sich feststellen, dass die historisch markanten Ausschläge zu einer Zeit stattfanden, als der Dow Jones von der Öffentlichkeit noch weitgehend ignoriert wurde. Bis auf eine Ausnahme (21. Oktober 1987) traten die zehn größten Tagesgewinne zwischen 1929 und 1933 ein, die zehn größten Verluste - bis auf zwei Ausnahmen (19. und 26. Oktober 1987) - zwischen 1899 und 1933.

Professionelle Finanzmanager ziehen für ihre Entscheidungen längst lieber andere Indizes heran und spötteln, der gute alte Dow sei eher ein " kulturelles Phänomen". Und damit liegen sie nicht ganz falsch, denn der DJIA war und ist stets auch Projektionsfläche für kollektive Wünsche und Ängste. Deshalb gilt für ihn das Gleiche, was für alle Prognosetechniken gilt: Sie sagen weniger über die Zukunft aus als über die Gegenwart - und den, der die Prognosen stellt.