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Über kurz oder lang

Langfristig denken wollen alle. Doch meist regiert blinder Aktionismus. Damit kommt man nicht weiter. WAS JEDER BRAUCHT, IST DENKEN AUF SICHT.




1. Treibsand Gleich am Anfang kommt etwas, das wir schon einmal gehört haben: Wer heute nicht untergehen will, muss sich verändern, den neuen Verhältnissen anpassen. Ein Satz wie dieser erzeugt bei vielen Menschen blanke Wut: Veränderung und Anpassung scheinen unendlich schwierig.

Um festzustellen, wie nützlich sie sind, sollte man mal wieder an die Küste fahren. Dort finden sich am Übergang zwischen Land und Meer gelegene ausgedehnte Flächen mit Treibsand. Die Mischung ist berüchtigt. Zunächst gerät man nur bis zum Knöchel in den Schlick. Aber man will weiterkommen.

Deshalb zieht jeder hektisch das Bein hoch - und gerät noch tiefer in den Schlamassel, weil nun das volle Körpergewicht auf einem Bein lastet. Und so geht es weiter, mit voller Kraft, Bein rein, Bein raus, bis bald nichts mehr geht. Den Rest erledigen Schwerkraft und Zeit, zwei verlässliche Verbündete auf dieser Welt. Die Flut kommt sicher.

Treibsand ist tückisch, in Verbindung mit einem Getriebenen aber tödlich effizient. Treibsandexperten wissen, was richtig wäre: Wer der Falle entgehen will, muss weniger tun, nicht mehr. Ruhig hinlegen, die Arme und Beine ausbreiten, das Gewicht verteilen und damit auch das Problem. Danach langsam in Richtung Land abrollen.

Langsam? Ruhig? Wohl verrückt geworden! Unzählige stecken im Schlick, mehr als 5,2 Millionen Arbeitslose zum Beispiel. Fest stecken handlungsunfähige Manager und Politiker, die von "raschen Maßnahmen", " langfristigen Reformen" und "entschlossenem Handeln" reden, aber stets blinden Aktionismus meinen. Wie soll man ruhig bleiben, wenn " Anpacken" als Gebot der Stunde gilt?

Da bleibt doch gar nichts anderes, als fest aufzustampfen, ein bisschen Rumpelstilzchen zu spielen, etwas Wichtiges zu tun also. Die Frage ist nur: Macht man es so auch richtig? 2. Treibhaus Für vorausschauendes Denken und Handeln sind praktisch alle. Allerdings: Dummheit ist kein Privileg der kurzen Strecke. Sie kann auch langfristig sein.

Nachhaltig ist das Land, so sehr, dass es im vergangenen Jahr alle bereits eingestellten Rekorde beim Sammeln von Altpapier noch einmal übertraf. Und kaum etwas steht so für langfristiges Handeln wie die deutsche Klimapolitik, die verhindern soll, dass künftigen Generationen das Wasser bis zum Hals steht.

Man habe "revolutionäre Schritte" gemacht, behauptet die Bundesregierung und verkauft so die Verringerung des CO2-Ausstoßes. Doch revolutionär ist nur die Tatsache, dass der deutsche Klimaschwindel kaum jemandem auffällt. Umweltökonomen und Energieexperten wie der SPD-Energieexperte und langjährige Europa-Abgeordnete Rolf Linkohr wissen, wie die langfristigen Jubelzahlen zu Stande gekommen sind: Wiedervereinigungseffekt heißt das Zauberwort. Seit 1992 ist praktisch die gesamte ostdeutsche Produktion platt gemacht worden.

Bis 2020 will die Regierungskoalition sogar eine CO2-Reduktion von 40 Prozent erreichen. Auch das ist eine Perspektive: Man bleibt bei einer miserablen Wirtschaftspolitik. Wo nichts mehr existiert, wird auch nichts ausgestoßen.

Der zweite langfristige Plan besteht in der Sanierung des Gesundheits- und Rentenwesens. Unsere Enkel, so heißt es, sollen nicht unsere Rechnung bezahlen. In Kombination mit der Tatsache, dass die Deutschen immer weniger Kinder haben, wird daraus eine Katastrophe stilisiert, die um das Jahr 2050 eintritt. Es ginge auch anders, nämlich durch die Trennung des Faktors Arbeit von einer sozialen Grundsicherung. Damit müsste man kurzfristig das System wechseln, hätte aber langfristig gewonnen. Doch das geht gar nicht. Das marode System würde sich damit nämlich mittelfristig überflüssig machen.

Andererseits kann man gern auch die Gegenprobe machen. Was geschieht mit einem Unternehmer, der seine Bank dazu überreden will, ein Projekt zu finanzieren, das erst in zehn oder 15 Jahren gute Renditen abwirrt? So einer läuft Gefahr, noch im Kassenraum entmündigt zu werden. Und wieder andererseits: Die größte bekannte zeitliche Einheit der Politik ist vier Jahre, eine Legislaturperiode, und zwar vier Jahre brutto. Nach Abzug aller Wahlkämpfe und sonstigen Verpflichtungen, so gestand vor kurzem ein ostdeutscher Politiker fröhlich ein, bleibe für konkrete politische Arbeit rund ein Jahr übrig, in dem man relativ ungehindert arbeiten kann.

Unternehmen leben keineswegs ruhiger. Einige Monate pro Geschäftsjahr verbringen sie damit, die Folgen dessen auszubaden, was Politikern pro Legislaturperiode in bis zu zwölf Monaten so einfällt, und das ist leider, rein quantitativ betrachtet, eine ganze Menge. Dazu kommen viele Notwendigkeiten wie etwa das schnelle Wechseln von Produkten und Angeboten.

Im Jahr 1957 veröffentlichte die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton ihre Theorie von den Produktzyklen. Im Grunde genommen wurde damit nur die Phase zwischen der Entstehung und Vermarktung zweier Produkte beschrieben. Doch in den Ohren vieler Manager klang die Lehre von den Produktzyklen wie ein Befehl, der ideal zur Vorstellung passte, dass nur aus dem Treibsand kommt, wer umso fester draufklopft. Computer und Elektronikkrams wechseln einander schon seit Jahren im Dreimonatstakt ab, und wer heute etwas herstellt, das auch nur für die Dauer der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestgarantie Nutzen stiften soll, gilt irgendwie als Verlierer.

Dem Prinzip Bein raus, Bein rein folgt naturgemäß auch die so genannte Reformpolitik. Ob Gesundheits- und Steuerreform oder Hartz I bis IV - es gibt nichts, was sich durch beherztes Aufstampfen nicht noch weiter nach unten ziehen lässt. Jeder Anflug von Nachhaltigkeit wird so rückstandsfrei beseitigt. Eine Aktion jagt die andere, und Aktion um Aktion bilden die Glieder eine Kette, die nichts weiter ist als die Verknüpfung unglücklicher Umstände.

3. Echtzeit In keiner Phase der Menschheitsgeschichte, das hat der britische Historiker Eric Hobsbawm in seinem Buch "Das Zeitalter der Extreme" brillant analysiert, änderte sich das Zeitgefühl so stark wie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Von den fünfziger Jahren bis weit in die Siebziger hinein zerfiel die Zeit buchstäblich. Städte dehnten sich aus, aber womit sie gefüllt wurden, war keineswegs mehr für mehrere Generationen geschaffen, nicht mal für eine, wie sich angesichts der maroden Neubauten bald herausstellen sollte. Nicht nur außen, auch innen wurde aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein seltsamer Brei.

Telefone, vor dem Krieg noch ein Privileg, wurden zum normalen Kommunikationsmittel für alle. Es gab Fernsehen, es gab bereits Computer, und denen folgten immer mehr Kommunikationstechnologien, die die Zeit schrumpfen ließen.

Das Internet markiert nur den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung.

Zu Beginn des Jahrhunderts war die strikte Trennung von Materie, Zeit und Geschwindigkeit in der berühmtesten aller Formeln, in der von Albert Einstein 1905 formulierten Allgemeinen Relativitätstheorie, als Grundlage aller Welten schlechthin erkannt worden. Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit hoch zwei. Ein Menschenleben später galt eine andere Einsicht: Energie ist Masse, die keine Zeit mehr hat.

Zeit und Tempo wuchsen so zusammen, dass niemand mehr einen Unterschied erkennen konnte - oder wollte. Alles konnte sofort, augenblicklich, blitzartig getan werden. Das war technisch möglich. Als der amerikanische Soziologe Marshall McLuhan 1964 in "Understanding Media" den Zustand der Zeitlosigkeit beschrieb, hielten ihn viele für verrückt - obwohl die meisten bereits danach lebten. Statt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gab es plötzlich "Echtzeit", ein Leben ohne Wartezeit, wenn man nur wollte. Und fast jeder wollte das.

Natürlich wird niemand klüger, weil er vor einem Computer mit Internetzugang sitzt. Und es ist zur täglich millionenfach bestätigten, traurigen Gewissheit geworden, dass ein Handy kein Ersatz für ein Gehirn ist.

Doch darum geht es gar nicht. Es geht nur darum, alles schneller erledigen zu können. Darauf ist diese Gesellschaft bestens vorbereitet. Im Industriezeitalter, dessen Kultur nach wie vor regiert, ging es nicht um Denken, sondern um Parieren, und zwar sofort, möglichst schnell. Je schneller man erledigte, was einem aufgetragen wurde, desto besser. Das ist die Effizienz, die Lehre des kurzfristigen Verbesserns, die jedes Neu-Denken kategorisch ausschließt. Los! Mach! Schneller!

Die Echtzeit-Maschinen sind in einer solchen Gesellschaft ideale Werkzeuge, um die Effizienz zu steigern. Sie machten es möglich, prompt seine Pflicht zu tun.

So wurden über kurz oder lang nicht nur Zeit und Geschwindigkeit, sondern auch Machbares und Mögliches verwechselt. Es ist technisch machbar, ein beliebiges Unternehmen in zehn Monaten an der Börse und in den Medien so zu hypen, dass man es danach mit hohem Gewinn wieder verkaufen kann. Es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass so ein Projekt älter als fünf Jahre wird. Jetzt kann man fragen: Warum spricht sich das eigentlich nicht herum? Eine mögliche Antwort darauf lautet: Weil der feste Glaube an die Kurzfristigkeit mit einem teuren Nebeneffekt erkauft wird - einer langen Leitung.

4. Perspektive So hat das Werkzeug längst die Führung übernommen. Es bestimmt das Handeln. Der Inhalt, das also, was mal das Ziel von Personen, Gesellschaften und Unternehmen war, zählt wenig. Oft ist der Sinn nur noch ein Störfaktor.

Dabei gab es schon früh Mechanismen in Unternehmen und in der Politik, um das Tempo ganz bewusst zu drosseln. Der Münchener Soziologe Armin Nassehi hat sich damit ausführlich auseinander gesetzt: "Die Demokratie hat man vor allem auch deshalb eingeführt, um Entscheidungsprozesse zu verlangsamen. Wenn einer allein entscheidet, geht das in der Regel ganz schnell. Die Willkür ist eine sehr schnelle Angelegenheit. Aber wenn man Parlamente hat, Ministerien, demokratische Strukturen, dann kann nicht schnell über einen Kamm geschert werden. Man kann mehr Meinungen berücksichtigen und Komplexität besser verarbeiten, wenn man ganz bewusst auf die Bremse tritt. Das ist im Grunde gut", sagt Nassehi. Andererseits stehe es außer Frage, "dass das politische System an eine Grenze gerät, wo es wichtiger wird als das Sachproblem, das es lösen soll".

Auch Vorstände, Aufsichtsräte, unternehmerische Kontrollinstanzen haben die Aufgabe, sinnvoll zu bremsen, um noch einen Blick aufs Ganze zu werfen. Wenn diese Mechanismen versagen, rollt die Echtzeit allerdings ungehindert durch die Welt, findet Nassehi. "In unserer Zeit geht es um einen Perspektivwechsel, um eine Anpassung an neue Verhältnisse. Der alte Nationalstaat, der die öffentliche Debatte immer noch dominiert, ist längst nicht mehr so wichtig - die Globalisierung hat den beschränkten Blick auf die eigenen vier Wände aufgehoben. Jetzt geht es um einen Perspektivwechsel. Wir müssen uns neu anpassen." Bolko von Oeringer, Seniorpartner der Boston Consulting Group in München und Direktor des firmeneigenen Strategieinstitutes, kennt die verbreitete Allergie gegen diese Einsicht gut: "Auch viele Manager sind Meister des Operativen geworden. Zwar passiert viel: Es werden Kosten gesenkt, Personal abgebaut, Arbeit nach China und Osteuropa verlagert - doch all das eröffnet keine Perspektive." Die Verabsolutierung des Kapitalmarktes, weiß von Oetinger, heizt das noch an: "Sie verführt dazu, in kurzfristigen Abschnitten zu reagieren. Aber so kann man Mitarbeitern keine Zuversicht geben. Und auf der politischen Ebene passiert etwas Ähnliches - es geht um das permanente Reagieren auf bekannte Probleme. Niemand weiß, wo es hingeht, aber alle halten darauf zu." Natürlich gibt es auch noch Unternehmer, die in langfristigen Abschnitten denken: "Unternehmer, die ihre Organisation an etwas Größerem ausrichten, das realistisch ist, von den Mitarbeitern akzeptiert und von der Führungsperson verkörpert wird - also perspektivisch arbeiten. Langfristigkeit war immer ein unternehmerisches Prinzip. Man stellt eine Fabrik doch nicht für ein paar Jahre hin, da denkt man in Dimensionen von mindestens zehn Jahren. Unternehmer bauen auf, nicht ab. Aufbau ist langfristig. Aber im Politischen geht es nur noch um den Abbau: Sozialabbau, Personalabbau, Rentenabbau, also kurzfristige Erleichterungen. Das wäre für alle Bürger akzeptabel, wenn es auch eine Aussage für die Jugend zum großen Deutschland-Aufbau gäbe, für den es sich zu leiden lohnt. Aber die Antwort auf eine Frage fehlt: wozu das Ganze?" Und damit bleiben Kontinuität, Verlässlichkeit und Vertrauen, die Grundtugenden zum Erreichen eines langfristigen Ziels, auf der Strecke. Hauptsache hyperaktiv.

5. Zeitlos Das Notprogramm richtet Schaden an, davon ist der Zeitforscher und Wirtschaftspädagoge Karlheinz A. Geißler, von der Universität der Bundeswehr in München, überzeugt: "Durch Kurzfristigkeit geht Zukunft verloren, und das heißt nichts anderes als die Fähigkeit, seinen freien Willen zu nutzen. Die Ökonomie kann im Grunde nichts mehr frei entscheiden, der Markt reagiert irgendwie, hier kommt ein Sachzwang, da steht der Kapitalmarkt, und darauf reagiert man wieder. Und so tritt man weiter auf der Stelle." Auf der Suche nach der verlorenen Zeit fördert Geißler aber noch mehr zutage.

Früher, als die Industrie noch das Herz und Hirn dieses Landes war, galten Uhren als das wichtigste Werkzeug überhaupt. Der Inbegriff des deutschen Industriekapitalismus, Friedrich Krupp, ließ seine Pferdekutschen sekundengenau vorfahren, um zu beweisen, dass er der beste Kapitalist seiner Zeit war. Es gab pünktlich oder unpünktlich. Richtig oder falsch. Ganz oder gar nicht. In den meisten Berufen hat es heute gar keinen Sinn, auf die Sekunde pünktlich zu sein. Dennoch gilt Unpünktlichkeit in deutschen Betrieben nach wie vor als eine der größten Untugenden. Dabei sind Uhren als Taktgeber völlig überflüssig, findet Geißler. Doch in einer Welt, in der die in der Industriegesellschaft eingeführten strikten Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden, braucht im Grunde kaum noch jemand den Sekundentakt: "Wenn alles überall machbar, überall verfügbar ist, brauche ich keine Uhr mehr. Wer nach der Uhr lebt, lebt ein altes Leben." 6. Endzeit Dann erinnert der Zeitforscher amüsiert an ein Ereignis aus dem Januar dieses Jahres. Der neue Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld hatte sich in lockerer Pose fotografieren lassen, am Handgelenk eine Rolex. Als die Pressestelle das bemerkte, ließ sie den Zeiterfasser wegretuschieren. Vor einer Managergeneration noch wäre Kleinfeld mit der noblen Uhr als schnittigster Chef des Jahres durchgegangen. Doch heute, weiß Geißler, ist sie mehr als ein unpassendes Accessoire in wirtschaftlich angespannten Zeiten: "Sie zeigt uns, dass ihr Träger sich die Zeit diktieren lässt, dass er nicht zeitsouverän ist. Das ist ein echtes Problem." Nur wer über seine eigene Zeit bestimmt, ist frei und hat Macht. Von Arbeitslosen abgesehen, die "in die Zeit hineingeworfen werden", wie Geißler sagt, sind die Herren der Zeit auch die Herren der Welt. Vorstände oder führende Politiker diktieren die Terminkalender der anderen, sie können sorglos Termine ansetzen und absagen. Das ist das Einzige, was Zeit nach alter Ordnung heute noch kann: eine Demonstration willkürlicher Macht geben.

Geißler warnt aber davor, statt dummer Kurzfristigkeit das genaue Gegenteil zum Allheilmittel zu erklären. "Wir müssen lernen, die Vielfalt der Zeit zu nutzen. Wir müssen begreifen, dass ,schnell' und ,langsam' zusammengehören." Um das bildlich darzustellen, erinnert Geißler an Raubkatzen. Die sind, wie wir wissen, verdammt schnell. Allerdings nur für einige Minuten am Tag, wenn sie jagen. Den Rest verbringen sie dösend im Schatten. "Die Schnellsten brauchen immer am meisten Ruhe, weil sie sich damit auf ihre Leistung konzentrieren, ihre Kräfte sammeln. Höchstleistungen ohne Ruhepausen sind unmöglich." Der absurde Spätindustrialismus aber will alles, sofort und von jedem: Höchstleistung und Höchstgeschwindigkeit rund um die Uhr. "Die Industriegesellschaft kennt nur Extreme, das Polarisieren", sagt Geißler, "deshalb geht sie so taumelnd zugrunde." Doch die Welt ändert sich, die Dinge sind in Bewegung. Der Berater Ulrich Golüke ist der Ansicht, dass einige Unternehmen und Konzerne die Zeichen der neuen Zeit verstanden haben. Langfristigkeit ist ein langwieriger Prozess, auch beim Denken. "Man redet seit langem darüber, aber erst jetzt fangen einige zu begreifen an, was gemeint ist. Wenn ich einem Unternehmen mit dem ganzen Pathos über Enkel oder Indianer oder dem Erbe der Natur komme, dann ist das nur peinlich. Aber das braucht man auch nicht mehr. Es gibt handfeste Gründe, die für die Langfristigkeit sprechen. Man muss den Leuten mal klar machen, dass Langfristigkeit nichts Abstraktes ist. Als Mensch, der 80 Jahre alt wird, durchlebt man heute schon einige Infrastrukturen in diesem Land. Man hat also schon mehr als ein Leben. Aber: Der Mensch braucht Lösungen, er kann nicht warten. Wenn man die Dinge so sieht, erkennt man schnell, dass die Langfristigkeit von der heutigen, abstrakten, schöngeistigen Ebene zurückgeholt werden muss auf die menschliche Ebene." Golüke hat ein Zauberwort, das deutlich besser wirkt als das von der langweiligen Nachhaltigkeit, und er hat damit sofort die Aufmerksamkeit der Vorstände und Unternehmer. Es lautet: Risiko. "Risiken sind immer in der Zukunft liegende Ereignisse, man muss sie also mit Langfristigkeit behandeln. Eine kurzfristige Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, eine Übereinkunft darüber zu treffen, wer wofür verantwortlich ist - sie kann also die Risiken nicht mehr verteilen." Ganz besonders sind daran Versicherungen interessiert, sagt Golüke. "Konzerne wie die Allianz denken da schon sehr weit - sie wissen im Grunde, dass es diesen alten Konsens des Risiko- und Verantwortungverteilens nicht mehr gibt." Die logische Schlussfolgerung: Eigentlich dürfte man gar keine Versicherungen mehr abschließen. Das aber ist keine gute Nachricht für einen Versicherer. Deshalb versuchen die Unternehmen mit Hochdruck, einen neuen Risiko- und Verantwortungskonsens zu finden. Die Zeit drängt. So geht es nicht weiter. Das System ist nicht mehr effektiv.

7. Effekte Michael Braungart ist ein Kämpfer für die Effektivität. Und er hasst die Effizienten. Er selbst nennt sich eitel, im Sinne von stolz und selbstbewusst. Der Chemiker und Unternehmer schüttelt sich, wenn von scheinbar guten Begriffen wie Nachhaltigkeit, Öko-Effizienz oder Recycling gesprochen wird. Aber er ist nicht Doktor Seltsam, im Gegenteil. 1978 gründete er mit dem Öko-Urgestein Herbert Gruhl die "Grüne Aktion Zukunft", deren Nachfolger Bündnis 90/Die Grünen heute mitregieren. Vier Jahre später baute Braungart die Chemieabteilung von Greenpeace Deutschland auf. Er organisierte spektakuläre Werksbesetzungen in Chemieanlagen, zu deren traditionellem Höhepunkt es gehörte, auf den höchsten verfügbaren Schornstein des Fabrikgeländes zu klettern, um dort Transparente zu entfalten.

1986 kletterte Braungart in Basel, beim Chemieriesen Ciba-Geigy, vom Schornstein, um sich mit dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten, Alex Krauer, zu unterhalten. Im Grunde genommen geigte Braungart dem Boss seine Meinung. Der allerdings nahm das sehr ernst. Und bat den Greenpeace-Funktionär, ihn fortan zu beraten.

Ein Jahr danach gründete Braungart seine Firma Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) in Hamburg, die heute Weltruf gemeßt. Seit 1995 entwickelt der radikale Umweltschützer mit seinem amerikanischen Partner, dem Designer William McDonough, in der McDonough Braungart Chemistry Design in Charlottesville, Virgina, brauchbare, effektive Produkte - Chemie, die langfristig wirkt.

Dazu gehören Kunststoffe, die von höchster Qualität sind, die mehrere tausend Mutationen aushalten, etwa von der Schreibtischplatte zum Hi-Fi-Geräte-Chassis, ohne ihre Güte zu verlieren. Oder Sitzbezüge für den Airbus A-380, die man problemlos verspeisen kann, was aber nicht heißt, dass die essbare Sitzgelegenheit nicht auch das wichtigste Braungartsche Kriterium erfüllt: maximale Haltbarkeit, die letztlich nur durch maximale Qualität möglich ist.

Und genau das ist der Grund, warum der Öko-Unternehmer so hart mit der üblichen Praxis der traditionellen Grünen und Umweltschützer umgeht. "Hinter der gegenwärtigen Vorstellung von Ökologie steckt nichts Langfristiges, sondern nur ein romantisches Naturbild, zu dem immer auch gehört: Der Mensch ist schlecht. Denn wer die Natur überhöht, der muss den Menschen schlecht machen. Damit das Gewissen nicht so drückt, kaufen diese Leute Recycling-Produkte, zum Beispiel Klopapier, das als Recycling-Produkt aber derart viele Halogenwasserstoffe enthält, dass das Trinkwasser versaut wird. Kurzfristig ist das gut fürs Gewissen, das muss genügen. Man kauft ein Recycling-Produkt und ist damit kein ganz schlechter Mensch mehr, kein 100-prozentiges Schwein, sondern nur mehr ein 90-prozentiges." Doch es geht aber nicht darum, schlechte Dinge ein wenig besser zu machen. Es geht darum, auf möglichst lange Sicht Dinge gut zu machen.

Qualität ist langfristig.

8. Evolution Die Schlagwörter des Erdgipfels von Rio de Janeiro aus dem Jahr 1992, dem wichtigsten Almauftrieb des Ökologismus, lauten anders: reduzieren, vermeiden, wiederverwerten. Das heißt: recyceln, aus der Welt schaffen, unter den Teppich kehren. Die Kunststoffe, die heute im Recycling verwendet werden, sind nicht dafür geschaffen. Das gilt nahezu für alle Stoffe, die fanatisch wiederaufbereitet werden sollen, aber nur zu einem "Down-cycling" führen, wie Michael Braungart das nennt. Er will "Up-cycling". Rohstoffe und Produkte so gut wie möglich, weil das auch heißt: so lange wie möglich. Er will Öko-Effektivität, nicht Öko-Effizienz.

"Effizienz steht für Kurzfristigkeit, Effektivität für Langfristigkeit", sagt Braungart, "das Effizienzdenken ist ein Mangelsystem. Man versucht, mit immer weniger von etwas auszukommen, zu vermeiden, zu sparen. Doch das ist der falsche Weg. Effektivität hingegen heißt, die Dinge grundlegend richtig zu machen." Sein Credo: "Wir arbeiten nach der Evolution. Denn die Evolution ist pure Vielfalt, weil das langfristig das einzige richtige Prinzip ist. Die Natur ist nicht sparsam oder vermeidet gar etwas, sondern ist im Gegenteil ungeheuer verschwenderisch. Es gibt von allem immer viel mehr, als nötig ist." Folgerichtig ist Braungart dafür, nicht mit hängendem Kopf zum Altstoff-Container zu traben, sondern wegzuwerfen, was man nicht mehr braucht. Was dazu nötig ist, sind Stoffe, die, wenn sie in hohem Bogen - etwa vom Zugfenster aus - in die Landschaft fliegen, dort Nutzen stiften.

Das geht, wenn die Verpackung Samen oder Dünger enthält, der vom Boden gern genommen wird. Die Kunststoffe, die Braungarts Unternehmen entwickeln, sind ideale Träger dafür. Wer so denkt wie Braungart, öko-effektiv, der findet heraus, dass Autofahren für die Umwelt eine großartige Sache sein kann. In Katalysatoren verbrennen heute bei Temperaturen um 1700 Grad Celsius Millionen Tonnen Stickoxide. Sie werden nach dem Willen der Öko-Effizienten unschädlich gemacht. "Mit dem Output an Stickoxiden, die in Katalysatoren heute noch nutzlos verbrannt werden, kann man den größten Teil des Weltbedarfs an Stickstoffen decken - und den braucht man für Dünger. Aber der wird heute mit enormem Energieverbrauch und unter beträchtlicher Umweltschädigung extra erzeugt." Diesen Irrsinn plant Braungart nun gemeinsam mit dem Automobilhersteller Ford abzustellen. Ein Katalysator soll dabei herauskommen, der die nützlichen Stickoxide abfiltert. "Rein rechnerisch produzieren wir damit mehr, als die Landwirtschaft benötigt. Damit können wir die Mär von der Autoindustrie als einer der umweltschädigendsten Industrien überhaupt vergessen." 9. Evakuierung Öko-Effektivität ist ein lustvolles, menschenfreundliches, auf lange Sicht vernünftiges Konzept. Doch es steht den mächtigen Kulturen des Industrialismus und seiner Epigonen radikal entgegen, auch jenen, die sich für herausragende Kritiker des Systems halten. "Ganz typisch für die kurzfristige Perspektive der Öko-Effizienz-Leute ist, dass sie versuchen, mit immer neuen Gesetzen und Vorschriften scheinbare Verbesserungen zu erreichen. Dann wird etwas öko-effizienter, aber im Grunde ändert sich gar nichts." Ein weiterer Haken an diesem System sei, so Braungart, dass das Effizienzdenken konsequent Innovationen verhindere. "Die haben natürlich kaum eine Chance, weil sich alles um das Bestehende dreht, das man ein bisschen reduzieren will, um sich der Illusion hinzugeben, man habe das System im Griff. Aber ein falsches System kann man nicht in den Griff kriegen. Es ist einfach falsch." Doch die Dinge ändern sich, stellt Braungart immer wieder fest. Noch vor einigen Jahren erlebte er, der auch an Universitäten und Hochschulen von Hamburg über Stanford bis zum MIT in Boston unterrichtet, "wie junge Chemiestudenten verzweifelt ankamen und sagten: ,Ich muss mein Studium aufgeben, weil mich meine Freundin sonst verlässt. Die möchte nicht mit einem Killer zusammenleben'". Derlei gesellschaftlich und politisch bis heute geförderter Schwachsinn verhindert, dass gute Chemiker, Physiker, Werkstofftechniker endlich einen Ausweg aus der Spirale finden, in der die Effizienzfanatiker dieses Land sie gebracht haben.

Unter seinen Studenten finden sich heute aber immer mehr Leute, die "Gott sei Dank so eitel sind, dass sie sagen: ,Ich will etwas wirklich besser machen, besser, als uns das Normen und Politik vorschreiben'". Das klingt überheblich? "Eitelkeit ist für den Erfolg von langfristigen Projekten wahnsinnig wichtig. Qualität ist nämlich viel wichtiger als Moral." Tatsächlich wollten die meisten Menschen, wie die Bauherren von früher, ein wenig Ewigkeit haben, ein bisschen unsterblich sein. Kein Problem für Braungart: "Wir können die Welt neu erfinden, immer wieder, aber vorher müssen wir sie verstehen." Braungart setzt auf die richtig verstandene Evolution. Damit kann auch Armin Nassehi gut leben, wenn es um Langfristiges geht: " Niklas Luhmann sagte mal: ,Für die Zukunft reicht eigentlich Evolution.' Das kann man missverstehen. Das heißt nicht, nichts zu tun und einfach bloß abzuwarten. Auch Denken, langfristiges Denken, gehört dazu." Selbst Treibsand bewegt sich.

Es wird Zeit, sich abzurollen.