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Krach! Rumms! Boing!

Früher stand der Name EM.TV für einige Milliarden Total-Verlust. Für ein Management, das mit großen Worten die Aktienkurse in die Höhe trieb. Und für einen neureichen Vorstandsvorsitzenden, der sich am liebsten auf seiner 35-Meter-Yacht fotografieren ließ. Heute schreibt das Unternehmen, an das vor drei Jahren niemand mehr geglaubt hat, wieder schwarze Zahlen.




Das Beruhigende an Zeichentrickserien ist, dass es immer weitergeht. Wenn es mal kracht, rumms!, kommt niemand zu Schaden. Explodierende Dynamit-Stangen, klassischerweise in diversen Körperöffnungen zur Detonation gebracht, Abstürze von der Steilküste oder aus Flugzeugen (natürlich ohne Fallschirm), in die Steckdose gesteckte Finger, Feuer speiende Drachen, fliegende Hinkelsteine und im Hinterhof hochgehende Atombomben - alles nicht schlimm. Zurück bleibt höchstens eine komische Frisur, zerfetzte Oberbekleidung und das eine oder andere blaue Auge. Dann geht's weiter. Bis zur nächsten Explosion.

Das Münchener Medienunternehmen EM.TV handelt mit solchen Serien. Eigentlich müsste man dort jede Menge Erfahrung mit Extremsituationen haben. Aber wahrscheinlich waren trotzdem alle geschockt, als statt der Zeichentrickfiguren plötzlich die Bilanzen abstürzten.

In der Firmenzentrale in München-Unterföhring deutet nichts darauf hin, dass EM.TV in den vergangenen Jahren nur knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt ist. Ein eleganter Glaskasten, schwarzer Schiefer auf dem Boden, Marmor, schwere Ledersessel und ein entspannter Vorstandschef - alles verströmt seriöse Ruhe. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Die Firma hat einen harten Umbau hinter sich. "Als ich hierher kam, war das ein sanierungsbedürftiges Unternehmen", sagt Werner Klatten, seit September 2001 Vorstandsvorsitzender von EM.TV. Das sagen Manager öfter, wenn sie ihrer Erfolgsgeschichte einen dramatischen Hintergrund geben wollen.

Doch beim Rechtehändler und Merchandising-Spezialisten EM.T'V ist die Floskel vom Sanierungsfall eine höfliche Untertreibung. Die Firma war im Herbst 2001 eine Trümmerlandschaft. Im April des Jahres hatte Klattens Vorgänger nach Abschreibungen auf Firmenwerte Verluste von sagenhaften 1,4 Milliarden Euro bekannt gegeben - bei einem Jahresumsatz von 720 Millionen Euro. Rumms! Ende 2001 war der Aktienkurs auf ein Achtzigstel früherer Spitzenwerte abgestürzt. Krach! An der Börse war die Firma noch 208 Millionen wert, nicht mal die Hälfte der Verbindlichkeiten von 560 Millionen. Boing! Das operative Geschäft kollabierte, das Vertrauen der Kapitalmärkte war zerstört, und keine einzige der vielen Beteiligungen, Tochtergesellschaften und Joint Ventures arbeitete profitabel. Wer sich auf das Himmelfahrtskommando einließ, die EM.TV-Ruine retten zu wollen, musste entweder wahnsinnig oder seiner Sache sehr sicher sein.

Werner Klatten macht keinen besonders wahnsinnigen Eindruck. Die lustige Welt der Zeichentrick-Regression ist sehr weit weg, wenn der Vorstandsvorsitzende die Probleme und Chancen des Unternehmens analysiert. Der 59-Jährige erzählt Schritt für Schritt, wie er und seine Mannschaft die Firma in den vergangenen dreieinhalb Jahren wieder lebensfähig gemacht haben: Poltfolio-Bereinigung, Abschreibungen, strategische Neupositionierung. Einerseits: das übliche Programm. Andererseits: die Geschichte einer Auferstehung von den Toten. Dass die Firma noch lebt, liegt unter anderem an dem neu erworbenen Nischensender DSF (Deutsches Sportfernsehen). Und an den vor drei Jahren, mitten im Sanierungsprozess, gegen mächtige Konkurrenten erkämpften Merchandising-Rechten an der Fußball-WM 2006. Als Klärten zu EM.TV kam, gehörte der Sport noch nicht zum Geschält - heute sorgt er für 86 Prozent des Umsatzes. Und weil Klattens Leute wohl auch sonst einiges richtig gemacht haben, wurde im vergangenen Jahr sogar Geld verdient: Für 2004 wird ein Gewinn in der Größenordnung von 40 bis 50 Millionen anvisiert.

In Klattens leicht schwäbischem Tonfall klingt die Geschichte der Sanierung fast gemütlich. Unter der Fensterfront des Konferenzraums liegt eine idyllische Schneelandschaft im Vormittagslicht. Während sich der Redefluss des Vorstandschefs ruhig durch Umstrukturierungen, Erlösströme und Umsatzzahlen arbeitet, ahnt man, dass die Skandal-Firma genau so einen trockenen Juristen wie Klatten gebraucht hat. Der Vorstandsvorsitzende vermeidet jeden Hauch eines auftrumpfenden Tonfalls. Er schenkt sich eitle Posen. Bleibt verbindlich. Und signalisiert mit jeder Faser nüchternes Kalkül.

Werner Klatten gibt den personifizierten Gegenentwurf zum berühmt-berüchtigten Thomas Haffa, dem Bösewicht der New Economy. Der Gründer und frühere EM.TV-Großaktionär hatte das kleine Unternehmen innerhalb weniger Jahre mit den am Neuen Markt eingesammelten Millionen zuerst in Schwindel erregende Höhe und dann in den brutalen Absturz katapultiert. Der Zögling von Leo Kirch träumte davon, Marktführer im Handel mit Kinderfernsehserien und Merchandising-Rechten zu werden. Und das weltweit. Biene Maja und Tabaluga sollten EM.TV zu einem europäischen Disney-Konzern machen. Mindestens.

Ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit taucht immer wieder auf: Leo Kirch "Der Traum von Größe ist vollständig ausgeträumt", sagt der heutige EM.TV-Chef. Es klingt wie eine Replik auf die lustigen Haffa-Sprüche von einst. "Das ist ein mittelständisches Unternehmen, und diese Größenordnung werden wir in den nächsten Jahren auch nicht verlassen." Fiele dieser Satz in irgendeiner anderen Vorstandsetage, wäre das bei einem Jahresumsatz von etwa 200 Millionen Euro ein Zeichen höflicher Zurückhaltung. Bei EM.TV ist es eine Art Regierungserklärung, eine um Vertrauen werbende Botschaft an die Kapitalmärkte.

Die Rechtehändler-AG, die Ende der neunziger Jahre von aufgekratzten Wirtschaftsjournalisten als "Europas heißeste Firma" ("Business Week") bejubelt wurde, will heute ein normales Unternehmen sein, eine hart arbeitende Firma, die das Überleben gelernt hat. Niemand könnte diese Normalität besser verkörpern als der eher spröde wirkende Klatten.

Blöd nur, dass auch er, wie Thomas Haffa, seinen Einstieg in die Medien-Industrie ausgerechnet Leo Kirch verdankt. Kirch hatte ihn vor anderthalb Jahrzehnten bei seinem Fernsehsender Sat.1 zum Geschäftsführer gemacht (um ihn nach fünf Jahren wieder rauszuwerfen). Kirch war es auch, der Klatten vor vier Jahren fragte, ob er sich vorstellen könne, zu EM.TV zu kommen. Bei der Vergabe des Kredits, der Klatten zu erstaunlich kulanten Bedingungen den Kauf von 36 Millionen EM.TV-Aktien erlaubte, hat möglicherweise der Kirch-Vize Dieter Hahn mitgewirkt. Jedenfalls bekam der "Spiegel" keine Gegendarstellung, als er vor zwei Jahren die Absprachen hinter dem Geschäft ausbreitete: Steige der Börsenkurs, hieß es, kann Klatten einen Teil seines Aktienpakets verkaufen und so seinen Kredit bedienen. Falle er aber, habe Klatten das Recht, den Kredit zu wandeln und das Aktienpaket an den Geldgeber weiterzureichen - genau das ist nach dem Absturz des Börsenkurses infolge der Kirch-Insolvenz passiert. Der eigenwillige Charme der Vereinbarung lag darin, dass sie dem Kreditgeber alle Risiken ließ - und Klatten alle Chancen.

Heute ist das Unternehmen Constant Ventures, das Klatten das viele Geld verliehen hat, der größte Einzelaktionär der EM.TV AG. Als der "Spiegel" andeutete, der Constant-Ventures-Eigen-tümer Constant Marie Vermeiden könnte als Kirch-Strohmann agieren, hielt sich die Überraschung in der Branche in Grenzen.

In der Branche wird auch hartnäckig spekuliert, der Chef des EM.TV-Vorstands sei in Wirklichkeit ein Strohmann. Das ist vielleicht Klatsch, getragen von Neid und Halbwissen. Aber je länger man Klattens langsamen Ausrührungen zuhört, in diesem Konferenzraum mit Blick auf den Schnee, desto mehr klingt es wie ein einziges Echo auf den Tratsch. Ein Dementi, das nicht sagen darf, was genau es dementieren will.

An den guten Zahlen ändert die Vorgeschichte nichts. Und auch nicht daran, dass Klatten es in den vergangenen Jahren verstanden hat, der Firma neues Vertrauen zu schaffen. Selbst die Rechtsanwältin Daniela Bergdolt, die für die Deutsche Schutzvereinigung Wertpapierbesitz das Unternehmen seit Jahren beobachtet, spricht nur mit Hochachtung vom heutigen Vorstandsvorsitzenden: " Natürlich ist Herr Klatten ein absolut seriöser Manager." Dazu gehört seine Zurückhaltung. Selbst dass sich der Aktienkurs seit Jahresbeginn verdoppelt hat und in den vergangenen 15 Monaten um stolze 600 Prozent gestiegen ist, kann Klatten nur einen schmallippigen Kommentar entlocken. "Wie soll ich innerhalb eines Sanierungsprozesses zum Wert der Aktie etwas Sinnvolles sagen? Entweder ich überverkaufe oder ich unterverkaufe." Auch das: ein einziger Kontrast zu Haffa, der einst triumphiert hatte, als die kleine 200-Mann-Firma mit einer Marktkapitalisierung von 13 Milliarden Euro teurer war als der Springer-Konzern oder alle deutschen Privatsender zusammen. Heute stehen die Gebrüder Haffa, deren gemeinsames Vermögen auf 300 Millionen Euro geschätzt wird, hunderten von Anlegern gegenüber, die sie auf Schadenersatz verklagen wollen. Kein Wunder, dass Klatten den Bruch mit seinem Vorgänger nicht genug unterstreichen kann. In Interviews erklärt er immer wieder, EM.TV habe "die Vergangenheit bewältigt". Er hat in der Tat seinen Teil dazu geleistet - wahrscheinlich ist Werner Klatten die erfolgreichste Trümmerfrau der New Economy.

Nicht nur die Lage des Unternehmens war katastrophal, als Klatten es übernahm. Der gesamte Markt, auf dem es sich bewegte, trudelte in eine massive Krise. Die Zeiten, als gut gelaunte Filmrechtehändler jede Menge Börsengeld einsammeln konnten, indem sie den "Content" zum "Erdöl des 21. Jahrhunderts" erklärten, gingen zu Ende. Mit dem vielen Börsengeld waren viele, viele Filme produziert worden, die den Markt verstopften. Gleichzeitig brachen den Privatsendern langsam, aber sicher die Werbeeinnahmen weg. Die im überhitzten Markt in Schwindel erregende Höhen getriebene Preise kollabierten.

Die Firma war tot, dann verschaffte ihr die Fifa ein Riesengeschäft. Weil sie ein tolles Konzept hatte...

Die Folge für EM.TV: eine permanente Wertberichtigung des Rechtestocks von 20 000 halben Programmstunden. Gleichzeitig musste sich die Firma, in der Regel für einen Bruchteil des früheren Kaufpreises, von zahlreichen Tochterunternehmen trennen, um die hohen Schulden zu bedienen - zum Beispiel von der amerikanischen Jim Henson Company ("Muppets Show").

Gerade als das Krisen-Unternehmen die erste Sanierungsphase hinter sich hatte, drohte 2002 mit dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe ein zweiter Absturz. Gemeinsam mit Kirch betrieb EM.TV auf dem Pay-TV-Sender Premiere den Kinderkanal. Eine Beteiligung an der Formell war dafür als Sicherheit an Kirchs Gläubigerbanken verpfändet worden. Diese Verpfändung wurde mit der Kirch-Insolvenz fällig, EM.TV musste eine Sonderabschreibung von rund 200 Millionen Euro verkraften. Weil die Kirch-Sender außerdem die Großabnehmer der EM.TV-Rechte waren, brachen dem Unternehmen mit der Pleite des Medien-Moguls erhebliche Umsätze weg. Dass EM.TV den Kirch-Crash überstanden hat, ist eines der kleinen Wunder dieser an Wundem nicht armen Unternehmensgeschichte.

Ohne die Neuausrichtung auf den Sport hätte die Firma kaum eine Überlebenschance gehabt. Der erste Schritt: der Kampf um die europäischen Merchandising-Rechte an der Fußball-WM, mitten im Krisenjahr 2002. "Der Vertrag mit der Fifa war für uns ein unglaublich wichtiges Geschäft, auch psychologisch", sagt Klat-ten heute. "Das Signal an die Märkte lautete: Wir sind wieder da. Die Vereinbarung war außerdem ein Türöffner zu den großen Markenartikeln - Kleidung, Schuhe, Accessoires." Das schadet nicht, wenn man im Stammgeschäft an den Merchandising-Rechten aus der Kinderunterhaltung verdienen will.

EM.TV musste sich bei der Fifa gegen sehr viel größere Wettbewerber durchsetzen - das funktionierte angeblich nur dank eines raffinierten Vermarktungskonzeptes. Das Zauberwort heißt: Integration. "Unser innovativer Ansatz besteht darin, umfangreiche Distributionskanäle zur Verfügung zu stellen", erklärt Sport-Vorstand Rainer Hüther. "So bieten wir den Kunden, die eine Lizenz erwerben, hochwertige Verkaufsflächen für ihre Lizenzprodukte." Wie zum Beispiel die 300 Fifa-WM-Shops bei Karstadt-Quelle. Und weil die Handelsunternehmen dafür bezahlen, dass sie offiziell und exklusiv Merchandising-Produkte der Fifa vertreiben dürfen, kann EM.TV auch noch Geld daran verdienen, den Lizenznehmern diese Vertriebskanäle zu garantieren.

Bezahlbar war der Fifa-Deal bloß, weil EM.TV die Merchandising-Rechte von der Fifa nicht gekauft hat, sondern sie lediglich als exklusive Agentur vermarktet. Die Firma tritt nicht als Händler, sondern als Dienstleister auf Provisionsbasis auf. Das senkt das Risiko und macht das Geschäft trotz dünner Eigenkapitaldecke möglich.

Zum Geschäft mit der Fußball-Weltmeisterschaft kam der Kauf des Nischensenders DSF als eigene Vertriebsplattform. Seit dessen Mitgesellschalter, der KarstadtQuelle-Konzern und der Investor Hans-Dieter Cleven, Anfang dieses Jahres ihre Anteile verkauft haben, ist das DSF eine hundertprozentige EM.TV-Tochter - und schreibt zum ersten Mal in seiner Geschichte schwarze Zahlen. Benjamin Kohnke, Analyst bei der Deutschen Bank, spricht von einer "bemerkenswerten Turnaround-Story". Der Sender, der seit seiner Gründung 1993 nach Kohnkes Schätzung Verluste zwischen 400 und 500 Millionen Euro angehäuft hatte, erzielte im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 107 Millionen Euro einen Gewinn von 8,1 Millionen Euro.

EM.TV und der DSF machen die Zuschauer zu Konsumenten und die Fans zu Freunden Voraussetzung für den Erfolg war ein attraktives Programm, zum Beispiel durch den Erwerb der Sonntagsspiele der Bundesliga. "Ehe EM.TV mit dem damaligen Konsortium beim DSF eingestiegen ist, stand der Sender in Gefahr, zu Tode gespart zu werden", sagt EM.TV-Vorstand Rainer Hüther, der beim DSF als Vorsitzender der Geschäftsführung tätig ist. In den vergangenen Monaten hat das DSF die Wimbledon-Rechte für die nächsten drei Jahre gekauft, die Basketball-WM und -EM und die Davis-Cup-Rechte, live und exklusiv. Und bezahlbar. "Im Durchschnitt kosten uns viele Rechte, die wir neu erworben haben, etwa ein Fünftel dessen, was das DSF früher gezahlt hat", sagt Hüther. Hier profitiert das Unternehmen von dem abgekühlten Markt, der ihm im Stammgeschäft beim Handel mit TV-Rechten in der Kinder-Unterhaltung zu schaffen macht.

Zur Strategie gehört die konsequente Integration der Geschäftsfelder. Neben dem DSF betreibt EM.TV das Internet-Portal Sport1 und die auf Sportereignisse spezialisierte TV-Produktionsfirma Plazamedia. Internet-Portal und Fernsehsender verweisen aufeinander, für das immer mal prophezeite Zusammenwachsen von TV und Internet ist man bestens vorbereitet. Eine gründlich ausgeschöpfte Geldquelle des Senders sind Einnahmen aus dem direkten Kontakt zum Endverbraucher. Schon jetzt liegt der Anteil der Umsatzerlöse, den das DSF jenseits der klassischen Werbeeinnahmen verdient, bei stolzen 43 Prozent.

So wird der Zuschauer systematisch zum Kunden gemacht, dem man alles Mögliche via Bildschirm verkaufen kann. Hüther: "Bei Dart-Sendungen bieten wir dem Zuschauer an, per Telefon zu voten, beim Billard haben wir sehr erfolgreich ein Billard-Spiel fürs Handy verkauft." Braucht das irgendjemand? Zumindest lässt sich damit offensichtlich Geld verdienen. Dazu kommen Call-In-Shows, Quizsendungen und Serviceangebote. Das funktioniert, weil der Nischensender trotz seiner bescheidenen Größe mit einem durchschnittlichen Marktanteil von zwei Prozent in der Kernzielgruppe (männlich, 14 bis 49 Jahre) seine potenzielle Stärke erkannt hat: Die harten Fans wollen mehr als nur zuschauen, für sie wird der Sender zum gemütlichen Lagerfeuer der Fangemeinde, die im Internet über Sportereignisse diskutiert und gern alle möglichen Gimmicks kauft.

Am Ende geht es wieder um Millionen: Diesmal soll die Versicherung zahlen Gerüchte, angesichts der Erfolge mit dem Sport könnte sich EM.TV von der Kinder-Unterhaltung verabschieden, weist Klatten energisch zurück. Weil der Verkauf von Kinder-Unterhaltungsrechten nach Asien so gut funktioniere, werde sogar "sehr konkret" darüber nachgedacht, in einem oder mehreren asiatischen Ländern bei einem digitalen Kinder-Kanal einzusteigen. In Deutschland ist dieser Markt dicht: Der Marktführer Super RTL gehört zur Hälfte dem Disney-Konzern. Und zeigt logischerweise am liebsten Disney-Produkte. Die eigene Distributionsplattform, der Pay-TV-Kanal Junior. TV auf Premiere ist verglichen mit Super RTL ein Zwerg.

"In der Vergangenheit ist es uns nicht oft gelungen, wirklich erfolgreiche Stoffe und Longseller zu produzieren. Unser Unternehmen war immer vermarktungsorientiert aufgestellt, nicht programmorientiert", sagt Klatten. Um das zu ändern, hat er von der Konkurrenz die Super RTL-Programmdirektorin Susanne Schosser abgeworben: " Sie hat Beziehungen zu den Kreativen, die das Produkt schaffen. Das ist in der Vergangenheit bei uns zu kurz gekommen." Das klingt nicht, als wäre die Kinder-Unterhaltung nur noch eine aus Höflichkeit mitgeschleppte Altlast.

Dafür, dass die turbulente Vergangenheit das EM.TV-Management nicht zur Ruhe kommen lässt, sorgt seit Ende März ein Prozess, bei dem es um 200 Millionen Euro geht. EM.TV hat die früheren Vorstände Thomas und Florian Haffa und den früheren Aufsichtsratsvorsitzenden Nickolaus Becker auf Schadenersatz verklagt. Der Vorwurf: Durch die Verpflichtung, nach dem Kauf von 50 Prozent Beteiligung an der Formel 1 zu einem festgelegten Zeitpunkt weitere 25 Prozent zu einem festgelegten Preis (knapp eine Milliarde Dollar) zu kaufen, habe das frühere Management kaufmännisch unverantwortlich gehandelt und dem Unternehmen schweren Schaden zugefügt. Zum Zeitpunkt des Formel-1-Deals war in keiner Weise absehbar, wie der Kauf finanziert werden könnte.

Der Prozess verspricht interessant zu werden: Schon im Vorfeld hatte Bekker via Presse wissen lassen, seiner Ansicht nach gehe es dem heutigen EM-TV-Vorstand nur um die Management-Versicherung, die er und die Haffas seinerzeit abgeschlossen haben. Sie haftet bei justiziablen Management-Fehlem bis zu einer Schadenssumme von rund 100 Millionen Euro. Das Spiel um die großen Zahlen mit den vielen Nullen dahinter geht also weiter.