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Ich brauche neue Schuhe

Von Träumen und Helden.




Kürzlich war ich in der Zentrale einer Bank. Ich traf dort freundliche Menschen und bewegte mich über sauberen Teppichboden, trotzdem überfiel mich am Abend eine große Leere. In der Nacht träumte ich, ich hätte keine Schuhe. Was war passiert? Lag es an dem Konferenzraum, in dem wir saßen und der mir das Gefühl gab, ich würde zu laut sprechen? Waren es die Kellner, die in der Vorstandsetage livriert bedienten, dabei aber wirkten wie ihre eigenen Parodien, Männer aus südlichen Ländern mit tiefschwarzen Bartschatten, die ihre Gäste misstrauisch beäugten? Lag es an den Krawatten meiner Gegenüber, die mich gut zwei Stunden lang bei jedem Blick an Erwürgte denken ließen? Oder lag es einfach nur an der sicher nicht böse gemeinten Bemerkung einer meiner Gesprächspartner, meine Kleidung würde in jedem Fall als Botschaft gelesen werden, gerade diese Kleidung in dieser Umgebung. Pullover? Hemd? Hose? Oder dass ich in meinem ganzen Leben noch nie eine Krawatte getragen habe?

Albträume sind extreme Versionen der Wirklichkeit. Sehr gut kann man das in den Arbeiten von Winsor McCay sehen. McCay schuf 1905 für die Comic-Beilage des "New York Herald" die Serie "Little Nemo in Slumberland", die heute als das erste Meisterwerk des Mediums Comic gilt. Nemo ist ein kleiner Junge, der nachts das Land der Träume besucht und dabei regelmäßig in fürchterliche Situationen gerät, sodass er am Ende der einseitigen Episoden fast immer unsanft erwacht - oft fällt er aus dem Bett. McCay selbst waren solche Angstträume wohl nicht fremd: Er produzierte neben dem manisch detaillierten Slumberland jede Woche mehrere andere Strips, tourte als Schnellzeichner durch die Vaudeville-Theater der USA und veröffentlichte 1912 einen der ersten Zeichentrickfilme der Welt, "Little Nemo", für den er alle 4000 Einzelzeichnungen selbst malte. Und er machte all das gleichzeitig. Ein besessener Produzent von Albträumen.

Handwerklich nicht so ausgearbeitet wie seine Familienserie Little Nemo, dafür aber inhaltlich wesentlich extremer waren McCays Reihen für Erwachsene: "A Pilgrims Progress" handelt von einem Pilger, der immer wieder erfolglos versucht, einen Koffer mit der Aufschrift "Dull Care" (öde Sorgen) loszuwerden - der Titel, der Serie bezieht sich auf das gleichnamige Buch des englischen Baptistenpredigers John Bunyan, der im 17. Jahrhundert den Lebens- und Leidensweg des Menschen beschrieben hatte. Die zweite lange Serie, "Dreams of a Rarebit Fiend", erzählt die Albträume von Leuten, die abends zu viel " Rarebit" (Käsetoast) essen. Dabei sind Fantasie und Elend keine Grenzen gesetzt: Verkehrsmittel geraten außer Kontrolle, Menschen verwandeln oder verformen sich, oft werden Einzelne von immer größer werdenden Menschenmassen gejagt. Manche trifft auch ein ganz spezielles Schicksal: So verwandelt sich ein Mann beim Spielen mit seinem Kind in einen Hund, wird aus dem Haus gejagt, vom Metzger geschlachtet, zu Wurst verarbeitet, von seiner Familie verspeist, und als beim Essen das Kind fragt, wann der Papa wiederkommt, antwortet die Mutter: "Sicher bald, Kind." Ich glaube, dass alles, was wir träumen, wahr wird. Wenn ich Winsor McCays Albträume sehe, sehe ich das 20. Jahrhundert. Ich sehe den Mann als Abendbrot seiner Familie und denke an den Massenmörder Fritz Haarmann, der angeblich seine Opfer zu Wurst verarbeitete. Ich sehe einen ewig fallenden Luftschiffpiloten und denke an die abstürzenden Piloten der unzähligen Kriege. Ich sehe einen Mann, der es nicht schafft, einen Witz zu Ende zu erzählen, weil er andauernd unterbrochen wird, und dann klingelt mein Handy. Ich sehe die Menschenmassen, die alle das Gleiche schnattern, während sie einen einzelnen Spaziergänger bedrängen, und weiß wirklich nicht, was der Unterschied ist zwischen einem "Geiz-ist-geil"-Plakat und diesen tausenden von Menschen, die alle meinen, seit der Einführung des Euro sei alles so teuer geworden. Aber ein Glück: Das waren die Träume am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und heute?

Der populärste Traum im Comic des 20. Jahrhunderts war der Superheld, die Verkörperung des Menschen in seiner Idealform. Nur hatte die Idee seit dem ersten Abenteuer des ersten Superhelden "Superman" eine grundsätzliche Schwäche: Es ging letztlich immer um physischen Kampf, Mann gegen Mann, Körper gegen Körper - der Superheld kämpfte alte Schlachten auf neuen Feldern. Bis vor einigen Jahren Marvel, einer der großen Superheldenverlage, fast pleite war und eine neue Zielgruppe entdeckte: Erwachsene, die mit den Helden aufgewachsen sind und Interesse an Geschichten haben, die ihrem Alter entsprechen. Das Konzept hatte Erfolg, und so überschwemmt seit Anfang dieses Jahrtausends eine Welle von Büchern den Markt, in denen sich die Helden lieben und Kinder bekommen, in denen sie Geld verdienen, gegen die Bürokratie kämpfen und unspektakulär sterben, in denen vor allem aber ihr Dasein als Held auf seinen Kern gebracht wird: der Kampf mit sich selbst. Ob es um finanzielle Notlagen geht, eine schwierige Beziehung, den Tod einer Geliebten oder ein altes Trauma: Stets ist der Held auf sich zurückgeworfen. Am konsequentesten stellt diesen inneren Kampf Brian Michael Bendis in der Reihe Daredevil dar, eine stark von Quentin Tarrantino beeinflusste Serie über Schuld und Paranoia. Am weitesten gingen Matt Chemiss und Peter Johnson in der Mini-Serie Powerless, in der alle Figuren ihre Superkräfte verloren haben - und trotzdem Helden bleiben.

Der Traum von Menschen, die lernen, was sie wollen, und es dann tun, egal, was für Probleme sie dabei haben, der Traum vom heldenhaften Alltag, ist ein großer Traum. Aber er ist nur ein Anfang. Wenn ich Recht habe und alles wahr wird, was wir träumen, will ich nicht sterben, bevor ich die gesamte Zukunft gesehen habe. Denn dann werden wir eines nicht so fernen Tages sein wie die wundervollen Pixelwesen in den Computerspielen, so gleichmäßig sanft und schön in unseren Bewegungen und so vollkommen ohne Angst wie die computeranimierten Figuren in den Notfallvideos der Linienflugzeuge, die wie von einem leicht federnden Beat getrieben zur Notrutsche mehr schweben als gehen, in der Jacke einen I-Pod und in den Augen ein leichtes Glimmen. Ich werde dabei sein, ich werde Schuhe kaufen, die sich wie von selbst auf meine Füße ziehen, und wenn ich in die Nähe der Zentrale einer Bank komme, werde ich ganz leicht und ohne erkennbare Anstrengung einen großen Bogen machen. Winsor McCay - Little Nemo in Slumberland (Taschen) Winsor McKay - Early Works (Checker) John Bunyan - A Pilgrims Progress Brian Michael Bendis - Daredevil (Marvel Exklusiv Deutschland) Matt Chemiss & Peter Johnson - Powerless (Marvel USA)