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Joachim Milberg im Interview

brand eins: Herr Milberg, 2004 war das Jahr der Innovation, jedenfalls hat das die Bundesregierung behauptet. Sind die Deutschen jetzt begeisterte Innovationsfreunde?




Milberg: Wissen Sie, unser Problem kann man nicht einfach mit Technologiefeindlichkeit beschreiben. Das sind die Deutschen in ihrer großen Mehrheit sicher nicht. Aber ich gebe Ihnen teilweise Recht: Wir haben ein Problem, bei der Veränderungsbereitschaft Das hat mit der mangelnden Zuversicht zu tun, Dinge erfolgreich verändern zu können, an das Neue zu glauben. Innovation heißt vor allem anderen: Aufbruch zum Neuen, und zwar ohne Erfolgsgarantie. So etwas macht man natürlich nur, wenn man Mut, Zuversicht und Vertrauen in die eigenen Stärken hat.

Mut und Zuversicht sind aber nur in homöopathischen Dosen erkennbar. Kann es sein, dass Besitz, auch von hochwertigem Ingenieurwissen, wie es in Deutschland zweifelsohne vorhanden ist, träge und faul macht? Oder dass man selbst nicht mehr weiß, wer man ist - eine führende Technologienation?

Die Zeit des Klagens sollte beendet werden, das bringt nichts. Die Frage ist eine andere: Glauben wir an eine positive Zukunft, und halten wir Fortschritt für etwas Gutes? Joseph Schumpeter hat uns das Prinzip der kreativen Zerstörung hinterlassen. Man muss das Alte hinter sich lassen, um an das Neue zu kommen. Das Neue ist nach allen Erfahrungen, die Menschen haben, besser als das Alte. Die Zukunft ist immer besser als die Vergangenheit. Dieses Leitbild, dieses Wissen, müssen wir in den Vordergrund rücken. Denn nur das nährt die Zuversicht und den Mut, etwas Neues anzupacken - also Innovationen nicht nur für notwendig, sondern auch für etwas grundsätzlich Richtiges und Gutes zu halten.

Es gibt Umfragen, nach denen die Deutschen eher ihrem Horoskop vertrauen als Fachleuten und Experten.

Das ist ein sehr guter Grund, warum wir mit Acatech ein neues Innovationsleitbild für unser Land anregen wollen. Es ist eine ausgezeichnete Motivation, etwas zu unternehmen. Ohne das Vertrauen in die Fachleute geht es nicht. Und wenn man ständig mehr Angst vor dem Neuen entwickelt, immer nur die Risiken, nicht aber die Chancen sieht, dann geht es auch nicht. Hier muss viel getan werden, um die Einstellung der Öffentlichkeit zu Innovation zu ändern. Die Zukunft wird immer besser. Wir müssen wieder stärker unterstellen, dass Zukunft Fortschritt ist und damit besser als die Vergangenheit.

Das wird aber allein mit Ansprachen der Bundesregierung unter Beteiligung von Wirtschaft und Wissenschaft nichts werden.

Genau. Deshalb gibt es Acatech. Unsere Aufgabe ist es, die Damen und Herren aus Wirtschaft und Wissenschaft dazu zu bringen, nicht nur Fensterreden zu halten, sondern unermüdlich, verständlich und immer aufs Neue den Wert und den Nutzen von Innovation für alle Menschen in diesem Lande klar zu machen. Wir wollen auch kein Fünf-Punkte-Programm oder so was Ähnliches verfassen und proklamieren. Wir brauchen einen Klimawechsel. Dazu benötigen wir eine Versachlichung der Debatte. Aus Fakten, und Sachargumenten für Innovation und Technologie sollen Diskussionen entstehen, um Barrierehaltungen gegen das Neue möglichst schon im Vorfeld auszuräumen.

Bisher haben die Technologie-Skeptiker die Lufthoheit.

Was nicht so bleiben darf. Wenn von Technologiefolgen die Rede ist, verstehen die meisten darunter nur die negativen Folgen von Technik. Der Begriff bedeutet aber neutral, was aus Innovation und Technik werden kann. Betrachten wir die Entwicklung der Mikroelektronik und der Folgeindustrien in Deutschland: Wir haben uns in den achtziger Jahren eine Diskussion geleistet, die weniger auf die enormen Entwicklungschancen, also auf neue Arbeitsplätze in der Automatisierungstechnik ausgerichtet war, sondern vielmehr auf Horrorszenarien "Jobkiller Roboter" und "menschenleere Fabriken".

Die Frage war eben nicht: "Was kann man daraus machen?", sondern: "Welche negativen Folgen könnte diese Entwicklung haben ?" Solche Akzeptanzprobleme haben sicher dazu beigetragen, dass Deutschland heute etwa im Bereich der CAD-Software und der Simulationssysteme nicht führend ist. Die neuen Arbeitsplätze sind anderswo entstanden.

Wir wiederholen das gerade in der Biotechnologie.

Beziehungsweise Gentechnologie. Und das heißt auch, so wie in der Mikroelektronik und deren Folgeindustrien: Auf diesem Gebiet werden bei uns im Vergleich zu anderen Ländern nur wenige Arbeitsplätze entstehen. Mit den entsprechenden Folgen für Arbeitsmarkt und Sozialsysteme. Was wir klar machen wollen, was unser Leitbild klar machen muss, ist: Wie kann man Wissen zu Geld machen? Und außerdem: Wie kann ich aus Geld Wissen machen? Das ist der wichtigste Teil des Kreislaufs der Innovation, den wir brauchen. Dazu gehört auch: Es spielt eine Rolle, wie neugierig unsere Gesellschaft auf das Neue ist. Hat sie nur Angst? Oder ist sie sich im Klaren darüber, dass aus Innovation schlicht und ergreifend Wohlstand entsteht? Wir wollen den Sozialstaat auch morgen - wunderbar. Aber dafür müssen wir etwas leisten - nämlich Mut für Innovationen haben. Sonst gibt es nichts zu verteilen. Eine wirklich brauchbare Antwort kann nur entstehen, wenn wir die Ökonomie, die Ökologie und die Innovation zusammen denken.

Aber sind neue Technologien nicht viel zu kompliziert, als dass die Bürger auch verstehen, worum es da geht?

Das gehört zu den wichtigen Aufgaben von Acatech: deutlich und verständlich zu machen, was Innovationen dem Einzelnen bringen. Das muss noch viel klarer und besser gemacht werden. Wissenschaftler und Innovatoren haben eine Bringschuld, die lautet: Macht euch verständlich, schafft euch eine Öffentlichkeit. Aus dem Elfenbeinturm heraus geht das nicht. Deshalb muss man beiden Seiten klar machen, was Innovation ist, auch den Innovatoren selbst: Ihr habt die Chance, etwas zu verändern, eine gute Zukunft zu entwickeln - und das dürft ihr nicht für euch behalten. Und für die Bürger: Habt Interesse an einer guten Zukunft, es geht besser, als es ist.

Wir müssen etwas für Naturwissenschaften und Technik tun, und wir müssen diese Disziplinen mit dem kreativen Potenzial in der Wirtschaft zusammenbringen. Dafür gibt es heute keine Plattform - innerhalb und außerhalb der Universitäten. Was fehlt, ist ein Netzwerk, das diese Verbindungen herstellt. Das dafür sorgt, dass Innovation wieder einen Vertrauensvorschuss erhält und damit den Mut der Menschen in das Neue stützt. Diese Lücke soll Acatech füllen: Es ist ein Netzwerk mit derzeit mehr als 250 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Falls die Übung nicht gelingt: Was ist der Preis, den unsere Gesellschaft dafür zahlen würde, auf Innovationen zu verzichten?

Das ist einfach zu beantworten. Es bedeutet deutlich weniger Arbeitsplätze und deutlich weniger Wohlstand. Aber das ist nur eine Seite. Denn das führt natürlich in eine Gesellschaft mit weniger Chancen, und das heißt ganz konkret: in eine unfreiere Gesellschaft, in der die Handlungsspielräume des Einzelnen extrem eingeschränkt sind. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir neu denken, da ist jeder gefragt. Der Vorsitzende des Acatech-Senats, Roman Herzog, hat da ein schönes Bild entwickelt: Wenn wir heute einen Kuchen verteilen wollen, streiten sich alle darüber, in welchem Winkel sie das Messer ansetzen dürfen, um das größte Stück zu bekommen. Aber es geht um etwas ganz anderes: größere Kuchen backen.