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Ein Land ohne Staat: Somalia

Statt Steuern: Straßensperren. Statt Gesetzen: Waffen. Statt einer Regierung: Kriegsherren.




Es ist zwölf Uhr mittags, und die Äquatorsonne brennt uns Bleichgesichtern Löcher in die Haut. Doch der Strand von El Ma'an, der "süßen Quelle", bebt vor Betriebsamkeit: Hunderte von Somalis rennen zwischen den zahlreichen im seichten Meer verankerten Landungsbooten und den dutzenden im Sand geparkten Lastwagen hin und her - jeder mit einem 50 Kilogramm schweren Zuckersack auf dem Kopf.

Gäbe es die Lastwagen und Landungsboote nicht: Die Szene könnte zum Filmset eines Hollywood-Epos über den Bau der Pyramiden oder einen alten Sklavenmarkt gehören. Selbst die dürftig zusammengeschweißten Barkassen und die archaisch anmutenden Lkw, an denen meist einschließlich des Führerhauses alles zum Betrieb nicht unbedingt Nötige fehlt, geben nur eine vage Zeitangabe: Dem 21. Jahrhundert sind sie kaum zuzuordnen.

Und dennoch ist El Ma'an nicht nur einer der geschäftigsten, sondern auch der jüngste Hafen Ostafrikas. Noch vor zehn Jahren liefen hier höchstens ein paar Kamele oder Ziegen durch den heißen Sand - heute gehen vor der süßen Quelle täglich bis zu fünf Hochseedampfer vor Anker. Die Hafenbetriebsgesellschaft Benadir beschäftigt direkt und indirekt fast 30000 Menschen: Viele von ihnen hausen in aus Zweigen und Plastiktüten errichteten Tropen-Iglus, die sich zwischen den flachen Dünen immer weiter ausbreiten. Alle 24 Stunden werden rund 5000 Tonnen Ware mit primitiven Kränen oder gar bloßer Manneskraft erst auf dutzende von Barkassen, Flöße oder Landungsboote und schließlich auf hunderte von Lastwagen gehievt, denn El Ma'an hat keine einzige der Einrichtungen, die man von Häfen sonst so kennt - kein Piere, kein Kai, keine Lagerhäuser.

Doch von El Ma'an aus wird nicht nur Somalia, sondern ein Teil des Kontinents versorgt. Zement aus Saudi-Arabien, Autos aus Japan, Zucker aus Brasilien oder Fernsehgeräte aus China werden von hier nach Kenia, in den Kongo, die Zentralafrikanische Republik oder gar bis in den Tschad befördert. El Ma'an hat nämlich einen Vorteil, der alle fehlenden Einrichtungen aufwiegt: Hier werden null Prozent Steuern und null Cent Zölle erhoben. Denn Somalia verfügt seit 14 Jahren über keine Regierung - es ist das einzige Land der Welt, das keinerlei staatliche Institutionen hat. "Wie Sie sehen, braucht man nicht unbedingt eine Regierung, um wirtschaften zu können", sagt der Hafenmanager Ali Bere Ado lachend, der uns in seinem brüllend heißen Büro, einer Blechhütte, empfängt. "Uns geht es hier so gut wie nie zuvor." Wer je in seinem Leben heimlich gedacht oder gar offen behauptet hat, Afrikaner seien zum Geschäftemachen ungeeignet, sollte sich zum Umerziehungsurlaub nach El Ma'an begeben -möglichst in Begleitung eines neoliberalen Wirtschaftswissenschaftlers, der am Horn von Afrika wie nirgendwo anders in der Welt studieren kann, was es heißt, in einer ultrafreien Marktwirtschaft zu operieren. Niemand sollte jedoch damit rechnen, hier wirklich willkommen geheißen zu werden. Als unsere mit muffigen Gebetsteppichen ausgelegte 30 Jahre alte Antonov auf einem der improvisierten Landeplätze Mogadischus niedergehen will, muss sie erst einmal im Tiefflug über die Sandpiste jagen, um eine Herde bockiger Ziegen zu vertreiben. Ein symbolträchtiger Auftakt für eine unerwünschte Reise in ein Reich, in dem allem das Recht des Stärkeren regiert.

Die einzigen beiden Weißen in Mogadischu lernen: Das Leben hier ist brutal und kurz "Kommt lieber nicht", hatte Abdullahi Shirwa noch am Morgen unseres Abflugs in einer Mail geraten. Nachdem eine britische Journalistin in Mogadischu auf offener Straße erschossen wurde, gilt Alarmstufe Rot im " schlimmsten Land der Welt" ("News-week"): Islamische Fundamentalisten, heißt es, hätten Kopfgelder auf westliche Reporter ausgesetzt. Schließlich erklärt sich unser Kontaktmann aber doch bereit, uns zu empfangen: Allerdings nur mit " maximum security", wie Shirwa, Chef der somalischen Nichtregierungsorganisation Peaceline, kategorisch fordert.

Was das heißt, sieht man schon am Rande des Rollfeldes. Dort wartet der aristokratisch anmutende grau melierte Herr in Begleitung eines guten Dutzends bis zu den Zähnen bewaffneter Milizionäre, die in den kommenden Tagen mit ihren Schnellfeuergewehren unsere Sicherheit garantieren sollen. "Heute Morgen haben die letzten Europäer Mogadischu verlassen", sagt Shirwa zur Begrüßung. "Ihr seid jetzt die einzigen Weißen in der Stadt." Wenigstens nehmen die Einreiseformalitäten weit weniger Zeit als in jedem anderen Land der Welt in Anspruch. Schon nach Zahlung von 25 Dollar zeigt sich das Personal des etwas bombastisch "Internationaler Flughafen Kilometer 50" genannten Ackers zufrieden - Pass, Visa oder gar eine Akkreditierung für Journalisten interessieren die jungen Burschen nicht. Minuten später befinden wir uns bereits auf rasender Fahrt in Richtung Mogadischu, vorbei an den klapprigen Karossen der Warlord-Milizen, auf deren Ladeflächen schwere Flugabwehrkanonen montiert sind.

Schon jetzt wird klar, warum "maximum security" nicht nur sicherer, sondern auch ökonomisch sinnvoller sein kann. Auf der 50 Kilometer langen Strecke zwischen Flugacker und Trümmerhauptstadt kommen wir an nicht weniger als sechs Straßensperren vorbei, deren minderjähriges Personal wehrlose Passanten nach Belieben schröpft - unseren schwer bewaffneten Konvoi jedoch im Flug passieren lässt. Tatsächlich fliegen wir fast: "Wir müssen Mogadischu noch vor der Dunkelheit erreichen", begründet Shirwa das angstschweißtreibende Tempo unseres Chauffeurs, " denn in Somalia gibt es kein Leben in der Nacht." Ohne zentrale Regierung, war sich der britische Philosoph Thomas Hobbes bereits im 17. Jahrhundert sicher, " ist das Leben einsam, arm, brutal und kurz". Die somalische Erfahrung lehrt, dass die Aufzählung des Philosophen zum Satzende hin immer zutreffender wird: Während von Einsamkeit in Mogadischu, keine Rede sein kann und die Sache mit der Armut noch zu überprüfen sein wird, sind "kurz" und "brutal" treffende Eigenschaftsworte für ein Leben in Somalia. Außer der britischen Journalistin wurden kurz vor unserer Ankunft auch ein von einer längst gescheiterten Übergangsregierung eingesetzter Polizeichef und zwei einflussreiche Geschäftsleute umgebracht. Und während unseres Aufenthaltes riss eine Bombe in der Nähe unseres Hotels drei Menschen in den Tod. Gemordet wird im Land der Machos, Mörser und Milizen generell straflos (allerdings muss mit Rache gerechnet werden): Denn natürlich gibt es im staatsfreien Raum keine Ordnungsmacht. Selbst Mogadischus Zentralgefängnis hat inzwischen dichtgemacht. Vor drei Jahren lernten wir dort Abdullahi Mohamed Hersi kennen, der seine Haftanstalt ohne jegliche Entlohnung jahrelang am Leben und ein paar arme Diebe hinter Schloss und Riegel hielt - jetzt hat auch er kapituliert.

Von der ehemaligen Perle Ostafrikas, so stellt sich am nächsten Tag heraus, ist kaum noch etwas auszumachen. Die legendäre weiße Stadt ist grau und fahl geworden: Zerschossene Regierungspaläste aus der italienischen Kolonialzeit ragen wie verrottete Zahnstümpfe aus lückenharten Häuserzeilen. Durch Mogadischus Straßen, deren Asphalt längst staubigen Hügelpisten Platz gemacht hat, ächzen Fahrzeuge, die einen wundem lassen, von welchen geheimnisvollen Kräften sie zusammengehalten werden. Dasselbe gilt für das gesamte Land: Ein Totalkollaps, den Staatsapologeten der gesetzlosen Entität Vorjahren schon prophezeiten, deutet sich nicht einmal an. Busunternehmer pressen Fahrgäste in fensterlose Transportruinen, an jeder zweiten Straßenecke findet sich ein Internet-Cafe, und auf dem Bakara-Markt bieten Händler vom italienischen Schlafzimmer-Set (1500 Dollar) bis zum Kamelfleisch (ein Kilo für zwei Dollar) alles an, was ein Somalier braucht - einschließlich Pässen (80 Dollar) und Kalaschnikow-Gewehren (400 Dollar).

Letztere zählen zu den begehrtesten Artikeln im wilden Osten Afrikas. Ein Gewehr gehört zur Grundausstattung der verbreitetsten Berufsgruppe - den Milizionären. Schätzungen zufolge bestreiten rund 60 000 Somalier ihren Lebensunterhalt mit der Dienstleistung Sicherheit im weitesten Sinn: vom AK-47- schwingenden halbwüchsigen Pimpf bis zum Geschäftsmann, der Pritschenwagen mit Vierradantrieb im Kombi-Pack mit einem halben Dutzend schwer bewaffneter Kämpfer vermietet. Auf die Frage, wovon er sonst lebt, antwortet einer unserer Beschützer: "Ich habe eine Straßensperre." Was klingt, als würde ein Hamburger Student erzählen, er jobbe nebenbei. Die Belegschaff seiner Straßensperre nennt unser Bodyguard "freelance militias", worunter selbstständige Raubritter zu verstehen sind, die weder auf einen Warlord noch einen Geschäftsmann hören. Der 21-Jährige, der nach eigenen Angaben bereits 20 Menschen getötet hat, behauptet, täglich bis zu 50 Dollar zu verdienen - so viel wie ein Arbeiter in Mogadischus Coca-Cola-Fabrik im Monat.

Wer für seine Funkfrequenz nichts zahlen muss, kann die billigsten Telefontarife Afrikas anbieten Jedes somalische Unternehmen - ob es sich um eine Fleischerei, ein Krankenhaus oder einen Privatflughafen handelt - muss für seine Sicherheit selbst sorgen, weswegen Unternehmen bis zu 40 Prozent ihres Budgets ausgeben, um halbe Armeen zu finanzieren: Die Hafenbetriebsgesellschaft Benadir beschäftigt allein 600 Milizionäre. Und nicht ohne Grund: Erst im Juli des vergangenen Jahres versuchte Kriegsfürst Musa Sudi, sich die lukrative Anlegestelle mit Gewalt zu nehmen. Mehrere Wochen lang lieferten sich Hafen- und Warlord-Milizen Schlachten, die mehr als hundert Menschenleben kosteten. Die Benadir-Kämpfer gewannen, weswegen auf dem 34 Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Anlegeplatz zumindest bis auf weiteres Ruhe herrscht.

El Ma'an ist vielleicht das eindrucksvollste, aber nicht das einzige Beispiel des somalischen Unternehmergeistes. Ein anderes finden Ortsunkundige, wenn sie dem notdürftig an Masten befestigten Strippengewirr am Rand des Bakara-Marktes im Norden Mogadischus folgen: Es führt zu mehreren fünfstöckigen Gebäuden, die nach dem Staatskollaps im Jahr 1991 errichtet wurden - steinerne Zeugen dafür, dass in Somalia selbst in anarchischen Zeiten Bleibendes geschaffen wurde.

Hier befinden sich die Hauptquartiere der drei größten Telefongesellschaften des Landes, die unser Begleiter Shirwa als Gelddruckmaschinen bezeichnet. Zwischen 1991 und 1995 habe es in Somalia kein einziges funktionierendes Telefongerät gegeben, erzählt Abdullah Mohamed, der energische Verkaufsmanager von Telcom Somalia - um mit ihren nach Übersee geflohenen Verwandten zu telefonieren, mussten die Somalier in den Nachbarstaat Äthiopien reisen. Als Telcom Somalia 1995 die ersten drei Leitungen freischaltete, standen die Leute selbst in der Mittagshitze drei Straßenblocks lang Schlange. "Spätestens da war klar", sagt Abdullah, "dass wir auf eine Goldader gestoßen waren." Zunächst beschränkten sich die Fernmelder auf normale Kabeltelefone. Aber diese waren nur mit großem Aufwand wieder in Gang zu bringen, da die Somalier im Bürgerkrieg sämtliche Kupferkabel von den Masten und aus dem Boden gezogen hatten - jede einzelne Leitung muss neu verlegt werden. Trotzdem brüstet sich Telcom Somalia damit, nicht mehr als zwei Tage für die Realisierung eines Installationsauftrages zu brauchen: Die Telefongesellschaft im seit Jahrzehnten demokratisch regierten Kenia schafft das nicht mal in zwei Wochen. Und seit sich auf dem somalischen Kommunikationsmarkt auch Konkurrenten eingenfunden haben, flicht jeder der drei Anbieter sein eigenes Kabelnetz: Da es kein (staatliches) Aufsichtsgremium für die Branche gibt, seien keine Absprachen zwischen den Konkurrenten möglich, zuckt Abdullah nur leicht bedauernd mit den Schultern.

Solche Verschwendung können sich die Telefongesellschaften leisten: Seit sie vor sechs Jahren auch mit Mobilfunk starteten, rollt der Rubel wie aus Röhren. Funkfrequenzen, für die Unternehmen in anderen Breitengraden Millionen Dollar an Lizenzgebühr bezahlen müssen, nahmen sich die somalischen Handy-Operateure einfach so - kein Wunder, dass sie die billigsten Tarife Afrikas anbieten können (50 Cents pro Minute Auslandsgespräch).

Ganz risikolos ist der Schwarzfunk allerdings nicht. Weil ohne Lizenzsystem jeder funken kann, der Lust und ein paar Secondhand-Geräte hat, können sich jederzeit neue Konkurrenten auf die Frequenzen drängeln, was jüngst auch tatsächlich geschah. "Ohne eine Aufsichtsbehörde können wir den Eindringling nur höflich bitten, seinen Betrieb wieder einzustellen", erläutert Abdullah: Andere Maßnahmen, die von der Größe der Unternehmens-Miliz abhängen, lässt der Manager unerwähnt.

Mittlerweile gibt es fast 100000 Handy-Besitzer in Somalia. Unsere Bodyguards haben eines, der Marktverkäufer, natürlich auch die Lastwagenfahrer - Mobiltelefone sind aus dem Straßenbild des Nichtstaates nicht mehr wegzudenken. Manager Abdullah rechnet damit, dass der Markt erst bei 300000 Handys gesättigt sein wird - bei einer Bevölkerung von acht Millionen Menschen allerdings kein Prozentsatz, der Mobilfunkanbieter in anderen Ländern vor Neid erblassen ließe.

Banken gibt es nicht, und so sind Überweisungen aus dem Ausland eine Wissenschaft für sich Denn trotz des sichtlichen Unternehmergeistes ist Somalia immer noch ein bettelarmes Fleckchen Erde. Hunderttausende von Flüchtlingen wohnen mitten in Mogadischu in Hütten aus Plastikplanen, die in Innenhöfen, auf öffentlichen Plätzen oder gar auf Hausdächern errichtet wurden: Ihre Bewohner leben von Almosen oder Gelegenheitsjobs, die mit höchstens einem Dollar pro Tag vergütet werden. Somalias Arbeitslosenquote steht bei "knapp unter hundert Prozent", sagt ein Ökonom im Zentrum für Forschung und Dialog: Regelrecht angestellt sind neben den 300 Beschäftigten einer Coca-Cola-Abfüllfabrik (die eine Gruppe somalischer Geschäftsleute für mehr als acht Millionen Dollar jüngst aus dem Boden stampfte) nur noch ein paar hundert Arbeiter einer Plastik- und einer Pastafabrik sowie eines Schlachthofes für Kühe und Kamele. Die ultrafreie Marktwirtschaft zu eigenen Gunsten auszunutzen gelingt nur wenigen - die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebt von der Hand in den Mund.

Dass in dem Land überhaupt noch manches funktioniert, ist nicht zuletzt den geschätzten vier Millionen Somaliern zuzuschreiben, die in alle Teile der Welt geflohen sind und nun Monat für Monat insgesamt 60 Millionen Dollar zur Unterstützung ihrer Familien nach Hause schicken - ein Viertel des gesamten somalischen Nationaleinkommens. Wie dieses Geld ins Land kommt, ist eine Wissenschart für sich, denn in Mogadischu gibt es seit 14 Jahren auch keine Banken mehr. Findige Geschäftsleute gründeten dafür originelle Geldinstitute wie den Global Money Transfer (GMT), dessen Hauptquartier sich in einem schneeweiß getünchten Bürohaus am Rand des Bakara-Marktes befindet.

Dort erzählt uns GMT-Finanzchef Mohamed Ibrahim stolz, sein Unternehmen beschäftige Agenten in weltweit mein" als 50 Staaten. Die nehmen die Bareinzahlungen der Exilanten entgegen und überweisen sie auf ein Bankkonto in Dubai. Dort versorgt GMT somalische Geschäftsleute, die für ihre Importe Dollar brauchen, mit den nötigen Devisen: Die Geschäftsleute zahlen GMT den Betrag aus ihren Erlösen in Mogadischu in bar zurück. Auf diese Weise erhält GMT die nötigen Scheine, um den in Somalia lebenden Adressaten des ursprünglichen Transfers ihr Geld zukommen zu lassen. Nur wenn die Überweisungen der Exilanten die von den Importeuren benötigten Beträge übersteigen, muss ein GMT-Mann mit einem Koffer voller Scheine den Weg von Dubai nach Mogadischu zurücklegen. "Das", sagt Finanzchef Mohamed, "versuchen wir zu vermeiden." Akzeptiert wird nur die Währung der verhassten Supermacht USA, obwohl Somalia mit dem Schilling durchaus über eine eigene Währung verfügt. Doch weil die höchste Banknote ein 1000-Schilling-Schein ist und ein US-Dollar derzeit 15000 somalische Schillinge wert, bekommt man für 100 Dollar 1500 Scheine der höchsten somalischen Banknote - und dafür ist schon eine Einkaufstasche nötig. "Wenn wir nur mit Schillingen arbeiten würden, müssten wir unser Geld in Lagerhallen halten und mit Lastwagen befördern", sagt Finanzdirektor Mohamed lachend. Um die nach Somalia überwiesenen Dollar in Schillinge konvertiert zu zählen (immerhin 900 Millionen Scheine), bräuchte selbst ein fingerfertiger GMT-Angestellter mehr als acht Jahre.

Gut möglich, dass Somalia dann sogar wieder über eine Regierung verrügt. Denn in den vergangenen zweieinhalb Jahren haben mehr als 250 Repräsentanten der somalischen Clans mit den einflussreichsten Warlords im Nachbarland Kenia eine Übergangsverfassung und die Besetzung eines neuen Kabinetts ausgehandelt - sogar einen neuen Präsidenten wählten sie. Es handelt sich um den 14. Versuch in genauso vielen Jahren, der Bananenrepublik wieder eine Regierung zu verpassen: Und dieser Anlauf, meinen ausländische Beobachter, sei der bislang aussichtsreichste.

Viele Menschen haben kein Interesse an einer staatlichen Ordnung - die gefährdet ihr Geschäft Die Stimmung auf dem einstigen Paradeplatz des 1991 entmachteten Diktators Siad Barre ist explosiv. Unsere Bodyguards bahnen uns eine Gasse durch tausende von Demonstranten, die unsere Anwesenheit mit Verwunderungsrufen und einem Mix aus offener Feindseligkeit und verhaltener Neugier quittieren. Seit dem Scheitern der UN-Mission "Restore Hope" und dem Massaker, das US-Soldaten 1993 ausgerechnet unter jenen Menschen anrichteten, zu deren Rettung sie entsandt worden waren, sind Weiße in Mogadischu nicht mehr gern gesehen.

"Allahu akbar", rufen die Demonstranten und "Weg mit den Äthiopiern!" Die Bewohner des Nachbarstaates werden seit langem beschuldigt, sich von den USA ermutigt in die inneren Angelegenheiten Somalias einzumischen - auch mancher Warlord soll von Adis Abeba aus finanziert worden sein. Inzwischen müssen die Mogadischer sogar befürchten, dass äthiopische Soldaten in ihre Stadt eindringen, denn der neu gewählte Präsident Abdullahi Yusuf will sich nur mit einer 15 000-köpfigen Schutztruppe der Afrikanischen Union aus seinem kenianischen Exil in die wilde Hauptstadt zurückwagen - darunter auch Truppen aus Äthiopien. "Wenn das passiert, gibt es Krieg!", ruft ein sich als "Gouverneur von Mogadischu" ausgebender Mann den Demonstranten zu. Peaceline-Direktor Shirwa nickt traurig mit dem Kopf.

Somalias wenige im Land gebliebenen Intellektuellen halten von der in Kenia getroffenen Vereinbarung nicht viel. "In dem neuen Kabinett sitzen Erzfeinde, die kein Wort miteinander reden", so Abdulkadir Yahya, Direktor des Zentrums für Forschung und Dialog: " Ihnen geht es weniger darum, als Minister einem neuen Staat zu dienen, als ihre Pfründe zu verteidigen." Weil die Warlords jeden bisherigen Staatsgründungsversuch vereitelten, wollte man sie diesmal einbinden. So wurde Kriegsfürst Omar Mohammed Mamut zum Minister für religiöse Angelegenheiten gekürt. Sein für Handel und Wirtschaft zuständiger Kollege ist Musa Sudi Yabahow - jener Kriegsfürst, der im vergangenen August den Hafen von El Ma'an gewaltsam übernehmen wollte.

Kein Wunder, dass die Betriebsgesellschaft Benadir der neuen Regierung äußerst skeptisch gegenübersteht, auch wenn Manager Ali Bere Ado versichert, Benadir sei eine neue Ordnung "hoch willkommen". Doch falls das Kabinett tatsächlich Fuß fassen sollte in Mogadischu, wäre sicherlich eine seiner ersten Amtshandlungen, den wegen der Revierkämpfe der Kriegsfürsten geschlossenen alten Hafen in Mogadischu wiederzueröffnen - das wäre der Todesstoß für El Ma'an und Benadir. In der Vergangenheit vereitelte Benadirs Miliz immer wieder den Versuch, Schiffe im alten Hafen Mogadischus anlegen zu lassen. "Außer den Warlords", erzählt unser Begleiter Shirwa, "ist auch vielen Geschäftsleuten an einer Veränderung des Status quo nicht gelegen." Gefahr für die neue Ordnung geht nicht nur von der Küste aus. Auch Telcom-Somalia hat gute Gründe, der Etablierung einer Regierung misstrauisch gegenüberzustehen: Denn gewiss würde das neue Kabinett den chaotischen Mobilfunkmarkt neu regeln, Lizenzen vergeben und dafür auch ordentlich kassieren. Selbst die Manager vom Global Money Transfer können der Rükkkehr der politischen Macht nicht gelassen entgegensehen, denn der wiedererstandene Staat würde internationale Banken, also Konkurrenz anlocken. "Die meisten Geschäftsleute versichern zwar öffentlich, dass sie gern Steuern zahlen würden, um wieder Sicherheit und Ordnung zu haben", sagt Direktor Abdulkadir vom Zentrum für Forschung und Dialog, "doch die Wirklichkeit sieht anders aus." Eine der selbst gesetzten Aufgaben von Abdulkadirs Zentrum ist, zwischen den Interessen der Geschäftsleute und den Politikern im Exil zu vermitteln. Das ist oft schwerer, als einen bewaffneten Konflikt zwischen zwei Warlords zu beenden: Fünfmal sind Abdulkadirs Schlichter schon daran gescheitert, eine Vereinbarung über eine Beteiligung Benadirs am Management des wiederzueröffnenden Hafens in Mogadischu zu finden. "Im Machtkampf zwischen Geschäftswelt und künftiger Regierung wird Somalias Zukunft entschieden", meint Direktor Abdulkadir.

Weniger Widerstand gegen eine neue Ordnungsmacht geht von den zahllosen kleineren, oft heldenhaften Privatinitiativen aus, die Somalia in der Zeit der Anarchie über Wasser halten. Dass etwa Yusuf Obeid die Imam-Shafici-Schule, die er im Jahr 2000 ohne einen Cent ausländischer Hilfe gründete, irgendwann an den Staat abgeben muss, ist höchst unwahrscheinlich. Und wenn, dann werden zumindest seine 19 Lehrer glücklich sein, die derzeit mit Monatsgehältern von 150 Dollar überleben müssen. Als Schulgeld verlangt Direktor Yusuf monatlich nur 15 Dollar. Da jedoch die wenigsten Somalier selbst diesen Betrag aufbringen können, besuchen höchstens zehn Prozent der somalischen Kinder Yusufs Schätzungen zufolge eine Schule. Dieser Tatsache sind die farbenfrohen naturalistischen Gemälde zu verdanken, die die Außenwände fast aller Läden, Arztpraxen oder "Restorants" in Mogadischu zieren: Dank ihnen können auch Analphabeten einen Schuster oder Zahnarzt finden.

Tunlichst in Ruhe lassen wird eine künftige Regierung auch die sechs aus dem Ausland zurückgekehrten Arzte, die sich Ende der neunziger Jahre zusammenfanden, um mit ihren Ersparnissen das Al-Hayat Hospital aufzubauen. In dem mustergültig geführten Privatkrankenhaus muss Gynäkologe Mohamed Ahmed zwar mit einem Bruchteil des ihm in London zur Verfügung stehenden Einkommens auskommen, doch die Gewissheit, "etwas wirklich Sinnvolles für meine Landsleute getan zu haben", lässt seine Augen strahlen.

Das Elman-Friedenszentrum, das seit Jahren mit einem aus Deutschland gespendeten Generator tausende von Haushalten im Mogadischu mit erschwinglichem Strom versorgt, würde sich ebenfalls uneingeschränkt über eine neue Regierung freuen. "Wenn der Staat wieder für Strom sorgen würde", sagt Elman-Direktor Yusuf Mohamed, " könnten wir uns auf unsere eigentliche Aufgabe der Berufsausbildung konzentrieren." Vermutlich muss Yusuf den Dieselgenerator aber noch eine Weile laufen lassen. Der erste Rückkehrtermin der Regierung (21. Februar) ist ereignislos verstrichen. Neben Kriegsfürsten und manchem Geschäftsmann gehören auch die 60 000 Milizionäre nicht zu den Fans einer neuen Regierung: Sie sind in der Regel khatsüchtig (ein der Koka-Pflanze vergleichbares ostafrikanisches Rauschmittel.) und ihre einzige Qualifikation ist Übung im Umgang mit einem Schnellfeuergewehr.

"Es sieht also kaum danach aus, dass Versuch Nummer 14 etwas würde", resümiert Shirwa, als er uns am siebten Tag - spürbar erleichtert - zum Flughafen begleitet. In seinen Zweifeln sieht sich der in der Sowjetunion ausgebildete Soziologe von einer kaum zu hinterfragenden natürlichen Autorität bestätigt. Somalias letzte Elefanten, berichtet Shirwa, seien während des Bürgerkrieges nach Kenia geflohen. Von dort kehrten sie gelegentlich zurück, um zu erkunden, ob ihre alte Heimat sicher sei. "Erst kürzlich", sagt der Peaceline-Direktor resigniert, "wurden sie wieder auf ihrem Weg zurück nach Kenia gesehen."