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Bauen für die Ewigkeit

Wer ein Haus baut, will etwas Bleibendes schaffen. Oder Preise gewinnen und berühmt werden. Manchmal gelingt beides.




I. Wo der Geiz der Schotten endet Es hagelte Hohn, Spott und Besserwisserei im Oktober 2004 in Schottland. In einem Land, in dem der Geiz sprichwörtlich ist, war ein Budget kräftig aus dem Ruder gelaufen: Die geplante Bausumme von sympathischen 40 Millionen Pfund für das neue schottische Parlament in Edinburgh war auf ungesunde 431 Millionen Pfund angewachsen, etwa 620 Millionen Euro.

Vor allem die britischen Boulevardblätter gaben sich wenig amüsiert. Statt über Architektur wurde nur noch über Geld lamentiert, und selbst den Feuilletonisten fiel es schwer, über Schönheit und Bedeutung zu reden. Doch als schließlich der Speichel der Gehässigkeit weggewischt war, wurde tatsächlich ein Edelstein sichtbar - und damit ist nicht nur das Ideenfeuerwerk der katalanischen Architekten Enric Miralles und Benedetta Tagliabue gemeint, sondern auch die hohe, aber immens teure Qualität der Baumaterialien: Sandstein aus Caithness, Kemnay Granit und vor allem schottisches Eichenholz, aber auch eine Sichtbetonqualität, wie sie sonst nur der japanische Architekt Tadao Ando hinbekommt, sind nicht billig zu haben.

Nach 300 Jahren Abstinenz soll das neue Parlament der Schotten das Symbol einer wiedergeborenen schottischen Stärke sein. Schaut her, ihr Engländer, in einem Europa der Regionen zählen auch wir etwas! Immer wieder fallt deshalb die Vokabel sustainable, nachhaltig, denn für gut hundert Jahre und länger will man gebaut haben. Und tatsächlich: Dieses Gebäude wird in Würde altem und altem und altem.

Nur so lässt sich begründen, dass dieses Haus allen heutigen Wirtschaftlichkeitsberechnungen widerspricht - 431 Millionen Pfund wurden für die Arbeitsplätze von 129 Abgeordneten ausgegeben. Doch dies ist ein Produkt mit Anspruch auf ein langes Leben, ja, sagen wir ruhig: auf Ewigkeit. Da spielt Geiz letztlich keine Rolle.

II. Haltbarkeit ist profitabel Wenn es gut läuft, kann ein Bauwerk einige Jahrhunderte alt werden: mit einem festen Fundament, einer guten Idee und der richtigen Geste. Einige Gebäude in Griechenland, Ägypten oder Italien halten schon seit mehr als 2000 Jahren. Die unbekannten antiken Baumeister sind inzwischen quasi die Referenz für Langfristigkeit und Haltbarkeit geworden. Ein gewisser Marcus Vitruvius Pollio hat ab 33 v. Chr. in seinen zehn Büchern über Architektur drei Dinge benannt, die die Seele guter und damit langlebiger Architektur zusammenhält: Firmitas, Utilitas und Venustas: also Festigkeit, Praktikabilität und Schönheit.

Seine Erkenntnisse haben sich trotz mancher Meinungsverschiedenheit der Experten im kollektiven Gedächtnis so fest verankert wie die Grundkomposition des antiken Dramas. Noch immer ist die Dreieinigkeit dieser Werte der gültige Bodensatz aller Architekturtheorien. Anders gesagt: "Bauen bewegt sich zwischen den Polen der Erhaltung der Körperwarme und des rituell-kultischen und ist für das survival during life genauso wie auch für das survival after life zuständig", wie der Wiener Architektenstar Hans Hollein im typisch kryptischen Stil seiner Zunft erklärt.

Es kommt vor allem auf die Mischung an. Gut gebaut allein reicht nicht, ist aber die Voraussetzung. Zur Grundlage einer guten, langlebigen Konstruktion stoßen weiche Ewigkeitsfaktoren. Die Weltwunder der Architektur wie die Kathedrale von Chartres lockt noch 800 Jahre nach ihrer Weihe Wissenschaftler und Touristen mit ihren geheimnisvollen Sonnenflecken und mythisch mathematischen Formehl, sie gehörte schon lange, bevor die Unesco es erfand, zum Weltkulturerbe, zu dem das schottische Parlament irgendwann auch gehören möchte. Im Alltag besitzen der Goldene Schnitt oder die Plausibilität antiker Konstruktionen immer noch Gültigkeit, weil sie sich bewährt haben - von den Vorteilen beim Energiesparen und dem angenehmen Raumklima dank uralter Baumethoden ganz zu schweigen.

Einer, der das früh erkannt hat, mit alten Maßsystemen arbeitet und archaische Fragmente seit Jahren erfolgreich in die Zukunft transferiert, ist der Südtiroler Architekt Werner Tscholl aus Latsch. Er ist ein kantiger Vinschgauer, der in Florenz studiert hat und seit Jahren Wohnhäuser baut, die auch mal wie alte Burgsöller aussehen. Sein Haus Rizzi in der Berggemeinde St. Martin wird als Natursteinrundling den Kampf gegen das raue Alpenklima für Jahrhunderte gewinnen können.

Tscholl und seine Kollegen zählen zu den pfiffigsten Architekten in Europa, was den Hausbau in der freien Landschaft betrifft. Sie erklären sich den Erfolg mit Methoden aus der Vergangenheit, "weil Abgeschiedenheit und Armut eine rigorose Einfachheit, aber auch Qualität mit sich gebracht haben".

III. Die Moderne kennt nur das Jetzt Was Marcus Vitruvius Pollio Praktikabilität nannte, heißt heute Flexibilität. Auch die ist planbar. Architekten reden dann gern von einer Primärstruktur, die bekannteste ist der Stahlbetonskelettbau, abgeschaut dem Säulensystem der Antike und auch im Holzständerbau alter Bauernhöfe zu Hause. Wer flexible Konstruktionen benutzt, denkt wirtschaftlich. Die beliebten Jugendstilhäuser wie in Berlin-Charlottenburg oder Hamburg-Eppendorf profitieren genau davon und zählen heute zu den langfristig funktionierenden Wohnimmobilien. Was als Bürgerpalast auf der Etage gedacht war, ist nach mehr als hundert Jahren immer noch gut vermiet- und verkaufbar. Heutige Architekten kommen ins Schwärmen: Die Zuschnitte der Wohnungen, das so genannte Durchwohnen zwischen zwei Himmelrichtungen und die geschickten Raumabfolgen - das ist hohe Gestaltungskunst.

Der viel gepriesene Wohnungsbau der zwanziger Jahre in Berlin, Hamburg oder Wien ist das gescheiterte Gegenbeispiel. Eine Zeit, die sich selbst Moderne nennt, erlaubt keine Ewigkeit: Ludwig Mies van der Rohe schrieb 1923 in einem Gedicht mit dem Titel "Bürohaus": "Nicht das Gestern, nicht das Morgen, nur das Heute ist formbar. Nur dieses Bauen gestaltet." Einer der Leithammel der modernen Architektur sah die Baukunst als Raum schaffenden Zeitwillen. Sein Hauptfehler bestand darin, sich ausschließlich mit den Ansprüchen seiner Zeit zu identifizieren und dabei stillschweigend vorauszusetzen, dass die gerade geltenden Minimalansprüche an Raum, Größe oder Höhe für immer und ewig Gültigkeit besitzen würden. Die Häuser wurden unter diesen Ansprüchen zu Wohnmaschinen.

Margarete Schütte-Lihotzkys berühmtes Raumsparwunder "Frankfurter Küche" war ein auf die Funktionen eines komplexen Küchenwerkzeugs reduzierter Raum, doch dabei setzten sich die Kochdünste fett auf der Mini-Sitzecke in der Wohnküche fest, weil es keine Trennwände gab. Der soziale Anspruch der Kleinstwohnungen (bescheiden, aber für alle) verwandelte 50 Jahre später die Avantgarde-Architektur zum Schauplatz sozialer Brennpunkte. Zu kurz gedacht eben, und spätestens seit dem 15. Juli 1972 gilt Schüttes Welt nur noch als Armutszeugnis.

Damals hatte der britische Kulturkritiker Charles Jencks spöttisch und schadenfroh den Zeigefinger gehoben und mit der Sprengung der Hochhaussiedlung Pruitt-Igoe in St. Louis den Bankrott der Moderne erklärt. Der Architekt war ein US-Amerikaner japanischer Herkunft namens Minoru Yamasaki (1912 -1986), dessen anderes Großbauwerk 2001 aus weitaus brutaleren Gründen zum Einsturz gebracht wurde. Das World Trade Center galt islamischen Fundamentalisten als Kathedrale des westlichen Wirtschaftssystems - eine Ikone der Architektur hat manchmal eben auch Todfeinde.

Die moderne Kunst wollte abstrahieren, die moderne Architektur entmaterialisieren. Die Ergebnisse sehen wir heute in unseren Innenstädten: Menschen in Büros hinter Vollglaswänden, nahezu schutzlos an ihren Schreibtischen, nein, im Straßenraum sitzend. Der Berliner Architekturkritiker Kaye Geipel wirft der Transparenz und nackten Ehrlichkeit vieler Bürohäuser von heute mangelnden Sexappeal vor, er vergleicht sie mit Madonna, die er nackt für weniger beachtenswert hält als mit dem Bustier von Jean Paul Gaultier, das sie auf ihrer Welttournee 1990 trug. Offen und transparent will man sein - aber wer wird sich dafür in 20 Jahren noch interessieren?

Der hungrige Kapitalismus hat sich zum Gegenprogramm der Langlebigkeit entwickelt. Anfang der neunziger Jahre hörte das Crystal Light Building des japanischen Babyboomer-Architekten Masaham Takasaki nach gerade drei Jahren jäh auf zu leuchten -weil es abgebrochen wurde. Zehn Jahre hatte Takasaki an dem biomorphen Edelstahlei gearbeitet, das als verrücktestes Gebäude von Tokio galt und als surreale Plastik auffallen wollte. Aber der Preis war zu hoch, es war unvermietbar, und als Anfang der neunziger Jahre die Seifenblase des japanischen Super-Boom platzte, wurde auch dieses Ei gesprengt. Wer heute den Bau-Boom in Schanghai erlebt, ahnt die nächsten Abrisse.

Bauen zu Boom-Zeiten hat Tücken, leider denken schnell wachsende Volkswirtschaften unter dem Diktat der Gier zu kurzfristig. Das gilt ungefähr seit der Manchester-Moderne. Erst war die Arbeitsleistung des Einzelnen nichts mehr wert, dann das Material, dann beides - moderne Techniken erlauben die immer schnellere Reproduktion von allem.

IV. Südtirol kontra Schanghai. Wer lernt von wem?

Kai Richter (Bothe Richter Teherani Architekten) ist einer der Vertreter der euphorischen Hamburger Freunde der Glasfassade im Bürohausbau. Er kommt allerdings rasch ins Grübeln, wenn man ihn mit dem Langlebigkeitsaspekt konfrontiert. Seine Firma BRT ist mit avantgardistischen Versuchen und Innovationen im Bürohausbau bekannt geworden, auch, weil sie sich um alternative Energie, Kühldecken und andere klimatische Erneuerungen gekümmert hat.

Ihr Büro liegt im selbst entworfenen Bürohaus Deichtor, das man aufgrund des dreieckigen Grundrisses auch als gläserne Version des Chilehauses betrachten kann, das seit 1924 genau gegenüber steht und zu den Ikonen der Hamburger Baukultur zählt. Damals ließ es der Salpeterindustrielle Henry B. Sloman in nur zwei Jahren von 4000 Handwerkern als Zeichen des Wiederaufbaus nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Boden stampfen. Inzwischen wurde es mehrfach saniert, aber dank seiner neutralen Grundrisse und der Solidität ist man geneigt zu glauben, dass das Chilehaus alle Widrigkeiten der Zukunft meistern wird.

Ob das Bürohaus Deichtor auch 75 Jahre überstehen wird, ist unklar. Kai Richter zuckt beim Begriff Langlebigkeit leicht zusammen. Das sei relativ. Ja, beim Skifahren, da träfe man eben den Forstwirt aus Südtirol, der das Haus seiner Familie für drei bis vier Generation baut. Aber in Schanghai oder in Moskau sind bereits 15 Jahre eine lange Zeit, manchmal sogar fünf. Da schwingt die zeitgeistige Unsicherheit wieder mit: Die globalen Gesetze scheinen die Illusion von Langlebigkeit zu verbrennen. Die Visionen südtiroler, steirischer oder schwäbischer Schollenbauer scheinen ins Museum des alten Europas zu gehören.

Wenn das mal kein Irrtum ist.

Kai Richter, der so eine Art Wissenschafts- und Lehrbeauftragter bei BRT ist, nennt rechnerische Modelle und Methoden zur Entdeckung und Durchsetzung der Langlebigkeit. Je mehr Energie in die Energieersparnis investiert wird, desto langlebiger ist das Haus, so eine seiner Thesen. Aber was heißt das?

Die normale Lebensdauer gilt heute nicht mehr für ein ganzes Gebäude, Fachleute unterscheiden nach Gewerken: Der Rohbau, heute meist aus Stahlbeton, hält 50 bis 60 Jahre. Echte Erfahrungen fehlen noch, es ist also noch die Frage, in welcher Verfassung er überlebt. Er überlebt aber in jedem Fall den Ausbau, also das sekundäre System, um ein Sechsfaches.

Laut Kai Richter ist der Ausbau im Büro, also die Trennwände aus Rigips und die Ausstattung, nach fünf bis zehn Jahren erneuerungsbedürftig. Die Technik bringt es auf 15 bis 20 Jahre, die Fassade auf 20 bis 30 Jahre. Der Rest ist Spekulation. Denn immer wieder gibt es Quantensprünge, wie jener in der Glastechnik, der zum Beispiel vor 20 Jahren eine völlig neue Glashausgeneration mit sich brachte.

Was sich sehr technisch anhört, hat laut Dieter Becken viel mit Investment-Intelligenz zu tun, denn neben dem Primär-Investment des Bauwerkes gibt es auch ein sekundäres: Betriebs- und Energiekosten - die zweite Miete. Becken, selbst Bauingenieur und Architekt, gehört in der Hamburger City nicht nur das Bürohaus Deichtor - er hält nach eigenen Angaben fünf bis sechs Prozent des Marktes in Hamburg, allein 2005 hat er 11000 Quadratmeter Büroraum neu vermietet. In künftig möglicherweise dramatisch wachsenden Energiekosten sieht er einen entscheidenden Faktor für die langfristige Marktfähigkeit von Immobilien: "Wer langfristig denkt, muss eine immense Steigerung der Primärenergiekosten einkalkulieren." Becken setzt deswegen auf natürliche Lüftung, Solarenergie und Erdwärme: "Zurzeit rechnen wir etwa 60 bis 70 Cent pro Quadratmeter und Jahr, im Gebäude Doppel-XX (ebenfalls von BRT entworfen) haben wir das auf die Hälfte gesenkt." Leider fressen die hohen Reinigungskosten der Glasfronten die Ersparnis heute zur Hälfte wieder auf. Wenn die Ölpreise weiter steigen, sollte sich das Verhältnis langfristig aber stark verbessern.

V. Langfristigkeit beginnt mit Langsamkeit Dass es sich lohnt, langfristig zu denken, hat nicht zuletzt der verheerende Tsunami Ende vergangenen Jahres gezeigt - so manches anständig gebaute Hotelgebäude hätte eine größere Überlebenschance gehabt als die wenig widerstandsfähigen Bettenburgen. Doch neben der materialistischen Qualität zählt auch der ideelle Wert: Das schottische Parlament ist dafür ein Beispiel. Die Architektin. Benedetta Tagliabue wollte nicht nur zurückblicken: "Wir wollten herausfinden, wie man heute typisch schottisch bauen kann. Wie kann man zum Beispiel die für das Land typischen Merkmale Schloss oder Burg und Schiffsbau sinnvoll technologisch miteinander verknüpfen?" Ein Link in die Zukunft könnte auch die "BMW Welt" werden, die 2006 am Münchener Olympiagelände als Event- und Auslieferungscenter eröffnet wird. Eine lebendige Stadt mit vielen Angeboten unter einem Dach, die von der Wiener Gruppe Coop Himmelb(1)au entwickelt wurde: "Offene Architektur bedeutet nicht nur offene Räume, sondern auch offenes Denken, das offene Systeme zulässt. Das setzt einen dynamischen Prozess in Gang und fordert zur Veränderung auf!" Himmelblau-Gründer Wolf D. Prix nennt seinen Entwurf ein Schachspiel auf der digitalen Ebene. Mithilfe der Computer ist heute jene Architektur baubar, die zu Beginn seiner Karriere eher ein Traum bleiben musste. Die BMW Welt "setzt reale Zeichen in unserer global digitalen Gesellschaft, die, wie man weiß, den Nachteil hat, dass ihre virtuellen Images, also digitalisierten Bilder, nicht ins Langzeitgedächtnis gelangen".

Der Kreis schließt sich. Obwohl Architekten wie Prix dabei sind, das uralte System von Stütze und Balken aufzulösen und damit optisch die Schwerkraft in Frage zu stellen, kennen sie Vitruv. Das Dach bietet Schutz, die Primärstruktur ist aus Beton, und alles ist flexibel, denn alles soll hier bis hin zur Autoproduktion denkbar sein. Das ist dann auch die Idee, die bis weit in die Zukunft halten soll: Dynamik.

So könnten am Ende wir alle von solchen Strategien und Ideen lernen. Kein anderer Berufszweig scheint so gut als Berater für Langlebigkeit geeignet zu sein wie der des Architekten. Das glauben zumindest die Architekten. Selbstbewusst fordert der finnische Architekt Juhani Pallasmaa die Langsamkeit als eines von sechs Hauptthemen in der Architektur für das dritte Jahrtausend: "Wir brauchen eine Architektur, die Schnelllebigkeit und Moden zurückweist. Statt einer Beschleunigung des Wechsels und des Gefühls der Unsicherheit muss die Architektur unsere Erfahrung der Realität verlangsamen, um einen Erfahrungshintergrund für das Erfassen und Verstehen von Veränderung zu schaffen. Denn die Architektur verfügt über eine stillschweigende Weisheit, die sich in der Geschichte und der Tradition angesammelt hat."