Partner von
Partner von

Heiß-kalt

Wer Konflikte führt, wird die Realität erkennen. Aber wer will das schon? Harmoniesucht und Opportunismus sind die größten Barrieren auf dem Weg nach vorn.




1) Ruhe und Frieden

Die beste Form der Verteidigung, das ist für Gunter Chassé geordnetes Abheben. Wer jetzt meint, dass der Oberstleutnant a. D. der deutschen Bundeswehr dem Feind seine Weltsicht mit Bomben und Granaten näher bringen will, der irrt. Chassé fährt härtere Geschütze auf: Er hat eine Methode.

Nach Angaben ihrer Erfinder ist die ein todsicherer Tipp bei der Herstellung friedlichster Verhältnisse.

"Dadurch werden negative Tendenzen aufgelöst und positive Trends gestärkt. Feindliche Absichten werden in freundschaftliches Verhalten verwandelt, sodass es keine Feinde mehr gibt - weder im Innern noch von außen." Jedes Angriffsziel, ob Stadt oder Land, "erhält damit einen unbesiegbaren Schutzschild, den keine Art von Negativität zu durchdringen vermag", schreibt Chassé.

Frieden. Totaler Frieden. Das wäre natürlich klasse, meinen viele, die von der Zwischensumme politischer Korrektheit, die die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten erfüllte, etwas enttäuscht sind. Draußen vor der Tür: Terror, Krieg und Streit mit alten Kumpels, Knatsch mit immer mehr EU-Staaten und Konkurrenten in allen Erdteilen.

Und innen? Verwirrung, Ziellosigkeit, Ermattung überall. Die längste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik macht ruhig, aber nicht friedlich. Immer wieder anstrengende wie ergebnisfreie Scharmützel um die stetig kleiner werdenden Restbestände der Republik. Sozialstaat light. Reformen und Perspektiven im Lego-Format.

Wer da wenigstens eine Methode hat, ist besser dran. Unter den Blinden ist der Einäugige König - so wie der Umschattete den Orientungslosen ein Licht ist in der Finsternis.

So empfiehlt Friedensstifter Chassé der deutschen Bundeswehr statt Bomben, Granaten und Roland-Berger-Gutachten "8000 Soldaten, die in der Technologie der Unbesiegbaren Verteidigung ausgebildet und eingesetzt werden". Ihr Standort sind so genannte "Friedenspaläste", von denen man weltweit rund 3000 bräuchte, um jede Unbill zwischen Menschen schnurstracks in Harmonie zu verwandeln. Die "Friedenssoldaten" konzentrierten sich einfach auf das Gute und schwebten dabei einen halben bis einen Meter über dem Boden. Jeder Angreifer, so die Theorie, würde dadurch augenblicklich so zahm, als wäre er frisch an der Zirbeldrüse operiert worden.

Wer glaubt so etwas?

2) Formel Gutmensch Chassé ist Vizepräsident der so genannten Maharishi Weltfriedens-Stiftung. Die ist Teil des weltweiten Love-&-Peace-Konzerns des in den Niederlanden lebenden und aus Indien stammenden Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Im Verein tummeln sich Quantenphysiker, Techniker, Juristen - Bürger also, die kaum unter Eso-Verdacht stehen. Und Chassés Erklärung der Schwebe-Methode klingt für den Normalverbraucher irgendwie vertraut: Wir nutzen ein "praktisches, wissenschaftlich erprobtes Programm, das die ganzheitliche, evolutionäre Kraft (...) belebt, um Kohärenz und Harmonie im kollektiven Bewusstsein der Nation und der Völkerfamilie als Ganzes zu erzeugen. Terrorismus und Krieg werden dadurch dauerhaft verhindert, sodass jedes Land unbesiegbar wird".

Super - und die Methode wirkt auch noch gegen Rauchen, Trinken, Krebs und Herzinfarkt.

Nicht jeder mag das glauben. Vor vier Jahren verklagten die Friedenskrieger die halbe Bundesregierung, weil die sich beharrlich weigert, die Schwebemethode flächendeckend einzuführen. Ein Berliner Staatsanwalt wies die Klage zurück. Denn wenn das mit dem Frieden durch Schweben alles stimme, dann müsse man sich wohl fragen, "weshalb das nicht bereits wesentliche Teile der deutschen Bevölkerung für sich entdeckt hätten".

Diese Beurteilung mag für die Marke - Schwebe-Meditation nach Maharishi - gelten, nicht aber für den Sachverhalt im Allgemeinen. Denn genauer betrachtet: Große Teile des Landes meditieren längst, und sie setzen alle Hoffnung auf Transzendenz, das Überschreitende, Übersinnliche. Abgehoben und fern der Welt wird Harmonie beschworen, wo immer es nur möglich ist. Auch lässt sich nicht leugnen, dass das, was die Friedenskrieger beschreiben, fugenlos in jedes Konfliktlösungs-Seminar passt - also in jene surrealen Veranstaltungen, bei denen Führungskräfte am Wochenende so richtig gut sein dürfen, um sich tags darauf wieder zwischenmenschlichen Niederungen zuzuwenden.

Das Negative durch das Positive neutralisieren - aus Feinden Freunde machen und sich selbst damit unbesiegbar, ja unangreifbar - das passt auf jedes Flipchart. Es ist die Formel der Generation Gutmensch, die meint, dass sich Zwiespalt und Widerspruch - nichts anderes bedeutet Konflikt ursprünglich - durch lauwarmes Weggucken regeln lässt.

3) Die innere Sicherheit Widersprüche sind unklar, und was unklar ist, ist garstig. Weil Konflikte Zeit kosten, lässt man am besten die Finger davon, in den Unternehmen ganz besonders. Auf der launigen Website " Führungswissen für Vorgesetzte" - einem Tochterunternehmen des Verlags für die Deutsche Wirtschaft - findet sich eine allgemeingültige Definition dessen, was die meisten für einen Konflikt halten: "Von einem Konflikt spricht man immer dann, wenn zwei oder mehrere Personen etwas tun oder zu tun beabsichtigen, was den anderen behindert, blockiert, bedroht oder verletzt." Mehr arbeiten als die Teammitglieder? Behinderung. Nachfragen, ob alles auf dem richtigen Weg ist? Blockierung.

Neues vorantreiben? Bedrohung.

Widerstand gegen Altes, Beharrendes, Falsches? Verletzung. Die Quersumme des Leitsatzes heißt: Wer nichts tut, löst auch keinen Konflikt aus.

Konflikte, unterschiedliche Meinungen, Zwiespalt, Widersprüche, all das darf es nicht geben, wo die Harmoniesüchtigen die Mehrheit bilden. Opportunismus um jeden Preis - das treibt seltsame Blüten. Streiten, worum auch immer, das will heute kaum noch jemand. Der Sinn des Streits ist leicht zu verstehen: Menschen sind verschieden - und neue Sichtweisen werden nicht dadurch offenbar, dass sich jede Meinung einer anderen angleicht. Auseinandersetzung, Konflikt und Streit sind die Motoren des Fortschritts. Man muss sich nicht umbringen. Aber miteinander streiten. Doch das ist politisch furchtbar unkorrekt.

Welche Gründe es auch dafür geben mag, dass sich Menschen bei der Arbeit nicht grün sind, längst haben findige Sozialpsychologen dafür den Begriff des Mobbing (Kollegen untereinander) und Bossing (Chef gegen Mitarbeiter) erfunden. Mehr als eine Million Menschen in der Bundesrepublik sind Mobbing-Opfer - so steht es zumindest im Mobbing-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2002.

Niemand bestreitet, dass es boshafte Kollegen und fiese Chefs gibt. Doch die unfassliche Zahl legt etwas ganz anderes nahe: dass jeder Konflikt als zutiefst persönliche Störung der inneren Sicherheit erlebt wird. Konfrontation, Widerstand, Courage - all diese Tugenden bleiben außen vor. In diesem Klima wird kein Widerspruch, kein Zwiespalt geduldet.

Das Aas ist immer der andere. Die soziale Umwelt, die Tatsache, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sein können, eine einzige Zumutung. Kein Wunder also, dass dieselben Forscher ausmachen, dass 70 Prozent aller deutschen Vorgesetzten Profi-Mobber sind.

Konflikte verlangen Arbeit, Energie, Mut und Ausdauer - doch die meisten Menschen wollen keine Veränderung, sondern nur ein bisschen Frieden. Solange Reformen und Veränderungen als ganz allgemein und wenig persönlich betrachtet werden, ist mit der Reformbereitschaft der Bevölkerung voll zu rechnen.

Allerdings, wie Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Vorjahr sagte, ist damit noch kein neuer Staat zu machen: Zwar gäbe es einen stetig wachsenden Reformwillen, doch wo es konkret um eigene Opfer gehe, herrsche nach wie vor viel Eigensucht vor.

4) Der Kalte Krieg, Teil I Dass satte Gesellschaften den Konflikt nicht lieben, hat der Soziologe Ralf Dahrendorf schon vor mehr als 40 Jahren aufgeschrieben. Er verband damit die beiden Extreme der Konflikttheorie: Auf der einen Seite Jean-Jacques Rousseaus Consenus-Theorie, auf der anderen die herbe Variante der Auseinandersetzung, die der englische Philosoph Thomas Hobbes in seinem " Leviathan" vor gut 350 Jahren niederschrieb.

Homo homini lupus - der Mensch ist des Menschen Wolf. Jeder gegen jeden, der permanente Konflikt, der dauernde Wandel. Für Hobbes war es klar, dass sich Gesellschaften nur unter Druck ändern. Konflikte waren für ihn der Treibstoff jeder Veränderung.

Der romantische Aufklärer Rousseau setzte dagegen auf soziale Anpassung und Erziehung: Seine ideale Gesellschaft ist ein "wohlintegriertes Gefüge", stabil und beharrend. Veränderungen werden lange abgewogen, bis sich die tragenden Teile der Gesellschaft - Eliten, Avantgarde und eine kritische Masse von Bürgern - auf die Socken machen.

Für Dahrendorf sind beide Grundannahmen richtig und schließen sich nicht aus. Konflikte, wenn sie nötig sind, und aus ihnen lernen, um weitere Auseinandersetzungen, die sicher kommen, besser bestehen zu können, ohne sich zu vernichten. Entscheidend ist, dass eine Gesellschaft nicht in einem dieser Zustände stehen bleibt. Das wirkliche Leben kennt nun mal Konkurrenz und Konflikt, aber auch deren Grenzen. Alles zu seiner Zeit.

Ein Blick auf die Uhr.

Die eine Hälfte des Landes will nach vom, die andere nichts verlieren. Nicht jeder von uns steckt jeden Tag in diesem Konflikt, doch es gibt niemanden, der sich ihm entziehen kann. Die einzige Rettung heißt: die Widersprüche, den Zwiespalt verstehen. Doch das ist gar nicht so einfach. Es kommt ganz darauf an, wo man gerade eben - oder besser: noch immer - drinsteckt.

Sozialwissenschaftler unterscheiden in der Theorie streng nach heißen und kalten Konflikten. Ein heißer Konflikt entspricht dem, was wir im Grunde von ihm erwarten: harte verbale Auseinandersetzungen, Streit. Emotionen überall. Um die Sache nicht überkochen zu lassen, versuchen viele, den Konflikt zu beruhigen. In der Regel geschieht das durch Verhandlungen, Sachlichkeit, Wägen und Messen des Streitgrundes. Dazu muss man eines: miteinander reden, wenngleich auch heftig, emotional, laut und übers Ziel schießend. Ein heißer Konflikt ist pure Kommunikation.

Man sagt sich die Meinung.

Man sucht die Auseinandersetzung.

Das muss nicht Krieg bedeuten, aber die Grenze zwischen heißer Emotion und Eskalation ist fließend. Deshalb versuchen beide Seiten, den heißen Konflikt auskühlen zu lassen. Ein Kühlschrank für solche heißen Konflikte sind etwa Tarifrunden und Verhandlungsausschüsse - alles Diplomatie, die versucht, die Politik der Gefühle zu versachlichen. Doch das genügt nicht.

Denn dummerweise führt der Abkühlungsprozess nicht immer dazu, dass am Ende alles gut wird. Wenn aus dem heißen Konflikt ein kalter wird, dann sind wir dort angelangt, wo unsere Gesellschaft steht. Die Konfliktforscher Eva Maringer und Reiner Steinweg haben das so beschrieben: "Die Konfliktparteien haben resigniert, sie verkehren so wenig wie möglich direkt miteinander, die Kommunikation ist eingefroren oder auf das unvermeidliche formelle Mindestmaß begrenzt. Direkte Begegnungen finden nicht mehr statt. Die Konfliktparteien befehden sich aber nach wie vor aufs Ärgste, jedoch hintenherum, durch Intrigen, falsche Gerüchte, Abwertung in Abwesenheit des Gegners usw. Krankheiten nehmen zu." Damit wird klar, dass die scheinbar harmonische Welt des kalten Konfliktes keineswegs die beste aller Welten ist. Sie macht den latenten Konflikt, den Zwiespalt, zum Dauerzustand. Unten gärt, was an der Oberfläche sorgsam verdeckt wird. Kalter Krieg.

Die historische Ära des Kalten Kriegs, des globalen kalten Konfliktes, begann unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs und endete mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten zwischen 1989 und 1991. In diesen vier Jahrzehnten nach dem Krieg standen sich zwei Machtblöcke gegenüber, deren Vernichtungspotenzial das Vieltausendfache dessen betrug, was für das Ende der gesamten Menschheitsgeschichte nötig gewesen wäre. Doch nur selten standen sich die Kontrahenten direkt gegenüber: 1961 in Berlin und in der so genannten Kuba-Krise ein Jahr später.

Viele sehen heute diese Zeiten als die besten, die die Welt jemals hatte. Es war klar, wer Freund war und wer Feind. Über Orientierung musste man nicht lange nachdenken.

Wohlstand und Prosperität entwickelte sich schnell und für viele, nicht nur in der Ersten Welt. Dass der größte Konflikt der Menschheitsgeschichte über all dem stand, bestimmte das Leben der Menschen nicht wirklich.

5) Der Kalte Krieg, Teil II Der Hamburger Konfliktforscher Peter Lock glaubt sogar, "dass es den Konflikt des Kalten Krieges gar nicht gab. Das war eine ideologische Figur, die vorrangig den jeweiligen Systemen und Machteliten nach innen gedient hat. Man weiß heute sehr gut, dass kaum eine der militärischen Strategien der Supermächte im Ernstfall effizient gewesen wäre. Beide Seiten waren auf eine militärische Auseinandersetzung kaum vorbereitet. Aber weil offiziell alles auf das Wettrüsten, auf die Konkurrenz der Systeme ausgelegt war, konnten sich die Machteliten im Inneren ruhig etablieren. Die Bedrohung von außen sorgte für Ruhe nach innen".

Noch spannender wird Locks Analyse des großen kalten Konfliktes, wenn die Konsequenzen für die beiden deutschen Staaten mitgedacht werden: In West und Ost gaben die Regierungen ihre Verantwortung ab - die einen an die USA und Nato, die anderen an die Moskauer Machthaber des Warschauer Pakts. Es gab keine eigenständige militärische Doktrin, die in West- oder Ostdeutschland erkennbar gewesen wäre.

So wuchsen die Menschen in der BRD und in der DDR zwar unter verschiedenen Rahmenbedingungen auf, letztlich aber unter einer großen Klammer: als Bürger von Staaten, die "wenig oder gar nicht souverän waren", wie Lock sagt. Ein Schwebezustand, der bis heute andauert.

Gut 70 Prozent aller Fusionen zwischen Unternehmen scheitern, auch, weil es vor dem Zusammenschluss keinen ausgiebigen Streit gegeben hat, der klärt, was man gemeinsam will und was nicht. Doch fast immer erklären die Fusionierer, dass sie das Gemeinsame aneinander ganz besonders interessieren würde - und nicht der Widerspruch, das Andere und natürlich damit auch der Konflikt mit dem Anderen, der das eigene Unternehmen aus eingefahrenen Bahnen vorwärts bringen könnte.

Unklar ist auch, was Ost- und Westdeutsche aneinander bindet. Nach der Fusion von 1990 bestand der wesentlichste Vorteil der Wiedervereinigung aus Ost-Sicht darin, dass damit auch der Eintritt in die bundesrepublikanischen Sozialsysteme inklusive war. Weder Ost noch West fragten danach, welche gemeinsamen Ziele diese Fusion haben sollte - von pathetischen Floskeln, die die Orientierungslosigkeit der Aktion nur halbherzig verschleiern konnten, mal abgesehen. In einem ungeheuren Tempo begleiteten die Harmoniebekundungen die Wiedervereinigung. Nur wenige, wie der Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, widersprachen dem. Von einig Vaterland, das letztlich immer noch eine Frage der gemeinsamen Ziele ist, keine Spur. Die einzige Konstante ist der Kalte Krieg zwischen den Wiedervereinigten, begleitet von einem wenig Frieden stiftenden 80-Milliarden-Euro-Budget für den Aufbau Ost - pro Jahr. Ein Ende ist nicht absehbar.

Jede Seite glaubt, von der anderen gemobbt zu werden. Empören sich Ossis und Wessis übereinander, dann heißt es schnell: "Man darf ja nichts sagen" - und das ist nicht mal falsch.

7) Zwiespalt Der Schein trügt also. Was so viele Deutsche an den guten alten Zeiten vor 1989 vermissen, ist nicht die Orientierung von damals, sondern die Tatsache, dass sie sich um sehr wenig zu kümmern hatten. Und auf einmal standen die Länder, wieder vereinigt zu einem, ohne Vormund da. Halbwüchsig, pubertär. Widersprüchlich, in einem tiefen Zwiespalt. Und die vereinigten Bürger reagieren, mit langer Verzögerung, bockig - wie sich an den nach wie vor laufenden Auseinandersetzungen zwischen der Bundesrepublik und den USA zeigt.

Nach dem 11. September 2001 waren Millionen Bundesbürger zutiefst betroffen vom Anschlag auf das World Trade Center, Zehntausende legten vor der amerikanischen Botschaft und den Konsulaten Blumen nieder und steckten Kerzen an.

Anderthalb Jahre später bricht sich der zweite Teil des Widerspruchs Bahn, als die Amerikaner den Irak besetzen. Gegen diesen Krieg gibt es viele gute Gründe, das glaubt auch Peter Lock. Doch die Anti-Amerika-Demonstrationen haben eine anderen Hintergrund: das "Ausblenden von Wirklichkeit, das Fehlen echten Konfliktbewusstseins. Da feiern jetzt wieder Leute Urstände, die denselben Unsinn wie vor 20 Jahren reden, gebetsmühlenartig die Legende vom militärisch-industriellen Komplex wiederholen. Die Irak-Politik der USA ist nicht rational begründet, es geht dort eben nicht um Öl und Wiederaufbaugeschäfte". Folgten die Proteste irgendeiner Logik, müssten die Leute das wissen, meint Lock: "Wenn die Konzerne die Politik gemacht hätten, wäre es nie zum Krieg gekommen. Die preiswerteste Methode, günstig an große Mengen Erdöl zu kommen, ist immer noch ein kleiner, korrupter Diktator. Weshalb hat man also einen kleinen, korrupten Diktator abgelöst? Das ergibt keinen Sinn." Hinter der Fehlsichtigkeit steckt, wie so oft, menschliche Enttäuschung: Die Amis haben uns im Stich gelassen. Mit dem Ende der Mauer dämmerte vielen, was schon vorher Realität war: Die Bundesrepublik und die USA sind wirtschaftliche Konkurrenten.

Deutschland ist immer noch im Kalten Krieg - über Monate wurden zwischen Berlin und Washington keine Gespräche geführt. Die Strategie war, dem großen Bruder von einst nur ja nicht offen zu sagen, was man von ihm hielt. Eisiges Schweigen. Intrige. Und das Gefühl, gerade eben gemobbt zu werden.

"Konflikte zu führen heißt Realität erkennen" , sagt Peter Lock.

8) Reflexe Gern würde sich Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte an der International University in Bremen, diesem Motto stellen. Doch er weiß: Einen Gegner zu finden, mit dem sich ein Konflikt führen lässt, mit dem man sich über Zwiespälte und Widersprüche hinweg zu einem Ergebnis, zu einer Realität, durchstreitet, das ist hier zu Lande alles andere als einfach. Der Professor ist ein begehrter Gast im deutschen Feuilleton geworden, auf der beherzten Suche nach Konfliktpartnern. Dort spricht er sich für eine Verfassungsänderung aus, die dem Bürger mehr Mitgestaltung gibt, gleichsam aber auch der demokratisch gewählten Regierung mehr Macht. Was heute noch vor Vermittlungsausschüssen von Bundestag und Bundesrat endet, sollen gewählte Regierungen künftig in vier Jahren einfach machen können. Er ist für Steuer- und Sozialsysteme, die jeder Bürger klar verstehen kann. Für wirkliche Reformen, Änderungen also. Daran müssten sich viele reiben - allemal die, die an der Macht sind.

Doch was immer Nolte auch sagt, wofür er auch streitet, was er dem Bestehenden auf Podiumsdiskussionen bei SPD, Grünen, Union auch sagt, "alle sind irgendwie dafür". Das liegt nun nicht daran, dass Einsicht eingekehrt wäre. Es ist das zustimmende Nicken der Unentschlossenen, die den kalten Konflikt jeder heißen Auseinandersetzung vorziehen.

"Mein Eindruck ist, dass sich einfach niemand etwas zu sagen traut. Eine ganze Generation Intellektueller hält den Mund, wenn es um die großen Themen unserer Zeit geht: Soziale Gerechtigkeit, Arbeit, Steuern, Sozialwesen, Verfassung - dazu hört man nichts. Aber wenn die USA gegen den Irak in den Krieg ziehen, dann springen ein paar Herzeige-Intellektuelle wie Jürgen Habermas aus der Kiste." Das ist Kopfkino, kein Konflikt. Die Folgen sind klar: Klappe halten statt Konflikte austragen. Nur nichts offen aussprechen. Könnte missverstanden werden. Und was, wenn alles nicht so kommt wie erhofft? Wenn man aufs falsche Pferd gesetzt hat?

So reden und handeln Menschen, die etwas zu verlieren haben, aber nichts mehr zu gewinnen. An ihnen prasselt jeder Konflikt ab. Sie schweben - abgehoben.

Paul Nolte wartet auf den Tag, an dem sie wieder runterkommen. Lange kann es nicht mehr dauern: "Wir brauchen dringend Konflikte, und wir brauchen auch in vielen wichtigen Themen die Zuspitzung. Konflikt ist Freiheit, hat Dahrendorf schon in den sechziger Jahren gepredigt - die Deutschen sollen mal Konflikte lernen." Also die Realität erkennen. Aber was ist die Realität?

9) Mut Im Grunde gibt es auf diese Frage nur eine Antwort: Finde es heraus. Wer sich mit den Dingen konfrontiert, die ihm Angst machen oder wenigstens für zwiespältige Gefühle sorgen, der kämpft seinen Konflikt, und wer so weit ist, ist nicht weit von der Lösung entfernt. Genau das aber fürchten viele instinktiv - die Veränderung, die durch den Konflikt in ihr Leben tritt, das Unberechenbare oder genauer: das noch Unbekannte. Aber Unentschiedenheit ist der grauenhafteste aller Zustände.

Vorweg: Solange die meisten Wert darauf legen, von allen lieb gehabt zu werden, wird die Sache mit der Lösung, hinter der sich Freiheit und Realität verbergen, nicht so richtig vorankommen. Nicht jeder will in der Wirklichkeit ankommen. Klar ist immerhin, dass es nicht mehr so gut aussieht wie noch vor einigen Jahren, wenn Vorgesetzte oder Regierungen auf Everybody's Darling machen. Wenn etwa die Regierung Reförmchen wie die Agenda 2010 monatelang hin- und herschubst, bis sie allen recht ist. Das Misstrauen gegen einen solchen Konsens - es besteht zu Recht.

Und wie steht es mit dem eigenen Mut zum Konflikt, dessen Gewicht sich hervorragend messen lässt, wenn auf dem Spiel steht, was so vielen so wichtig ist: von allen lieb gehabt zu werden, weil das Nivellieren längst zur Grundtugend der lahmen Gesellschaft geworden ist? Handeln braucht Mut - und der kommt erst langsam in diese Welt der Eintracht und Harmonie. Zivilcourage will erlernt sein, und auch hier lohnt es sich, wie ganz zu Beginn dieser Geschichte, einmal nach Indien zu sehen. Allerdings auf einen, der nicht schwebte, sondern mit beiden Beinen in der Realität stand - und gleichsam für viele der Inbegriff der Friedlichkeit geworden ist: Mahatma Gandhi.

Er liebte Konflikte.

Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat dankenswerterweise die Maximen des indischen Rechtsanwalts und Bürgerrechtlers aufgeschrieben, dem es gelang, ohne Armee und ohne Waffengewalt das mächtige britische Imperium vom indischen Subkontinent zu vertreiben. Die "Gandhischen Konfliktnormen" sind ein gutes Leitbild für alle, die eben erst lernen, wozu Konflikte nütze sind.

Handle sofort!

Handle hier!

Handle für deine eigene Gruppe!

Handle in Übereinstimmung mit den Betroffenen!

Handle aus Überzeugung!

Das ist noch der einfachere Teil der Übung. 10) Der Boden der Realität Schwieriger wird es schon bei der Gandhischen Konfliktnorm, die Harmonie und Opportunismus verurteilt - und natürlich auch die Privilegien, die damit verbunden sind. "Verweigere dem Bösen die Zusammenarbeit", heißt es dort, "keine Zusammenarbeit mit Strukturen, die Übel stiften! Keine Zusammenarbeit mit einem Status, der von Übel ist! Keine Zusammenarbeit bei Aktionen, die Übel stiften!" Und, als Leitsatz gegen die Gleichgültigkeit, die tumbe Harmonie, die den Wandel aufhält, noch eher, dem sich keiner entziehen kann: "Keine Zusammenarbeit mit Personen, die nicht gegen das Böse angehen!" Ersetzen Sie jetzt mal das Böse durch alte Welt. Sicher: Gandhis erste Konfliktnorm ist nichts für Menschen, die von allen geliebt werden wollen, aber etwas für jene, die erkannt haben, worum es sich zu streiten lohnt. Gandhis Normen sind heißer Konflikt, kühl gedacht - denn eine der Leitlinien seiner Konfliktpolitik war Offenheit und Transparenz. Was man anstrebt, soll man auch aussprechen: "Handle offen, nicht verdeckt." Die einen suchen heute nach Chancen und Möglichkeiten, die anderen wollen, dass es bleibt, wie es ist. Ein Konflikt ist dabei unvermeidlich. Sein erster Schritt wird die Einsicht sein, dass die Dinge nicht bleiben können, wie sie sind.

Dass zum Beispiel der vor 30 Jahren erfolgreich begonnenen Wende durch die Ökologiebewegung eine Ökonomiebewegung folgen muss, die den Anspruch der im alten Sozialstaat Unmündigen, die harmloserweise Lohnabhängige genannt werden, auf Chancen und Möglichkeiten möglich macht. Wirtschaft verstehen, selbstständig denken, selbstständig handeln - das heißt unter den Rahmenbedingungen bereits in den Konflikt einschwenken und eine Lösung herbeiführen. Das sollte man ruhig mal offen sagen - wie Gandhi uns das gelehrt hat.

Das ist ein Weg aus dem Kalten Krieg - und kein Mobbing.

Mit Sicherheit auch das Ende des harmonischen Schwebens.

Denn was abhebt, kommt auch runter.

Hier und Jetzt.

Auf den Boden der Realität.