Der Wüstenfuchs

Ronald Baummeyer lebt vom Nord-Süd-Konflikt. Und von Unternehmen, die glauben, sie könnten ihn ignorieren.




Manchmal vergisst selbst Ronald Baummeyer für einen kurzen Augenblick den Kampf. Etwa wenn er sich in seinen Landrover setzt, den Thermostat auf 16 Grad und das Gebläse auf volle Touren stellt. Dann verschwinden die Schweißperlen mitsamt den Furchen auf seiner Stirn, und in den Gesichtszügen des 48-Jährigen macht sich so etwas Ähnliches wie Zufriedenheit breit.

Sekunden später ist der Anflug von Entspannung allerdings schon wieder weg. Ein verbeultes Taxi will dem Landrover die Vorfahrt nehmen, ein Gemüsehändler rollt mit seinem Handkarren auf die Straße, ein Fußgänger versucht durch das Wirrwarr der Blechkarossen zu huschen. "Chaoten!", flucht Baummeyer dann aufgebracht: "Lernen die denn nie, sich zu benehmen?" Wir befinden uns im Zentrum der kamerunischen Hafenstadt Douala. Draußen tobt pralles zentralafrikanisches Großstadtleben. Gerade ist ein schwerer Regenschauer über der Millionenmetropole niedergegangen: Der hat zwar die ungeteerten Seitenwege in Schlammbäche verwandelt, der schwülen Hitze konnte er allerdings nichts anhaben. "Als Reiseziel kommt dieser Teil der Welt für Europäer schon wegen seines Klimas kaum in Frage", heißt es in einem Länderlexikon. Aber Ronald Baummeyer ist ja nicht zum Vergnügen hier. Sein Weg führt ihn wie jeden Morgen in ein Industriegebiet, an dessen Ende eine schmuck bemalte Fabrikhalle und ein hässliches Verwaltungsgebäude auftaucht. Siac Brasserie Isenbeck SA steht auf einem Schild. Als sich der schwarze Landrover dem Schlagbaum nähert, springt eine Schar Wärter auf und grüßt militärisch: Ronald Baummeyer rollt wie weiland Wüstenfuchs Rommel in sein Hauptquartier ein.

Der Vergleich ist gar nicht mal weit hergeholt. Denn Baummeyer hat hier tatsächlich noch bis vor kurzem eine regelrechte Schlacht geschlagen. Sein Gegner hieß natürlich nicht Feldmarschall Montgomery, sondern Monsieur Alphonse Joseph Bibehe - ein 47-jähriger kamerunischer Geschäftsmann, der sich anschickte, die 25 Millionen Euro, die das deutsche Brauhaus Warsteiner in die florierende Brasserie Isenbeck gesteckt hatte, in Havanna-Zigarren, schweres Parfüm und ein Vita dolcissima für sich und seine Großfamilie zu verwandeln.

Ein Paradebeispiel für Baummeyers Wirtschafts-Credo, wonach Afrika ein "abweisendes Umfeld" für Investoren aus dem Norden ist. "Wer das nicht versteht", so der seit fast zwei Jahrzehnten auf dem Notstandskontinent stationierte Ostdeutsche, "ist ein Ignorant und muss hier scheitern." Dabei kann Baummeyer dem Scheitern durchaus positive Seiten abgewinnen: Denn der in der ehemaligen DDR ausgebildete Finanzfachmann lebt vom Schiffbruch anderer. Wann immer ein Unternehmen irgendwo in Afrika in die Bredouille gerät, ist Baummeyer als Herauspauker zur Stelle: in Madagaskar, Ghana, Sambia, dem Wirtschaftsalbtraumland Nigeria oder eben jetzt in Kamerun.

Hier hat es der Wüstenfuchs mit einem besonders eklatanten Fall zu tun. Erst nach zwei Jahren Schwerstarbeit - Hausdurchsuchung, Polizeiverhör und Morddrohungen Inbegriffen - errang Baummeyer jüngst mit der handstreichartigen Rückeroberung der Isenbeck-Brauerei durch die Kameruner Gendarmerie einen triumphalen Sieg. "Ich weiß nicht, ob die Leute die Bedeutung dieses Erfolges ermessen können", sagt der afrikanische Konfliktexperte: "Aber das war wirklich etwas Außergewöhnliches." Was spricht gegen lokale Partner? Sie haben selten die gleichen Interessen wie der Investor Es fing an, wie es meistens anfängt und was Baummeyers Wirtschafts-Katechismus zu Folge schon die erste große Sünde ist: Ein Investor aus der Ersten Welt sucht für ein Projekt in der Dritten Welt einen lokalen Partner, der ihm die Türen öffnen soll. In diesem Fall handelte es sich um den Hamburger Brauereiausstatter Joachim Haase, der noch eine alte Rechnung mit dem französischen Getränkeriesen Castel zu begleichen hatte und in Monsieur Bibehe einen scheinbar idealen Partner fand. Auch Bibehe war auf die Franzosen nicht gut zu sprechen: Castel hatte den kamerunischen Geschäftsmann einst vor die Tür gesetzt.

Haase errichtete in dem 16-Millionen-Einwohner-Staat Kamerun eine moderne Brauerei mit einer Kapazität von 240 000 Hektolitern sowie 250 Beschäftigten - und beging dann gleich die zweite schwere Sünde: Er ernannte Monsieur B., wie ihn Baummeyer nur noch nennt, zum Manager. "So genannte lokale Partner sehen Investoren aus der Ersten Welt nicht wirklich als Partner", ist Baummeyer überzeugt. "Für sie stellt sich früher oder später nur die Frage, wie viel Geld sie rausziehen können." Bevor sich Monsieur B. die Frage stellen konnte, war Haase anderenorts in finanzielle Not geraten, und Warsteiner, damals größtes Brauereiunternehmen in der Bundesrepublik, sah eine Chance gekommen, seine verschlafene Internationalisierung nachzuholen. Die Sauerländer stiegen mit 25 Millionen Euro in die Brasserie Isenbeck ein. Im Übemahmepaket inbegriffen war auch Manager Bibehe, der sich von nun an vor allem um sein eigenes Wohl kümmerte: Er platzierte zahlreiche Familienmitglieder an strategischen Stellen im Unternehmen und begann mit einer gnadenlosen Raubwirtschaft. Bei jedem Materialeinkauf, so Baummeyer, hätten Monsieur B. und Familie Provisionen von bis zu 40 Prozent kassiert, während für die Wartung der einst glänzenden Anlage kein Pfennig ausgegeben worden sei. Dafür habe sich der Kameruner Lebemann Champagner aus Frankreich sowie Luxuskarossen aus England einfliegen lassen. Sämtliche Aufpasser, die Warsteiner nach Kamerun schickte, seien von Monsieur B. umgehend isoliert und der Reihe nach von finsteren Muskelmännem zum Flughafen geleitet und zur Ausreise gezwungen worden.

Ist der Krieg ausgebrochen, hilft nur eines: Unterstützung durch die lokale Regierung Warsteiner bemerkte schließlich, dass es sich nicht bloß um kulturelle Differenzen im Managementstil, sondern um Abzocke handelte. Und musste auch feststellen, dass Monsieur B. nicht nur über eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit, sondern auch über beste Kontakte in seiner Heimat verfügte. Als der von Deutschen dominierte Aufsichtsrat der Brasserie dem Manager im Jahr 2000 den Laufpass gab, erwirkte Monsieur B. in Douala einen Gerichtsbeschluss, der die Kündigung für null und nichtig erklärte.

Nun gab es keinen Zweifel mehr daran, dass, so Baummeyer, "der Krieg ausgebrochen war". Warsteiner sicherte sich die Dienste des Troubleshooters vor Ort. Dieser wiederum rekrutierte eine eigene kleine Truppe und erwarb die Unterstützung von Mitarbeitern in Monsieur B.s engstem Umfeld, sodass ihm künftig keine Bewegung des Gegners verborgen blieb. Der Konfliktexperte war sich allerdings von Anfang an darüber im Klaren, dass nicht taktische Manöver vor Ort, sondern allein strategische Erfolge in der politischen Arena die Entscheidung bringen würden. "Wäre es uns nicht gelungen, auf höchster Ebene zu intervenieren - die Brauerei wäre für immer verloren gewesen." Was genau die Wende brachte, wird wohl immer umstritten bleiben. Baummeyer besteht darauf, dass sowohl sein unermüdlicher Einsatz als auch die Mobilisierung des früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und heutigen Superministers Wolfgang Clement durch das Warsteiner Mutterhaus den notwendigen Druck erzeugte. Dagegen verweist der deutsche Botschafter in Kamerun auf seinen Part: Klaus-Peter Brandes wurde nicht nur in der Präsidialkanzlei vorstellig, sondern lud Warsteiner als Sponsor der deutschen Feierlichkeiten zum 3. Oktober in Kameruns Hauptstadt Jaunde ein. Natürlich kamen die Warsteiner mit ein paar Fässern Bier, was die anwesenden Minister in ausgezeichnete Stimmung versetzte. Dieser Schachzug sei allerdings eher durch Sparzwang der deutschen Vertretung motiviert gewesen, gibt Baummeyer zu bedenken.

Wie dem auch sei: Der Umschwung wäre auch nach Baummeyers Einschätzung nie möglich gewesen, wenn das politische Klima im Land wegen der Wahlen in diesem Jahr nicht ungewöhnlich günstig wäre. "Jetzt kann die Regierung ihrem Volk demonstrieren, dass sie der Misswirtschaft und Korruption zu Leibe rückt, um dringend nötige Investitionen für Kamerun zu sichern." (Der zentralafrikanische Staat gehölt laut Transparency-International-Hitliste zu den korruptesten Ländern). Dass Baummeyer und seine Mitstreiter wohl tatsächlich einiges richtig gemacht haben müssen, zeigt ein anderer Fall: Bereits seit zehn Jahren ist der Tabakkonzern Reemtsma in einen ähnlich gelagerten Konflikt mit seinem lokalen "Partner" James Onobiono (ein Freund von Monsieur B.) verwickelt, ohne einer Lösung näher gekommen zu sein. Reemtsma hatte weder die Dienste eines Experten geordert, noch die Botschaft um Unterstützung gebeten.

Laut Baummeyer sehen sich Investoren aus der Ersten Welt in Afrika gewöhnlich gleich einer dreifachen Front von Widersachern gegenüber. "Während es die lokalen Partner vor allem auf dein Geld abgesehen haben, bist du für die lokale Bevölkerung der reiche Neokolonialist, der auf dem Buckel der malochenden Bevölkerung Profite aus dem Land ziehen will. Und die Regierung betrachtet dich als Repräsentant einer ungerechten Weltordnung, nach deren Pfeife sie zu tanzen hat." Eine derartige Anhäufung von Animositäten aufzubrechen sei äußerst schwierig, meint er, "da muss man schon ein ungewöhnlich gutes wirtschaftliches und politisches Timing haben".

Die Schlacht gewonnen, den Krieg vermutlich auch. Und doch bleibt Wachsamkeit oberstes Gebot Und Standvermögen: Monsieur B., keineswegs auf den Kopf gefallen, gab nach der politischen Niederlage keineswegs auf. Er versuchte die Öffentlichkeit auf seine Seite zu bringen. Der Geschäftsmann fütterte Kameruns schlecht verdienende Journalisten mit kaufkräftigen Argumenten (während einer Pressekonferenz wurden angeblich prall gefüllte Umschläge verteilt) und mit zündenden Slogans. "Heil Hitler! Der Blitzkrieg war erfolgreich", titelte eine Zeitung: "Führer Baummeyer" sei angetreten, den zentralafrikanischen Staat wieder in eine deutsche Kolonie zu verwandeln (die Kamerun bis 1916 war).

Monsieur B.s Gegenoffensive kam allerdings zu spät. Afrika wäre nicht Afrika, wenn eine von der politischen Führung getroffene Entscheidung durch eine Pressekampagne revidiert werden könnte. Jetzt ging es nur noch darum, die höchstinstanzliche Entscheidung, Monsieur B.s Kündigung, schleunigst umzusetzen, bevor er die Brauerei vollends zu Grunde richten konnte. Mittlerweile wurde dort nämlich kein Tropfen Bier mehr gebraut, die Belegschaft hatte seit fünf Monaten keine Gehaltsschecks bekommen, und Manager B. verkaufte bereits die leeren Flaschen an die Konkurrenz.

Am Freitag, dem 17. Oktober 2003, frühmorgens um sechs Uhr, war es schließlich so weit. Ein Mannschaftswagen der Gendarmerie holperte im Gefolge von Drahtzieher Baummeyer den Schlaglochweg hinunter und nahm - ohne dass es zu Scharmützeln gekommen wäre - das Brauereigelände ein. Erst eine gute Stunde später war die Kunde zu Monsieur B. und dieser zum Schlagbaum seines einstigen Reviers vorgedrungen: Doch der Schlagbaum hob sich für ihn nicht mehr. Auf dem Gelände wurde Baummeyer unterdessen von der Belegschaft lautstark als " Liberateur" gefeiert: Zumindest einen Vormittag lang war auch diese Nord-Süd-Front aufgeweicht.

Die Schlacht war gewonnen und der Krieg vermutlich auch, doch noch immer übte Monsieur B. eine geheimnisvolle Macht auf die eroberte Brasserie Isenbeck aus. Die gesamte Belegschaft habe sich geweigert, dem Büro des gefeuerten Managers auch nur nahe zu kommen, berichtet Baummeyer. Irgendwas ging nicht mit rechten Dingen zu. Monsieur B.s ehemalige Sekretärin half weiter: Der Chef habe wiederholt magische Rituale in seinem Zimmer abgehalten, berichtete sie - eine in Kamerun nicht unübliche, ,Juju" genannte Voodoo-Praxis. Solange das Mobiliar nicht ausgewechselt und das immergrüne Plastikbäumchen nicht entfernt worden sei, könne die Firma nicht zur Ruhe kommen, befand die Sekretärin. Baummeyer verstand und vermachte das gesamte Interieur seinem Rechtsanwalt.

Jetzt hat Baummeyer sechs Monate Zeit, die Brauerei auf ein solides Fundament zu stellen. Denn nach den bevorstehenden Wahlen könnte das Interesse an der Investitionssicherheit schnell wieder erlahmen, befürchtet der Wahlafrikaner. Von seinem Erzfeind habe er wohl nichts mehr zu befürchten, gibt sich Baummeyer zuversichtlich, bevor er sich am späten Abend in sein mit sieben Klimageräten ausgestattetes Haus zurückzieht. Monsieur B. werde vermutlich bald in Doualas "New Bell" enden. Das schon vor mehr als hundert Jahren von der deutschen Kolonialverwaltung errichtete Zentralgefängnis hat allerdings eine beunruhigende Eigenschaft: Sein Mauerwerk ist nicht sehr stabil, sodass Häftlingen immer wieder eine leichte Flucht gelingt. Bei diesem Gedanken wird es Baummeyer dann doch noch etwas mulmig. Die Angehörigen des Stammes, zu dem auch Monsieur B. gehört, seien in ganz Kamerun als Giftmischer verrufen.