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Was ist eigentlich - Energiepolitik ?

Welche Energie die richtige für die Zukunft ist, war lange Zeit nur eine Frage des politischen Standorts. Nach den Blackouts in den USA, Schweden, Italien und Dänemark darf man fragen: Wie verlässlich ist eigentlich Energiepolitik?




"Eine wirtschaftliche, sichere und umweltverträgliche Energieversorgung ist Grundlage der Funktionsfähigkeit und Effizienz der Volkswirtschaft", heißt es in der Broschüre " Energie Daten 2003" des Bundeswirtschaftsministeriums. Klingt gut, aber: Wie und womit der zukünftige Energiebedarf gedeckt werden soll, bleibt offen. Dabei ist das das eigentlich interessante Thema: die Kunst der langfristigen Planung bei der Wahl der richtigen Energie.

Die deutsche Politik ist dabei wieder einmal in Bedrängnis. Bis zum Jahresende muss die Novellierung des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) erfolgen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie Solarenergie und Windkraft künftig subventioniert werden, sondern auch, wie abhängig Deutschland von importierter Energie bleibt. Klingt einfach, ist in der Praxis im rohstoffarmen Deutschland aber schwer. Außer Braun- und Steinkohle gibt es kaum etwas im Land, das sich zu Energie verarbeiten lässt.

Die Abhängigkeit von Energie-Importen steigt. Im vergangenen Jahr wurden 14,319 Billiarden Joule Primärenergie verbraucht. Ein Deutscher verbraucht im Jahr durchschnittlich 172 Milliarden Joule. Die Primärenergieträger, also Energieträger im Rohzustand, werden nach wie vor von Mineralöl (40 Prozent), Kohle (24,4 Prozent) und Gas (21,8 Prozent) angerührt. Das Auslaufmodell der Kernenergie sorgt noch für 13,2 Prozent der in Deutschland verbrauchten Energie. Dieser Teil soll nun durch Solar-, Windenergie sowie Wasserkraft ersetzt werden. Der Anteil der grünen Energie soll nach Plänen der Bundesregierung bis 2010 auf 12,5 Prozent steigen. Ein schöner Plan. Denn heute sorgen Wind und Wasser zusammen für nur 0,9 Prozent der Primärenergie - und das, obwohl Deutschland in Sachen Windkraft in den vergangenen Jahren mit massiver staatlicher Stützung zur Nummer eins auf dem Weltmarkt wurde.

Entschieden wird über die Zukunft solcher Pläne nicht nur von den zuständigen Ministern in Berlin. Denn das Ziel der EU-Energiepolitik ist die Schaffung eines einheitlichen Binnenmarktes für leitungsgebundene Energien wie Strom oder Erdgas.

Die Energiemärkte der einzelnen EU-Länder sind unterschiedlich strukturiert: Frankreichs zentralisierter Energiemarkt steht etwa im Gegensatz zum liberalisierten deutschen Markt. Die Vereinheitlichung der Strommärkte ist auch deshalb ein langwieriger Prozess, weil in den EU-Ländern Energieträger unterschiedlich stark genutzt werden. Dänemark, Griechenland, Irland, Italien, Norwegen, Österreich und Portugal produzieren keinen Atomstrom. Frankreich hingegen deckt 77 Prozent seines Energieverbrauchs nuklear.

Schon heute weiß kaum ein Verbraucher noch, wie der Strom aus seiner Steckdose erzeugt wird. Die meisten EU-Staaten importieren Energie, Italien kauft etwa 17 Prozent seines Stroms im Ausland, mehrheitlich bei französischen Atomkraftwerken. Das muss man wissen, um zu verstehen, wie der europäische Strommarkt nach der EU-Liberalisierung aussehen wird: Denn nationale Sonder-Subventionsprogramme darf es dann nicht mehr geben. Und billiger Strom - aus Atom- oder Kohlekraftwerken - muss ins Land gelassen werden. Das wird für Deutschland ein echtes Problem. Denn Energiepolitik war hier zu Lande immer auch Subventionspolitik.

Stütze für Strom

In diesem Jahr werden sich die Subventionen des Bundes für die Steinkohleförderung auf 2,7 Milliarden Euro belaufen. Zwar sollen zwischen 2006 und 2012 die staatlichen Fördermittel für den Steinkohleabbau sukzessiv reduziert werden. Dennoch werden, so schreibt die "Frankfurter Rundschau", bis dahin der Bund, Nordrhein-Westfalen und das Saarland insgesamt 16,2 Milliarden Euro an Kohlesubvention zahlen. Pro Arbeitsplatz eines Kumpels beträgt die Förderung 60 000 bis 80000 Euro. Zurzeit arbeiten im Kohlebergbau etwa 66 700 Menschen.

Und das Prinzip, Energie zu subventionieren, bleibt aktuell; Betreiber von Windkraftanlagen erhalten seit April 2000 gemäß dem EEG eine Basisvergütung von sechs Cent pro Kilowattstunde. Damit ist die Windkraft zu einem lukrativen Geschäft geworden, im vergangenen Jahr wurden etwa 3,5 Milliarden Euro umgesetzt. Ihren derzeitigen Anteil an der Stromproduktion wird die Branche aber nur mit großen Offshore-Anlagen auf dem Meer steigern können. Die Bundesregierung steckt aktuell 15,3 Millionen Euro in Meeresplattformen, auf denen erforscht wird, wie sich die Anlagen auf die maritime Umwelt auswirken. Eines weiß man allerdings schon jetzt: Windenergie allein kann die konstanten Strommengen aus Kernkraft nicht ersetzen. Bei einer Windflaute wird kaum oder kein Strom produziert. Im ersten Halbjahr 2003 wurden etwa neun Prozent weniger Windstrom hergestellt als im selben Zeitraum 2002, bestätigt der Bundesverband Windenergie. Solche Schwankungen müssen bei Bedarf zum Beispiel mit Gaskraftwerken aufgefangen werden.

Für die Energiekonzerne wie Eon und RWE ändert sich trotz des Paradigmenwechsels bei der Energietechnik wenig. Sie machen ihr Geschäft längst auch mit Windturbinen und Solarmodulen, und natürlich profitieren auch sie von Subventionen. Die Rechnung zahlt der Kunde. In diesem Jahr, so hat der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) errechnet, wird die Förderung des grünen Stroms alle Kunden etwa 1,94 Milliarden Euro extra kosten.

Weniger spektakulär, aber für die Energiezukunft mindestens so bedeutend wie die alternativen Energien sind traditionelle Energieträger, die durch Hochtechnologie verbessert wurden. Gas in allen Varianten zum Beispiel. Dazu gehört nicht nur konventionelles Erdgas, sondern auch Methan, neu erschlossene Naturgase oder Gase, die bei der Zersetzung oder Verbrennung von Abfall entstehen. Die Stromversorger Eon, RWE, Vattenfall Europa und EnBW setzen verstärkt auf den Bau von Gaskraftwerken. Die sind sicherer als Atomkraftwerke, hinterlassen keinen strahlenden Müll, der in kostenintensive Endlager transportiert werden muss, und sind für die Betreiber rentabler. Erdgas wird zusätzlich zur inländischen Förderung aus russischen, niederländischen, britischen und skandinavischen Fördergebieten eingekauft. Im ersten Halbjahr 2003 stieg der Import von Gas im Vergleich zum Vorjahr um fast acht Prozent, seit 1990 steigt der Gasverbrauch kontinuierlich an. Ob die neue Gaskraftwerk-Technologie aber die Versorgung gewährleisten kann, ist fraglich. Denn viele konventionelle Kraftwerke müssen laut Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) bis 2020 erneuert werden. Auch hier herrscht angesichts der langen Planungs- und Bauzeiten für Kraftwerke dringender Handlungsbedarf.

Zukunftstechnologien

Klar ist: Eine Patentlösung für das Energieproblem gibt es nicht. Die Energiepolitik kann nur darauf zählen, dass aus Hoffnungen reale Energieträger werden.

Neue Chancen könnten sich durch die Brennstoffzelle ergeben. "Wasser wird die Kohle der Zukunft sein", schrieb einst Jules Vernes. Doch die Gewinnung von Wasserstoff, der Brennstoffzellen antreibt, ist nach wie vor teuer. Erdgas und Methanol enthalten Wasserstoff. Für diese Technologie arbeitet die Zeit. Denn konventionelle Energieträger werden immer teurer. Selbst ohne weitere Rationalisierungseffekte lohnt sich so in einigen Jahren der Einsatz von Brennstoffzellen.

Ein neuer Energieträger liegt vielleicht auf dem Meeresboden. Gas-Hydrate, Verbindungen aus Methan und Wasser, die sich bei niedrigen Temperaturen und hohem Wasserdruck in den Ozeanen bilden, könnten die fossilen Energieträger ablösen. Die bekannten Vorkommen an Methan-Hydrat sind doppelt so groß wie alle Kohle-, Gas- und Öllagerstätten zusammengenommen. Doch all das steht uns frühestens in 20 Jahren zur Verfügung. Bis dahin bleiben die Versorgungsprobleme ungelöst - und die Frage ist offen, ob die alternativen Energien mehr waren als eine kurze Episode der Energiepolitik.