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Papageien in die Produktion!

Besitzstandswahrer und Interessengruppen, Parteien und Verbände, Kommentatoren und Republikretter streiten sich ständig über den Kuchen - und plappern dabei stets dasselbe. Wie wäre es, einmal darüber zu reden, wie die Backstube aussehen sollte?




Deutschland ist so reich, dass es sich leisten kann, sich ständig arm zu reden. Die in Ruck-Reden und Reform-Initiativen angedrohte Apokalypse ist immer die gleiche: Gürtel enger schnallen, sonst geht Deutschland kaputt. Überall holt uns das Trommelfeuer der Appell-Männchen ein: in Inseraten, Kommentaren und immer wieder sonntags, ARD, 21.45 Uhr bei Sabine Christiansen, der wöchentlichen Schaubühne deutscher Reformblockaden.

Mehr als sechs Jahre nach Roman Herzogs Ruck-Rede ist die "mentale Depression" nicht kuriert. Im Gegenteil: Die Deutschen verweigern die Beteiligung an den öffentlichen Dingen und ziehen sich zurück ins Private. Ein Wunder ist das nicht: Wie soll der irritierte deutsche Michel denn auch auf die Anforderung reagieren, mehr private Vorsorge zu betreiben, mehr zu konsumieren und gleichzeitig auf Lohn zu verzichten? Was bringt dem Einzelnen der enger geschnallte Gürtel am Ende? Die himmlische Erlösung? Das glauben immer weniger, und ob das erbrachte Opfer einer Auslagerung des Zahnersatzes aus der Gesetzlichen Krankenversicherung beim jüngsten Gericht positiv angerechnet wird, darf bezweifelt werden. Eine einigermaßen plausible Vorstellung von einem zukünftigen Wirtschafts- und Sozialmodell haben aber weder die Konservativen noch die Linken auf Lager.

Am schlimmsten: Der deutsche Reformdiskurs ist ein ständiges Nachplappern. Er wird geführt von Papageien, nicht von Innovatoren.

Ein Reformdiskurs, der die Gesellschaft aktiviert, muss über ein in die Zukunft gerichtetes Versprechen verfügen, das den Menschen zumindest die Chance bietet, am künftigen Wohlstand teilzuhaben. Die eigentliche Frage lautet: Was sind die Bedingungen für zukünftigen Wohlstand? Und wie können wir sie herstellen?

Dies würde eine andere Blickrichtung erfordern: weg vom Kuchen und hin zur Bäckerei. Mehr Augenmerk auf den Prozess der Wertschöpfung also, der gleichzeitig die Grundlage künftigen Wohlstands ist. Und das sind Produkt- und Prozessinnovationen.

Rette sich, wer kann - das ist der einzige politische Impuls der jungen Generation

Ökonomischer Nukleus, aber auch kulturelles Symbol und gesellschaftliche Klammer des Nachkriegswohlstands war das Automobil. Der mit ihm verbundene Konsens sei zerfallen, heißt es. Das " neue" Automobil sei Wissen und Innovation, das hören wir fast genauso oft. Aber eine Vorstellung davon, was die Klammer des 21. Jahrhunderts sein könnte, wie sie beschaffen sein müsste, haben wir nicht.

Wie können wir die Potenziale neuer Technologien entfalten? Welches Bildungssystem brauchen wir für die Wissensgesellschaft? Wie müssen Arbeitsplätze in Zukunft aussehen, damit die Menschen auch wirklich bis 67 arbeiten können? Welche Regeln brauchen wir im Umgang mit biotechnologischen Entwicklungen? Diese Verschiebung des Blickwinkels würde auch lahmenden Großorganisationen bei der Imagepflege helfen: So könnte sich manche Gewerkschaft wieder stärker als Ort der Produktionsintelligenz profilieren statt als Exorzistenvereinigung zur Austreibung des Neoliberalismus.

Gegenwärtig erleben wir noch die Phase des Übergangs vom industriegesellschaftlichen Nachkriegskonsens hin zu etwas Neuem. Die Politik der Agenda 2010 wird uns ein teilweise saniertes Gebäude hinterlassen, dessen Innenarchitektur nicht definiert ist. Die Hoffnung ruht also auf einer neuen Generation, die eine neue Sicht der Dinge eröffnet und die Negativdefinition über Deutschland - was alles nicht mehr geht - durch eine Positivdefinition - wie es sein soll - ersetzt.

Der Verlust systemischen und gesellschaftlichen Denkens schlägt inzwischen voll durch und wird von der jungen Generation mit der "Inszenierung des Ich" beantwortet. Das folgt einer fatalen Logik: Wenn es weniger gibt, muss ich mich für den, der den Kuchen verteilt, hübsch machen! Die Upper Class erhöht ihren Marktwert durch Studien an Elite-Universitäten im Ausland - für das, was in Deutschland passiert, will sie keine Verantwortung tragen. Der Working Class bleibt nur noch die individuelle Hoffnung, Deutschlands Superstar zu werden.

Woran das liegt? Eine Ursache könnte sein, dass sich die Leitbilder und Leitberufe der jungen Meinungselite inzwischen zu weit vom eigentlichen Wertschöpfungsprozess, also von Forschung, Innovation und Produktion entfernt haben. Der Innovation fehlen einfach die Innovatoren. Die wissenschaftlich-technische Intelligenz ist unterentwickelt in Deutschland. Eine Fondsmanagerin jongliert mit Werten, von dessen Erzeugung sie meist nur eine ungefähre Ahnung hat. Medienleute berichten über eine ökonomische und soziale Realität, die sie sich zusammengooglen. Und auch viele Jungabgeordnete kennen außer Parteibüro und Plenarsaal allenfalls die Uni von innen.

So bleiben die politischen Impulse der jungen Generation auf ein "Rette sich, wer kann" limitiert. Das einzige neue Thema, das Mitte der neunziger Jahre jüngere Politiker, Publizisten und Wissenschaftler in Angriff genommen haben, war die " Generationengerechtigkeit" - aus Angst vor zu viel Wohlstand beanspruchenden Alten. Doch das war nur die Jugendausgabe des alten Kuchenstreits. Alle anderen Themen waren bereits vergeben, es blieb beim Nachplappern.

Vorschlag Nummer eins: Politisierung der Produktion - ein Monat der Arbeit

Dabei wäre der größte anzunehmende Tabubruch einer neuen Generation die Beendigung des Jammerdiskurses und ein zukunftsoptimistisches Bekenntnis zu einem modernen Deutschland. Schwarz-Rot-Gold als Symbol für eine Kultur der Innovation und den Anspruch, Ludwig Erhards Diktum vom Wohlstand für alle ins neue Jahrhundert zu übersetzen. Aber wie kann eine solche Verschiebung des Blickwinkels gelingen? Nach jahrelanger Verteilungsdebatte brauchen wir eine Politisierung der Produktion und der Innovation. Dabei geht es schlicht um die Frage: Wie entstehen neue Werte? Wir müssen offenkundig neu lernen, dass auch die Früchte von Aktienpaketen und kapitalgedeckter Altersrente zuvor in Labors, Fabriken und Büros erarbeitet werden müssen.

Daher sollte der Tag der Arbeit in Zukunft einen Monat der Arbeit einleiten. In den Schulen und Hochschulen wird die Produktion nicht nur zum Thema gemacht, sondern die Nachwuchskräfte von morgen werden auch tatsächlich in die Produktion geschickt. Der BWL-Student, der später bei einer Strategieberatung Unternehmen restrukturieren will, geht für einen Monat in die Fabrik oder an die Supermarktkasse. Die Journalismus-Studentin schreibt eine längere Reportage über den Arbeitsalltag in einem Krankenhaus. Und auch der junge Abgeordnete im Verkehrsausschuss macht sich ein Bild davon, wie eigentlich echte Logistikprozesse organisiert werden. Dieser Monat der Arbeit muss natürlich von öffentlichen Debatten begleitet werden. Vielleicht haben Maybrit, Sabine und Sandra auch mal Lust, über die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Zukunftsmärkten und nicht immer nur über Reformblockaden zu reden.

Vorschlag Nummer zwei: Think positive - ein Zehnjahresplan für Deutschland

Gegen Nachplapperei und eine Politik der kurzen Frist hilft nur eines: die Definition neuer und mittelfristiger Ziele. Und da Verbindlichkeit nur dann herzustellen ist, wenn sie von einer Autorität vorgegeben wird, muss der demokratische Souverän ins Spiel kommen. Die Bürger sollen zukünftig alle zehn Jahre in einem Volksentscheid über ein Fünf-Punkte-Programm der wichtigsten nationalen Ziele entscheiden dürfen. Aufgabe der Parteien, aber auch der Verbände, der Wissenschaft und der Unternehmen wird es dann sein, konkrete Vorschläge zu machen und sich einem Ideenwettbewerb zu stellen. Wir haben so die Möglichkeit zu entscheiden, wofür Deutschland in Zukunft stehen soll. Wollen wir unsere Abhängigkeit vom Erdöl deutlich verringern? Wollen wir die Frauenerwerbsquote um zehn Prozentpunkte steigern? Wollen wir mit unserem Bildungssystem in die internationale Top Ten?

Selbstverständlich sind das nur Teilstücke des Weges, nicht das Ziel an sich. Aber allein schon das Nachdenken über Zukunft und das Abwägen von Alternativen könnte den nötigen Ruck auslösen, den alle einfordern. Es könnte die Gesellschaft durchrütteln und zu neuen Allianzen führen.