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Nach der Utopie

Ulrich Müther baute in der DDR fantastische Gebäude aus Beton. Seine Konstruktionen gelten heute als moderne Klassiker. Doch mit dem Sozialismus verschwand auch der Bedarf für seine Arbeit. Übrig bleiben die Reste einer Zukunft, die nicht mehr stattfinden wird. Und ein Mann, der die Hoffnung nicht aufgibt.




Rügen im Sommer, es regnet Bindfäden. Die Strandkörbe sind verschlossen, eine dicke braune Möwe langweilt sich am Ufer. Da ist auch schon der Turm, kaum mehr als ein bleiches Gerippe. Das gelbe Absperrband "Achtung Starkstrom" flattert im Wind, zerrissen. Kein Mensch zu sehen. Eben noch ein Anruf: "Wollen wir uns nicht lieber in einem Café treffen?" Nein, es bleibt dabei: "Ostseebad Binz, Textilbadestrand, Abgang 7, Rettungsturm 1." Es ist kalt.

Da ist Ulrich Müther, groß, Seglerjacke, Schirm, das Wetter kann ihm nichts anhaben. Kurze Begrüßung. Hurtig klettert er die Eisentreppe hinauf. Kein Mensch käme auf die Idee, dass er bald 70 wird und vor kaum einer Woche die Herzklinik Greifswald verlassen hat. "Wir restaurieren den Turm gerade selbst." Es gab mal zwei Rettungstürme, beide hat er 1968 gebaut für die Messe der Meister von morgen. Der andere wurde nach der Wende demontiert. Niemand informierte ihn.

Das scheint das Schicksal des Mannes zu sein, der von sich selbst bescheiden sagt: "Ich bin der Landbaumeister von Rügen." Manches, was er einst baute, wurde abgerissen. Vieles verrottet. Anderes fristet ein trauriges Dasein als Veranstaltungsort von Erotikmessen und Plattentauschbörsen. Dabei baute er mit dem Teepott in Warnemünde, gleich neben dem Leuchtturm, eine Ikone sozialistischer Sommerfrische und verpasste dem Ost-Berliner Fernsehturm das gewaltige Wurzelwerk. Heute muss er selbst Hand anlegen, um sein Werk zu retten.

Und dennoch strahlt der Ruhm Ulrich Müthers heller denn je. Ehrfürchtig wird von dem Schalenbauer geraunt, der Beton falten konnte wie andere Leute Servietten. Seine gewagte Architektur passt so gar nicht in das Bild der DDR-Tristesse. War also nicht alles schlecht im Sozialismus? Oder ist Ulrich Müther ein Fall von Architektur-Ostalgie? Nach Ampelmännchen und Pittiplatsch die neueste Schaumkrone auf der DDR-Retrowelle?

Der Wind treibt den Regen durch die Fensteröffnungen, aber Müther schert das wenig, schließlich ist er Segler. Drüben in Sassnitz liegt sein Boot. "Zwei Fotografen waren eine ganze Woche hier, um meine Sachen zu fotografieren", erzählt er. Nächste Woche hat ein Film über ihn Premiere. "Für den Schwung sind Sie zuständig", heißt er. Jetzt müssen wir warten. Eine Architektin aus Paris möchte sein Oeuvre in Frankreich zeigen. Die hat er auch hierher bestellt. Man sieht ihm an, wie stolz er ist. Wer will es ihm verdenken? Die Ehrungen kommen spät. Eigentlich war er schon vergessen. Genau genommen war er nie wirklich berühmt.

Es ist paradox. Erst die Zerstörung eines seiner Hauptwerke, brachte ihm Aufmerksamkeit. "Der Abriss des Ahornblatts in Berlin hat mich aus der Versenkung geholt." Obwohl die Großkantine des DDR-Bau-Ministeriums mit ihren steil aufragenden Zacken unter Denkmalschutz stand, wurde sie im Jahr 2000 zerstört. 200 Zeitungsartikel gab es darüber, Fernsehdokumentationen. Und als die Bagger kamen, ketteten sich Studenten an die Tür.

Seitdem hört der Rummel um seine Person nicht auf. Auf der Vernissage einer kleinen Müther-Ausstellung, die unter dem Titel "Kühne Solitäre" durch Deutschland tourt, bestaunten 300 junge Leute im Berliner Schinkelzentrum Modelle, die erste Wahl wären, müsste man morgen den Mars besiedeln. Sie ergötzten sich an den großen Kuppeln und den weit schwingenden, kunstvoll gekrümmten Dächern mit einer Leidenschart, wie sie sonst nur Modelleisenbahner an den Tag legen - und das soll alles aus Beton sein? Müther ist hip.

In der DDR kannte man seine Bauten, selten aber seinen Namen. So war das in einem Staat, dem das Kollektiv alles war und das kreative Individuum suspekt. Das hat Müther bis heute verinnerlicht. Selten sagt er "ich", meist spricht er von "wir". Auch Persönliches hält er zurück. Worte über Gefühle? Fehlanzeige - er kontrolliert genau, was er von sich preisgibt. So stößt man stets auf die gleichen Wendungen. In allen Vorträgen zeigt er das Bild eines wettergegerbten Arbeiters: " Das ist das Geheimnis unseres Erfolges: Pommersche Bauernsöhne, die wenig reden und viel arbeiten." Man mag darüber lachen, doch es ist mehr als ein Scherz. Es ist die verinnerlichte Verbeugung vor den wahren Mächtigen des Arbeiter- und Bauernstaats. Deren Macht er fürchten lernte.

Sein Vater war Architekt mit eigener Baufirma in Binz. In der Aktion Rose vom März 1953, die sich gegen die Hoteliers an der Ostseeküste richtete, enteignete die DDR auch die Müthers. Doch die Familie hatte Glück und erhielt den Betrieb zurück. Dem Sohn blieb jedoch das Abitur verwehrt - "aus einer studierten Familie zu kommen war damals nicht eben förderlich" - er musste Zimmermann lernen und durfte dann die Ingenieurschule in Neustrelitz besuchen. Als er sich im Kraftwerkbau bewährte, ließ man ihn zum Bauingenieur-Fernstudium an der TU Dresden zu. Verbitterte ihn das? Nein, kein Wort der Klage. " Immerhin habe ich so eine sehr, sehr solide Ausbildung erhalten." Die Praxis hatte stets Vorrang, und so wurde er das, worauf er heute noch stolz ist: ein Macher. "Mochten die anderen reden, ich baute. Bei mir musste es immer zack, zack gehen."

Das Telefon klingelt, die Architektin aus Paris kommt später. " Gehen wir rüber, da ist es gemütlicher." Einen Steinwurf entfernt von seinem Turm liegt an der Strandpromenade die "Villa Stranddistel", ein prächtiges Exemplar jener Bäderarchitektur, die die Herzen der Touristen höher schlagen lässt. Müther hat sie nach der Wende gekauft, saniert, in mehr als 20 Wohnungen aufgeteilt und einzeln verkauft. "An Westdeutsche", sagt er und sieht nicht glücklich aus. Die Müthers wohnen im zweiten Stock, freier Blick übers Meer, ein riesiger Holzbalkon. Doch zurzeit leben sie im Souterrain, Frau Müther hat einen Hexenschuss.

Das cremefarbene Sofa, die weiße Rattan-Sitzgruppe und die romantischen Rügen-Gemälde an der Wand überraschen. Sie passen so gar nicht zu den exaltierten Betonschalenbauten, mit denen international anerkannter Stil Einzug in die DDR hielt. Müther schaltet den DVD-Player ein und zeigt alte Segelboote. Vorne weg sein Schiff, der Schoner "Ruden Seedorf". "Das war die Jacht von Wernher von Braun." Müther holte sie mit seinem Sohn Christian aus dem Schlick und restaurierte sie. Nächste Woche geht es los mit der 14. Christian-Müther-Gedächtnisfahrt: Hundert asthmakranke Kinder segeln drei Tage lang durch den Greifswalder Bodden.

War Ulrich Müther in der DDR ein Star? Er schüttelt den Kopf. Aber natürlich sorgten seine schwungvollen, wenige Zentimeter dicken Dächer für einigen Trubel. Seine liebste Form war das hyperbolische Paraboloid, kurz Hyparschale: eine doppelt gekrümmte Fläche, die trotz aller Kurven aus Geraden konstruiert werden kann. Das ist Rechenwerk und nicht das, wonach es aussieht, organisch gewachsene Kunst. Aber schließlich ist Müther Ingenieur und nicht Architekt. "An meiner ersten Schale, hier in Binz für das Haus der Stahlwerker, rechnete ich 14 Monate." Es war die erste der DDR. Der heutige Besitzer, ein Hotelier aus Hamburg, riss sie ab, um den Wellnessbereich zu vergrößern.

Müther erzählt, und da verschwindet mit einem Mal seine zögerliche Art, wie er bald ohne Schalung, also ohne formgebendes Holzgerüst auskam, den Beton direkt auf die mit Kaninchendraht versehene Armierung spritzte und so Dächer schuf, die ohne Stützen große Räume überspannten. Wie er immer erfolgreicher wurde, den elterlichen Baubetrieb als Produktionsgenossenschaft des Handwerks führte und 1972 verhindern konnte, dass das nun als VEB Spezialbetonbau Rügen verstaatlichte Unternehmen in ein Baukombinat eingegliedert wurde.

Aber berühmt? Nein. Man feierte ihn zwar in der Anfangszeit als jugendlichen Rationalisator - "das war so ein FDJ-Begriff" - aber als in Rostock sein erster großer Bau eröffnet wurde, zwei nur sieben Zentimeter dicke, 20 mal 20 Meter überdachende Hyparschalen, lud man ihn nicht ein. Er lächelt. " Das passierte immer wieder. Die die Arbeit gemacht hatten, sollten beim Cognac-Trinken nicht dabei sein." Später, in den Achtzigern, übertrug der Deutsche Fernsehfunk die Einweihung des neuen Planetariums am Prenzlauer Berg, zeigte Honecker beim Arbeiterhände-Schütteln, doch von Müther, der die Kuppel gespritzt hatte, war weder etwas zu hören noch zu sehen.

Müthers Bauten waren zwar eine Ausnahme in der DDR, aber eben jene, die die Regel bestätigt. Ob das Planetarium am Prenzlauer Berg, das Ahornblatt in Berlin oder der Ufer-Pavillon Seerose in Potsdam, sie alle bildeten immer das Zentrum mehr oder weniger trister Plattenbausiedlungen. Müther betonierte die großartigen Bauten für das Kollektiv: Hier fand sich die sozialistische Gemeinschaft zusammen - der einzelne Mensch durfte ruhig in den in Serien produzierten Sieben- oder Elfgeschossern wohnen. Müther setzte die Kontrapunkte zum grauen Alltag - das war ein unerlässlicher Teil der sozialistischen Sinfonie.

Seinen Erfolg im Mangelstaat DDR verdankte er auch der Tatsache, dass seine Technik zwar arbeitsaufwändig war, aber Material sparte. Außerdem waren fast alle Architekten seiner Generation in den Westen gegangen - es gab ein kreatives Vakuum. Dass die Formen eigentlich nicht von ihm waren, interessierte da nicht. Noch heute erzählt Müther bereitwillig, wie er bei jedem Auftrag erst mal guckte, "was Felix Candela so gemacht hat", dieser mit einer fantastischen Gestaltungskraft begabte Pionier des Betonschalenbaus (1910-1997). Selbst als es in den Siebzigern darum ging, möglichst schnell und möglichst billig möglichst viele Wohneinheiten zu produzieren, fand Müther sein Auskommen. Er spritzte für den VEB Carl Zeiss Jena, deren optische Geräte sozialistische Exportschlager waren, im Ausland Kuppeln. Mit dem Raumfahrtzentrum und Planetarium in Tripolis fing es an, ein Gegengeschäft für libysches Öl. Es folgten Kolumbien, Kuwait, Jordanien und Finnland. Und in der Bundesrepublik: Wolfsburg. Volkswagen hatte 10 000 Golf an die DDR geliefert, eines der Kompensationsgeschäfte war eine Zeiss-Sternwarte. Der Architekt kehrte immer zurück: "Meine Frau und ich kommen nun mal aus Binz."

Nach dem Ende der großen Utopie verfallen nun auch die kleinen Utopien Ulrich Müthers

Dann kam die Wende und mit ihr das Unglück. Sein Sohn, ein Arzt, starb an einem Asthmaanfall. Außerdem wollte niemand mehr Hyparschalen haben, denn die Verhältnisse hatten sich gewandelt: Material war billig, Arbeit teuer. Noch eine Kirche in Hannover, eine Tankstelle in Schwerin - dann war Schluss. Eine Zeit lang machte Müther in Bäderarchitektur, sechs Jahre war er Präsident des Bauindustrieverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Doch dann waren da "über zwei Millionen Mark Außenstände". Er hatte den seit 1922 bestehenden elterlichen Baubetrieb durch die DDR gerettet und ging Pleite, kaum im Kapitalismus angelangt. Tragisch? So einen Begriff benutzt Ulrich Müther nicht.

Endlich kommt Justine Miething, die französische Architektin. Müther zeigt ihr "Featherweights", einen Architekturband, der ihn als Pionier der schwebenden Baukunst neben den großen Visionär und Utopisten Buckminster Fuller stellt. Das Gebäude als Ausrufezeichen erfreut sich zurzeit großer Beliebtheit: Jorn Utzon hat dieses Jahr den Pritzker-Preis, den Architektur-Nobelpreis, für seine berühmte Oper im Hafen von Sydney bekommen - die ist aus den Fünfzigern. Aber solche theatralische Architektur steht eben im Gegensatz zu den herrschenden Rentabilitätsbauten.

Wir fahren nach Baabe, zum Inselparadies. Man sieht es an der Strandpromenade sofort. Inselparadies? Welch ein Hohn! Der Bau, einst Restaurant, Milchbar, legendär für seine Disco über dem Strand, ist ein düsteres Skelett. Seit Jahren steht er leer, ein Opfer von Wind, Wetter und Vandalismus. Das Erdgeschoss ist mit Brettern vernagelt, aber der Stacheldraht an der Außentreppe kein Hindernis und der Blick von oben aufs Meer fantastisch. Solch ein Verfall ist normal auf Rügen: Die Gebäude des ehemaligen Pionierferienlagers "Ernst Thälmann" in Borchtitz sind überwuchert. Und die " Ostseeperle" am Strand von Glowe, wo einst mit Blick auf die leuchtenden Kreidefelsen von Kap Arkona gespeist wurde, besuchen nur Schwalben. Allenfalls für kleine Pretiosen, wie den Musikpavillon in Sassnitz, der wie eine Welle aus der Ostsee steigt, scheint es noch eine Verwendung zu geben.

Weiter geht es nach Binz. Es herrscht Rügen-Wetter, für Müther heißt das Segler-Wetter. Auch als das Ahornblatt abgerissen wurde, war er auf dem Wasser. "Was hätte ich denn machen sollen?" Müther weiß, wie hoch der Verwertungsdruck ist. "Wir haben oft auf exzellenten, sehr teuren Grundstücken gebaut. Meist eingeschossig, mit relativ wenig Nutzfläche." Heute baut man da lieber "richtig dämliche Kisten", die bringen den Profit.

In Müthers Turm schwebt man über dem Strand. In der Ferne weiße Segel, rote Bojen dümpeln in der Dünung. "Hier haben wir letztes Jahr Silvester gefeiert." Für fünf Jahre hat er den Turm gepachtet, er will darin Ausstellungen machen und Bücher über sein Werk verkaufen. Von innen lassen sich Filme auf die Außenscheiben projizieren, die Zuschauer sollen in Strandkörben sitzen. Die Ideen gehen ihm nicht aus. Ulrich Müther war am Ende, seine Firma pleite, das Lebenswerk verfiel. Jetzt ist er voller Hoffnung - der Teepott in Warnemünde wurde gerade saniert. Herr Müther, haben Sie einen Traum? "Ja", sagt er und lacht zum ersten Mal. "Wir träumen manchmal." Sein Blick verliert sich in der Ferne. "Der Betonschalenbau. Ganz kaputt ist der noch nicht." Und fürs Berühmtwerden ist es nie zu spät.