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Langfristig rechnen

Immer wenn es ihr schlecht ging, versprach die PC-Industrie Besseres, Schnelleres, Tolleres. Doch die jungen Kunden machen nicht mehr alles mit: Werthaltigkeit und Stabilität werden wichtiger als Superlative.




Seit Jahren nichts Neues. Wann immer Reporter Bill Gates ein Mikrofon vors blasse Antlitz schoben, spulte der Gründer und Chefingenieur von Microsort sein Programm ab. Stets ging es um Revolutionen rund ums digitale Rechnen.

Das war früher. Heute sagt Bill Gates nicht mehr viel und doch die ganze Wahrheit: Alles, was zu tun ist, ist den PC besser zu machen. Das ist die Aufgabe des nächsten Jahrzehnts. Revolutionen finden nicht statt. Vielen Dank. Auf Wiedersehen. Alles Gute. Keine Überraschung? Von Einkehr, Sicherung von Standards, Ausbau des Bewährten war in der Branche bisher nie die Rede. Stets entwickelten sich Soft- und Hardware in die Breite - die Tiefe entstand durch schieres Marktgewicht. Normalität galt in der Branche schließlich seit jeher als schwere Verhaltensstörung.

Produktzyklen von zwei bis drei Monaten. Tempoverdoppelung alle anderthalb Jahre, mindestens. Die Computerwelt folgte brav und ohne Widerrede dem Schlachtruf des Netzwerk-Apostels Marshall McLuhan: " Wenn es funktioniert, ist es überholt!" Selbst wenn gar keine Zeit blieb, das eben Verkaufte auf seine Funktion zu überprüfen. Schneller rotierten nicht nur die Produkte, sondern auch die Niederlagen. In 20 Jahren erlebte die IT-Industrie mehr Pleiten als die Automobilindustrie in 100 Jahren. Was den weltweiten Absatz an Geräten angeht, scheint der Trend ungebrochen. Nach Berechnungen des Marktforschungsinstituts IDC werden in diesem Jahr 163,3 Millionen PC-Einheiten verkauft, 10,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Aber: Damit verdienen die Hersteller fast zwei Prozent weniger als 2002. Je höher der Absatz, desto stärker sinken die Gewinne. Der Preiskampf ist nur ein Grund dafür. Denn das immer höhere Tempo der Rechner ist den Kunden nichts mehr wert. Warum auch? Um sich ein Video auf Festplatte in zwei Sekunden ansehen zu können?

Es ist ein schleichender Prozess: Die Kunden sind nicht mehr bereit, jede Innovation anzunehmen, die schneller am Markt ist als das Bedürfnis nach ihr. Die Grundidee des Personal Computers war es, größtmögliche Flexibilität zu bieten. Der Anwender sollte entscheiden, welche Teile des Computers mehr oder weniger leistungsfähiger sein sollten. Die Idee ging verloren - glücklicherweise nicht ganz.

Knochen mit Fleisch oder: Ein solides Gefühl

Das beste Beispiel bieten in den Computerläden die Bestseller, die nicht mal vollwertige Computer sind: Barebones. Grob übersetzt bedeutet das blanker Knochen. Ein wenig Fleisch ist schon dran: ein Gehäuse mit allen Anschlüssen, im Inneren eine Hauptplatine (Motherboard), die Prozessor und Speicher aufnimmt. Das war's dann aber auch schon. Wie schnell der Prozessor sein soll, wie groß die Festplatte, wie leistungsfähig der CD-Brenner, ob fette Grafikkarte oder Grundausstattung, Dolby-Sound oder mattes Piepsen, all das entscheidet der Kunde selbst - weil er all diese Komponenten, die sich leicht einbauen lassen, extra kauft. Das lässt sich im Laden so gut machen wie im Web-Shop. Mini-Barebones, kompakte, hübsch geratene Vertreter ihrer Art, wie sie etwa von Shuttle oder MS I angeboten werden, sind zurzeit der große Renner.

Die Gehäuse von Shuttle etwa sind keinesfalls grobe Klötze, wie sie seit zwei Jahrzehnten fast unverändert verkauft werden. Die schicken, aus Aluminium gearbeiteten Gehäuse passen auch ins Wohnzimmer. MSI bietet mit seinem Mega-Barebone ein Modell an, das eine Mischung aus Stereoanlage, DVD-Rekorder und PC ist - und aussieht wie eine kleine Hi-Fi-Kompaktanlage. Die Abmessungen eines Taschenbuchs hat das Modell Hetis, das für 194 Euro Basispreis verkauft wird. Alles zusammen wirkt smarter, eleganter, über den Tag hinaus gedacht.

Und: Es hat mit "Geiz ist geil" nichts zu tun. Barebones sind - alles in allem gerechnet - nicht billiger als Discountangebote. Aber der Barebone-Benutzer stellt sich andere Fragen, etwa die, was er wirklich braucht - bei einem Komplett-PC nimmt man das einfach als gegeben an. Die Käufer, so ein Promarkt-Verkäufer aus Berlin, seien keineswegs nur Freaks, "sondern ganz normale Kunden, die vom Design der Geräte angezogen werden - und dann nüchtern überlegen: Wie viel Rechner benötige ich?" Mit anderen Worten: Die Knochen sind werthaltiger. Der Tausch von Komponenten einfacher. Das miese Gefühl, heute etwas zu kaufen, was morgen für die Hälfte angeboten wird, wird gelindert. Der tätige, denkende Kunde - das hat der Industrie gerade noch gefehlt.

Der mündige PC-Käufer sorgt auch für einen Trend in einem Techniksegment, das bisher dem Grünen Punkt vorbehalten war: Gebrauchtcomputer. Vor allem über eBay werden generalüberholte Geräte der letzten und vorletzten Generation angeboten. Bereits im Vorjahr waren ein Drittel aller verkauften Rechner in der Bundesrepublik gebrauchte Ware - und entgegen aller Beschwörungen der Industrie im Schnitt 32 Monate alt.

Die Rückkehr des traurigen Wohnzimmers

Der Kunde lernt: Weniger ist mehr als genug. Die Frage ist, was die Industrie daraus lernt. Zunächst scheint sie aus dem neuen Trend zur Werthaltigkeit und der Nutzung völlig ausreichender Rechenressourcen einen neuen Absatz-Claim entwickeln zu wollen. Aus der geforderten Konzentration auf das Wesentliche, wie es der Kunde vorgibt, wird so die Konzentration auf das Allerneueste - was exakt dem Gegenteil entspricht.

Das prominenteste Beispiel: Microsofts Windows XP Mediacenter-Betriebssystem, das von mehr als 40 führenden PC-Herstellern in ihre Rechner aufgenommen wird. Seit 1. Oktober gibt es das Media Center auch in Deutschland. Mit dem Betriebssystem plus Fernbedienung soll der PC endlich die dominante Rolle in der Unterhaltungselektronik erhalten. Fernseher, Videorekorder, DVDs brennen, surfen, arbeiten, spielen. Alles unter einem Dach. Macht irre Spaß, sagt Microsoft, und zwar der ganzen Familie. Doch diesen Spaß versteht nicht jeder.

Familien, die Microsofts All-in-One-System kaufen, können gleich einen Therapeuten mitbuchen. Wenn Vati Samstagabend ein Videospiel spielen, Söhnchen die Hi-Fi-Funktion nutzen und Mutti Thomas Gottschalk gucken will, dann gibt es Krieg in der Hütte. Wie damals, als es noch Homecomputer gab, in denen ein Rechner für alle, der auch noch den Fernseher beanspruchte, zum digitalen Kollektiv zwang. Erst der PC, der persönliche Computer für jeden Einzelnen, brachte die Wende und den Frieden in die Stuben zurück.

Doch manche sehnen sich nach der schlechten alten Zeit. Die Generation, die mit dem Rattenrennen der schnellen Produktwechsel aufgewachsen ist, scheint für die Idee des persönlichen, nachhaltigen Computers verloren. Die jungen Leute aber sind Microsoft offensichtlich entglitten. Sie favorisieren Barebones und Gebrauchtrechner. Nur: Weiß der alte Vorbeter des " Besser, schneller, revolutionärer" das?

Der Konzern hatte bei der Einführung der US-Variante des Media Centers vor einem Jahr vor allem junge Familien und Pärchen im Visier. Die verweigerten sich allerdings der Eier legenden Wollmilchsau. Der typische Käufer des Systems, so bekannte die Marketingabteilung vor kurzem zerknirscht, ist 43 Jahre alt.