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Kolumne - Heroisch entkoppelt

Ich kann nichts dafür, das System ist schuld. Diese Ausrede ist bei Managern zurzeit sehr beliebt. Ihre eigene Beliebtheit erhöht das nicht.




Ein Keil ist zwischen Wirtschaft und Gesellschaft getrieben - und so wird er von einem Management-Berater erklärt: "Die Hauptrolle in dem Drama, das sich derzeit in der Wirtschaft abspielt, wird nicht von Personen besetzt, sondern von einem Konzept, das sich mit der Zeit zu einer Doktrin mit nahezu totalitärem Charakter ausgewachsen hat." Da haben wir es also. Ein Konzept führt Regie, Shareholder Value heißt es. Die armen Manager sind unschuldig, sie sind nur Marionetten, funktionieren nur. Schuld ist das System. Tja, da kann man nichts machen.

In der Tat erleben wir gegenwärtig den Freispruch des Individuums durch das System. Die Unternehmen bewegen sich innerhalb selbst gezogener Mauern: spezialisiert, kompetent, legal - aber ohne Überblick. Das Selbstbewusstsein der Manager resultiert geradezu aus diesem Dogma: Sie haben sich heroisch abgekoppelt. Dass ihre Loyalität nicht mehr ihrem "Nächsten" gehört und dass sie sich nicht mehr historisch gewachsenen "Sentimentalitäten" beugen, sondern den Sachgesetzlichkeiten der Wirtschart, macht ihren Berufsstolz aus und ist Grundlage für ihr Ansehen und ihre Ansprüche geworden.

Wie es dazu kam? Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel den Siegeszug der Systemtheorie. Ihre Haltung hat, mehr noch als ihre konkreten Denkfiguren, dazu beigetragen, dass man sich intellektuell abgefedert auf Systemkonformität zurückzieht und eine isolierte Logik für das gesellschaftliche Subsystem Wirtschaft exekutiert. Hinzu kamen die wilden Neunziger, dieses glitzernde, völlig überdrehte Jahrzehnt. Und, drittens, der Zirkus um die so genannte Unternehmenskultur. Viele Firmen sahen sich veranlasst, ideologischprogrammatische Kulturgestaltungsprojekte einzuführen. Sie sind ihrer Anlage nach hoch reduktionistisch, grenzen alternative Weltbilder aus und schränken die Möglichkeiten ergebnisoffener Entscheidungsprozesse erheblich ein.

Unter dem Diktat dieser Programme bleibt alle Unschärfe auf der Strecke, die Unternehmensführung wird dogmatischen Lenkungsansprüchen unterworfen. Außerhalb (kurzfristiger) ökonomischer Rationalität gibt es dann für das Unternehmen nichts mehr zu holen.

Eine kaum beachtete Nebenwirkung der Systemtheorie ist die Entdämonisierung des Individuums. Sie verlagert die Fremdsteuerung aus den Tiefen der individuellen Triebdynamik in die Tiefen selbstlaufender Systeme. Die alteuropäische Übung, das Böse als egoistische Täterbosheit zu verstehen, wird ersetzt durch das von dem Publizisten Florian Rötzer treffend bezeichnete "Systemböse".

Im Kontinuum zwischen Determinismus und Freiheit liegt der Verweis auf systemische Eigenlogik dann nahe am Determinismus chemisch-physikalischer Prozesse. Gleichzeitig schwindet die Zurechenbarkeit. Und das Paradigma von Reiz-Reaktion, das der Kybernetiker Heinz von Foerster mit dem Schlagwort von der "trivialen Maschine" auf den Begriff gebracht hat, lebt unverändert fort. Nur dass Strukturen und Prozesse nun den Anpassungsdruck erzeugen. Das System ist der Diktator. Auf dem Weg von Sigmund Freud zu Niklas Luhmann gibt es keinen Zwischenstopp.

Die Folge dieser Denk-Bewegung ist das skandalös Neue am Shareholder-Value-Konzept: die Umkehrung der Zweck-Mittel-Relation. Wenn in früheren Zeiten Unternehmen Mittel zum Zweck der Befriedigung von Kundenbedürfnissen waren, so sind nun die Kunden Mittel zum Zweck der Befriedigung von Unternehmensbedürfnissen. Das Unternehmen mutiert zum Selbstzweck, es weist nicht mehr über sich selbst hinaus.

Schon 1930 wies Siegfried Kracauer (in "Die Angestellten") darauf hin, dass die Verklärung des Unternehmens als Selbstzweck letztlich dazu diene, es der Sphäre individueller Ansprüche zu entheben und auf eine schemobjektive Abhängigkeit von etwas Höherem zu gründen, kurz: partikulare Interessen zu verschleiern. Die da vor allem wären: die durch Aktienoptionen verklammerten Investoren- und Managementinteressen. Das Shareholder-Value-Konzept konnte sich nur deshalb so rasant verbreiten und jedes vernünftige Maß sprengen, weil es der individuellen Entscheidungssphäre scheinbar enthoben war, weil Mittel und Zweck systemisch in eins fallen.

Was aber Mittel und was Zweck ist, das wird von zur Freiheit fähigen und insofern verantwortlichen Menschen entschieden - nicht vom "Unternehmen an sich". Die systemlogische Inszenierung von Unschuld geht zu weit. So wenig ich mit der Dämonisierung des Einzelnen einverstanden bin, so wenig bin ich es auch mit seinem systemtheoretischen Freispruch.

Jeder ist verantwortlich für das, was er tut. Und immer gibt es eine Alternative

Auch im Interesse der Manager wäre mir ein solches Entlastungsmanöver zu billig: Ganz so abdankungslüstern sollten wir sie nicht inszenieren, wollen wir letzte Reste an Legitimität für ihre zum Teil exorbitanten Gehälter retten. Und mag das Shareholder-Value-Konzept auf der individuellen Handlungsebene auch zur Anpassung drängen, es ist ganz offensichtlich nicht ohne Alternative. Das zeigt schon die Tatsache, dass rund 60 Prozent aller deutschen Arbeitsplätze in nicht börsennotierten Unternehmen zu finden sind.

Man wird einwenden, es sei lebensfremd, der als Systemzwang etikettierten Verführung zur Selbstbereicherung zu widerstehen. Einverstanden. Aber entbindet uns das von Verantwortung, die aus der Entscheidung resultiert? Manager handeln nicht mehr, sie verhalten sich nur noch? Was ist mit den vielen Führungskräften, die das Spiel nicht mitgemacht haben? Gab es für sie kein Entrinnen?

Ich beharre auf der Möglichkeit, anders handeln zu können. Sie reicht für Selbstverantwortung völlig aus. Immer gibt es Handlungsspielräume, die man nutzen kann oder eben nicht.

Was wir wieder finden müssen, ist eine Perspektive des Und - nicht des Entweder-Oder. Es geht um Balancen, um Interessenausgleich. Und dabei gibt es Schuld und Versagen. Aber nur dann, wenn wir Entscheidungen als Entscheidungen anerkennen - dafür werden Manager doch bezahlt, oder? Jeder Manager kann wählen, ob er das Spiel mitspielt oder ob er Spielräume nutzt (zum Beispiel keine Aktienoptionspläne einführt, keine Vierteljahresberichte abliefert). Er kann das System - falls es ihm missfällt - vielleicht nicht zum Sturz bringen, aber doch schwächen, indem er sich nicht börsennotierten Unternehmen zuwendet.

So wie jeder einzelne Bürger Mitverantwortung trägt, wenn er sich als Konsument über Schnäppchen freut, sich aber gleichzeitig ärgert, wenn Arbeit billig wie Dreck wird. Oder wenn er blinde Restrukturierungen, Kostensenkungsprogramme und Entlassungen kritisiert, aber an der Börse scharf ist auf den möglichst schnellen Euro.

Die systemtheoretisch Gelassenen können meine Anklage wegen unterbliebener Welt Verbesserung selbstverständlich nur belächeln. In Beraterkreisen ist es schick geworden, Managementfragen lakonisch zu betrachten. Diskutierende Hitzeentwicklung ist einfach uncool. Es fragt sich aber, wie lange wir cool bleiben können. Denn die Selbstentmündigung der Manager, die Befehlsnotstands-Geste, die systemtheoretische Opfer-Rhetorik vergiftet die Atmosphäre. Weil sie einen Keil treibt zwischen Management und Mitarbeiter, zwischen Firmen und Kommunen, zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Weil sie Wirtschaft als die Organisation des Füreinander-tätig-Seins inhaltlich entkernt. Weil sie als unmoralisch und unausgewogen erlebt wird. Das kostet zunächst Image, dann Motivation, dann Geld.

Es ist ein Irrtum zu glauben, Wirtschaft und Gesellschaft ließen sich heroisch entkoppeln. Irgendwann werden die Leute eine Wirtschaft hassen, die sich ihnen so mitteilt.