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INTEL INSIDE - ÜBERALL

Bislang verdiente Intel sein Geld mit Mikroprozessoren für Personal Computer. Heute visiert das Unternehmen ganz andere Ziele an: Weingüter, Vogelnester und die Wohnung von Alzheimer-Kranken.




Das Büro von Genevieve Bell wirkt wie ein Spielplatz auf einem Flugzeugträger. Ein chinesischer Sonnenschirm steht auf dem Regal. Ein aufblasbares Gummihandy hängt schlaff an der Wand. Am oberen Rand der niedrigen Wand ihres Büroabteils schlängelt sich ein roter Drachen, im aufgerissenen Mund eine Plastikperle. "Drachen bringen Glück", sagt Bell.

Mitbringsel von Dienstreisen, Bell hält sich nicht oft in ihrem kleinen würfelähnlichen Büro auf. In den vergangenen zwei Jahren reiste sie durch sieben Länder und 16 Städte in Asien. Dort schlenderte sie über Jahrmärkte, half Familien beim Einkaufen und fotografierte viel. Ihre Eindrücke hielt sie in Reisetagebüchern fest. In die klebte sie U-Bahn-Fahrscheine, Eislöffel, Geschäftskarten, Handzettel oder Zeitungsartikel und malte Kimonos, Neonreklamen oder Telefone.

Die Ausflüge der Anthropologin bezahlt Intel. Der Auftrag: den Umgang mit Technik in Schwellenländern beobachten. Bell fertigt Studien an, hält Vorträge vor Intel-Forschern und dem Management und betreibt eine Intranet-Seite. Derzeit studiert sie den Zusammenhang zwischen Religion und Technik - in Malaysia zeigen die Handys an, in welcher Himmelsrichtung Mekka liegt. Im südlichen China segnen Priester die mobilen Telefone. "Wie soll das im Silicon Valley beschworene Konzept der ständigen Erreichbarkeit in islamischen Ländern aufgehen, in denen die Menschen fünfmal am Tag beten?", fragt sich Bell.

Bei Intel sind alle Gebäude grau, außen und innen. Niemand hat ein Büro, alle sitzen in von brusthohen Stellwänden abgegrenzten Waben. Trotz nummerierter Gänge verläuft sich jeder hin und wieder. Die Ingenieure stört das kaum. Aber sensiblere Seelen aus der PR- oder Personalabteilung stöhnen über die Farblosigkeit - wie auf einem Kriegsschiff heißt es.

Auch die Vorstände arbeiten in solchen Brutkästen. Ihre Büroreihe heißt "die Wand" und liegt an der Fensterfront in der Konzernzentrale im kalifornischen Santa Clara. Aus dem Büro von Intel-Chef Craig Barrett ragt ein dünner grüner Kaktus über die Stellwand.

Der Kalifornier Barrett ist oft auf seiner Ranch in Montana. Der 65-Jährige kommt daher wie ein Cowboy, eine Mischung aus dem Bonanza-Star Ben Cartwright und John Wayne. Groß gewachsen, freundliche Ausstrahlung, am rechten Ohr klebt ein riesiges Pflaster. "Zu lange in der Sonne gewesen", sagt Barrett. Mit Leidenschaft verachtet der gelernte Materialwissenschaftler die Börse. Deren Kritik an seinen hohen Forschungsausgaben und Kapitalinvestitionen hat er nicht vergessen. Zwar steigerte er die Ausgaben für Forschung und Entwicklung seit 2000 nur leicht von 3,9 auf vier Milliarden Dollar in 2002, bewies damit jedoch eindrucksvoll, dass er von seiner Strategie überzeugt ist. Zumal der Umsatz in der gleichen Zeit von knapp 34 auf 27 Milliarden Dollar fiel und der operative Gewinn von 10,4 auf 4,4 Milliarden Dollar schrumpfte.

Nicht nur das Ausmaß der Ausgaben für neue Entwicklungen ist beachtlich, sondern auch die Breite der Forschungsbemühungen. Überall sonst müssen sich in Zeiten des Shareholder Value auch die freigeistigsten Konzern-Wissenschaftler dem kurzfristigen Gewinndenken beugen.

Bedrängt von der Hightech-Krise, trimmen Unternehmen wie der Telekomausrüster Lucent Technologies ihre berühmten Forschungslabors Bell Labs auf zielgerichtete Produktentwicklung. IBM erarbeitete für seine Forscher das Programm First of a kind, in dem sie mit Kunden an konkreten Problemlösungen arbeiten. Anders bei Intel: Seit Barretts Amtsantritt 1997 ist Grundlagenforschung hoffähig geworden. Die Programme haben auf den ersten Blick wenig mit Mikroprozessoren zu tun: Weinanbau, Patientenbetreuung oder ethnologische Studien. Es sind reine Spekulationen - die aber nach Barretts Kalkül riesige Märkte für Intel erschließen könnten.

Psychologen und Mediziner erforschen neue Märkte für Chips

In Deutschland war die Anthropologin Bell auch schon auf Dienstreise. In der Nähe von Ulm, in Stuttgart, München und Berlin verbrachte sie den Sommer 1999 mit verschiedenen Gastfamilien. "Einkaufen am Morgen, am Nachmittag schwimmen und Biergarten am Abend", erzählt sie. "Ich habe gekocht und auf Kinder aufgepasst." Ihre Erkenntnisse: Deutsche verbringen im Sommer viel Zeit außerhalb des Hauses, im Winter ist es umgekehrt. Urlaub ist anders als in den USA eine äußerst "wichtige kulturelle Kategorie. Ich habe schöne Erinnerungen an die Mineralbäder in Baden-Baden", sagt Bell. Deutsche seien außerdem sehr mobil und nutzen Computer und andere elektronische Medien stark saisonal.

Bell ist eine von 21000 Wissenschaftlern in Forschung und Entwicklung bei Intel. Davon arbeiten 2000 in Portland, den elitären Forschungslabors des Chipgiganten im US-Bundesstaat Oregon. Dort sind auch dutzende von Psychologen, Ethnologen, Biologen und Mediziner zu finden - alle haben so gut wie keine Ahnung von Schaltkreisen und Silizium.

Intel stand lange für seine Ingenieurskunst. Hier zählen technisches Wissen, hartes Arbeiten und schlechte Ernährung. Seit 35 Jahren, baut Intel mit immensem Erfolg Mikroprozessoren für Computer zusammen.

Das Geschäft von Intel basiert auf einem verrückten Wettlauf: Das Unternehmen entwickelt ständig leistungsfähigere Chips, für die es weder Computer noch Anwendungen gibt - in der Hoffnung, mit dem Angebot technische Innovationen anzustoßen. Um Software-Entwicklern und PC-Herstellern dieses Prinzip einzuhämmern, formulierte Intel-Mitbegründer Gordon Moore 1965 das "Moore'sche Gesetz": Alle 18 Monate verdoppelt sich die Anzahl der Transistoren auf einem Chip. Damals waren es bis zu 60 Stück, heute sind es beim Intel-Spitzenchip Itanium 500 Millionen - auf einer Fläche, die tausendmal kleiner ist als ein menschliches Haar. Damals verarbeitete ein Mikroprozessor weniger als 1000 Befehle pro Sekunde, heute sind es drei Milliarden.

Das Moore'sche Gesetz ist der heilige Gral bei Intel - und im Grunde genommen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Software-Produzenten wie Microsoft entwickeln ständig neue Anwendungen, weil sie damit rechnen, spätestens alle zwei Jahre schnellere Chips serviert zu bekommen. Die neuen Programme erfordern mehr Rechnerleistung, was den Kauf neuer Computer erfordert - und eine neue Innovationswelle bei Intel auslöst. Seit Jahrzehnten positioniert Intel wie bei einem Staffellauf hunderte von Forscherteams, die an der Technologie von übermorgen und überübermorgen arbeiten. Schon heute werkeln sie an der Chip-Generation von 2011, dem Pentium 8 oder 9.

Dieses System funktionierte bislang fabelhaft. Mit einem Marktanteil bei PC-Chips von knapp 82 Prozent dominiert der Konzern die Branche. Mit immer raffinierterer Technologie gelingt es Intel, stetig Produktionskosten zu senken und trotz fallender Chip-Preise Gewinnspannen von rund 70 Prozent zu erzielen.

Aber die Zeiten ändern sich. Moderne PC sind so leistungsstark geworden, dass sie ohne Probleme immer neue Programme abspielen können. Normale PC-Besitzer können noch mehr Rechnerleistung kaum mehr Nutzen abgewinnen. Tatsächlich flacht das Absatzwachstum der Computer stark ab - von bislang zehn bis 15 Prozent auf fünf bis acht Prozent in den nächsten Jahren, je nach Schätzung. Dazu stößt das Moore'sche Gesetz an die Grenzen der physikalischen Machbarkeit. Der 74-jährige Moore selbst gibt seiner Prognose noch zehn bis 15 Jahre Gültigkeit.

Zielstrebig weitete Barrett deshalb die Produktpalette von Intel auf neue Märkte wie Server-, Speicher- und Kommunikationschips aus. Die setzten Firmen wie IBM, Nokia oder Cisco in Handys, Netzwerkcomputern und Glasfaserverbindungen ein. Der Umbruch in der Chiptechnik ist für Außenstehende kaum zu erkennen, tatsächlich ist es aber so, als begänne DaimlerChrysler Schiffe zu bauen.

Der Vorstoß Intels in die neuen Märkte zieht eine interessante Konsequenz nach sich - das Ende des " Wintel"-Monopols. "Bei Desktop-Computern sind wir eng mit Microsoft verbunden", sagt Barrett. ,Je mehr wir uns von diesem Geschäftsbereich entfernen, desto schwächer wird die Zusammenarbeit." Richard Beckwith ist Psychologe, trägt einen Pferdeschwanz und erforscht die Landwirtschaft. "Die Weltbevölkerung wächst in 30 Jahren von sechs auf neun Milliarden Menschen", sagt Beckwith, "die meisten von ihnen werden in Gebieten mit kargen Böden und mangelhafter Ernährung leben." Beckwith kleidet sich wie ein Öko-Kunstlehrer. Sein Gesicht ist faltig, die Hände sind riesig, und die Aktentasche ist abgewetzt. Beckwith arbeitet seit sieben Jahren bei Intel. Das Ziel seiner sechsköpfigen Forschungsgruppe: den Ertrag des Ackerbaus nachhaltig zu verbessern und den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Beckwith schrieb seine Doktorarbeit über das Thema "Wie Kinder Sprachen lernen", um danach in Princeton über künstliche Intelligenz zu forschen.

Minicomputer helfen bei der Weinlese - später auch anderswo

Beckwiths Team will Mikroprozessoren einsetzen, um mit mehr und schnellerer Information Ernteergebnisse zu verbessern und den Einsatz von Pestiziden zu vermindern. Als Pilotprojekt wählten sie den Weinanbau, der in der Nähe der Intel-Labors in Oregon betrieben wird. Anfang 2002 befragten sie Winzer nach ihren Methoden und Problemen. In diesem Frühjahr hängten sie 65 Sensoren in wetterfesten Röhren in die Nähe von Weinstöcken. Die funken die genaue lokale Temperatur an den von Intel gestifteten PC - für den Winzer eine wertvolle Information, um Frostschäden zu vermeiden.

Derzeit läuft ein Folgeversuch im kanadischen British-Columbia, um dort die Eiswein-Produktion zu verbessern. "Die Winzer schliefen zuvor mit Schlafsack und Campingmatte in ihren Feldern, um den richtigen Zeitpunkt für den Eiswein abzupassen", sagt Beckwith. Die Trauben müssen für vier Stunden einer Temperatur von minus acht Grad ausgesetzt sein, um dann gepflückt zu werden. Durch die längere Reifezeit bis zum Frost gewinnt der Wein an Quallität. Mit dem Sensoren-Netzwerk kann der Winzer bequem vom PC aus den optimalen Zeitpunkt der Ernte ermitteln.

Kleine Chips mit Sensoren, so genannte Motes, machen das Weinexperiment möglich. Motes sind Mini-Computer, die mit einfachsten Mitteln die Welt verändern könnten. "Ich habe als Kind und Teenager die PC- und Internet-Revolution miterlebt", sagt Lakshman Krishnamurthy, bei Intel Chef der Gruppe " Netz-Sensoren". "Jetzt ist es spannend, an der nächsten Umwälzung zu arbeiten." Ein Mote hat alles, was ein großer Computer auch hat - nur in viel kleinerem Maßstab. Ein Betriebssystem, Speicherbausteine und eine Antenne finden auf einer Fläche von wenigen Millimetern Platz. Die Motes messen chemische Veränderungen oder Temperaturschwankungen. "Das ist einfach. Der schwierige Teil ist: Sie sollen miteinander kommunizieren und selbstständig ein Netzwerk aufbauen", sagt Mark Yarvis, der sich im Entwicklungsteam mit der Informationsübermittlung beschäftigt.

"Ein weiteres Problem bei ihrem Einsatz ist die Energieversorgung", sagt Krishnamurthy. Normale Batterien sind dafür zu groß. Es sei allerdings nur eine Frage der Zeit, bis sich das Problem lösen lasse. "Auf einer Brücke könnten sich Motes etwa durch die Vibration des Straßenverkehrs speisen", sagt er.

Dem Einsatz der Winzlinge sind fast keine Grenzen gesetzt: Sie könnten mit Wandfarbe vermischt werden und so Informationen über lecke Rohre in einem Hochhaus melden. Suchflugzeuge könnten Motes mit Mikrofonen über Waldgebiete ausstreuen, um ein vermisstes Kind zu finden. Das US-Militär arbeitet an einer Version, um feindliche Truppen auszuspähen. Auf einer Insel vor Maine baute Intel in Zusammenarbeit mit der Universität von Kalifornien und dem College of the Atlantic ein Motes-Netz auf, um das Verhalten des Wellenläufers zu erforschen. Ornithologen platzierten 200 Intel-Motes in Nestern und anderen Plätzen und lüfteten einige Geheimnisse des scheuen Seevogels. "Unsere Motes waren so gut, dass sie sogar von Kaninchen gefressen wurden", witzelt Krishnamurthy.

Vernetzte Sensoren helfen Alzheimer-Patienten beim Teekochen

Auch die Wirtschaft ist auf den Geschmack gekommen: Die amerikanische Firma York International will in ihre Klimaanlagen Netzwerk-Sensoren einbauen, um die Temperatur zu messen und Fehlfunktionen anzuzeigen. Nach Schätzungen des Unternehmens sollen Motes die Produktivität um 15 Prozent heben. Der Ölkonzern Shell will Motes in Tankstellen und Zapfhähnen einsetzen, die britische Supermarktkette Tesco damit Lagerbestände kontrollieren.

Betty sieht fern. Eine Dokumentation über die Weltausstellung in Seattle. Auf einmal wird die Sendung unterbrochen. Es erscheint eine riesengroße Teekanne samt Tasse auf dem Bildschirm. Es erklingt nette Musik, und die Stimme von Bettys Tochter sagt: "Willst du jetzt nicht etwas Tee trinken?" Betty steht auf, geht in die Küche und folgt den Anweisungen auf einem kleinen Monitor. Dort liest man: Tasse rausholen, Wasserkocher ausstellen, Teebeutel reinhängen - immer zum richtigen Zeitpunkt liest Bettys Tochter die Anweisungen vor.

Betty hat Alzheimer im "moderaten Stadium", erklärt Intel-Forscher Brad Needham, "und Probleme mit täglichen Handlungsabläufen" - sie trinkt zu wenig, weil sie Angst vor dem Teemachen hat. Also montierte der Computerwissenschaftler Sensoren unter dem Geschirr, in der Schublade, im Tee-Kasten. Die Sensoren und Mikroprozessoren sind mit Server oder Hauscomputer verbunden. Der ist mit Fernseher, Wecker oder Glockenspiel vernetzt, die mit entsprechender Hard- und Software versehen wurden.

Betty, Stan, Ben oder Heidi - jeder Name steht für einen Alzheimer-Patienten in einem anderen Krankheitsstadium. Die einzelnen Fälle spielen Needham und der Sommerpraktikant Darren Brown in der nachgebauten Wohnung im Intel-Labor vor. ,Jetzt bin ich Stan", sagt Needham. "Er leidet unter Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, seine Sicherheit ist gefährdet." Brown spielt Nancy, die als freie Autorin in der Küche sitzt und schreibt, während Stan im Wohnzimmer vor dem Fernseher hockt. Sobald Stan seinen Sessel verlässt, sagt die Küchenuhr mit freundlicher Stimme: "Stan ist aufgestanden." Das funktioniert über Sensoren unter Needhams Schuhen und dem Teppich, die über Radiowellen Bewegungen wahrnehmen und an den Hauscomputer weitersenden - der daraufhin die Uhr verständigt.

Solche Anwendungen könnten vor allem für Angehörige und Pfleger große Erleichterungen bringen. Unter der Leitung von Kommunikationswissenschaftler Eric Dishman will die fünfköpfige Gruppe Alzheimer-Patienten ermöglichen, so lange, wie es geht, im eigenen Hause zu leben. Im Schnitt leben Alzheimer-Erkrankte nach der Diagnose noch sieben Jahre. Ihr Verfall erstreckt sich je nach Stadium von leichter Vergesslichkeit bis zu schweren motorischen Störungen.

Seit Frühjahr 2002 befragte Dishmans Team in Zusammenarbeit mit verschiedenen Universitäten und dem amerikanischen Alzheimer-Verband 60 Betroffene sowie deren Familien und Freunde. In den zweistündigen Gesprächen forschten sie nach Tagesabläufen, Bedürfnissen und Problemen. Sie fotografierten Werkbänke, Fernbedienungen und Kleiderschränke: Überall klebten Zettel mit Hinweisen der Kinder oder Ehefrau. Am Fenster steht: "Füttere nicht die Eichhörnchen, sie kommen in die Wohnung." " Sirup" baumelt an der Sirupflasche.

Die Gruppe unter der Leitung von Dishman wertete Fragebögen, Videobänder und Fotos aus und überlegte sich technische Lösungen für Alltagsprobleme. " Unsere Arbeit ist gut für die Welt", sagt Needham, "und gut für Intel, weil es mehr Silizium verkaufen kann."

Ähnliche Studien will Dishman nicht nur für Alzheimer-, sondern auch für Krebskranke und Patienten mit Herz-Kreislaufbeschwerden durchführen. "Diese drei Krankheiten verursachen allein in den USA jedes Jahr Kosten in Höhe von einer halben Billion Dollar", sagt er. "In zehn Jahren hat die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung in Japan, USA und Westeuropa einen zweiten Job: die Betreuung der Eltern."

Dishman studierte unter anderem Englisch und Kommunikationswissenschaften und arbeitet seit vier Jahren für den Chiphersteller. In der Zukunft soll nach Dishmans Vision von "proaktiver Gesundheitsvorsorge" der Fernsehsessel das Gewicht des Großvaters kontrollieren und der Herd die Reaktionszeiten der Großmutter prüfen. Für Datenschützer eine Horrorvorstellung, für Dishman kein Problem: "Wir nehmen die Sache sehr ernst und sprechen mit den Patienten darüber. Ihre Antwort ist oft: ,Wir haben unser Privatleben bereits verloren'. Unsere Technologie gibt ihnen Unabhängigkeit zurück, die sie in Heimen verloren haben."

Der Gesundheitsmarkt -"the next big thing" für Intel

Das Alzheimer-Projekt ist nur eines von vielen im Gesundheitsbereich. Andy Berlin forscht mit zehn Biochemikern und -physikern an Biochips. Die sollen Krebs bereits auf molekulärer Ebene erkennen. "Bislang muss der Tumor erst sehr groß werden, damit wir Krebs diagnostizieren", sagt Berlin. Er fixiert mit Hilfe von Salzwasser einzelne Moleküle auf einem Chip, um sie mit einem Laser zu analysieren.

Zum "3-D Hydrodynamic Focusing" kam Berlin durch einen Vortrag auf einer Konferenz. Dort stellte der damalige Angestellte des Xerox Palo Alto Centers das von ihm entwickelte und bislang schnellste Verfahren zum Verschieben von Papier mit Hilfe eines raffiniert gesteuerten Luftstroms vor. Ein paar Intel-Leute sahen das und sprachen ihn an. "Die dachten sich: Mit dieser Technik bekommt der Mann auch Blutproben zur richtigen Zeit an die richtige Stelle", sagt Berlin und verzieht keine Miene.

Berlin fühlt sich bei Intel gut unterstützt. Auch was die Technik betrifft. Bei den neuesten Chips arbeitet Intel in der Größenordnung von 90 Nanometern, was laut gängiger Definition in die Nanotechnologie fällt - die gleiche Größe haben "viele interessante Proteine", sagt Berlin. Dazu "besitzt Intel große Erfahrung im Beschichten von Material", eine wichtige Voraussetzung für seine Forschungsarbeit bei Intel. "Das Unternehmen steht voll hinter uns", sagt Berlin. Er ist sich sicher, dass das Forschungsprojekt 2004 um weitere vier Jahre verlängert wird.

Unternehmen wie Affymetrix setzen bereits eine Viertelmilliarde Dollar mit DNS-Chips oder Testgeräten um. In Berlins Power-Point-Präsentation taucht ein Schaubild mit einer Marktanalyse von Biochips auf. Der Markt soll in zehn Jahren auf sieben bis zehn Milliarden Dollar anwachsen. "Von der Prognose bin ich nicht sehr überzeugt. Die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen", sagt er.

Sein oberster Chef Barrett ist da anderer Ansicht. Gesundheit ist seiner Meinung nach "the next big thing": "In zehn bis 15 Jahren entspricht diese Sparte für uns der Größe des PC-Umsatzes", sagt Barrett. "Ich habe gerade erst mit Andy Berlin gesprochen, und seine Forschung ist fantastisch." Auf den Besuch des Intel-Chefs und dessen Enthusiasmus für das Projekt angesprochen, erwidert Berlin trocken: "Verwechseln Sie nicht Interesse mit Geschäft."

Bleibt die Frage: Kann Barrett seinen Aktionären die Ausgaben für die ethnologischen Studien erklären? Genevieve Bell bastelt derzeit an einem Asien-Quartett: Für jedes Land gibt es eine Spielkarte, vorn mit bunten Fotos von landestypischem Obst, Blumen oder Kuchen. Hinten drauf sind Fakten wie Anzahl der Telefone und Internetzugänge zu lesen. Warum bezahlt Intel das? " Wir gaben hunderte Millionen Dollar aus, um die technischen Voraussetzungen für Videokonferenzen zu schaffen. Aber die Bemühungen waren umsonst, weil die Menschen nicht bereit waren, ihr Verhalten zu verändern", sagt Barrett. "Es ist wichtig, bei der Produktentwicklung den menschlichen Input zu haben - genau das, was uns unsere Ethnologen liefern. Sie sagen uns, was den Menschen wirklich etwas bedeutet."