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Der Tanzlehrer

Der Tai-Ji-Meister Chungliang Al Huang berät Unternehmen dabei, ihren Energiefluss richtig zu organisieren. Seine Methode klingt simpel: "Ich bringe Managern das Tanzen bei".




brand eins: Sie sind Tai-Ji-Lehrer, beherrschen also die chinesische Bewegungsmeditation, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen soll. Was können Manager von Ihnen lernen?

Al Huang: Ich arbeite mit Führungskräften der höchsten Ebene. Das sind klare, willensstarke Menschen, die oft sehr komplexe Unternehmen führen. Viele geben an, ihnen fehle etwas. Meist hat das mit dem täglichen Chaos zu tun und der Unfähigkeit, darin zu navigieren und Ziele zu verfolgen. Tai Ji hilft den Menschen, ihr eigenes Zentrum wieder zu entdecken. Aus der Körperarbeit erwächst eine geistige Fokussierung.

Wie verändert Tai Ji den Menschen?

Wenn Sie Tai Ji praktizieren, merken Sie schnell, wie klein Sie sind. Gleichzeitig merken Sie, wie Ihr eigener Mikrokosmos den Makrokosmos beinhaltet. So werden Sie kraftvoll, ohne arrogant zu sein.

Alle guten Führungskräfte sind begeisterte Schüler. Denn wenn Sie aufhören zu lernen, sind Sie ein schwacher Führer. Aber wenn Sie gut sind, dann erkennen Sie die Unendlichkeit dessen, was es noch zu lernen gibt. Wie können Sie da stolz sein auf das, was Sie bereits wissen? Hier beginnt Bescheidenheit.

Was ist dabei konkret Ihre Aufgabe?

Für den Otto Versand zum Beispiel arbeiten wir an solchen Themen wie Werten und der Verbindung der Mitarbeiter untereinander. Die Manager kommen zu mir, und wir praktizieren zusammen auf Basis der Philosophie des Tai Ji die Bewegungsform. Meine Arbeit ist dann erfolgreich, wenn ein Unternehmen begreift, dass es neue Erfahrungen braucht, kulturelle Offenheit, und seine Verbundenheit mit der Welt erkennt. Individualität und Homogenität - Einzigartigkeit gepaart mit der Fähigkeit, sich neuen kulturellen Herausforderungen anzupassen. Die tägliche Arbeit ist von vielen kleinen Problemen geprägt. Umso wichtiger ist da eine gemeinsame Haltung, Einstellung, ein Wertesystem. Erfolg kommt aus Ihrer Fähigkeit, kleine Ziele loszulassen und große Ziele festzuhalten.

Das klingt harmonisch. Ist im Markt nicht mehr Aggressivität nötig?

Wettbewerb ist völlig okay, wenn Sie es genießen, erfolgs- und leistungsorientiert zu arbeiten. Wenn Sie zentriert sind, genießen Sie Ihre eigene Kraft und können sie einsetzen, um Ihre Ziele zu verfolgen. Jedes Ziel ist ein Resultat Ihrer Energie.

Oft verwechseln wir aber das Ziel, also das Resultat, mit dem eigentlichen Prozess. Wir verschwenden zu viel Energie darauf zu überlegen, wie wir ans Ziel kommen, statt den Fortschritt und den Prozess, der uns dorthin bringt, effektiver zu organisieren. Indem Sie ein Ziel fokussieren, das in seiner Eigenschaft ja nicht einmal real ist, verlieren Sie den realen Prozess. Sie müssen sich immer auf die Gegenwart Ihres Prozesses konzentrieren. Sonst erreichen Sie niemals Ihr Ziel, egal, wie stark Sie es sich wünschen.

Wenn der Bogenschütze ein Ziel treffen will, muss er sich auf seinen Körper und seine Tätigkeit als Bogenschütze konzentrieren. Sobald er sich zu sehr auf das Ziel konzentriert, wird er es verpassen und vorbeischießen.

Ein wichtiger Gedanke im Tai Ji ist "Denkender Körper - Tanzender Geist". Steht die Welt im Tai-Ji-Unternehmen Kopf?

Der Körper eines Unternehmens besteht aus allen Menschen, die in der Firma arbeiten. Wir müssen den kreativen Prozess jedes Individuums anregen, damit er zu einer möglichst reichhaltigen Quelle wird. Wenn der Körper gesund ist und funktioniert, müssen wir ihm Musik geben und einen Geist und ihm erlauben, zu tanzen, zu schweben und frei zu sein, kreativ, damit er erfolgreich sein kann und gedeiht.

Wie organisiert ein Tai-Ji-Unternehmen seine Mitarbeiter?

Die erfolgreichen Unternehmen von heute agieren global. Führungsstile, Networking, Verbindung der Mitarbeiter - alles wichtige Themen. Die ideale Haltung besteht zunächst einmal aus einem freundlichen, mitfühlenden und umsorgenden Geist. Das steht natürlich im Gegensatz zum kämpferischen, wettbewerbsorientierten Erfolgsmodell.

Sie brauchen aber immer ein starkes Zentrum. Ist das Zentrum stark, laufen alle Fäden des Netzwerks immer wieder hindurch. Gute Führung muss ein Umfeld schaffen, in dem alle Beziehungen sich verstärken und ergänzen. Der Zusammenhalt bringt die vielen Unterschiede in ein Gleichsein, ohne sie aufzulösen.

Nehmen Sie wieder den Körper: Der Vorstand eines Unternehmens ist der Kopf, das Gehirn. Er ist aber auch das Herz. Das chinesische Wort für "zentriertes, fokussiertes Bewusstsein" macht keinen Unterschied zwischen beiden Organen, es lautet übersetzt " Herzverstand". In alten Organisationsmodellen wie der Pyramide stellen wir uns den Kopf als Schaltzentrale vor, die alles kontrolliert.

Im Tai Ji aber ist der ganze Körper das Gehirn. Wenn sich Herz und Geist im Zentrum des Körpers befinden, wird sich der Körper anmutig, kohärent und effektiv bewegen. Erfolg entsteht, wenn alles verbunden ist, wenn jeder Teil dieselben Werte verfolgt.

Tai Ji kanalisiert den Energiefluss. Ein Manager organisiert Menschen. Wo trifft sich beides?

Ein guter Tai-Ji-Praktiker versteht es, Energie (Ch'i) aus allen Ressourcen zu kanalisieren - Himmel, Erde, die fünf Elemente der Natur -, um sich zu stärken. Er fokussiert sich selbst im Mittelpunkt, stellt sich auf die menschliche Energie ein, die ihn umgibt, und verbindet sich mit ihr.

Ein erfolgreicher Manager tut dasselbe mit seinem Unternehmen, seinen Kollegen und Mitarbeitern. Die Praxis des Tai Ji ist also universell, weil sie - indem sie alles durchdringt - mit allem verbunden ist. Der Versuch, sich mit der kompletten Umgebung zu verbinden, erscheint auf den ersten Blick chaotisch. Aber wenn Sie ein guter Leiter sind, im Besitz Ihrer Kräfte und einfühlsam mit Ihren Mitspielern verbunden, verwandeln Sie die chaotischen Töne eines Orchesters in reine und schöne Symphonien.

Eine These: Perfektion entsteht aus dem kontinuierlichen Prozess ständiger Wiederholung. Kreativität kommt von allein. Stimmen Sie zu?

Um Erfolg in einer Sache zu erlangen, bedarf es Übung, ständiger Übung. Die muss aber kreativ, mit Freude und Frische erfolgen. Wiederholung kann extrem langweilig sein und produziert nur selten ideale Resultate. Kreativität ist immer neu und überraschend, durch die Spontaneität leidenschaftlicher Auseinandersetzung.

"Wie kommt man in die Carnegie Hall?", heißt eine alte Frage. Und die Antwort: "Üben, üben, üben." Die Freude des Erfolges liegt aber nicht in der Carnegie Hall, dem Ort. Sie liegt im Künstler selbst, der seine tägliche Praxis genießt, und darin, wie seine Kreativität ihn trägt und weiterüben lässt. Ein Auftritt in der Carnegie Hall ist lediglich ein angenehmer Nebeneffekt seiner lebenslangen Leidenschaft, seine Kunst auszuüben. Deshalb erfordert Meisterschaft in jeder Disziplin zuallererst kreative Freude und Leidenschaft im operativen Prozess. Das ist der Kraftstoff, der den Motor antreibt. Je höher die Oktanzahl, umso kraftvoller.

Perfektion ist ein Wunsch und wird erst erkannt, wenn die Arbeit getan ist, falls sie gut gemacht wurde. Eine klare innere Einstellung steuert den Prozess in die richtige Richtung. Sie ist die leitende Kraft, die uns auf Kurs hält.

Welches sind die Hindernisse auf dem Weg zur Perfektion?

Noch mal: Perfektion ist nur ein Wunsch und eine Abstraktion. Wir verfolgen den besten Weg, den wir kennen, um zu tun, was es zu tun gibt, und dabei können wir uns Perfektion nur wünschen. Unterwegs treffen wir ständig auf Hindernisse, die dort sind, damit wir lernen: Herausforderungen sind Möglichkeiten, unsere Kreativität zu stimulieren, und wir lernen, all diese Herausforderungen ohne Angst, sondern mit Freude zu umarmen.

Eine Figur des Tai Ji dreht sich um diesen Komplex. Ich habe sie zum Titel meines ersten Buches gemacht: " Embrace Tiger, Return to MounTain". Es geht nur darum, wie man lernt, erfolgreich zu sein und sich mit dem Erfolg einzurichten. Das einzig wahre Hindernis auf dem Weg zur Perfektion ist also die Vermeidung von Hindernissen in Ihrem Leben und in Ihrer Arbeit. Ein altes Sprichwort lehrt: "Die perfekte Perle entsteht aus dem geduldigen, arbeitsamen Verdauungsprozess der Auster."

Liegt da nicht ein Widerspruch? Wu Wei, ein wichtiges Prinzip des Tai Ji, lehrt den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Als Gleichnis wird gern der Koch beschrieben, dessen Messer nicht stumpf wird, weil er beim Schneiden dem faserverlauf des Fleisches folgt.

Sicher, das erscheint auf den ersten Blick tatsächlich paradox. Aber Wu Wei bedeutet ja nicht, nichts zu tun, sondern nur das Unveränderbare vom Machbaren zu unterscheiden. Wu Wei beschreibt die Lebensführung eines Menschen, der dem Tao folgt und die menschliche Natur und die Komplexitäten des Lebens so gut versteht, dass er nur eine Mindestmenge an Energie und Widerstand benötigt, wenn er damit arbeitet. Wir müssen lernen, mit der Welt zu tanzen, statt uns an ihr abzukämpfen.

Dann gilt es also vor allem, ein Hindernis von einer Herausforderung zu unterscheiden?

Genau so ist es. Das chinesische Wort für Krise besteht aus zwei Schriftzeichen und bedeutet "Gefahr und Gelegenheit". Krise ist also nie negativ.

Ist Ihr Konzept des Tanzens nicht für viele Manager bestenfalls verwirrend? Geradlinigkeit ist eine im Westen tief verwurzelte Tugend.

Das ist eher eine globale Erscheinung. Als Menschen haben wir Angst vor Veränderung. Wenn etwas funktioniert, fühlen wir uns sicher. Wenn Sie sich sicher fühlen, verlieren Sie aber auch Ihre Innovationskraft. Sie werden gelangweilt. Sie müssen also immer Risiken eingehen, um sich zu bewegen. Aber wenn Sie fokussiert sind, gehen Sie Risiken ein und tanzen mit ihnen. Und der risikoreichste Tanz ist immer am aufregendsten.

Wie gehen die Kämpfertypen im Business mit dieser weichen Lehre um?

Der konstante Kampf ist sicher eine Herausforderung für viele erfolgreiche Leute. Die wirklich erfolgreichen Menschen, die ich kenne, vertrauen ihrem Erfolg nie in einem statischen Sinn. Sie sind sehr aufmerksam und darauf bedacht, die Zentrierungsprozesse in Gang zu halten. Sobald sie selbstgefällig und sicher werden, riskieren sie ihren Erfolg. Das Leben als Mensch und Unternehmer ist eine konstante Herausforderung, mit der sie lernen müssen zu tanzen. Meine Arbeit mit diesen Leuten besteht darin, ihnen das Tanzen beizubringen. Sie müssen den Prozess genießen.

Und was lernen Sie von den Managern?

Ich sehe durch sie die zahlreichen Fallstricke der Geschäftswelt. Die ständige Versuchung, des Erfolges wegen zu weit zu gehen.

Was halten Sie dagegen?

Kooperation. Die beste Art zu gewinnen ist, wenn sich der Verlierer wie ein Gewinner fühlt. Es ist also immer besser, Win-Win-Situationen anzustreben, bei denen jeder auf seine eigene Art gewinnt. Wir wollen immer Nummer eins sein. Im Chinesischen sagt man: "Die Nummer zwei ist gut genug; lass die Nummer eins sich mit dem Erfolg herumschlagen."

Wie organisieren Sie Ihr eigenes Unternehmen? Sind Sie ein guter Boss?

Meine Organisation ist sehr klein und selbstorganisiert. Ich glaube an den Tao-Weg des Wu Wei: Organisieren ohne Organisationszwang. In der Natur funktioniert das ja auch sehr gut, wenn wir uns nicht zu sehr einmischen. Vers 17 von Lao Tzus Tao Te Ching ist mein Leitwort dafür, wie man gut führt: "Ich lerne noch immer."