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Das geht - Die Großmieterin

Ute Bock kümmert sich um Menschen, um die sich sonst niemand kümmert. Eine teure, aber glücklicherweise ansteckende Leidenschaft.




Nein, wie jemand, der aus dem vierten Stock springt, sieht Ute Bock nicht aus. Obwohl die 61-Jährige eben gesagt hat, dass sie es vielleicht getan hätte, als nichts mehr ging. Aber sie hat gelächelt dabei, so wie sie das immer tut, wenn sie Sachen sagt, die sie nicht so meint. Wie zu dem Asylbewerber, der vor zehn Minuten bei ihr war und frische Bettwäsche wollte. "Schau mal auf die Uhr, jetzt ist es Mittag. Willst du schon schlafen gehen? Wozu brauchst du jetzt Bettwäsche?" Jetzt hat sie andere Probleme. Lösungen kommen immer dann, wenn sie dran sind.

Selbst auf dem geraden Weg zwischen Problem und Lösung findet Ute Bock noch eine Abkürzung. Deshalb ist sie effektiv. Aber leider nicht effizient, denn sie verbraucht Geld, ohne welches zu verdienen. Sie braucht das Geld nicht für sich, sondern für rund hundert obdachlose Flüchtlinge in Wien. Jugendliche, die außer Ute Bock niemanden haben. Deshalb sagen sie Mama zu ihr. Weil sie der kleine Zipfel Heimat in der Fremde ist. "Mama, hast du einen Platz für mich?" "Da in der Schublade hab' ich einen Platz für dich." Dann lächelt sie wieder dieses Ist-nicht-so-gemeint-Lächeln und weiß wahrscheinlich schon, in welcher ihrer Wohnungen sie den Kandidaten unterbringen wird.

Es gibt Menschen, die Großgrundbesitzer sind. Ute Bock ist Großmieterin. 29 Wohnungen hat sie mittlerweile für ihre obdachlosen jugendlichen Flüchtlinge in Wien angemietet. Ute Bock war Erzieherin in einem Wiener Gesellenwohnheim. Sie betreute allerlei Jugendliche auf ihrem schweren Weg in die Selbstständigkeit. Seit Anfang der Neunziger wies das Jugendamt so genannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei ihr ein. Zuerst zwei, drei. Dann wurden es immer mehr. Sie wies keinen ab; Mama besorgte Papiere, meldete die Flüchtlinge bei Deutschkursen an, kümmerte sich.

1999 dann die Razzia. Zu vielen waren das Gesellenheim in der Zohmanngasse und Ute Bock ein Dom im Auge. Drogenverdacht, Verhaftungen der Jugendlichen, Anzeigen und das Verbot, weiter jugendliche Ausländer aufzunehmen, folgten.

"Sollt' ich sagen, geht's aussi, schlaft's im Rinnstein? Das hätt' ich denen gar nicht vermitteln können." Es war Zeit für eine Lösung. Ute Bock bekam eine Wohnung angeboten, dann noch eine, andere suchte und fand sie. Jetzt hat sie fast 30 Wohnungen am Hals und monatliche Unterhaltskosten von rund 10 000 Euro. Mit einem Mal war die Lösung zum Problem geworden.

Es wäre ein sehr guter Zeitpunkt gewesen, aus dem vierten Stock zu springen. Denn mit einer Erzieherinnen-Pension und ein paar ausbezahlten Versicherungen ließen sich diese Kosten nicht decken. Immerhin bekam Ute Bock, nachdem man ihr Heim durchsucht, die Flüchtlinge verhaftet und wieder freigelassen, sie selbst angezeigt und die Anzeige fallen gelassen hatte, im Dezember 2000 einen Menschenfreundlichkeitspreis. Und dann noch einen und noch einen: "Das ist typisch für Österreich. Erst hauen sie dich um. Dann geben sie dir 100 000 Schilling, damit du das Maul hältst." Ute Bock lächelt nicht, als sie das sagt. Das meint sie ernst.

Irgendwann aber waren die Preisgelder aufgebraucht. Vierter Stock? Lassen wir das. Mama Bock kann nicht sagen, was sie getan hätte, wenn kein Geld mehr da gewesen wäre. Weil sie die Lösung ja erst findet, wenn das Problem da ist. Denken in Konjunktiven liegt ihr nicht. Eines ist aber sicher: Irgendeine Abkürzung hätte sie schon gefunden.

Diesmal hatten andere eine Lösung. Im Sommer riefen einige Leute, denen gefällt, was Ute Bock tut, die Aktion "Bock auf Bier" aus. Mehr als 70 Wiener Lokale kassierten einfach zehn Cent mehr für jedes verkaufte Bier und rührten das Geld direkt auf Bocks Mietkonto mit dem großen Loch ab. Die Kampagne nahm immer professionellere Züge an. Kinospots, in denen auch Promis wie die Schriftstellerin Elfriede Jelinek für die gute Sache am Bier nippten, sorgten für so viel Aufmerksamkeit, dass nach drei Monaten solidarischen Trinkens 30 000 Euro für die jugendlichen Flüchtlinge zusammenkamen.

Der Slogan "Prösterchen, Ute" war ein Reißer. Da musste doch noch mehr zu machen sein. Also legten die im Hintergrund werkelnden Unterstützer das Programm "Bock auf Kultur" auf. Jetzt gingen Josef Hader und Tex Rubinowitz, Hermes Phettberg und Willi Resetarits, der einst der Ostbahn-Kurti war, und viele andere dorthin, wo die Leute Bier für Ute Bock tranken, um mit prominentem Kabarett und Musik noch mehr Leute in die Kneipen zu locken, die dort noch mehr Bier für Ute Bock trinken sollten. Und noch mal kamen 30000 Euro zusammen. Am 27. September endete die Aktion: Mama Bock kann jetzt ein halbes Jahr die Miete zahlen.

Und dann?

Wird sich schon wieder eine Abkürzung finden.

Kontakt: Bock auf Bier, c/o SOS Mitmensch Postfach 220, A-1070 Wien www.fraubock.at Spendenkonto: Verein Ute Bock, Hypo Bank Tirol Bankleitzahl 57 000, Konto Nr. 520 110 174 99 Kennwort "Ute Bocks Wohnprojekt"