Partner von
Partner von

Zu Unternehmern verdammt

Was tun Arbeiter in Argentinien, wenn ihre Fabrik Pleite geht und sie entlassen werden sollen? Ganz einfach, sie übernehmen sie und werden Unternehmer. Eine Geschichte über das Einfache, das schwer zu machen ist.




Zuerst ist da das taub machende Hämmern des Bolzens der Aluminium-Presse. Einmal pro Sekunde, 60-mal in der Minute, 3600-mal in der Stunde. Ohne Pause schlägt monoton Eisen auf Eisen. Als Nächstes der Gestank. Es riecht nach verglühtem Metall, nach verbranntem Lack, nach giftiger Asche. Ätzend setzt er sich in der Nase fest und wandert durch die Bronchien langsam zur Lunge. Jeder Atemzug ekelt, kostet Überwindung. Und dann ist da der alte Pförtner am Fabrikeingang. Die grauen Haare hat er nach hinten gekämmt, zur grünen Hose trägt er ein blaues Zweireiher-Jackett mit Goldknöpfen. Er hört schlecht und bewegt sich langsam, ist aber äußerst zuvorkommend. "Sergio Veliz?", ja, er lässt ihn rufen.

Über dem Tor neben der Pförtnerloge steht in roten Lettern IMPA, Argentiniens erste Aluminiumfabrik. Im Jahr 1932 in Buenos Aires gegründet, im Jahr 1997 Pleite gegangen - und trotzdem nicht verschwunden. Stattdessen ist die Fabrik zu einem Symbol geworden in Argentinien. Denn ihre Arbeiter sind Pioniere der Arbeitsplatzsicherung in Zeiten der Krise - wenn auch mit unorthodoxen Methoden. Als die Besitzergesellschaft Konkurs anmeldete, hat die Belegschaft IMPA übernommen und betreibt die Fabrik seither in eigener Regie mit eigenen Regeln: ohne Manager, Prokuristen und Aufsichtsräte, doch mit Erfolg. Aber Erfolg ist etwas sehr Relatives in Argentinien, kurz nach dem Staatsbankrott.

Sergio Veliz ist 30 Jahre alt, seit acht Jahren bei IMPA und seit einem Jahr im Arbeiterrat der Kooperative. Sein Platz ist an der hämmernden Aluminiumpresse, die im Sekundentakt den Arbeitsrhythmus bei IMPA vorgibt und deren Donnern noch bis auf die Straße zu hören ist. Täglich schaufelt er rund 25 000 kleine Aluminium-Münzen auf ein Tablett, sortiert die kaputten aus und schüttet den Rest in seine Maschine. Mit heftigem Schlag hämmert ein Bolzen auf die Münze, heraus kommt eine Tube. In zwei Schichten läuft die Maschine, rund 50 000 Tuben für Zahnpasta oder Medikamente schafft sie täglich.

Ein Vergnügen ist das nicht. Aber Veliz ist sein eigener Chef. "Anfangs war ich skeptisch gegenüber unserem Modell", brüllt er gegen seine Maschine an, " aber heute glaube ich, wir können es schaffen. Wir haben Material, Maschinen und eine gute Ausbildung." Einerseits. Andererseits sieht IMPA nicht aus wie ein florierendes Unternehmen. Eher schon wie ein Industriefriedhof. 22 000 Quadratmeter Fläche fasst die Fabrik auf fünf Stockwerken, etwa auf der Hälfte wird noch gearbeitet. Das Gebäude ist ein Labyrinth aus dunklen Gängen, Treppen, Rampen und verdreckten Innenhöfen. Die Alupresse von Veliz ist eine Rarität. Mit einem Lappen wischt er das Metalletikett frei. " Maschinenfabrik Herlan & Co. Karlsruhe", kommt dort zum Vorschein. Und noch etwas: "Type: ATR, Baujahr 1959." "Die hält gut durch", sagt Veliz.

Auch der Aluminiumofen scheint noch aus der Zeit der industriellen Revolution zu stammen - ein wahres Monster. 30 Tonnen Aluminium kann er schlucken, ist so groß wie ein Tanklaster und steht auf krummen Füßen. Hinter den verrosteten Wänden brodelt flüssiges Aluminium, das in Formen gegossen wird. Es ist unerträglich heiß, glühender Alustaub wirbelt durch die Luft, es stinkt nach geschmolzenem Metall und verbrannter Farbe. Niemand hier trägt Schutzkleidung oder eine Atemmaske, eine Lüftung gibt es nicht, viele Fenster klemmen. Arbeiter-Selbstverwaltung ist auch Arbeiter-Selbstausbeutung. Doch neues Aluminium zu kaufen wäre zu teuer. "Dann wären wir längst bankrott", sagt Veliz. Daher wird in dem Ofen alles eingeschmolzen, was nach Aluminium aussieht: Jogurtdeckel, Produktionsabfälle, die Druckplatten von Argentiniens größter Tageszeitung. Ein duales System mit Risiken: Alles, was dem Aluminium beigemischt wurde - Farben, Lacke, Bindemittel - verbrennt hier zu einem ätzenden Gemisch. Was aus dem kleinen Schornstein herauskommt, weiß niemand. Es hat auch noch nie jemand gefragt.

Giftige Dämpfe, uralte Maschinen, verdreckte Fabrikhallen - aber Veliz meint, er hatte Glück. " Die Wahrheit ist, ich bin sehr dankbar", sagt er. Er hat ein Lausbubenlächeln, trägt als Einziger Bermudas auf der Arbeit und die schwarze Baseballmütze einer brasilianischen Heavy-Metal-Band. Wäre IMPA nicht gerettet worden, wäre er heute arbeitslos.

Wirtschaftsrecht auf Argentinisch: Wer mit seiner Firma Konkurs geht, kann enteignet werden

Argentinien hat sich noch nicht von seiner turbulenten Wirtschafts- und Finanzkrise erholt, bei der im Jahr 2001 alles zusammenbrach. Die Regierung musste den zehn Jahre an den Dollar gekoppelten Peso abwerten und sich zahlungsunfähig melden; öffentliche Schulden in Höhe von mehr als 140 Milliarden Dollar werden derzeit nicht bedient. Im Zuge der wilden Januartage im vergangenen Jahr sind die Banken kollabiert. Dem Finanzsektor fehlt es an Liquidität, das Kreditgeschäft ist am Boden. Wer sich Geld leiht, muss Fantasiezinsen um die 60 Prozent zahlen. Doch ohne Kredit auch keine Produktion, als Folge brachen die Firmenpleiten im vergangenen Jahr alle Rekorde. Das Nationale Institut für Statistik und Volkszählung gibt die Arbeitslosigkeit inzwischen mit 20 Prozent an, hinzuzuzählen sind weitere 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung, die sich als Tagelöhner durchschlagen. Arbeitslos in Argentinien bedeutet einkommenslos. Eine Arbeitslosenversicherung existiert nicht. Firmenpleiten sind für die Arbeiter damit auch der private Ruin.

Auswege gibt es wenige. Bei IMPA wird ein solcher versucht. Aus der Not wurde eine Mode. Inzwischen übernehmen in ganz Argentinien Arbeiter ihre bankrotten Fabriken. Sie mischen Eiscreme, zersägen geschlachtete Rinder zu Steaks oder nähen Hemden. Mehr als 100 Unternehmen, so schätzt der Arbeitsrechtler Luis Alberto Caro, seien inzwischen in Arbeiterhand, rund 10 000 Arbeitsplätze dadurch gerettet worden.

Gründerhilfe leistet die argentinische Verfassung. Dort ist niedergeschrieben, dass ein Richter die bankrotten Besitzer eines Unternehmens enteignen kann, um betrügerischen Bankrott zu vermeiden. Denn nicht selten laufen gewiefte Unternehmer zum Konkursrichter, wenn sie ihre Firma nur schließen wollen. Sie entledigen sich damit geschickt ihrer Schulden, sparen sich Sozialplan und Abfindungen - selbst wenn sie in Wirklichkeit gar nicht pleite sind. Genau hier greift der Enteignungsparagraf: Da die Firma im Fall des Konkurses ohnehin schließen würde, kann der Firmenbesitzer enteignet werden. Voraussetzung: Die Arbeiter müssen beschließen, fortan ihre Firma weiterzuführen.

Viele tun das, weil es oft die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit ist. Und sehen in den erhabenen Büros der Chefetage etwas verloren aus. Eduardo Murúa hat bei IMPA das einstige Büro des Geschäftsführers bezogen, das Anfang der siebziger Jahre wohl zum letzten Mal renoviert wurde. Die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt, in den Zimmern stehen schwere Schreibtische und abgewetzte Ledersessel. Mit jedem Schlag der Alupresse einen Stock tiefer vibriert der Fußboden. Murúa hat nichts von einem Geschäftsführer: Sein weißes Wuschelhaar steht in alle Richtungen ab, sein Hemd hängt über der Hose, er raucht ununterbrochen, und im Aschenbecher klebt ein Kaugummi. Aber ohne Murúa würde es IMPA heute nicht mehr geben.

Als die undurchsichtige Besitzergesellschaft 1997 Pleite ging, besetzten die Arbeiter die Fabrik und forderten Abfindungen. Murúa wurde von der Gewerkschaft zur Fabrik geschickt, um den Arbeitskampf zu organisieren. Das war sein Job. Er war Gewerkschaftsprofi und wurde dafür bezahlt, dass Arbeiter demonstrieren, streiken oder Fabriken besetzen. Für Murúa war IMPA zunächst nur eine Fabrik mehr in seiner Streikliste. Aber nicht seine einfachste: Anderthalb Jahre hielten sie die Fabrik besetzt. Am 22. Mai 1998 hatten sie gewonnen. Per Gerichtsbeschluss wurde die Besitzergesellschaft enteignet, die Firma der Belegschaft zugesprochen. Allerdings auch die sechs Millionen Pesos Schulden.

Damit fing der eigentliche Kampf erst an, auf fremdem Terrain. Die Versorgungsbetriebe hatten den Strom, das Wasser und das Gas abgedreht, weil die Rechnungen in den Jahren zuvor nicht bezahlt wurden. Es gab kein Material für die Produktion. Es gab keine Kredite, keine Ingenieure und Buchhalter. Alles, was Murúa und die Arbeiter konnten, war Aluminiumplatten in Teller, Tuben und Tabletts zu verwandeln. "Alle haben uns gesagt: Vergesst es, es wird nie klappen", sagt Murúa. Also fingen sie an, aus Aluabfällen Alufolie herzustellen. Das war das Einfachste.

Und Murúa, der Gewerkschaftsmann, wurde zum Geschäftsmann. Mit über der Jeans hängendem Hemd, die Packung Marlboro in der Brusttasche, lief er bei den Lieferanten auf und wollte Material kaufen. Sie lachten ihn aus, als er 40 Prozent Rabatt herausschlagen wollte. Aber Murúa ist Gewerkschafter. Er kann verhandeln. Und überzeugen. Er hat gesagt: "Wollt ihr Geschäfte machen, die weniger rentabel sind, oder wollt ihr, dass wir auch Pleite gehen und euch dann gar nichts mehr abkaufen?" Er bekam die 40 Prozent.

Auch alte Kunden wurden zurückgewonnen, obwohl ihnen die Arbeiterkooperative anfangs suspekt war. Aber die Wirtschaftskrise Argentiniens kam IMPA beim Verkaufen sehr gelegen. Seit der argentinische Peso im vergangenen Jahr um rund 70 Prozent gegenüber dem Dollar nachgegeben hat, sind Importwaren unerschwinglich geworden, die Preise für nationale Produkte hingegen blieben stabil. Dadurch sind argentinische Aluteller günstiger als etwa die der spanischen Konkurrenz.

Strategiedebatte bei IMPA: Wollen wir als Arbeiter oder Unternehmer handeln?

Aus gebeutelten Arbeitern wurden Krisengewinner. Jetzt produziert IMPA Aluteller für Fluggesellschaften und Tiefkühlpizza, Alupapier für Sektflaschen und Schokoladenverpackungen, Spraydosen und Tuben in allen Größen. Im vergangenen Jahr setzte IMPA fünf Millionen Peso um (1,5 Millionen Euro), in diesem sollen es sieben Millionen Peso (zwei Millionen Euro) werden. Zu Beginn hatte IMPA 47 Arbeiter, heute sind es 147, und alle sind Miteigentümer. Zu Beginn haben sie 145 Euro im Monat verdient, heute sind es etwa 290. Und zwar pünktlich am Monatsende - keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem selbst die Stadtregierung von Buenos Aires ihre Angestellten vier Monate lang auf ihren Lohn warten lässt.

Es ist aber auch nicht selbstverständlich, dass es IMPA noch gibt. Bis zum Jahr 2001 kam die Arbeiterkooperative bei den Bilanzen immer null auf null raus. Gewinn? Fehlanzeige. Und noch immer lasten vier Millionen Peso Schulden (1,2 Millionen Euro) aus dem Konkurs der Firma auf den neuen Unternehmern. Immerhin soll das Gebäude 16 Millionen Peso wert sein. Aber bis die Firma schuldenfrei ist, sind kaum Investitionen möglich. Es darf keine Maschine kaputt und kein Auftrag verloren gehen, es müssen immer neue Kunden gewonnen werden. Und vor allem: Es dürfen im Arbeiterrat, dem Entscheidungsgremium, keine falschen Entscheidungen gefällt werden.

Bei der Sitzung des Arbeiterrates im ehemaligen Büro des Direktors sitzen die gewählten Arbeiterräte um Sergio Veliz in ihren ölverschmierten Uniformen am ovalen Konferenztisch, wo früher die Gesellschafter tagten. Durch die Milchglasscheiben dringt kaum Licht in den dunklen Raum, der Zigarettenrauch ist zu einem dichten Nebel geronnen. Es ist still, nur das dumpfe Hämmern der Alupresse hallt durch die Wände. Alle beugen sich über ein Blatt Papier, das Murúa ausgeteilt hat. Darin steht etwas von einer "arbeitszeitlichen Spezialperiode" - Kollektivsprech für Überstunden. Denn Murúa hat einen Auftrag an Land gezogen, der die Kräfte der Firma übersteigt. Zwei Millionen Alutuben in einem Monat hat er einem Kunden versprochen. "Das wäre eine Revolution", sagt er. Aber das ist mehr als Veliz' Alupresse schafft. Sie müsste die Nacht durchlaufen, aber dann "gehen uns die Nachbarn an die Eier", murrt Veliz. Die Maschine ist einfach zu laut. Murúa diktiert: "Die Nachbarn dürfen kein Problem sein." Zwar liegt IMPA mitten in einer Wohngegend im Viertel Almagro, aber wenn zwei Millionen Tuben verkauft werden können, kann auf die Nachbarn keine Rücksicht genommen werden. Es gilt die Konkursschuld abzustottern, da müssen alle Opfer bringen.

Doch trotz aller Überstunden - der Auftrag ist für IMPA zu groß. Für zwei Millionen Tuben braucht Veliz 16 neue Arbeiter an seiner Presse. Wie sollen sie eingestellt werden? Fest? Befristet? Eine Frage, bei der es um mehr geht als um Wirtschaftlichkeit. Es geht um Glaubwürdigkeit versus Vernunft. Hugo Sanagua, der stille Wartungschef, meldet sich zu Wort: nur befristete Verträge für die Neuen. Der Gewerkschafter Murúa will von solchen Arbeitgebermethoden nichts wissen. Und Veliz will gut ausgebildete Leute an der Maschine, die gibt es nicht auf Zeit. Sanagua aber fürchtet um die Stabilität von IMPA: "Heute haben wir Aufträge, was ist morgen? Wir haben das alles hier aufgebaut und verspielen es." Sanagua setzt sich durch. Die Mehrheit will den Neuen nur einen dreimonatigen Arbeitsvertrag geben - wie in einer normalen Firma, geführt von ganz normalen Unternehmern. Murúa hat keine Zigaretten mehr, er zündelt mit dem Alupapier der Schachtel.

Auf dem Gang bittet jetzt auch Veliz um eine Zigarette. Vier Stunden Sitzung haben ihn hibbelig gemacht. Er nährt Zweifel. IMPA steht auf wackeligen Beinen. Aber IMPA ist zum Erfolg verdammt, sie haben keine andere Wahl. Am Werkstor sagt Veliz noch: "Das hier ist da, um zu wachsen", und zeigt auf die Alupresse in der Halle, "nicht um wieder einzugehen." Es soll optimistisch klingen. Aber er sagt es, als wäre es eine Frage, für die er dringend eine Antwort braucht.

Buchtipp:
"Tango Argentino - Portrait eines Landes"
von brand eins Autor Ingo Malcher