Partner von
Partner von

Richtung, Geschichte und Bewegung

Wer ein Unternehmen führen will, der muss Menschen führen. Wer Menschen führen will, der muss sich selbst führen. Wer sich selbst führen will, muss wissen wo er hin will, dort hingehen und sich nicht umdrehen.




Ein Führer ist einer, der die anderen unendlich nötig hat.
Antoine de Saint-Exupéry

Liebe Sophie!

Du schreibst, das Seminar zu Führungs-Theorien sei nicht sehr lustig gewesen und du wüsstest danach immer noch nicht, wie das dann später funktionieren soll, wenn du erst CEO bist.

Gäbe es deinen Zweifel an der Brauchbarkeit der Theorien nicht, würde ich bezweifeln, dass du wirklich Boss werden solltest. Nein, lustig sind diese Modelle alle nicht. Gemeinsam ist ihnen dieselbe schattige Wurzel; moralisch akzeptabel ist Führung, wenn sie lustlos ist, bittere Pflicht, Einsamkeit und Opfergang. In einem MBA-Studium hörte ich dazu einen Experten, der den idealen Chef als eine Mischung aus Opferlamm, Gladiator und Allround-Genie beschrieb. (Russell Crowe auf dem Schafott mit Einstein-Schnurrbart.) Ein anderer meinte, zum Führer sei man geboren und zu lernen gäbe es da nichts außer von großen Vorbildern. (Mussolini als Chef einer Discount-Kette, Dschingis Khan als Gründer eines Strukturvertriebs, Margaret Thatcher als Chefin einer Gelddruckerei mit zugehöriger Armenspeisung.)

Humbug.

Führen meint in Bewegung setzen, fahren machen, die Richtung bestimmen, leiten, auch hüten. Und das bedeutet es immer noch.

Nur geht es eben weder darum, Herden zu hüten, noch darum, Pferden die Peitsche zu geben, sondern um Menschen in Unternehmen, heute, in unserer Gegenwart, mitten in unserem atemberaubenden Wandel. Nach all meinem Scheitern und Gelingen und dem, was ich bei anderen sah, kann ich dir einige Regeln gegen den Misserfolg beim Führen weitergeben und drei für deinen Erfolg.

Garantierte Bauchlandung als Boss

Scheitern wirst du, wenn du verführst, statt zu rühren. Ein Extrem ist der Befehl. Das funktioniert beim Militär und in Notsituationen. ("Alle in die Boote!", kommandierte der Kapitän, nachdem er die Titanic gegen den Eisberg steuerte.) Das andere Extrem ist die Einladung, die stärkste Macht, die allerdings voraussetzt, dass zu etwas eingeladen wird, das ich mir wünsche, das ich brauche, worauf ich Lust habe. (" Du aber folge mir nach ins Paradies!") Zwischen den Extremen versucht der Don Giovanni des Managements zu verrühren. ("Reich mir die Hand, mein Leben!") Daneben zählt der PR-Chef Leporello die Eroberungen mit. ("In Spanien 1003!") Erobern und Fallenlassen kannst du gerade jetzt oft beobachten. Erst fällt jemand in der Mitte, dann einer kurz vor der Spitze, schließlich der Verführer.

Scheitern wirst du, wenn du Führung spielst, statt Führung zu leben. Führungs-Darsteller sind wie Zauberlehrlinge; sie spielen nur den Meister - bis zur Katastrophe.

Scheitern wirst du, wenn du die Moden der Führung trägst, statt zu sein und zu führen, wie du bist, und so, wie du es kannst. Schau dir an, wie viele plötzlich im fashionablen Outfit des Shareholder Value auf den steilen Klippen der Kurse tanzten - direkt in den Abgrund.

Zeige zum Horizont

Ein schlecht geführtes Unternehmen dümpelt heute dahin, morgen dorthin. Privileg und Pflicht guter Führung ist, das Unternehmen auszurichten, ihm die eigene, bestmögliche Richtung zu geben: den eigenen Horizont.

Dort, wo der Horizont ist, werden die Ziele fokussiert. Dort sind die Chancen. Dort werden die Ergebnisse geerntet. Dorthin entwickelt sich das Unternehmen. Dorthin führt der eigene Weg. Dorthin sind alle unterwegs. Der Horizont ist nicht dort, wo alle hinrennen, magisch angezogen von Nachrichten über Megatrends, fixiert auf Prognosen, getrieben von Strategen, die Wahrscheinlichkeiten als Wahrheiten verstehen. Der Horizont entsteht nicht von selbst, er wird geschaffen. Wer ihn erschafft, führt: "Dort ist das Land, wo Milch und Honig fließen."

Erzähle den Weg

Sehr gute Führende appellieren nicht, schwadronieren nicht, vernebeln nicht - sie erzählen Geschichten.

Menschen brauchen Geschichten, um zu verstehen. Menschen lieben Geschichten, weil sie etwas von sich selbst darin finden. Menschen orientieren sich an Geschichten, weil die vom Weg erzählen. Menschen finden zusammen, weil Geschichten von Gemeinsamkeit handeln. Menschen lernen leicht aus dem, was erzählt wird, weil Geschichten Erfahrungen vermitteln. Menschen finden Sinn in menschlichen Geschichten. Menschen handeln so wie in Geschichten. Menschen verstehen die Welt in den Welten der Geschichten, die erzählt werden. Menschen werden taub durch die Fluten der Informationen und sofort hellhörig, wenn sie eine Geschichte hören. Menschen brauchen Geschichten als Humus für ihre Wirklichkeit, um die Gegenwart und sich selbst zu verstehen.

Ebenso Führende. Sie brauchen unbedingt Geschichten, um führen zu können.

Auch wenn du später als CEO eine solche Geschichte nur ganz kurz erzählst: Sag, wohin das Unternehmen unterwegs ist (Horizont), wie es dort sein wird (Gründe für diese Gegenwart im Morgen) und wie alle zusammen jetzt dorthin aufbrechen (Höhepunkt und Bewegung). "Dort ist das Land, wo Milch und Honig fließen. Das Land der Väter. Dorthin gehen wir und werden nicht länger Sklaven sein. Wir werden sicher sein unterwegs. Jetzt gehen wir los. Ich führe euch ins gelobte Land!"

Schaff Bewegung und geh voran

Moses führte hervorragend. Dass sich dann sogar das Meer vor ihm teilte, ist ein Wunder, das außerordentlichen Führenden häufig gelingt. Die großen Gründer und Staatsmänner gehören alle dazu.

Winston Churchill versprach Blut, Schweiß und Tränen. Und sie folgten ihm. Mahatma Gandhi stand vom Webrahmen auf, sprach leise vom Weg, ging los. Und sie folgten ihm. Henry Ford versprach jede Farbe für sein Modell T, solange es Schwarz sei. Und sie kauften. Max Grundig bastelte an einem Radio herum, versprach Kohle im Winter und genug Brot. Und sie kamen zu ihm und arbeiteten mit. Beate Uhse tingelte über die Dörfer und erzählte, dass Sexualität kein böses Schicksal sei. Und sie bestellten erst ein Informationspapierchen und später viel mehr. Helmut Maucher erzählte die Geschichte vom knapp werdenden Wasser, und sieh dir heute Nestlés Wasserimperium an.

Sie alle und tausende weniger bekannte Führende leisten dasselbe: Sie zeigen zum Horizont, erzählen die Geschichte und mobilisieren alle durch eine einfache Bewegung - sie gehen voran.

Führung ist vorn.

Vorn. Nicht auf der Spitze einer Pyramide. Nicht auf einem Feldherrenhügel. Nicht im Kästchen einer Matrix. Vom ist dort, wo der führende Mensch von allen gut zu sehen ist.

Dazu brauchst du Mut? Ja.
Dazu brauchst du Fantasie, Intelligenz und Energie? Ja.
Dazu brauchst du Selbstvertrauen? Ja, vertrauen musst du dir dann.

Dazu musst du clever sein? Nein, nur aufrichtig, aufgerichtet. Das ist viel einfacher, als bluffen, darstellen, verstellen, verkleiden, verstecken. Dann teilt sich kein Meer. Da ersäuft man in der nächsten Pfütze der Konjunktur.

Und die anderen, die du führst? Sie brauchen dich, wenn du rührst. Und du hast sie unendlich nötig. Ob sie dir folgen werden? Das weißt du dann, wenn du sie auf dem Weg neben dir findest. Ängstliche Führungs-Darsteller drehen sich um, wie Orpheus - und verlieren. Also drehe dich nie um.

Ich lächle dir zu.