Partner von
Partner von

Miteinander reden

In der industrialisierten Medienwelt ist das Interview zur Klischee-Maschine geworden. Das nervt und ist kontraproduktiv. Lasst die Leute doch einfach reden!




Der ehemalige Schlagzeuger Spike Jones leitete in den vierziger und fünfziger Jahren die bis heute bekannteste Comedy-Big-Band der Musikgeschichte, die City Slickers. Neben dem üblichen Instrumentarium verwandte die Gruppe für ihre abenteuerlichen Versionen damals großer Hits auch allerlei Geräuschemacher, Trillerpfeifen, Glocken oder Pistolen. "Und wenn Spike Jones und die City Slickers auf Tour waren, durften sich in jeder Stadt Musiker bewerben, um abends beim Auftritt mitzuspielen. Wer Tricks auf einem Instrument beherrschte, vielleicht selbst ein Musikinstrument gebaut hatte oder sonst irgendwas konnte, stellte sich nachmittags vor, und wenn er gut war, stand er abends mit den Stars auf der Bühne. Die haben in jedem Nest angehalten und immer irgendwen gefunden, weil es damals überall lokale Künstler gab. Wir wollten das auch mal machen, haben den Plan dann aber aufgegeben. Die Musiker sind heute nicht mehr so gut, die üben nicht mehr so viel, weil sie weniger Zeit haben, weil sie die ganze Zeit fernsehen. Und außerdem machen alle dasselbe, jede Band klingt wie irgendwer auf MTV."

Das erzählte mir vor ein paar Jahren John Linnel von They Might Be Giants, aber das war nicht wirklich das, worüber wir reden sollten - eigentlich sollte es um die damals neue CD der US-Band gehen. Das ist völlig normal, in fast jedem Interview im Kulturbereich geht es seit langem in erster Linie um das Bewerben von Produkten - die persönliche Begegnung von Journalist (1) und Künstler (2) dient zuerst der Verkaufsförderung. Am härtesten sind die Sitten in der Filmbranche: Fragesteller werden in Gruppen auf die Stars der zu bewerbenden Filme losgelassen, drei bis sieben Personen sitzen einem Darsteller für 20 Minuten gegenüber, und natürlich kommt in so einer Atmosphäre nie die Möglichkeit auf, ein echtes Gespräch zu führen oder sich auch nur nach etwas zu erkundigen, das nicht direkt mit dem vorgegebenen Thema zu tun hat. Falls sich aber doch mal ein vorlauter Fragesteller von dem geplanten Gesprächsverlauf entfernt, sitzt noch ein Aufpasser neben dem Tisch, oft der Agent des Schauspielers, der in solchen Fällen trocken erklärt: "We don't answer that."

In der Musikbranche ist die Kommunikation nicht ganz so industrialisiert, es geht schließlich um weniger Geld, aber der Raum für Spaß oder echten Gedankenaustausch ist auch dort begrenzt: Die Journalisten wechseln sich bei Interview-Marathons in der Regel alle halbe Stunde (3) ab, abends fliegen die Stars in die nächste Stadt, und am nächsten Morgen geht es an einem anderen Ort in einem anderen Hotel mit anderen Journalisten aber den gleichen Fragen weiter. Nicht alle nehmen das so leicht wie die US-Sängerin Suzanne Vega (4), die mir mal erzählte: "Ich bin dafür gemacht, in Hotelzimmern zu sitzen und vor Leuten mein Leben auszubreiten. Meine Interviewtour geht durch ganz Europa, ich habe 170 Interviews in 14 Tagen, und ich liebe es." Dann bekam sie einen Lachkrampf und rollte über das Sofa.

Die professionalisierte Promotion hat zur Folge, dass die Aussagen der Stars, einst ein begehrtes Gut, heute fast wertlos sind: Die Künstler sind zum Erstverkaufstag ihres Produkts sowieso in allen Kanälen, erzählen in jeder Fernsehsendung, Radioshow oder Zeitung dasselbe, und das meist auch noch in einer auf das jeweilige Medium zugeschnittenen, stilisierten Sprache (5). Das liegt zum Teil aber auch an den Medien: Wenn ein Künstler mal etwas Interessantes sagt, das nicht zum aktuellen Thema gehört, wird es gern weggeschnitten. Die Annahme, die Leser interessieren sich mehr für Klischees zum neuen Produkt ("Es war für mich ein ganz besonderes Projekt") als für eine Ode an ein obskures Werk aus den sechziger Jahren, das der Künstler wirklich liebt, trifft sich mit der nicht ganz falschen Vermutung, die Produktionsfirma, die auch ein Anzeigenkunde ist, sehe das genauso. Schade ist nur, dass dabei unendlich viel verloren geht. Denn Künstler, wie fast alle Menschen, haben viel mehr zu erzählen, als man von ihnen erwartet - wenn man ihnen dafür Raum lässt.

So wüsste ich bis heute nicht, dass sich Leute in den USA selbst operieren, wenn es mir nicht David Byrne, der ehemalige Chef der Band Talking Heads, erzählt hätte: "Da gibt es tatsächlich einen Club. Die üben erst, sich mit einem Skalpell oberflächlich zu schneiden, später gehen sie tief ins Fleisch. Das Fernziel ist eine Selbstoperation mit örtlicher Betäubung." Ich würde auch nicht den Trick von Tourveranstaltern kennen, die eine mit einem Hit bekannt gewordene Band in kurzer Zeit in möglichst vielen Städten auftreten lassen wollen, den mir mal der Rapper Mangu erzählte: "Es gibt dann neben der echten Band noch eine Zweitbesetzung mit Leuten, die so ähnlich aussehen und in kleineren Städten der USA spielen. Ich war mal in so einer Gruppe. Wir waren Doppelgänger eines für kurze Zeit berühmten Dancefloor-Acts. Ich war nicht engagiert worden, weil ich singen und tanzen kann, sondern weil ich exakt aussah wie einer der echten Sänger." Das ist doch interessant, oder?

Ich habe so ein Glück gehabt. Ich durfte all diese Leute treffen, ich bin so froh über die vielen kleinen Episoden. Heute mache ich das nur noch selten, und so freue ich mich, dass es jetzt "Alert" gibt, ein Magazin, in dem Interviews zehn Seiten und länger sind und in dem Menschen in Ruhe und in ihrem eigenen Stil ihre Geschichten erzählen können. Im aktuellen Heft gibt es unter anderem interessante Interviews mit Harry Belafonte, Feridun Zaimoglu, HR Giger und Karlheinz Böhm.

Doch am besten gefällt mir das Gespräch mit Holger Czukay, einem der Gründer der deutschen Gruppe Can. Er redet über seine Zeit als Musikstudent bei Karlheinz Stockhausen und wie er Anfang der sechziger Jahre in der Berliner Exklave Steinstücken lebte, einem winzigen Flecken auf DDR-Gebiet, das man nur über einen von Stacheldraht gesäumten Fußweg erreichte. Czukay erzählt, wie er mit einem befreundeten Volkspolizisten auf dem Todesstreifen war, wie er eine Kalaschnikow halten durfte und wie er den Vopos Nylonstrümpfe (6) mitbrachte. Das sind natürlich Geschichten, die keiner braucht. Aber sie sind fern von Klischees und damit viel interessanter als die üblichen Standardinterviews. Außerdem erinnern sie nachdrücklich daran, dass Künstler echte Menschen sind wie du und ich. Und vielleicht wird es auf lange Sicht sogar einige Platten verkaufen. Ich jedenfalls denke, ich sollte mal wieder Can hören.